Baut nicht unser ganzes Leben auf der Kulturtechnik von Lesen und Schreiben auf?

Nur noch Analphabeten

Die Welt von morgen braucht keine Menschen mehr, die lesen oder schreiben können. Das Ende der Schriftkultur hat längst begonnen.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (F.A.S.), von Markus Günther

Dr. Markus Günther, geboren 1965 in Bottrop, machte am Heinrich-Heine Gymnasium 1986 sein Abitur, studierte Geschichte und Politikwissenschaften, bevor er für verschiedene Zeitungen tätig war. Er ist Autor der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und lebt in Washington, D.C. Für seinen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienenen Text „Nur noch Analphabeten“ erhielt er 2015 den Dietrich Oppenberg-Medienpreis der Stiftung Lesen. [Dieser Text wurde in den Gemeinsamen Abituraufgabenpool der Länder im Jahr 2017 für das Fach Deutsch aufgenommen. Aus: Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB)].

Über die Zukunft von Buch und Zeitung wird seit Jahr und Tag debattiert. Nur eine simple Frage wird erstaunlicherweise nie gestellt: Kann der Mensch der Zukunft überhaupt noch lesen? Die Antwort lautet: nein. Nicht das Papier wird überflüssig, sondern die alphabetisierte Gesellschaft schlechthin. Die Welt von morgen wird kaum noch Menschen brauchen, die lesen und schreiben können. Bei dieser Prognose kann man sich auf Widerspruch verlassen. Baut nicht unsere Arbeitswelt, ja, unser ganzes Leben auf der Kulturtechnik von Lesen und Schreiben auf? Wie sollten Lesen und Schreiben bedroht sein, wenn doch beides in den Schulen gelehrt wird?

Die Einwände klingen überzeugend, sind aber kurzsichtig. Die revolutionäre Veränderung nimmt gerade erst richtig Fahrt auf. Die entfesselten Kräfte der vernetzten und audiovisuell organisierten Welt lassen keinen Stein auf dem anderen. Die fast vollständige Alphabetisierung der Gesellschaft war ein kurzlebiges Phänomen – auch wenn das heute noch so schwer vorstellbar ist wie anno 1900 eine Welt, in der Autos die Pferdekutsche überflüssig machen. Dass das Ende der Schriftkultur so schwer vorstellbar ist, liegt daran, dass die geschriebene Sprache allgegenwärtig ist. Nie zuvor ist – dank Smartphone, E-Mail und SMS – so viel geschrieben worden. Keine Arbeit, keine Ausbildung, kein Leben als Mensch unter Menschen kommt ohne Schriftkultur aus. Doch bei genauerem Hinsehen hat die Erosion schon begonnen. Wer heute einen Einkaufszettel, eine E-Mail oder Textnachricht „schreiben“ will, kann das auch mündlich tun. Die Programme, die jedes Smartphone bietet, nehmen Diktate ganz passabel auf. Und es versteht sich von selbst, dass der Empfänger die Nachrichten nicht lesen muss. Er kann eine Taste drücken und sie sich von einer sehr sympathischen Stimme, wahlweise Mann oder Frau, vorlesen lassen. Das alles funktioniert noch nicht reibungslos, das stimmt. Noch ist das schnelle Tippen einfacher. Es ist eben eine Technologie in den Kinderschuhen. Doch sie wird bald erwachsen sein. Dann kann die exzessive Alltagskommunikation zuverlässig durch Sprechen und Hören erledigt werden.

Aber kann, was im Privatleben funktionieren mag, auch in der Arbeitswelt klappen?
Es klappt schon jetzt. An vielen Stellen, an denen früher eine Gebrauchsanweisung in Bibelumfang studiert werden musste, ersetzt heute ein Kurzvideo die Erklärungen. Und das Video führt zu besseren Ergebnissen, wie man nicht nur in der Flugzeugindustrie festgestellt hat, wo die Wartung und Reparatur für die Mechaniker immer häufiger audiovisuell auf mobilen Bildschirmen dargestellt wird.

Auch in vielen anderen Branchen ist die audiovisuelle Kommunikation auf dem Vormarsch. Dabei muss man nicht nur an die praktischen Tätigkeiten im produzierenden Gewerbe oder im Dienstleistungssektor denken. Piktogramme, Blink- und Piepsignale zeigen dem Pommes-frites-Brater im Schnellrestaurant genau, was er zu tun hat.

