Archiv der Kategorie: Schule und Lesen + Schreiben

Richtig schreiben, lesen und – verstehen

Unter dem Titel: „Totalschaden für die Orthographie“ berichtet am 10.8.2016 Heike Schmoll in der FAZ:

(…) Den Bildungspolitikern hat [der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes] Heinz-Peter Meidinger vorgeworfen, den Rechtschreibunterricht seit den Lehrplänen der neunziger Jahre systematisch zu vernachlässigen, weil sie als Bildungsbarriere gelte. In der Tat gehört es zum festen Arsenal einiger schulpolitischer Ideologen, die Rechtschreibung als Herrschaftsinstrument zu missachten. So stand es lange genug in den dürren Rahmenlehrplänen für den Deutschunterricht in Hessen, dass Rechtschreibung ohnehin nur deshalb gelernt wurde, um sie kritisieren zu können.

Dass es mit den Orthographiekenntnissen ihrer Schüler nicht zum Besten steht, wissen die meisten Kultusminister sehr wohl. Nicht umsonst haben sie sich seinerzeit geweigert, die Rechtschreibleistung als Teil des Leistungsvergleichs zwischen den Ländern überprüfen zu lassen. [Heute wird die Rechtschreibleistung wieder einbezogen.]

Doch warum lassen Kultusminister es sehenden Auges zu, dass in den Grundschulen keine Diktate mehr geschrieben werden, weil bis zum Ende der dritten Klasse ohnehin nur nach dem Hören (phonetisch) geschrieben wird und das Erlernen der Orthographie auf die vierte Klasse vertagt wird? [Ein Vertreter dieser Methode ist Hans Brügelmann, siehe weiter unten]. Damit sind schwächere Schüler überfordert. Mit der Gleichmacherei haben die Minister weitere Ungleichheiten geschaffen. Die Folgeschäden sollen dann die Lehrer weiterführender Schulen beseitigen und scheitern dabei. (…)

Zum gleichen Thema berichten am 10.8.2016 im Berliner Tagesspiegel Amory Burchard und Tilmann Warnecke  im Artikel „Richtig schreiben, lesen – und verstehen“:

Meidinger führt aus: (…) Es sei ein „schwerer Fehler“, dass in einigen Bundesländern keine benoteten Rechtschreibdiktate mehr geschrieben werden dürften. In keinem anderen europäischen Land werde zudem dem muttersprachlichen Unterricht in den Stundentafeln so wenig Platz eingeräumt. (…)

Man [müsse] sich klar sein, so der Schriftsprach- und Grundschuldidaktiker Hans Brügelmann, dass Rechtschreibung eine „dienende Funktion“ im Rahmen einer umfassenden Schriftsprachkompetenz habe: Das Ziel, möglichst korrekt zu schreiben, dürfe andere Formen der Schriftsprache, wie das Lesen und Verfassen von Texten, nicht dominieren. „Wem nutzt es, Belanglosigkeiten oder inhaltlichen Unsinn orthografisch korrekt schreiben zu können?“

Im Tagesspiegel schreibt am 14.8.2016 Peter von Becker „Rechtschreibung heute – Es geht um mehr“:

(…) Die heutige Sorge freilich betrifft nicht die Details bestimmter Schreibweisen [Rechtschreibreform], sondern die Grundlegende Kompetenz junger Leute, überhaupt noch lesen, komplexere Texte verstehen und sich dazu sprachlich, das heißt auch: schriftlich angemessen, äußern zu können. (…) Denken und Sprache, die unsere Identität ausmachen, hängen unauflöslich zusammen. Schärfe, Klarheit, Ausdrucksvermögen brauchen aber ein Mindestmaß an Form. Deshalb sprechen, schreiben, lesen wir – und sollten es weiter können: Ohne unser Hirn, wie schon beim Kopfrechnen, bloß an computerisierte Hilfen und Schirme zu delegieren [kann nicht die Zukunft sein].

aus der Streitschrift:  „Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung“ von Prof. Konrad Paul Liessmann

Schreiben nach dem Gehör! Schreiben, wie man spricht, ohne dabei korrigiert zu werden – das könnte die Kinder traumatisieren -, wird schon seit einigen Jahren praktiziert und zeitigt nun seine sichtbaren Erfolge: das Ende der Orthographie.
“Lesen und Schreiben sind Kulturtechniken, deren grundlegende Beherrschung unerlässlich ist. Dass der Erwerb dieser Techniken nicht jedem leichtfällt, ist kein Grund, das Betrachten von Bildern zu einem Akt des Lesens und das Ankreuzen von Wahlmöglichkeiten zu einem Akt des Schreibens hochzustilisieren. Besser wäre es, all jene, die Schwierigkeiten beim Erwerb dieser Fähigkeiten haben, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterstützen, damit sie wirklich lesen und schreiben lernen.”
Liessmann weiter:  “So wohltönend können die Reden der Bildungsreformer und ihrer politischen Adepten gar nicht sein, dass sich dahinter nicht jene Geistfeindlichkeit bemerkbar machte, die den Analphabetismus als geheimes Bildungsziel offenbart.” (siehe Bücherliste)

