Archiv der Kategorie: Bildungspolitik

Schul-Digital-Pakt: Bildungs-Stiftungen planen den „Systemwechsel“

Bildungsstiftungen: Ihr Geschäft ist die Digitalisierung

Die Konzerne, die hinter ihnen stehen, leben von Bildungsmedien und Internetanschlüssen. Statt wie bisher in Modellschulen wollen die Stiftungen bei der Digitalisierung bundesweit tätig werden. Es geht um ein Milliarden Geschäft.

Tagesspiegel, 16.09.2019, Christian Füller

Konferenzen über digitale Bildung gibt es spätestens mit der Verabschiedung des Digitalpakts Schule zuhauf. Das „Forum Bildung Digitalisierung“ in Berlin hat sich dabei zur Leitkonferenz entwickelt. Die Jahrestreffen des Forums mit seinen 38 Mitgliedsschulen waren bisher Veranstaltungen, bei denen die digitalen Vorreiter unter den deutschen Lehranstalten im Mittelpunkt standen. „Aus der Praxis für die Praxis“, heißt das Leitmotiv des Forums, das von acht Stiftungen finanziert wird.

Die jüngste Zusammenkunft wies nun einen anderen Charakter auf:

Die Stiftungen scheinen die Geduld mit den Schulen zu verlieren. „Es reicht nicht, wenn sich einzelne Schulen oder Fächer auf den Weg machen“, sagte der Vorstand des Forums, Nils Weichert. „Wir brauchen systemische Veränderungen.“

Damit war der Ton der Konferenz im Café Moskau Ende vergangener Woche gesetzt, die mit 700 Teilnehmern die bisher größte war. Freilich ragten diesmal nicht so sehr die Leuchtturmschulen und ihre Ideen für die Umsetzung des Digitalpakts heraus, sondern die starken Worte der Stiftungsleute. „Wir sind mit 38 Schulen gestartet“, sagte Jörg Dräger von der Bertelsmann-Stiftung, „aber es gibt 40 000 Schulen in Deutschland. Wir müssen schnell in die Breite kommen!“ Auch sein Kollege Olaf Köster-Ehling von der Montag-Stiftung machte Druck: „Wir brauchen dringend einen Strukturwandel im deutschen Bildungssystem.“ Da der Digitalpakt von Bund und Ländern gerade ins Laufen kommt – im August haben 16 Zwickauer Schulen erstes Bundesgeld bekommen –, wollte ein ARD-Journalist wissen, was das denn bedeute: Strukturwandel?

„Systemische Veränderung in der Schulpraxis“

Zur allgemeinen Überraschung sagten nun alle versammelten Philanthropen etwas anderes. Der Vorstand des Forums Weichert verstand darunter einen Wandel hin zu „zeitgemäßer Bildung“ – in der Szene ein Codewort für digitale Bildung. Sein Kollege von der Montag-Stiftung wollte mehr Inklusion von Kindern mit und ohne Behinderungen – und eine größere Selbständigkeit der Schulen. Erstaunen rief der Vorstand der Bertelsmann-Stiftung hervor. Jörg Dräger verriet, dass die Stiftungen am Rande der Konferenz einen Konsens über einen grundlegenden Umbau der Schulen erzielt hätten. „Aber den veröffentlichen wir nicht gleich.“ Auf gut Deutsch hieß das: Wir wissen schon, wie wir das Schulsystem verändern wollen – aber wir verraten es noch nicht.

Zum ersten Mal war bei der Konferenz die Vodafone-Stiftung dabei. Die Stiftung des Telekom-Riesen gehört nicht zum Forum, trat aber als Sponsor auf. Die Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Inger Paus, stellte wie berichtet die Ergebnisse einer Studie vor, in der sie weltweit die Meinungen der Bürger zu digitaler Bildung erhoben hat. Deutschland liege weit hinter anderen Staaten, insbesondere China, stellte Paus zerknirscht fest. Das stimmt, wenn man auf die Ergebnisse der Umfrage blickt:

70 Prozent der Deutschen sind dagegen, dass Lernfortschritte von Kindern „digital erfasst und von Algorithmen ausgewertet werden“. Acht von zehn Befragten finden es falsch, „wenn Lehrer durch Roboter unterstützt werden“. Sogar 90 Prozent der Bundesbürger lehnen es ab, dass Schüler weniger in die Schule gehen, „sondern in Fernunterstützung der Lehrer online lernen“. Mehr Ablehnung geht kaum. Zustimmung erntete allein der Frontalunterricht: Die Hälfte der Deutschen ist dafür, dass Lehrer ihre Schüler weiter vom Pult aus unterrichten – analog.

Aus der beinahe schroffen Ablehnung digitaler Bildung mithilfe von Algorithmen und Robotern zog die Vodafone-Stiftung nun einen rätselhaften Schluss: „Die Datenpunkte machen die Notwendigkeit von systemischen Veränderungen in der Schulpraxis deutlich.“ Stiftungschefin Paus mahnte ein höheres Tempo bei der Digitalisierung der Schulen an. Aber: „Wenn wir schneller skalieren wollen“, komme es oft zu Verzögerungen. Skalieren ist ein ökonomischer Terminus, er bedeutet: einzelne Modellprojekte auf möglichst viele Schulen auszudehnen.

Es geht darum „einen Markt zu entwickeln“

In einer Diskussionsrunde erklärte Paus später genauer, welche Rolle das „wir“ spielt: „Was tun die Stiftungen, die Zivilgesellschaft?“, fragte Paus.

„Wir investieren im Prinzip darin, Prototypen, Piloten zu entwickeln, um zu gucken, wie funktioniert es und dadurch auch einen Markt zu entwickeln, um das mal mit der Logik der Telekommunikationsbranche zu erklären.“

Vielleicht versteht man das Gebaren der Stiftungen noch besser, wenn man sich genauer ansieht, wer hinter den Akteuren des jüngsten Treffens des „Forum Bildung Digitalisierung“ steht. Es sind eine Reihe von Stiftungen dabei, die in engem Zusammenhang mit Technologie-Unternehmen stehen. Die Robert Bosch- und die Bertelsmann-Stiftung sind Eigentümer milliardenschwerer Technik- und Medienmarken. Die Robert Bosch GmbH trat als Sponsor einer Programmierplatine auf, die an allen deutschen Grundschulen verteilt werden soll.

Der weltweit agierende Bertelsmann-Konzern hat eine eigene Sparte Bildung (Bertelsmann Education Group) gegründet, die mit der Digitalisierung eine Milliarde Euro Umsatz erzielen soll.

Die Konzerne Telekom und Vodafone dürften wohl die direktesten Nutznießer einer Digitalisierung der Schulen sein. Der Großteil der fünf Milliarden Euro, die mit dem Digitalpakt investiert werden, ist dafür vorgesehen, deutsche Schulen ans schnelle Internet anzuschließen – das ist das Geschäftsfeld von Telekom und Vodafone.

Grau unterlegte Einschübe durch Schulforum-Berlin.

zum Artikel: Tagesspiegel, 16.09.2019, Christian Füller, Ihr Geschäft ist die Digitalisierung

Siehe auch: Schulen im Dienste der Konzerne, https://bildungsradar.de/2019/01/07/im-dienste-der-konzerne/

Siehe auch:  Risiken und Chancen des Einsatzes digitaler Medien in der Schule

Position zur Berliner Schulpolitik

Es muss etwas geschehen….

Tagesspiegel, 09.09.2019, von Martin Dorr, Dr. Thomas Gey, Dr. Eva-Maria Kabisch, Annaliese Kirchberg, Christine Sauerbaum-Thieme, Thomas Thieme, Brigitte Thies-Böttcher, Rolf Völzke, Rainer Werner

Zur offensichtlichen Schulmisere in Berlin ist in diesen Tagen und Wochen bereits viel Richtiges gesagt und öffentlich diskutiert worden. Da wollen auch wir als Experten aus der Praxis nicht schweigen. Wir sind engagierte Schulleitungen, Senatsbeamte, Lehrerbildner und Lehrkräfte, Quereinsteiger und andere Profis aus dem Bildungsbereich, pensioniert oder/und noch aktiv, die sich seit dem Frühjahr 2019 getreu dem Motto von Heinrich Böll zusammengefunden haben, um konkrete Vorschläge zur Verbesserung zu erarbeiten und in den Diskurs mit der Öffentlichkeit und der Senatsverwaltung einzubringen. Uns eint – trotz unterschiedlicher Positionen im Einzelnen – die Sorge, ja Fassungslosigkeit über den desaströsen Zustand der Berliner Schule und damit über das Versagen der Bildungspolitik über Jahre hinweg mit vorhersehbaren fatalen Ergebnissen. Die lange Liste der Versäumnisse, der falschen Entscheidungen und aktionistischen Ablenkungsmanöver hat jetzt ein Ausmaß erreicht, das wir als erfahrene Schulexperten, die seit langem vielfach auf die sich abzeichnenden Probleme hingewiesen haben, einfach nicht mehr hinnehmen können. Wir haben unsere Verantwortung nicht mit dem Ruhestand oder an der Schultür abgegeben – sie bleibt.

Grundsätzliches

Angesichts der neu begründeten „Task-Force“ mit Olaf Köller befürchten wir weitere endlose Debatten in den mit den bekannten Personen besetzten Runden, nicht immer mit echter Schulerfahrung, dafür mit ideologischen Scheuklappen. Diese Einschätzung entspringt einer langen leidvollen Erfahrung. Stattdessen erscheint uns ein kluger, realitätsnaher Stufenplan kurzfristig, mittelfristig und langfristig umsetzbarer Maßnahmen dringend notwendig. Ein überzeugender Zeitplan mit klaren Zielsetzungen, bei dem die Umsetzung regelmäßig überprüft und ggf. nachjustiert wird, auch und gerade unter Einbeziehung von Praktikern, ist geboten. Dazu gehören selbstverständlich objektive Kriterien und der Verzicht auf Schönrednerei.