Aber auch ein guter 90-Minuten-Lehrfilm über die Bauchspeicheldrüse trägt mehr zur medizinischen Ausbildung bei als ein dreitägiges Studium des entsprechenden Lehrbuches. Audiovisuelle und interaktive Didaktik sind der Textlektüre in vielen Bereichen überlegen. Auch das wird die Schriftkultur weiter zurückdrängen.

Die Veränderungen lassen sich schon jetzt beobachten. Dass Google die größte Suchmaschine der Welt ist, weiß jedes Kind. Weniger bekannt ist, dass Youtube die zweitgrößte ist. Komisch, oder? Suchen die alle Musikvideos? Mitnichten. Auf Youtube finden sich Antworten auf alle möglichen Fragen, von der Hämorrhoidenbehandlung bis zur Schlauchbootreparatur. Der Segelkurs, die Vorzüge der neuen Waschmaschine, die Mailänder Sommermode, archäologische Funde, Erste Hilfe – Youtube hat alles. Und lesen können muss hier niemand, weder Buchstaben noch Noten. Wer einen Song auf dem Klavier nachklimpern will, findet auf Youtube ein „Tutorial“, das ohne Noten auskommt. Klappt prima. Und den Suchbegriff kann man einsprechen.

Dennoch ist es nicht allein, ja nicht einmal in erster Linie die neue Technologie, die das Lesen und Schreiben bedroht. Es ist eine Wechselwirkung aus neuen Möglichkeiten und alten Triebkräften, aus Effizienzsteigerungen und Wettbewerbsdruck.

Der Kapitalismus ist eine Kraft, die auf maximale Wertschöpfung abzielt. Sie fördert jede Produktivitätssteigerung und bekämpft jedes Wachstums- und Handelshemmnis. Die größten Hemmnisse sind unterschiedliche politische und rechtliche Systeme, sodann Währungs- und Sprachunterschiede sowie die Unter- und Überqualifizierung der Arbeiter und Konsumenten. Man muss weder Marxist noch Volkswirt sein, um zu verstehen, dass der Kapitalismus an gebildeten Menschen kein Interesse haben kann. Er bemisst die Qualifikation der Menschen funktional und nicht kulturell. Eliten braucht es natürlich, Juristen zum Beispiel, denn auch in Zukunft werden Rechtsetzung und Rechtsprechung jede wirtschaftliche Tätigkeit regeln. Aber das heißt nicht, dass alle Welt in der Lage sein muss, zu lesen und zu schreiben. Im Gegenteil, allein die Abschaffung der Handschrift, die ja schon gut vorankommt, verspricht einen erheblichen Produktivitätsschub. Und ein globaler audiovisueller Markt, in dem durch Sprechen, Sehen und Hören die Frequenz jeder Interaktion gesteigert werden kann und Sprachunterschiede nur noch ein Problem der Übersetzungssoftware sind – das wäre Gold wert.

Es ist kein Zufall, dass in den Vereinigten Staaten von Amerika nie dieselbe Alphabetisierungsquote erreicht worden ist wie etwa in Deutschland. Dabei muss man nicht einmal an die wüsten Schätzungen von 21 Prozent „funktionalen Analphabeten“ in Amerika glauben. Auch die alphabetisierte Bevölkerung ist nicht so gebildet wie in Deutschland. Die Eliten sind in Amerika bestens ausgebildet, oft besser als hierzulande.

Aber der einfache Arbeiter, vor allem in Dienstleistungsberufen, ist schon heute eher schlecht als recht alphabetisiert. Wo in Deutschland Menschen über Jahre zu Floristen ausgebildet werden, zur Berufsschule gehen, eine kaufmännische Grundausbildung erhalten und Prüfungen in Pflanzenkunde absolvieren, dauert die Einweisung in den Vereinigten Staaten drei Minuten: Das da sind die Rosen, die laufen immer am besten. Den Preis kann man einscannen. Bei Problemen den Chef rufen. Mehr Bildung braucht es nicht.

Der Schritt in eine Welt, in der es hochqualifizierte Eliten und eine mangelhaft qualifizierte Masse gibt, ist ein Schritt in die Zukunft, aber auch in die Vergangenheit. Die flächendeckende Alphabetisierung ist, historisch betrachtet, erst einen Wimpernschlag alt.

In Deutschland überschritt die Alphabetisierungsquote in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die 90-Prozent-Marke. Doch in Frankreich lag sie noch vor 100 Jahren bei 87 Prozent, in Italien bei 62 Prozent, in Spanien bei 50 Prozent, in Portugal bei 25 Prozent.
Noch heute liegt die Quote in Bangladesch bei nur 47 Prozent – die Produktion unserer Textilien läuft dort dennoch wie am Schnürchen. Unsere Schriftsprachen sind zwar Jahrtausende alt, doch von den letzten 150 Jahren abgesehen, waren sie immer nur einer kleinen Oberschicht zugänglich.

Dass die allgemeine Lesefähigkeit wieder zurückgehen könnte, ist schon lange vermutet worden.
Vor 50 Jahren rief Marshall McLuhan in seinem Buch „Die Gutenberg-Galaxis“ das Ende der Schriftkultur aus. Dabei ahnte er noch nicht, dass es einmal Internet und Smartphones geben würde. Doch er dachte in die richtige Richtung: Mit der Erfindung der drahtlosen Telegrafie 1894 sah er den Weg zurück in die Mündlichkeit vorgezeichnet. Auch Jürgen Habermas warf vor Jahrzehnten die Frage auf, ob wir wieder zu einer „oralen Gesellschaft“ werden, schließlich war die Schriftkultur nur ein Werkzeug der Kommunikation. Anders ließ sich ja kein Wort speichern oder über Zeit und Raum transportieren.

All diesen Prognosen wurde energisch widersprochen. Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz schrieb 1993 in Erwiderung auf McLuhan, dass „die alten Kulturtechniken des Lesens und Schreibens“ auch in ferner Zukunft „keineswegs überflüssig“ würden. Heute teilt er allerdings skeptisch, fast zynisch mit: „Die Welt ist in (wenige) Programmierer und (allzu viele) Programmierte zerfallen. Die Programmierer können noch lesen und schreiben, wenn auch nur Quellcode. Die Analphabeten sitzen in meinen Seminaren.“ Bolz und andere, die fassungslos vor dem Verfall der Schriftkultur stehen und schier unlesbare Seminararbeiten vor Augen haben, denken aber eher an einen radikalen Niveauverlust als an eine echte Entalphabetisierung.

Das liegt daran, dass die Schulpflicht die Alphabetisierung garantiert. Doch vermutlich wähnen sich Bolz und andere in falscher Sicherheit. Saul B. Robinson hat 1967 in einer bahnbrechenden Studie gezeigt, wie schnell veränderte Erziehungsziele auch die Curricula verändern. Wird nicht bald schon die Frage auftauchen, ob die Lehrpläne in der digitalen Welt noch zeitgemäß sind? In manchen Schulen haben „Smartboards“ mit fenstergroßen Touchscreens schon die Tafel ersetzt.

Demnächst wird jemand die Frage stellen, ob es nicht sinnvoller wäre, wenn Kinder sofort mit der Tastatur schreiben lernen. [1] Oder sollten die Abc-Schützen von morgen nicht noch besser lernen, wie man Bildschirmsymbole liest und audiovisuellen Anweisungen folgt, wie man mit den Fingern auf einem Bildschirm möglichst schnell bestimmte Aufgaben löst? Der Kanon aus Lesen, Schreiben, Rechnen ist nicht für alle Zeit in Stein gemeißelt. [2]

Wenn aber weder die Bedürfnisse der Wirtschaft noch das Schulsystem die Alphabetisierung garantieren, fällt der Blick auf den einzelnen Menschen: Wollen wir nicht im eigenen Interesse weiterhin lesen und schreiben? Wird es nicht auch in Zukunft das Bedürfnis nach seriösem Journalismus, einem guten Buch, niveauvoller literarischer Unterhaltung geben?

Das klingt alles gut, aber wer genau hinsieht, merkt, dass das Ende dieser Schriftkultur längst begonnen hat. Die Fähigkeit, einen passablen Brief zu schreiben, ist selbst unter Akademikern selten geworden. Und die Frage „Welches Buch lesen Sie gerade?“ garantiert heute auf jeder Party knallrote Köpfe. Viele haben es verlernt, umfangreiche Texte zu lesen. Ihnen fehlt die innere Ruhe, die Geduld, die Übung.

Dass ersatzweise aber im Internet umso mehr gelesen wird, ist ein Gerücht, das vorzugsweise von Journalisten verbreitet wird. Und es stimmt auch: Gute Texte, vor allem Meinungsbeiträge, werden gelesen – von einer kleinen Minderheit. Die Masse liest im Internet nur Überschriften und Kurzinformationen. Im Netz gefragt sind Suchmaschinen, Pornographie, Unterhaltung, E-Shopping und Service-Infos wie Wetter, Fahrpläne et cetera. Wer bei den Zeitungshäusern hinter die Kulissen blickt, weiß, was gut geklickt wird: Bildergalerien und Kurzvideos. Auch die angeblich seriösen Nachrichtenportale machen solche Erfahrungen. Am 20. Februar 2014, als die Krim-Krise gerade eskalierte, war auf Spiegel Online der meistgeklickte Artikel die Fotostrecke „Grimassen beim Eiskunstlauf. Au Backe!“.