Im Fokus müssen wieder die Schülerinnen und Schüler und die Lehrkräfte stehen, nicht zuerst ein ideologisch fixierter Glaube an bestimmte pädagogische Rezepte, die Befriedigung von Interessenvertretungen, die Sorge um den politischen Machterhalt oder gar um den eigenen Posten.

Der Schwerpunkt muss angesichts von Abbrecherquoten und Verfehlung der Mindeststandards auf den Klassenstufen 1-10 liegen. Hier wird das Fundament für den Erfolg jedweder künftigen Ausbildung gelegt. Dabei sollten mit einer entsprechenden Konzeption die wichtigen Scharnierstellen in einer Schülerlaufbahn intensiver in den Blick genommen werden: Die Übergänge von der Kita zur Grundschule, von der Grundschule zur weiterführenden Schule sowie in die gymnasiale Oberstufe bzw. die duale Ausbildung. Der Übergang vom Abitur in den Studienbeginn und die duale Ausbildung insgesamt sollten einbezogen werden und mehr Beachtung finden im Austausch mit den „Abnehmern“ – Universitäten und Fachhochschulen sowie ausbildende Unternehmen.

Als Folge davon sollte der Ressortzuschnitt in der Bildungsverwaltung neu überdacht werden: Angesichts der Situation gehören Schule, Wissenschaft und berufliche Bildung in ein Ressort.

Inhaltliche Schwerpunkte müssen daher neben dem Schulbau und der Schulsanierung vor allem Unterrichtsqualität, Lehrpersonal und Lehrerbildung sowie Verwaltungshandeln/Schulinspektion sein.

An die Stelle des derzeit vorherrschenden reinen Quantitäts- und Quotendenkens und des trickreichen Umgangs mit Statistiken muss eine ehrliche und überprüfbare, vor allem inhaltliche Qualitätsverbesserung treten. Es geht nicht darum, dass „irgendwie“ von „irgendwem“ unterrichtet wird, sondern um guten, professionellen, nachhaltigen Unterricht.

Wie wäre es außerdem mit einer parallelen Initiative z.B. durch eine Serie in den Medien, die Berliner Schulstandorte und -konzepte als Best-Practice-Beispiele in den Blick nimmt, die trotz der großen Schwierigkeiten erfolgreich gute, lösungs- und leistungsorientierte Arbeit leisten, kreativ und zukunftsweisend?

Was getan werden muss…

Die nachfolgend genannten Aspekte haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, schienen in unserer Runde aber vordringlich.

Einiges zur Unterrichtsqualität

Wir fordern, die Qualität des Unterrichts im Kontext von Lehrer- und Verwaltungshandeln/ Schulinspektion grundlegend zu verbessern. Und zwar:

Die Wiedereinführung der Vorschule für alle Schülerinnen und Schüler ist dringlich geboten. Dabei geht es zum einen um den möglichst angeglichenen Sprachstand in der Unterrichtssprache Deutsch beim Übergang in die Grundschule, zusätzlich um das Eingewöhnen an und Einüben von wichtigen Verhaltensweisen, Ritualen und Arbeitsformen. Hier könnten z.B. auch Quereinsteiger durchaus sinnvoll eingesetzt werden und erste Praxiserfahrungen vor dem eigentlichen Unterrichten sammeln (in Frankreich hat Präsident Macron die Erweiterung der école maternelle ab dem Schuljahr 2019/20 verpflichtend gemacht).

Die gegenwärtige Überbewertung unterschiedlichster Methoden, mehrfachen hektischen Methodenwechsels innerhalb einer Unterrichtsstunde – je nach tagesaktuellem Mainstream – in der Lehrerbildung geradezu gefordert und oft ohne wirklichen Bezug zum Unterrichtsthema/Objekt oder zur Situation der Lerngruppe – wirkt im Hinblick auf die notwendige Übung in Konzentration, der Möglichkeit von Festigung und Wiederholung des Gelernten sowie Ergebnissicherung und Überprüfung kontraproduktiv. Die Lerninhalte müssen wieder Vorrang vor dem methodischen Schaulaufen haben. Schüler müssen am Ende einer Unterrichtsstunde wissen, worum es gegangen ist und was sie neu gelernt haben. Nichts gegen kluge methodische Varianten, aber dazu gehört dann auch ein guter instruktiver Frontalunterricht, der häufig mehr leistet und gerade für die Schülerinnen und Schüler, die es schwerer haben, wichtig ist. Entsprechende Studienergebnisse (siehe Hattie- Studie) liegen vor.

Regelmäßige benotete Leistungsüberprüfungen ab Kl. 3 sind notwendig, um gegenüber Schülerinnen/Schülern wie Eltern den erforderlichen Leistungsanspruch deutlich zu machen und vor allem frühzeitig gezielt fördern zu können.

Bis einschließlich Kl. 10 ist die konsequente Vermittlung und Sicherung von Sprachbeherrschung mündlich wie schriftlich in allen Fächern vordringlich wie auch sichere mathematisch-naturwissenschaftliche Grundlagen und historisch-politisches Grundwissen – also ein für jeden Einzelnen verfügbares solides Wissensfundament mit Methoden- und Argumentationsbausteinen im Sinne einer gemeinsamen kulturellen Basis. Die aktuell groß herausgestellte sogenannte „Qualitätsoffensive“ mit dem Hinweis z.B. auf regelmäßige Lese- und Schreibübungen benennt lediglich Selbstverständlichkeiten eines professionellen Unterrichts und ist eigentlich ein Offenbarungseid hinsichtlich der langjährigen Vernachlässigung erfolgreicher schulischer Chancenvermittlung.

Gerade mit Blick auf die Heterogenität der Schülergruppen ist darüber hinaus die konsequente Sicherung einer angemessen ruhigen, strukturierten Unterrichtsatmosphäre unverzichtbar. Dabei kommt dem Rückhalt durch Schulleitung und Kollegium entsprechende Bedeutung zu, auch bei notwendigen Sanktionen. Die ruhige Lernsituation ist besonders für schwächere und zurückhaltende Kinder und Jugendliche entscheidend. Hier genau können sich dann auch soziales Lernen und Teamfähigkeit beweisen und bewähren.

Einiges zum Lehrpersonal

Lehrkräfte gehören in den Unterricht und sind nicht zuerst Moderatoren oder Sozialarbeiter. Sie müssen die Möglichkeit bekommen, sich auf ihre eigentliche Profession auch tatsächlich konzentrieren zu können. Ihnen gebührt Unterstützung, Respekt und Anerkennung. Daran fehlt es an vielen Stellen. Dazu gehört der Rückhalt im Kollegium, durch Schulleitung, Schulaufsicht und Eltern, wenn es um Beleidigungen, ungebührliches Verhalten o.Ä. geht.

Der Einsatz von Quereinsteigern im eigenverantwortlichen Unterricht sollte – auch zu ihrem eigenen Schutz – erst nach 6-monatiger angeleiteter Praxis erfolgen. Bei der Auswahl im Vorfeld muss die Eignung Vorrang vor der Quantität haben. Der aktuelle Senatsbeschluss zu den Quereinsteigern sieht wiederum nur kurzfristige Maßnahmen in den Ferien und weiterhin ausschließlich berufsbegleitendes „learning by doing“ vor – das reicht nicht!

Die Ausbildung der Referendare sollte wieder durch Seminarleiter sichergestellt werden, die für die jeweilige Schulart auch ausgebildet sind und die Fakultas besitzen. Entsprechendes gilt für den Vorsitz in den Zweiten Staatsprüfungen.

Inklusion gelingt nur bei Vorhandensein ausgebildeter Sonderpädagoginnen und -pädagogen. Hier verbieten sich Notlösungen wie die derzeit gelegentlich praktizierte, dass sogar Quereinsteiger ohne jede Vorbereitung und Unterrichtserfahrung vor diese Aufgabe gestellt werden. Dann stehen alle Bemühungen um Inklusion nur auf dem Papier.

Beim binnendifferenzierten Unterricht herrscht vielfach Unsicherheit darüber, welche Folgen die Differenzierung für die Benotung hat. Hier bedarf es verbindlicher Festlegungen, um die Anforderungen an Notengebung ansatzweise zu erfüllen und die Benotung vor allem im Sinne der „Chancengleichheit“ transparent und vergleichbar zu machen.

Eine deutliche Erhöhung der Studienplätze für das Lehramt ist unverzüglich anzustreben. Dringend notwendig sind auch konkretere fachlich-inhaltliche Vorgaben in der Lehrerbildung.

Vor allem die Rückkehr zur Verbeamtung ist entscheidend! Berlin als einziges Bundesland, das nicht verbeamtet, steht sonst in einem aussichtslosen Konkurrenzkampf bei der Werbung um Lehrkräfte, belegt u.a. durch die starke Abwanderung nach Brandenburg.

Einiges zu Verwaltungshandeln/Schulinspektion

Grundsätzlich muss die Kommunikation der Verwaltung mit den Adressaten Schulen, Lehrkräften, Eltern, Schülerinnen/Schülern verbessert werden, also regelmäßig, zuverlässig, qualifiziert und auf Augenhöhe.

Die Kriterien der Schulinspektion für „guten Unterricht“ sind zu überarbeiten. Diese orientieren sich derzeit zu sehr an äußeren – nicht selten ideologischen – und zu wenig an nachprüfbaren inhaltlich-fachlichen Aspekten. Ebenso sollten die Verfahrensweisen überdacht werden. Auch hier gilt:
Evaluieren können nur diejenigen, die Ausbildung und Erfahrung in der jeweiligen Schulart mitbringen.