Es lohnt sich, genau zu beobachten, wie die Zeitungen sich verändern. Amazon-Gründer und Internet-Guru Jeff Bezos zum Beispiel krempelt gerade die „Washington Post“ um, die er sich zum Spaß gekauft hat. Nach sechsmonatiger Analyse hat er die Schwachstelle der Zeitung entdeckt: Es müssen mehr Videos her. Folgerichtig investiert er Millionen in Filmtechnik.

Texte sind in Zukunft ein vertiefendes Angebot für eine Minderheit. Unterhaltung, offene oder verdeckte Werbung und grafisch aufbereitete Kurzinformationen dominieren.
Manche sogenannte Nachrichtenportale haben schon heute mit Nachrichten so viel zu tun wie ein Newsletter von Tchibo.

Mit anderen Worten: Wer meint, eine aufgeklärte Gesellschaft werde sich nicht für dumm
verkaufen lassen und die mühsam errungene Lesefähigkeit nicht aufs Spiel setzen, könnte sich täuschen. Dass die Menschen mit Leib und Seele an der Schriftkultur hängen, dass sie Literatur und Journalismus zum Leben brauchen und sich einer schleichenden Enteignung ihrer Lesefähigkeit widersetzen werden, ist vorerst nicht erkennbar. Die manipulativen Kräfte der Märkte und der Monopole haben die Menschen der Gegenwart gut im Griff.

Ray Bradbury hat in „Fahrenheit 451“ eine Horrorwelt vorausgesehen, in der Bücher verboten sind. Da er sich 1953 als Trägermedium nur Papier vorstellen konnte, bekämpfen bei ihm die Herrscher, die Angst vor denkenden Bürgern haben, jedes Buch und jede Zeitung mit dem Einsatz von Flammenwerfern. Vor 60 Jahren war das schön schaurig, aber so unrealistisch wie eine Reise in der Zeitmaschine. Heute kommen wir der Welt Bradburys, in der die Masse dumm gehalten, zur reinen Funktionalität erzogen und zugleich mit Unterhaltung fortwährend betäubt wird, bedrohlich nahe.

[1] Finnland stellte es seinen Grundschulen ab dem Herbst 2016 frei, ob sie die Schreibschrift noch lehren möchten. Die Entscheidung darüber liegt beim persönlichen Wollen jeder einzelnen Lehrkraft. Die Kinder sollen mehr tippen, weil das fließende Tippen auf der Tastatur grundständig gelernt werden soll – quasi als nationale Zukunftskompetenz im digitalen Zeitalter.

[2] Der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann konstatiert zur Tatsache, dass grundlegende Kulturtechniken nicht mehr beherrscht werden: „Volkskrankheit Analphabetismus“! Er sieht darin „den Skandal der modernen Zivilisation schlechthin“. Schreiben nach Gehör sowie das Ansinnen, Texte immer weiter zu vereinfachen, um die Lesefähigkeit zu verbessern oder auch die Vereinfachung der Schrift zählen für ihn zu hochproblematischen Methoden und Strategien (LIESSMANN 2014, Geisterstunde – Praxis der Unbildung). (…) Die Tatsache, dass der Erwerb von Kulturtechniken nicht jedem leicht fällt, kann daher nicht als Grund herhalten, „das Betrachten von Bildern zu einem Akt des Lesens und das Ankreuzen von Wahlmöglichkeiten zu einem Akt des Schreibens hochzustilisieren“. „Wenn etwas schwerfällt, bieten die Didaktiker Erleichterungen an. Doch wo alle Schwierigkeiten umgangen werden, herrscht eine Praxis der Unbildung“ (LIESSMANN 2014). Damit auch weiterhin in und mit Sprache gedacht, argumentiert, artikuliert oder abgewogen und fein nuanciert wird, solle lieber alles Erdenkliche unternommen werden, damit auch jene mit Schwierigkeiten wirklich Schreiben und Lesen lernen.

Anmerkungen in rechteckiger Klammer […] durch Schulforum-Berlin.

zum Artikel:  Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (F.A.S.), 25.05.2014, Markus Günther, Nur noch Analphabeten