Eine Konkretisierung der Rahmenlehrpläne ist überfällig. Die derzeitige Inhaltsleere führt dazu, dass Standards nicht mehr verlässlich erreicht werden und dass die Planung von Unterrichtsinhalten vor allem für Quer- und Seiteneinsteiger, denen die schulische Erfahrung fehlt, aber letztlich für alle Lehrkräfte erschwert wird. Warum nicht als verlässliche und vergleichbare Basis wieder eine gewisse konkrete Kanonbildung mit Bandbreite mit fachwissenschaftlich und methodisch-didaktisch sinnvollen Beispielangeboten festlegen? Dies würde zudem – abgesehen von einer Erhöhung der Vergleichbarkeit – die Lehrkräfte entlasten, weil sie nicht jedes Jahr zu Schuljahresbeginn schulinterne Curricula erstellen müssten.

Im Übrigen sind wir der Meinung, dass die Berliner Schule, wenn jetzt konsequent mit höchster Priorität seitens der Landesregierung umgesteuert wird, noch zu retten ist – das haben alle, die hier lehren, lernen , leisten verdient. Lassen Sie uns die Berliner Schule verbessern – kompetent und professionell, leistungsorientiert und zugewandt und mit einer offenen, positiven, fröhlichen Perspektive!

Zum Artikel:  https://www.tagesspiegel.de/berlin/position-zur-berliner-schulpolitik-in-sorge-ueber-die-desastroesen-zustaende/24992038.html

Dieser Beitrag erscheint mit freundlicher Genehmigung der Autoren auf Schulforum-Berlin.

Verheerendes Zeugnis für die Berliner Bildungspolitik

Repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa

Berliner Zeitung, 02.09.2019, Annika Leister

Die Berliner stellen der Bildungspolitik des rot-rot-grünen Senats und besonders der SPD in einer aktuellen Umfrage ein verheerendes Zeugnis aus. Mit 63 Prozent ist eine Mehrheit der Befragten dafür, dass Sandra Scheeres (SPD) als Bildungssenatorin abgelöst werden sollte. Das ergibt eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Berliner Zeitung. Vom 20. bis 29. August wurden dafür 1.003 Berliner zum Thema Bildung befragt. Bemerkenswert: Das negative Urteil der Berliner fällt bei den meisten Fragen einhellig aus – das Alter der Befragten oder die parteipolitische Orientierung fallen dabei kaum ins Gewicht.

Eine Negativ-Meldung folgt für die Bildungssenatorin seit Monaten auf die nächste:

Beim Bildungsmonitor 2019 landete Berlin mal wieder auf dem letzten Platz. Bei Vergleichstests erfüllten viele Berliner Schüler nicht einmal die Grundvoraussetzungen. Die Quote der Jugendlichen, die die Schule ohne Abschluss abbrechen, ist auf einen neuen Höchststand geklettert. Ebenso die Quote von Lehrern, die ohne pädagogische Ausbildung an Berliner Schulen unterrichten. Und für das übernächste Schuljahr fehlen Berlin zurzeit Tausende von Schulplätzen. [siehe dazu: http://schulforum-berlin.de/die-bildungspolitik-in-der-hauptstadt-gefaehrdet-den-sozialen-frieden/, http://schulforum-berlin.de/vera-3-berliner-drittklaessler-koennen-viel-zu-wenig/]

Bildung in Berlin: 83 Prozent glauben, dass Berliner Schulen schlechter abschneiden als Schulen anderer Bundesländer

Besonders kritisch sehen [die Berliner] die Qualität der Lehre:

83 Prozent glauben, dass Berliner Schulen hinsichtlich der Qualität schlechter abschneiden als Schulen in anderen Bundesländern. 44 Prozent sind sogar der Meinung, dass ein in Berlin erworbener Schulabschluss weniger wert ist als ein Abschluss aus einem anderen Bundesland. Immerhin: 46 Prozent sehen das auch anders.

Dabei ist Bildung zumindest haushaltspolitisch ein Schwerpunkt des rot-rot-grünen Senats. In das Ressort fließt das meiste Geld. Allein mit der Schulbauoffensive sollen bis Ende 2026 5,5 Milliarden Euro in die dringend nötige Sanierung und den Neubau von Berliner Schulen gehen. Jeweils 100 Millionen Euro extra wurden im Doppelhaushalt 2020/21, der gerade diskutiert wird, für ein Schnellbauprogramm für Schulen eingestellt. Trotzdem droht Berlin, schon am Erfüllen der Grundbedarfe zu scheitern:

Zurzeit fehlen zum übernächsten Schuljahr nach zwei unterschiedlichen Prognosen [!] der Schulverwaltung Räume für 9.500 oder sogar 24.000 Kinder.

Die Rekordsummen, die der Senat in Bildung steckt, reichen nach Ansicht der überwiegenden Mehrheit der Berliner nicht aus.

73 Prozent sind der Meinung, dass der Senat insgesamt zu wenig in Bildung investiert. 20 Prozent glauben hingegen, der Senat investiere zwar genug, setze aber die falschen Schwerpunkte. Dass die rot-rot-grüne Regierung genug und auch richtig investiert, finden nur zwei Prozent der Befragten.

Berliner Bildungspolitik: Zwei von drei neu angestellten Lehrern hatten kein abgeschlossenes Lehramtsstudium

Nach wie vor kritisch sehen die Berliner auch die hohe Rate an Quer- und Seiteneinsteigern, die an Berliner Schulen unterrichten. Der Senat will mit ihnen dem Lehrermangel beikommen, der bundesweit hoch ist. Zwei von drei Lehrern, die zu diesem Schuljahr in der Hauptstadt neu eingestellt wurden, hatten kein abgeschlossenes Lehramtsstudium.

60 Prozent der befragten Berliner glauben, dass die Unterrichtsqualität unter dem hohen Anteil von Quereinsteigern leidet. 37 Prozent sind nicht dieser Meinung. Ganz ähnlich fielen die Zahlen auf diese Frage bereits in einer Umfrage der Berliner Zeitung im Sommer 2018 aus. Immer wieder diskutiert werden Maßnahmen, um mehr vollausgebildete Lehrer nach Berlin zu locken und hier zu halten – darunter auch eine Rückkehr zur Verbeamtung von Lehrkräften. Berlin ist zurzeit das einzige Bundesland, das seine Lehrer nicht zu Beamten macht.

Gegen Lehrermangel in Berlin: Nur sechs Prozent glauben, dass die aktuellen Maßnahmen ausreichen

85 Prozent der Befragten sind in der Forsa-Umfrage der Berliner Zeitung der Meinung, dass das Land deutlich mehr tun müsste, um den Lehrermangel zu beheben. Nur sechs Prozent glauben, dass die aktuellen Bemühungen ausreichen.

Eine deutliche Mehrheit wünscht sich mit Blick auf die Situation an Berliner Schulen Personalkonsequenzen im rot-rot-grünen Senat.

63 Prozent der Berliner sprechen sich für die Ablösung von Sandra Scheeres als Bildungssenatorin aus, 31 Prozent dagegen. Bei Anhängern der Oppositionsparteien ist der Wunsch, Scheeres aus dem Amt zu haben, besonders hoch (FDP: 72 Prozent, CDU: 82 Prozent, AfD: 88 Prozent). Doch auch Wähler der Grünen sind mit 58 Prozent deutlich für einen Rücktritt der SPD-Senatorin, die seit acht Jahren im Amt ist. Und die Anhänger von Scheeres’ eigener Partei sind in der Frage gespalten: 49 Prozent der SPD-Anhänger wünschen sich jemand anderen auf dem Posten. 46 Prozent wollen, dass Scheeres bleibt.

Berliner Schulpolitik: 46 Prozent trauen keiner Partei in der Stadt die nötigen Kompetenzen zu

Wer aber sollte danach kommen? Welcher Partei trauen die Berliner überhaupt zu, dass sie die seit langem anhaltende Bildungskrise in den Griff bekommt? Da sehen viele Berliner schwarz:

46 Prozent trauen keiner Partei in der Stadt die nötigen Kompetenzen in der Schulpolitik zu. Ähnlich viele halten die Grünen (13 Prozent), die Linke oder die CDU (jeweils 12 Prozent) für kompetent, die Herausforderungen zu meistern.

Gemeinsam mit der FDP (sieben Prozent) schneidet die SPD bei dieser Frage am schlechtesten ab:

Nur acht Prozent der Befragten glauben, dass die Sozialdemokraten, die seit 23 Jahren ohne Unterbrechung den Bildungssenator stellen, den Problemen noch gewachsen sind.

zum Artikel: Berliner Zeitung, 02.09.2019, Annika Leister, Forsa-Umfrage: Berliner glauben, dass der Senat nicht genug in Bildung investiert

Grau unterlegte Einschübe, [Anmerkungen] und Hervorhebungen im Fettdruck durch Schulforum-Berlin.

Scheeres in der Bildungsdebatte am 15.08.2019 im Abgeordnetenhaus:
„Die Eltern müssen sich keine Sorgen machen“.

Wahrscheinlich gibt es kaum ein anderes Thema, das für die meisten Bürger so wichtig ist [wie die Schulpolitik] und bei dem sie so unmittelbar aus eigener Erfahrung schöpfen können. Schließlich ist jeder einmal zur Schule gegangen, und die meisten Menschen werden früher oder später Eltern von Schulkindern und bleiben es viele Jahre lang. Sie können täglich in der Familie beobachten, wie sich in der Öffentlichkeit propagierte Schulsysteme und pädagogische Konzepte auf die Leistungsfähigkeit und das Verhalten der eigenen Kinder auswirken. Unter solchen Bedingungen bleibt der Einfluss der Massenmedien auf die Meinungsbildung geringer als bei anderen gesellschaftspolitischen Fragen. Aus: FAZ, 21.08.2019, Parallelwelt Schulpolitik, Thomas Petersen, Institut für Demoskopie Allensbach

Ideologische Schieflage bei der Rechtschreib-Debatte

„Kinder werden systematisch in die Irre geführt“

Kölner Stadt-Anzeiger, 13.7.2019, Karlheinz Wagner und Michael Hesse im Gespräch mit Prof. Una Röhr-Sendlmeier.

Es spricht für die Brisanz des Themas, wenn sich an einem lauen Frühsommerabend 150 oder mehr Menschen – Pädagogen, Gewerkschafter, Eltern – zu einem Vortrag in die Aula des Irmgardis Gymnasiums von Köln-Bayenthal hocken. „Schraim nach Gehöa“ hatten Prof. Una Röhr-Sendlmeier von der Uni Bonn und ihr Doktorand Tobias Kuhl den Abend orthografisch angemessen keck benannt, denn um „Wege und Irrwege im Rechtschreibunterricht“ sollte es ja gehen. Die Wissenschaftler stellten ihre Studie vor; sie hatten untersucht, nach welchen Methoden und mit welchem Erfolg Grundschüler in NRW Schreiben und Lesen lernen. Die Ergebnisse – die Mehrzahl der Kinder lernt Orthografie nicht oder nicht hinreichend gut – hatten die Zuhörer geahnt; dennoch herrschte am Ende im Auditorium eine Form von zorniger Ratlosigkeit: Warum werden Schüler nach Methoden unterrichtet, die im Ergebnis nicht funktionieren?

Frau Röhr-Sendlmeier, eine Frage zum Beginn der Ferien: Was wird sich im nächsten Schuljahr ändern – immerhin hat die NRW-Landesregierung eine Neuausrichtung zum Thema Rechtschreib-Unterricht angeordnet?

Wenn – wie die Ministerin sagt – Fehler von Anfang an korrigiert werden sollen, wenn die Kinder einen verbindlichen Mindestwortschatz erwerben und wenn die Regeln der Schriftsprache vermittelt werden sollen – dann sind das drei wichtige Säulen, die man nur begrüßen kann. Wenn aber gesagt wird, dass der Ansatz „Lesen durch Schreiben“ weiterhin im Anfangsunterricht möglich sein soll, dann ist Vorsicht geboten. Bei systematischem Unterricht kann man Anlauttabellen als Zusatzmaterial anbieten. Man darf die Kinder aber nicht in dem Glauben lassen, sie könnten sich die Rechtschreibung über die Anlauttabelle selbst erschließen. Und es muss freundlich korrigiert werden von Personen, die die Orthografie beherrschen, damit sich die Kinder nichts Falsches einprägen.

Wollen Sie die unterschiedlichen Methoden noch einmal skizzieren?

Wir haben drei didaktische Ansätze untersucht.

1. Fibel-Unterricht: Dabei spielen die Lehrer als Wissensvermittler eine zentrale Rolle, es wird geübt und das Geschriebene korrigiert. Der Unterricht ist strukturiert nach den Prinzipien der Schriftsprache – es geht vom Einfachen zum Schwierigen; vom Häufigen zum Seltenen.

2. Rechtschreib-Werkstatt: Es gibt Arbeitsblätter und Kärtchen für Abschreibübungen, die die Kinder selbst auswählen. Der Lehrer hat eine beratende Rolle, er korrigiert nicht; die Kinder sollen sich selbst korrigieren und mit dem Material selber das Schreiben beibringen. Gelernt wird unter anderem mit der Anlaut-Tabelle.

3. Lesen durch Schreiben (oder: Schreiben nach Gehör): Der Lehrer gibt Anregungen zum Schreiben mit Hilfe der Anlauttabelle. Es soll motiviert, nicht korrigiert werden; die Kinder legen Stoff und Lerntempo selbst fest – sie managen ihren Orthografie-Unterricht selbst.

Zu diesem Themenbereich haben Sie eine Studie veranlasst. Was war der Grund?

Die Rektorin einer Grundschule aus NRW ist auf mich zugekommen mit der Beobachtung, dass ihre Schüler am Ende des 4. Schuljahres nicht korrekt schreiben können. Und sie fragte, welche Didaktik sie an ihrer Schule einsetzen solle. Ohne eine breitangelegte und methodisch sauber durchgeführte Studie konnte ich keine Antwort geben.

Wie sind Sie vorgegangen? 

Begonnen haben wir in der Schule, deren Rektorin mich damals angesprochen hatte. Es sind dann elf weitere Schulen hinzugekommen – insgesamt haben wir über drei Jahre hinweg bei denselben 284 Schülern von Schulbeginn an die Entwicklung der Rechtschreibung nach einem gesicherten Verfahren gemessen: nach der Einschulung und dann jedes schulische Halbjahr – insgesamt also fünfmal. Das ist eine sogenannte Längsschnittstudie. Zusätzlich haben wir von 2800 Kindern der Klassen eins bis vier jeweils zum Ende der Schulhalbjahre die Rechtschreibkenntnisse erfasst.

Wie waren die Ergebnisse?

In beiden Teilstudien waren die Ergebnisse der Kinder mit Fibel-Unterricht signifikant besser als bei den Kindern, die nach Lesen durch Schreiben oder Rechtschreibwerkstatt gelernt hatten. In der Längsschnittstudie konnten wir auch die Vorkenntnisse der Schüler erfassen – denn es ist wichtig, ob Kinder zum Beispiel schon Buchstaben kennen. Diese Vorkenntnisse wurden in der Auswertung berücksichtigt und nur die Lernzuwächse der Schüler verglichen. Das Ergebnis: 1. Kinder, die strukturiert nach einer Fibel lernen, erreichen in ihren Rechtschreibleistungen mindestens ein durchschnittliches bis überdurchschnittliches Niveau; nur wenige Kinder lernen nicht gut schreiben, aber auch das auf einem relativ moderaten Niveau. 2. Kinder, die nach einer der freien Methoden lernen, erreichen vielfach nicht ein mittleres Niveau, sondern schreiben unterdurchschnittlich. Es gibt allerdings auch bei den freien Methoden Kinder, die gute und sehr gute Leistungen zeigen.

Woran liegt das?

Man kann fragen, ob das auch an der Unterstützung liegt, die diese Schüler vom Elternhaus erfahren. Die Kinder, die Schulen mit der „Lesen durch Schreiben“-Methode besuchten, hatten signifikant höhere Vorkenntnisse. Dies ist ein Hinweis auf bildungsnähere Familien. Recht neu ist zudem das Phänomen, dass Schüler in großer Zahl in Nachhilfe-Institute gehen, um die Orthografie zu lernen, damit Rechtschreibdefizite, die durch die freien Methoden entstehen, ausgeglichen werden.

Hat Sie das Ergebnis überrascht?

Nun, das Lernen mit Anlaut-Tabellen suggeriert, man könne sich mit einer solchen Abbildung sämtliche Realisierungen von Wörtern erschließen. Dabei enthalten die Tabellen viel zu starke Vereinfachungen. Der Buchstabe E ist etwa illustriert mit einem Esel – da entspricht der Laut tatsächlich dem Namen des Buchstabens. Aber es ist auch eine Ente abgebildet, und das E von Ente ist ein anderer Laut als das E des Esels. Oder: Für das I wird ein Igel gezeigt. Das lange I wird aber in 72 Prozent der Fälle mit „ie“ geschrieben. Die Kinder werden systematisch in die Irre geführt. Man soll dadurch, dass man viel schreibt, lesen lernen. Das ist Unsinn, denn die Prozesse sind lernpsychologisch sehr verschieden. Es wird den Kindern gesagt: Schreib, wie du sprichst. Und weil kein Kind genau weiß, wie es spricht, wurde das abgewandelt: Schreib auf, was du hörst. Die Kinder sollen die Laute, die sie beim Vorsprechen hören, in der Anlauttabelle suchen und die entsprechenden Buchstaben aufschreiben.

Aber Deutsch wird eigentlich nicht geschrieben, wie man es spricht…

Es gibt nur relativ wenige Eins-zu-eins-Entsprechungen zwischen Lauten und Buchstaben. Wir haben Buchstaben, die unterschiedlichen Lauten zugeordnet werden – wie bei Ente und Esel – und wir haben Laute, die verschiedenen Buchstaben zugeordnet sind. Ein gutes Beispiel ist der Laut K, den wir in folgenden Schreibweisen finden: Krokodil, Computer, Qualle, Stück, Fuchs, Weg, Akku, macchiato… Es ist einfach falsch, wenn man den Kindern suggeriert: Ihr könnt euch die Schriftsprache durch Hören und richtiges Sprechen selbst erschließen.

In Ihrem Vortrag haben Sie erläutert, dass sich eine Alphabetschrift nicht von alleine entwickelt; Schriftsprache sei eine kulturelle Errungenschaft, nicht Ergebnis eines biologischen Prozesses… 

Das gilt für die Schriftsprache, ja. Die mündliche Sprachfähigkeit ist uns angeboren und biologisch verankert – Kinder können schon vor der Geburt die sprachlichen Laute ihrer natürlichen Umgebung unterscheiden von anderen Geräuschen – bald nach der Geburt versucht das Kind, die sprachlichen Laute seiner Umgebung zu imitieren. Aber die Schriftsprache ist ein ganz anderer Fall; sie ist eine besondere kulturelle Errungenschaft; es gibt viele Kulturen, die gar keine Schrift entwickelt haben, oder Bilderschriften, die keine Hinweise auf die Lautung enthalten. Die Idee, die enorme Abstraktionsleistung, Einzellaute mit Symbolen in Beziehung zu setzen, ist gar nicht sehr alt; erste Zeugnisse deuten auf eine Entstehung etwa 2000 v. Chr. hin; sie entstanden zunächst parallel zu den ägyptischen Hieroglyphen.

Wie konnten sich diese freien Didaktik-Modelle denn gegen den strukturierten Unterricht so flächendeckend durchsetzen?

Nun, der Zugang über eine Anlaut-Tabelle wurde als neue Idee in den 80er Jahren propagiert – von dem Schweizer Jürgen Reichen. Er wollte alles Bürgerliche abschaffen und eine völlig freie Entfaltung auch für Kinder verwirklichen. Systematische Vermittlung von Strukturen und Korrekturen – das sei nicht gut, befand er. Wörtlich: „Je weniger ein Kind belehrt wird, umso mehr lernt es.“ Das war eine ideologische Vorgabe, die in den damaligen Zeitgeist passte.

Wie Reichen dachte, mag auch folgender Ausspruch illustrieren: „Dieser gesamte Rechtschreibwahnsinn führt doch zu nichts anderem, als die Schule mit Quark zu beschäftigen. Dadurch halten wir die Kinder davon ab, wirklich denken zu lernen und uns mit der Welt und dem Leben auseinanderzusetzen“. Auch er hing der Ideologie an, dass Rechtschreibregeln einzig und allein als Herrschaftsinstrument anzusehen seien. „Varat“-Fahren – Rechtschreibung in der Grundschule, von Heike Schmoll, Sendung: SWR 2, Aula, Sonntag, 28.08.2016, Redaktion: Ralf Caspary

Wenn Sie den gesellschaftlichen Zeitgeist ansprechen – ist die Debatte auch eine politische Auseinandersetzung zwischen einer eher konservativen Auffassung – die Fibel ist ja ein klassisches Bildungswerkzeug – und einer eher linken Methodik?

Ich bin Wissenschaftlerin und möchte Fragen objektiv beantworten. Die nüchterne Frage nach einer hilfreichen Didaktik ist zu einer ideologischen Debatte auf gesellschaftlicher Ebene geworden, leider. Es wird dabei ausgeblendet, dass der moderne Fibel-Unterricht nur wenig zu tun hat mit den traditionellen Fibeln, wo es häufig um langweilige Dinge ging und es keine Differenzierungsmöglichkeiten gab zwischen denen, die etwas langsamer lernen, und denen, die schneller vorankommen. Die Debatte selbst beinhaltet somit eine Schieflage. Es sollte ausschließlich um das Wohl der Kinder gehen und nicht um politische Glaubenssätze.

Wie geht die Politik mit Ihren Erkenntnissen um?

NRW hat ja offensichtlich reagiert… Als wir die Ergebnisse hatten – vor etwa einem Jahr – haben wir sie auf einer Tagung in Dortmund vorgestellt und sie Frau Ministerin Gebauer in Kurzform regelrecht in die Hand gedrückt. In der Folge gab es weitere Fachkonferenzen, und es gab Presseberichte. Danach erreichte uns die Aufforderung, dass man sich im Ministerium doch mal treffen solle. Herr Kuhl hat die Studie vorgestellt, ich habe den Hintergrund dargelegt – es wurde sehr engagiert diskutiert. Eine Woche später hat die Ministerin die veränderten Vorgaben ausgegeben: Mindestwortschatz, Korrekturen und Einführung in die Struktur der deutschen Orthografie.

Gab es weitere Reaktionen?

Wir haben viele Einladungen erhalten, unsere Studie vorzustellen. Und in Brandenburg, Schleswig-Holstein und zwei Schweizer Kantonen darf Lesen durch Schreiben künftig nicht mehr als eigene Didaktik verwendet werden. In Hamburg und Baden-Württemberg gibt es schon länger solche Verbote. Insgesamt haben wir durchaus Gehör gefunden bei der Politik.

Jedoch der Berliner Tagesspiegel vom 31.05.2018, hat folgende Überschrift: Scheeres will „Schreiben nach Gehör“ beibehalten. Für ihr Festhalten an „Schreiben nach Gehör“ nimmt die Bildungssenatorin Prof. i. R. Dr. Jörg Ramseger zu Hilfe. Er schreibt im Geleit des Fachbriefes: „Viele der [im Fachbrief Grundschule Nr.11, Mai 2018] ausgeführten Beispiele und Erläuterungen möchte man auch der Presse und manchen ängstlichen Eltern ans Herz legen, die, aufgescheucht durch manche dramatisch präsentierte Schulleistungsstudie, den Untergang des Abendlandes befürchten, wenn ein Kind auf der ersten Stufe eigener Schreibversuche in Skelettschreibung „Hnt“ statt „Hund“ schreibt, und auch noch befürchten, das arme Kind würde sich diese Fehlschreibung für immer einprägen, wenn sie nicht sofort wegradiert würde. Alles Unsinn, wenn man sich etwas in der Materie auskennt!“ [Berliner Schülerinnen und Schüler sind in den letzten Jahren bei den Schulleistungsstudien (Lesen, Schreiben, Rechnen) kontinuierlich auf den letzten Plätzen.]
Der Vorstand des Grundschulverbandes, darunter die Professoren Jörg Ramseger, Erika Brinkmann und Hans Brügelmann, wehrt sich gegen „populäre Vorurteile“ gegen die Grundschulen – und eine darauf bauende reaktionäre Bildungspolitik. Von „fragwürdigem Dilettantismus und Schaufensterpolitik“ ist in der soeben erschienenen Broschüre „Faktencheck“ die Rede.

Geht es hier „ausschließlich um das Wohl der Kinder“ oder „um politische Glaubenssätze“?

Die Zahl der Einladungen und Anfragen nimmt nicht ab – die Unzufriedenheit ist offenbar groß mit dem Lese-Rechtschreib-Unterricht unserer Kinder.

Der Deutschlehrer, Rainer Werner, schreibt in der Tageszeitung Die Welt am 28.08.2019, dass beim Erlernen der Orthografie durch „Schreiben nach Gehör“ viel Schaden angerichtet wird. Die Schüler werden verwirrt, „weil sie nach zwei Jahren anarchischen Schreibens plötzlich gezwungen waren, sich an die Rechtschreibregeln zu halten. Rechtschreibung ist eine Schlüsselqualifikation für das Lernen in allen Fächern und zudem eine wichtige Denkschulung. Die Schüler einer fragwürdigen Lernmethode auszuliefern, war ein pädagogischer Sündenfall.“ Website des Autors

Agi Schründer-Lenzen, Professorin für Allgemeine Grundschulpädagogik und -didaktik an der Universität Potsdam: Wenn also nach der „Lesen durch Schreiben“-Methode [umgangssprachlich „Schreiben nach Gehör“] mit der Anlauttabelle unterrichtet wird, „dann ist es so, dass die Kinder einen Weg in die Schriftsprache gewiesen bekommen, der grundsätzlich einseitig und auch fehlerhaft ist. Man sollte ihnen vom ersten Tag an das anbieten, was richtig ist“. Damit scheint sie dem 8-jährigen Jan aus der Seele zu sprechen. „Also ich würde sagen, dass man schon anfängt, die Fehler zu korrigieren in der Ersten, weil sonst hat man sich da dran gewöhnt zum Beispiel Blatt hinten nur mit einem t zu schreiben. Da kommt auf einmal jemand in der Zwei und sagt, das ist falsch, und das ist falsch. Da kriegt man irgendwie so ein ganz trauriges Gefühl.“ Aus: Deutschlandfunk, 28.08.2014, Aus Kultur- und Sozialwissenschaften, Streit um die richtige Methode.

Grau unterlegte Einschübe, [Anmerkungen] und Hervorhebungen im Fettdruck durch Schulforum-Berlin.

Mehr dazu siehe: Fachbrief Grundschule – Grundlagen des Schriftspracherwerbs – Das „Experimentieren“ geht weiter! Das A und O beim Lesen- und Schreibenlernen – „Schreiben nach Gehör“?

Link zu den bisherigen Veröffentlichungen der Studie Kuhl/Röhr-Sendlmeier

Parallelwelt Schulpolitik

Ob Einheitsschule oder Inklusion: Was viele Landesregierungen fördern, kommt in der Bevölkerung schlecht an.

FAZ, 21.08.2019, Thomas Petersen, Institut für Demoskopie Allensbach

In der öffentlichen Diskussion ist die Klage über eine angeblich abgehobene politische Klasse verbreitet. Die Politiker, heißt es dann, lebten in einer Parallelwelt, hätten kaum noch Kontakt zu ihren Wählern, ihre Diskussionen, Forderungen und Pläne gingen an der Lebenswirklichkeit der Bürger vorbei. Oft, wenn nicht meistens, sind solche Vorwürfe ungerechtfertigt. Wie Bevölkerungsumfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigen, ist der Kontakt zwischen den Bürgern und ihren Abgeordneten in den letzten Jahrzehnten nicht etwa schwächer, sondern eher stärker geworden. Politikwissenschaftler konnten mit Langzeitanalysen belegen, dass die Abgeordneten mit ihren Gesetzesvorlagen und Entscheidungen durchaus auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren. Und wenn man die Bürger nach ihren politischen Prioritäten fragt, lesen sich die Antworten nicht selten wie ein Echo der Berichterstattung über die Diskussionen in Berlin.

Doch es gibt auch Themen, bei denen eine Lücke klafft zwischen der über die Medien geführten politischen Diskussion und der Perspektive der Mehrheit in der Bevölkerung, nämlich dort, wo die Berichterstattung durch intensive eigene Alltagserfahrungen ergänzt und gegebenenfalls kontrastiert wird. Das ist beispielsweise bei Teilen der Diskussion um die Verkehrspolitik der Fall, noch deutlicher aber auf dem Gebiet der Schulpolitik.

Wahrscheinlich gibt es kaum ein anderes Thema, das für die meisten Bürger so wichtig ist und bei dem sie so unmittelbar aus eigener Erfahrung schöpfen können. Schließlich ist jeder einmal zur Schule gegangen, und die meisten Menschen werden früher oder später Eltern von Schulkindern und bleiben es viele Jahre lang. Sie können täglich in der Familie beobachten, wie sich in der Öffentlichkeit propagierte Schulsysteme und pädagogische Konzepte auf die Leistungsfähigkeit und das Verhalten der eigenen Kinder auswirken. Unter solchen Bedingungen bleibt der Einfluss der Massenmedien auf die Meinungsbildung geringer als bei anderen gesellschaftspolitischen Fragen.

Das wohl anschaulichste Beispiel hierfür bietet die ablehnende Haltung der Bürger gegenüber Einheitsschulen. Sie ist trotz jahrzehntelanger Bemühungen verschiedener Landesregierungen, solche Schulkonzepte zu fördern und zu propagieren, nicht etwa schwächer, sondern eher entschlossener geworden. Im Jahr 2013 fragte das Institut für Demoskopie Allensbach in einer großen Untersuchung zur Schulpolitik, ob die Bürger eine Gemeinschaftsschule oder ein gegliedertes Schulsystem bevorzugen würden. Nur 34 Prozent sprachen sich damals für die Gemeinschaftsschule aus, 52 Prozent für das gegliederte Schulsystem. Eltern von Kindern an weiterführenden Schulen zogen sogar zu 61 Prozent, Lehrer zu 59 Prozent das gegliederte Schulsystem vor.

In der aktuellen Bevölkerungsumfrage des Allensbacher Instituts im Auftrag dieser Zeitung [FAZ] wurde nun eine sehr ähnliche Frage gestellt. Sie lautete:

„Was finden Sie grundsätzlich besser: Wenn es nach der Grundschule eine Gemeinschaftsschule für alle Schüler gibt, in der die Schüler unabhängig von ihrem Leistungsniveau gemeinsam unterrichtet werden, oder wenn es nach der Grundschule ein mehrgliedriges Schulsystem gibt, zum Beispiel mit Gymnasium einerseits und einer Mischform aus Haupt- und Realschule andererseits?“

65 Prozent der Befragten sprachen sich hier für das mehrgliedrige Schulsystem aus, Befragte mit Kindern im schulpflichtigen Alter sogar zu 73 Prozent.

Dabei gibt es bemerkenswert geringe Unterschiede zwischen den gesellschaftlichen Gruppen. Anders als oft angenommen wird, geht die Ablehnung der Gemeinschaftsschule durch fast alle sozialen Schichten: Alle Altersgruppen, Frauen wie Männer, West- und Ostdeutsche, Menschen mit unterschiedlicher Schulbildung und verschiedenen Einkommen, sie alle sprachen sich mit großen Mehrheiten zugunsten des gegliederten Schulsystems aus.

Auch bei einem anderen schulpolitischen Diskussionsthema, der Inklusion, fallen die Urteile der Bürger eindeutig aus. Um diesem schwierigen Gegenstand im Rahmen einer Umfrage einigermaßen gerecht werden zu können, wurden den Befragten zwei etwas umfangreicher ausformulierte Argumente mit einem Dialogbildblatt schriftlich zur Auswahl vorgelegt. Das Bildblatt zeigte zwei Personen im Schattenriss, denen Sprechblasen mit den Argumenten zugeordnet waren. Das erste lautete:

„Ich bin dafür, dass Kinder mit geistiger Behinderung in regulären Schulen unterrichtet werden. Denn davon profitieren alle Schüler: Schüler mit und ohne geistige Behinderung lernen, tolerant und normal miteinander umzugehen, und beim gemeinsamen Lernen profitieren die behinderten Schüler von den anderen.“

Die Gegenposition lautete:

„Schüler mit geistiger Behinderung benötigen in der Regel eine spezielle Förderung und können nicht einfach zusammen mit anderen Schülern an regulären Schulen unterrichtet werden. Wenn Schüler mit geistiger Behinderung spezielle Förderschulen besuchen, entstehen für alle Schüler bessere Lernerfolge.“

Lediglich 21 Prozent der Befragten schlossen sich dem ersten, 63 Prozent dagegen dem zweiten Argument an, und auch hier urteilten Eltern von schulpflichtigen Kindern nicht anders als die übrige Bevölkerung. […]

Offenbar geht auch manche Detaildiskussion in der Schulpolitik an den Bedürfnissen der Bürger vorbei. So stimmte eine relative Mehrheit von 44 Prozent der Befragten der Aussage zu:

„Heute wird viel zu viel darauf geachtet, die Schulen mit Computern, Whiteboards und sonstiger moderner Technik auszustatten, und zu wenig darauf, was guten Unterricht eigentlich ausmacht.“

29 Prozent widersprechen. Auch hier antworteten die Eltern schulpflichtiger Kinder nicht wesentlich anders als die Befragten insgesamt. Ein Mangel an Laptops ist aus Sicht der Eltern offensichtlich nicht das Hauptproblem der Schulen. […]

Grau unterlegte Einschübe, [Anmerkungen] und Tabellen durch Schulforum-Berlin.

zum Artikel: FAZ, 21.08.2019, Parallelwelt Schulpolitik, Thomas Petersen, Institut für Demoskopie Allensbach

Schulen in China – Totale Überwachung mit Künstlicher Intelligenz

Chinas Weg hin zur Nutzung der digitalen Überwachung in den Schulen

Tagesspiegel, 17.08.2019, Ning Wang

Kameras werden die neuen Lehrer in China. Sie studieren die Gesichtsausdrücke der Schüler während des Unterrichts ganz genau – abschreiben oder gar einschlafen wird hier keiner. Offiziell sollen die Daten, die gesammelt werden, Aufschluss darüber geben, ob und wie sich das Lernverhalten verändert. Was für Deutschland undenkbar wäre [?], ist Teil eines Plans, mithilfe künstlicher Intelligenz Chinas Schüler digital zu optimieren. Das Kamerasystem kann erkennen, ob Schüler interessiert sind, traurig, wütend oder gelangweilt. Es ist wie der Videobeweis beim Fußball: Ein Schiedsrichter bekommt nicht alles mit, auch ein Lehrer nicht – aber dank der Kameras soll er seine Schüler umfassender beurteilen können. Die Kontrolle ist künftig umfassend.

Bald werden „überall Sensoren unseren Alltag prägen und in unseren privatesten Bereich vordringen. Wir sollten uns darüber klar sein, dass sich dann ein wesentliches Prinzip umkehrt: Nicht mehr wir machen die Bilder, sondern wir werden von Bildern erfasst und gedeutet. Wenn dieser Strom aus visuellen Datenanalysen seinen Fokus auf uns richtet, werden es diese Bilder sein, die über uns bestimmen oder uns richten.“ Aus: Yogeshwar, Ranga, (2017): Nächste Ausfahrt Zukunft. Geschichten aus einer Welt im Wandel, Kiepenheuer & Witsch, Köln, S. 284.

In China ist die digitale Rundumüberwachung und Verhaltenskontrolle der Bürger schon länger Alltag. Schon 2017 verkündete der Staatsrat einen „Entwicklungsplan für Künstliche Intelligenz der neuen Generation“, bis 2030 sollen demnach umgerechnet 150 Milliarden US-Dollar investiert werden. Viele Chinesen sind durchaus bereit, Überwachungskameras, Gesichtserkennung oder gar Zensur- und Spionage-Apps hinzunehmen, wenn das zu mehr Sicherheit führt. Im Mai wurde nun Guangzhou als Pilotregion für die Ausbildung im Fach Künstliche Intelligenz an den Schulen auserkoren. Es soll ab September an den Mittel- und Oberschulen gelehrt werden. Parallel dazu wird das Kamerasystem erprobt.

Die menschlichen Lehrer erfahren, was ihre Schüler lesen, was sie in der Kantine essen, wie aufmerksam oder müde sie sind und wie sie sich am Unterricht beteiligen. So hat etwa die Oberschule Nr. 11 in Hangzhou ein „intelligentes Verhaltensmanagementsystem für Klassenräume“ installiert, das die Ausdrücke und Bewegungen der Schüler erfasst und große Datenmengen analysiert. Das System identifiziert die Schüler auch in der Mensa per Gesichtsscan und regelt die Abbuchung des Geldes für das Essen.

Neben der Aufzeichnung schulischer Leistungen liefert die Datenerfassung so noch eine Analyse des Ernährungsverhaltens der Jungen und Mädchen. Eltern bekommen einen Überblick darüber, ob ihre Kinder nur noch Kohlenhydrate essen und Gemüse und Fisch oder Fleisch links liegen lassen, und vor allem, wie häufig sie zu Snacks und zuckerhaltigen Getränken greifen. Das sind Daten, die für die Hersteller von Fertignahrung oder Getränken von Interesse sein können.

Die Bundesregierung will „grundsätzlich auf einseitige, nationale Regulierungen verzichten, um die europaweite Umsetzung von digitalen Geschäftsmodellen zu erleichtern. Wir streben an, die Freizügigkeit von Daten als fünfte Dimension der Freizügigkeit zu verankern.Koalitionsvertrag, CDU, CSU und SPD, 12.03.2018, Zeile 2177

„Es wird alles digitalisiert werden, was digitaisiert werden kann. Wir bauchen ein positives Verhältnis zu Daten“. Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Wirtschaftstag des Wirtschaftsrates der CDU, 2015.

Zhang Guanchao, der stellvertretende Rektor der Oberschule, sieht sich in einer der Vorreiterrolle und ist stolz darauf, dass seine Schule zu den ersten gehört, die nicht nur Gesichtserkennung in den Schulklassen, in der Mensa und an den Getränkeautomaten einsetzen, sondern auf dem gesamten Schulgelände. Selbst in der Schulbibliothek werden die Bücher schon seit 2017 per Gesichtsscan ausgeliehen. Vonseiten der Eltern gab es jedoch durchaus Kritik, in den sozialen Netzwerken machte sich Unmut breit. Sie sahen ihre Kinder als Versuchskaninchen. „Technologien sollten uns dienen, nicht uns überwachen“, schrieb ein Nutzer. Zwischenzeitlich ist das System an der Musterschule in Hangzhou ausgesetzt worden.

Chinas Schulsystem setzt bis heute größtenteils auf Frontalunterricht und Auswendiglernen von Fakten, die bei der Abschlussprüfung, Gaokao genannt, abgefragt werden. Die Punktzahl entscheidet darüber, ob man an einer der führenden Elite-Unis oder den eher unbekannten Hochschulen studieren darf.

Digitales Lernen löst Frontalunterricht ab“ heißt es in der Smart City PR-Broschüre der Stadtwerke Arnsberg, NRW. Mehr entpersönlichter, isolierender Frontalunterricht geht nicht! Die Phraseologie, mit der die Digitalisierung propagiert wird, ist immer wieder erstaunlich. Mit Testergebnissen und Meinungsumfragen wird vermittelt, dass das bestehende Schulsystem verstaubt und marode noch in der Kreidezeit vegetiert, und deshalb nach den Geschäftsmodellen der IT-Branche reformiert werden müsse. Peter Hensinger u.a., Smart City- und 5G-Hype, pad-Verlag, 2019, S. 33

Aber die Curricula sind nun in Bewegung geraten – es scheint, als könne die KI-Nutzung im Unterricht und zur Kontrolle der Schüler nicht schnell genug gehen. […] Chinas Weg hin zur Nutzung der digitalen Überwachung in den Schulen scheint festzustehen.

Prof. Lankau stellt bei einem Vortrag vor Elternverbänden in NRW der derzeitigen Digitaleuphorie eine realistische und kritische Sichtweise gegenüber. Versprochen werde wachsende Freiheit und Erleichterung, ernten würden wir aber vor allem totale Überwachung und Steuerung. Im Bildungsbereich sei das besonders brisant: Lernende degenerierten zum umfassenden Datensatz, ihr Lernverhalten werde bis ins Kleinste erfasst und abgespeichert, Bildungsgüter automatentauglich zerhackt. Hingegen könne sich humane Bildung nur als offenes, beziehungsgestütztes Lernen vollziehen. Die empirische Unterrichtsforschung – nicht zuletzt die derzeit weltgrößte Metastudie von John Hattie – zeige denn auch keinerlei Verbesserung der Lernqualität durch Technologie. Es sei zu befürchten, dass der aktuell vieldiskutierte Digitalpakt versteckte Absichten verfolge:  nicht nur Lehrer durch Software zu ersetzen, Prüfungen zu automatisieren, Bildungsinhalte durch Konzerne statt durch Bürgervertreter zu steuern; auch unmerklich jede Regung unserer Kinder und Jugendlichen zu erfassen, abzuspeichern und profitmaximierend zu nutzen. Für die IT-Industrie winke jetzt ein riesiges Geschäft – und für viele andere Machtakteure demnächst die optimierte Steuerung. Unkontrollierte Digitalisierung sei die aktuelle Form der Gegenaufklärung. Siehe auch nebenstehende Bücherliste: Ralf Lankau, Kein Mensch lernt digital.

Grau unterlegte Einschübe, [Anmerkungen] und Hervorhebungen im Fettdruck durch Schulforum-Berlin.

Zum Artikel: Tagesspiegel, 18.08.2019, Ning Wang, Totale Überwachung in Chinas Schulen – Wenn Kameras jede Gesichtsregung auswerten

In Berlin werden jedes Jahr hunderte Erstklässler ohne ausreichende Deutschkenntnisse eingeschult

Diskussion um Vorschulpflicht – Fast 1200 Kinder besuchen vor Schulbeginn keine Kita

Tagesspiegel, 08.08.2019, Susanne Vieth-Entus

Jetzt werden alte Wunden aufgerissen: Die neu entbrannte Diskussion um eine Vorschulpflicht zur frühen Sprachförderung führt Berlin an einen Punkt zurück, an dem das Land schon mal war – bevor hier 2006 die Vorklassen abgeschafft wurden. Dieser Einrichtung trauern viele Schulkenner bis heute nach. Denn der versprochene Ersatz wurde nicht so geschaffen, wie er seinerzeit versprochen worden war.[…]

Berlin hatte sich aber 2006 von seinen Vorklassen getrennt, weil im Rahmen der Grundschulreform unter Klaus Böger (SPD) das zweigleisige System – Vorschulgruppen in Kitas, Vorklassen in Schulen – nicht mehr gewollt war. Argumentiert wurde im übrigen damit, dass – quasi ersatzweise – die Schulpflicht von sechs auf fünfeinhalb Jahre herabgesetzt wurde. Damit schienen die Vorklassen überflüssig, zumal die Zurückstellungen von der Schulpflicht abgeschafft wurden.

Die Reform von 2006 wurde zum Teil wieder einkassiert: Zurückstellungen sind wieder möglich. Zudem wurde die Schulpflicht wieder etwas nach hinten verschoben. Mit anderen Worten: Die Kinder sind länger in der Kita – wenn sie denn hingehen. Dies aber ist nicht flächendeckend der Fall: Wer einen Kitavertrag hat, hat keine Anwesenheitspflicht.

Die Deutschlernpflicht wird nicht umgesetzt

Noch größer ist aber das Problem, dass knapp 1200 Kinder, die 2020 schulpflichtig werden, überhaupt keine Kita besuchen: Bei der letzten Testung eineinhalb Jahre vor der Einschulung kam heraus, dass fast 900 von ihnen so schlecht Deutsch sprachen, dass sie per Gesetz zu einer 18-monatigen Deutschförderung verpflichtet wären. Am Mittwoch [07.08.2019] aber teilte die Bildungsverwaltung auf Anfrage mit, dass 690 von ihnen im Mai 2019, also gut ein Jahr vor Schulpflichtbeginn, noch immer keine Kita besuchten.

Damit stehen die Grundschulen im kommenden Jahr wieder vor dem Dilemma, dass Hunderte Erstklässler keine Deutschförderung haben werden und an keine Bildungseinrichtung herangeführt wurden. Inwieweit inzwischen initiierte „Sprachfördergruppen“ die Lücken füllen können, ist unklar.

Die Einrichtung von Sprachfördergruppen hängt mit der Bilanz von 2018 zusammen: Damals war durch eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck bekannt geworden, dass nur ein Bruchteil der Kinder mit nachgewiesenem Sprachförderbedarf eine Kita besuchten. Tagesspiegel-Anfragen ergaben dann, dass die Bezirke auch deshalb auf die eigentlich fälligen Bußgelder gegen die Eltern verzichtet hatten, weil es keine Kitaplätze gab, die man diesen Kindern hätte anbieten können.

Die Einschulungsuntersuchungen Berliner Kinder aus dem Jahr 2017 ergaben, dass 6,9 Prozent aller Kinder kaum oder kein Deutsch können. 10,5 Prozent sprechen fehlerhaft, 82,6 Prozent gut oder sehr gut. Bei den Erstklässlern nicht-deutscher Herkunft können 14 Prozent kaum Deutsch. Klar ist: Ein Besuch der Kita hilft, und zwar massiv. Die Deutschkenntnisse von Kindern nicht-deutscher Herkunft unterschieden sich den Einschulungsuntersuchungen zufolge je nach Länge des Kita-Besuchs erheblich. Von denjenigen, die mindestens zwei Jahre in einer Kita waren, konnten nur 4,5 Prozent kaum oder gar nicht Deutsch – bei denen ohne Kita-Besuch waren es 74,3 Prozent. TSP, 06.08.2019

Langenbrinck: Scheitern ohne Sprachvermittlung

„Ein Staat, der auf die Durchsetzung seiner Regeln verzichtet, verspielt den Respekt und die Glaubwürdigkeit“, geißelte Langenbrinck damals den Befund. Und er warnte: „Eine Gesellschaft scheitert, die es nicht schafft, Sprachvermittlung durchzusetzen“. Seither hat sich kaum etwas getan, wie man den aktuellen Zahlen entnehmen kann.

Dass es auch ganz anders gehen kann, zeigt das Beispiel Hamburg. Die Hansestadt hatte bereits 2006 durchgesetzt, dass alle Kinder mit viereinhalb Jahren durch speziell ausgebildete Sprachlernberater getestet werden. Auf dieser Basis kann für das letzte vorschulische Jahr eine verpflichtende Sprachförderung ausgesprochen werden.

In den letzten Jahren galt das für 13 bis 15 Prozent eines Jahrgangs, wie Peter Albrecht, der Sprecher der Hamburger Schulbehörde, auf Anfrage mitteilte. Diese Sprachförderung findet dann in den Vorschulklassen an den Grundschulen statt oder – in deutlich geringerem Maße – an den Kitas.

In Hamburg sind die Vorklassen beliebt

„Aktuell nehmen 60 Prozent eines Jahrgangs am vorschulischen Jahr in der Grundschule teil, davon 15 Prozent verpflichtend aufgrund der Sprachförderung, 85 Prozent freiwillig“, berichtet Albrecht. Anders gesagt: Die Kinder werden in Hamburg nicht nur getestet, sondern die Hamburger Schulbehörde stellt auch sicher, dass die Kinder tatsächlich in der Förderung landen.

Da es die Vorklassen in Hamburg seit 50 Jahren gibt und sie in der Bevölkerung einen guten Ruf haben, drängen auch Familien hinein, deren Kinder nicht zum Besuch verpflichtet sind: „Wir haben eine Flut von Anmeldungen, obwohl wir keine Werbung machen“, berichtet Albrecht.

Iris Brennberger, Sprecherin der Berliner Jugendverwaltung, betonte am Mittwoch, dass es in den Berliner Kitas „eine große Expertise“ für die Sprachförderung und das Sprachlerntagebuch gebe. Allerdings belegen die Sprachtests in Berlin stets, dass tausende Kinder trotz Kitabesuchs schlecht Deutsch sprechen.

Ein Brief plus Merkblatt der Berliner Bildungsbehörde an die Eltern von Vorschulkindern soll  darüber informieren, wie wichtig es ist, Deutsch zu lernen. Beide Papiere enthielten sprachliche und grammatikalische Fehler sowie Auslassungen.
Es ist zu lesen:
„Ihr Kind hat in der Kindertageseinrichtung sein Sprachlerntagebuch erhalten, mit dem vor allem die Beobachtung seiner sprachlichen Entwicklung dokumentiert und mit Ihnen regelmäßig über die Fortschritte Ihres Kindes gesprochen (!) wird. Wenn Sie es wünschen, erhalten (!) selbstverständlich eine Kopie. Mit dem Erhebungsbogen der ,Quasta‘ auf der Grundlage des Sprachlerntagebuches wird im Sinne des Gesetzes zu dem vorgegebenen Zeitpunkt der Sprachstand für Kinder (von Kindern !) ab einem Alter von vier Jahren festgestellt. Es ist zu (!) dringend zu empfehlen, die weitere Förderung zu sichern.“
Die Bildungsverwaltung scheint wenig Interesse daran zu haben, ob die Eltern verstehen können, was ihnen mitgeteilt wird. Das Schreiben sei „unseres Erachtens durchaus verständlich, sowohl im Inhalt als auch in der Gliederung“ teilte die Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres, Beate Stoffers, mit.
Glosse von Harald Martenstein im Tagesspiegel vom 03.05.2015.

Fachleute begründen das damit, dass diese Kinder nicht regelmäßig genug in die Kita kämen oder dass die Erzieherinnen vor Ort nicht genug Zeit oder Expertise hätten. In Hamburg hingegen haben Kitas nur dann das Recht, Vorschulgruppen einzurichten, wenn es diese Expertise gibt. Auch dies teilte Hamburgs Behördensprecher Albrecht mit. […]

Die Ergänzungsausbildung für Erzieherinnen zur Vorklassenleiterin an der Pädagogischen Hochschule Berlin in den 70er Jahren beinhaltete: Psychologische Probleme der Eingangsstufe und des Elementarbereichs (Enwicklung, Lernen, Denken), Allgemeine Didaktik, Hören und Sprechen in der Vorklasse, Lese-Schreiblehrgang in der Eingangsstufe, Mathematik in der Eingangsstufe, Sachunterricht in der Eingangsstufe. Die Absolventinnen wurden eingesetzt in Kitas und Grundschulen. Ausbildung wie Vorschulgruppen wurden in Berlin abgeschafft – sie waren politisch nicht mehr gewollt.

Grau unterlegte Einschübe und Hervorhebungen im Fettdruck durch Schulforum-Berlin.

zum Artikel: Disskussion um Vorschulpflicht

Die Bildungspolitik in der Hauptstadt gefährdet den sozialen Frieden

Berlin hat eine Bildungs-Leerstelle

Die rot-rot-grüne Bildungspolitik ist eine Aneinanderreihung politischen Versagens. Es wird Zeit für einen personellen Neuanfang.

Tagesspiegel, 06.08.2019, Kommentar von Sabine Beikler

Bildungspolitik in Berlin muss man sich so vorstellen: Man dreht an einer Stellschraube im System und wundert sich dann, dass das Gesamtgefüge ins Wanken gerät. Reformen und Reförmchen [siehe Kasten] aus 23 Jahren sozialdemokratisch geprägter Bildungspolitik in der Hauptstadt [siehe Kasten] gefährden allmählich den sozialen Frieden [siehe auch TSP vom 25.06.2018.]

„Schulreformen“: Jahrgangsübergreifendes Lernen (JüL), Schreiben nach Gehör, Inklusion/Abschaffung der Förderschulen, Einschulung mit 5, Grundschulreform, Abschaffung der Vorschulgruppen in Kitas/Vorklassen in Schulen, Hortbetreuung an die Grundschule angegliedert, Offener Unterricht/Selbstorganisiertes Lernen, Kompetenzorientierung der Lehrpläne, Einführung der Schulinspektion, Schulstrukturreform (vom mehrgliedrigen zum zweigliedrigen Schulsystem), Minimierung von Leistungsanforderungen, Abschaffung der Versetzung, Ganztagsunterricht, Zusammenfassung von Fächern (Geschichte, Politische Bildung, Geographie), Reduzierung der Unterrichtszeit der Leistungskurse in der Oberstufe (von 6 U-Std. auf 5 U-Std.), Verkürzung der Schulzeit am Gymnasium (G9 auf G8), Verkürzung des Referendariats, Quer- und Seiteneinsteiger als Lehrkräfte, usw.

Verantwortliche Bildungspolitiker: Ingrid Stahmer, SPD: 25. Januar 1996 bis 9. Dezember 1999, Senatorin für Schule, Jugend und Sport;  Klaus Böger, SPD: 9. Dezember 1999 bis 23. November 2006, Senator für Schule, Jugend und Sport, ab 17. Januar 2002: Bildung, Jugend und Sport; Jürgen Zöllner, SPD: 23. November 2006 bis 30. November 2011, Senator für  Bildung, Wissenschaft und Forschung; Sandra Scheeres, SPD: 30. November 2011, noch im Amt, Senatorin für Bildung, Jugend und Familie

Zwei Drittel der Neueinstellungen sind Quer- und Seiteneinsteiger statt ausgebildeter Lehrkräfte. Immer wieder schneiden die Drittklässler bei Vergleichsarbeiten [VERA ] in Mathematik und Deutsch besonders schlecht ab. Bundesweit richtig Spitze ist Berlin nur bei der Schulabbrecherquote mit 11,7 Prozent [siehe Kasten].

In Berlin verlassen deutschlandweit die meisten Jugendlichen die Schule ohne einen Abschluss. Das hat eine am 29.07.2019 veröffentlichte Studie der Caritas ergeben. Laut dieser hatten 2017 11,7 Prozent der Schulabgänger keinen Hauptschulabschluss. 2015 waren es noch 9,3 Prozent [siehe nachfolgender Kasten]. Der Bundesdurchschnitt lag im Jahr 2017 bei 6,9 Prozent. Sie war damit einen Prozentpunkt höher als 2015 und lag auf demselben Niveau wie vor zehn Jahren. Bundesweit waren laut Caritas über 52.000 Jugendliche betroffen – 5000 mehr als noch zwei Jahre zuvor.

Das hehre Ziel des Dresdner Bildungsgipfels aus dem Jahr 2008, die Zahl der Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss bis zum Jahr 2015 auf vier Prozent zu senken, ist in fast allen Ländern verfehlt worden. Oft ist das Gegenteil der Fall: Die Schulabbrecherquoten sind in die Höhe geschnellt. Im Schulabbruch zeigt sich ein Systemversagen, für das es bisher keine Lösung gibt. […] Derzeit legt jedes Land andere Kriterien zugrunde, um sich die eigenen Zahlen schönzurechnen. In den Kultusministerien will man nämlich nicht so genau wissen, wie viele Schulabbrecher es tatsächlich gibt, weil sich schulpolitisches Scheitern nirgendwo deutlicher zeigt. FAZ, 25.08.2019, Heike Schmoll, Im Schulabbruch liegt Systemversagen

Dabei muss man wissen:

Der Senat hat die Hürden für Schulabschlüsse gesenkt [TSP, 08.05.2014]. Sowohl die Berufsbildungsreife – der frühere Hauptschulabschluss – als auch der Mittlere Schulabschluss (MSA) sind ab dem Schuljahr [2014/15] leichter zu erreichen als es bisher an den Gesamtschulen möglich war. Zudem kann man mit schlechteren Noten in die gymnasiale Oberstufe aufsteigen. Dies soll nach Einschätzung von Schulleitern die mit Spannung erwartete Bilanz des ersten Sekundarschuljahrgangs verbessern. Die Neuerungen betreffen vor allem die Mindestanforderungen für die Jahrgangsnoten, die zusammen mit den Prüfungen den Mittleren Schulabschluss ausmachen. Als Durchschnittsnote auf dem Zeugnis reicht für den MSA jetzt eine „Vier“. An den früheren Gesamtschulen wurden befriedigende Leistungen verlangt. Zudem ist eine „Sechs“ erlaubt, was früher an den Hauptschulen ausgeschlossen war, wenn man den MSA anstrebte. Zusätzlich werden den Schülern etliche Nachprüfungen angeboten, damit sie die Berufsbildungsreife schaffen. „Das Ziel ist: Jeder kommt durch“.

Und dass kostenlose Hort-, Kita- und Essensangebote kein Mehr an Bildung bringen, dürfte jedem Sozialdemokraten, Grünen und Linken in der Koalition klar sein. Die nächste Hiobsbotschaft, dass im Jahr 2021 rund 26.000 Schulplätze fehlen, komplettiert die Liste politischen Versagens.

In Berlin fehlen demnächst 26.000 Schulplätze. Irgendwie scheint die Geburtenrate, wie sie vor einigen Jahren war, von der Schulsenatorin nicht bemerkt worden zu sein. Auch der Zuzug, wie er sich ebenfalls Jahr für Jahr ermitteln und für die Zukunft grob hochrechnen lässt, scheint der Regierung unbekannt gewesen zu sein. Allerdings muss man, um den Bedarf zu ermitteln, jede Menge addieren, womöglich sogar Prozentrechnung anwenden. […] Man muss gerecht sein. Seit Jahren werden die Anforderungen an die Berliner Schüler gesenkt und gesenkt. Da wäre es wirklich eine Riesenungerechtigkeit, wenn nicht auch irgendwann die Anforderungen an die Berliner Schulsenatorinnen gesenkt würden. Tagesspiegel, 10.08.2019, eine Glosse von Harald Martenstein

Die Verantwortung wird beim Schwarzer-Peter-Spiel von der Bildungsverwaltung auf andere Verwaltungen und die Bezirke geschoben. Kann die Koalition tatsächlich tatenlos zusehen, wenn die Elternvertretung jetzt droht, die Zusammenarbeit mit Bildungssenatorin Scheeres einzustellen? Die Bildungspolitik braucht dringend eine inhaltliche und personelle Zäsur. Das kann auch ein Rücktritt sein.

Dazu Scheeres in der Bildungsdebatte am 15.08.2019 im Abgeordnetenhaus: „Die Eltern müssen sich keine Sorgen machen“.

Eigentlich müssten die Eltern geschlossen auf die Barrikaden gehen.

Grau unterlegte Einschübe und Hervorhebungen im Fettdruck durch Schulforum-Berlin.