Die Hälfte der Drittklässler erfüllt nicht einmal die Mindeststandards

Schreiben ungenügend

Bei Vergleichsarbeiten bleibt jeder zweite Schüler unter den Mindeststandards. Ein weiteres Problem: Lehrer sind nicht auf Kinder von Flüchtlingen vorbereitet.
31.08.2015, Susanne Vieth-Entus

schreiben lernen

Bild: literaturtipps.de

Die Schüler schreiben miserabel.
Dies ist zumindest das jüngste Ergebnis der Vergleichsarbeiten in den dritten Klassen. Demnach erfüllt die Hälfte der Drittklässler nicht einmal die Mindeststandards, die die Kultusministerkonferenz für die Rechtschreibung angesetzt hat: Sie können demnach maximal „lautgetreu“ schreiben, bringen also nur zu Papier, was sie hören. Der „Stuhl“ wird dann zum „schtul“, das „Fahrrad“ mutiert zum „varat“. (…)

An der Vergleichsarbeit, „Vera 3“ genannt, hatten 2014 rund 23.000 Schüler teilgenommen. Ausgewertet wurde sie vom Institut für Schulqualität (ISQ) Berlin-Brandenburg. Dabei kam auch heraus, dass selbst von den deutschstämmigen Schülern 45 Prozent an der untersten Hürde hängen bleiben. Bei den Klassenkameraden anderer Herkunftssprachen sind es 64 Prozent. (…)

Aber auch beim Lesen sind die Kinder anderer Muttersprachen extrem benachteiligt: 45 Prozent können nicht im Entferntesten mithalten. (…)

Zum Ende der Klasse 4, wenn die Kinder bundesweit üblicherweise die Grundschule verlassen, sollen alle wichtigen Grundlagen für das Lesen und Schreiben gelegt sein. (…)

aus:   http://www.spiegel.de/fotostrecke/rechtschreibung-schueler-machen-mehr-fehler-schreiben-aber-kreativer-fotostrecke-94889.html

„Es hapert bei den Lehrern offensichtlich an der Methodik“, lautet die Einschätzung eines Schulrates, der nicht namentlich genannt werden möchte. (…)

Berlins ehemalige Ausländerbeauftragte Barbara John nennt zwei weitere Gründe: Überproportional viele Migranten kommen aus bildungsfernen Schichten und werden von zu Hause kaum gefördert und die Lehrer wüssten nicht gut genug, wie „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ) zu vermitteln ist. (…)

Angesichts von rund 150.000 Schülern mit Migrationshintergrund und ihrer anhaltend schlechten Ergebnisse in allen Leistungsvergleichen stellt sich für viele Fachleute die Frage, wie die Stadt den mindestens 5000 Flüchtlingen gerecht werden kann, die ab diesem Montag in den Willkommensklassen angemessen gefördert werden sollen. „Ich würde diese Klassen eher ,Verzweiflungsklassen‘ nennen“, sagt FU-Grundschulforscher Jörg Ramseger, „denn die Lehrer sind hilflos und die Behörde auch“.

zum Artikel: Der Tagesspiegel,  31.08.2015, Susanne Vieth-Entus, Schreiben ungenügend


siehe auch:   Spiegel online, 19.06.2013, Veronika Hackenbroch, Lernmethode „Lesen durch Schreiben“: „Das ist völliger Unsinn“
Schreib, wie du sprichst – der Rest kommt von allein. Nach dieser Methode sollen heute viele Kinder die richtige Rechtschreibung lernen. Im Interview erklärt Grundschulexperte Günter Jansen, warum er von dieser Methode überhaupt nichts hält und welche Kinder besonders darunter leiden.

Ausfühliche Informationen zum Thema:  „Lesen durch Schreiben“, „Spracherfahrungsansatz“,  Schreibenlernen ´nach Gehör´ unter:
Elternbrief Nr.13, Pädagogik gegen das Kind, www. Grundschulservice.de, Günter Jansen


Drei Methoden im Schreibunterricht sind in Deutschland verbreitet.

Lesen durch Schreiben: Die Schüler sollen selbständig Wörter so verschriften, wie sie sie hören, und erst später die Regeln lernen. Schwache Lerner scheitern daran.

Silbenanalytische Methode: Die Schüler lernen systematisch die Strukturen von Wörtern zu erkennen. Diese Methode verlangt eine sehr strukturierte, angeleitete Form von Unterricht.

Analytisch-synthetische Methode: Hier werden für Lerner die Wörter einerseits in ihre Bestandteile zerlegt (Analyse) und andererseits Buchstaben zu Wörtern zusammengezogen (Synthese). Es wird oft mit Fibeln gearbeitet.

In Berlin wird den Lehrern/Schulen die Methodenwahl überlassen.
Untersuchungen belegen, dass schwächere Schüler eine feste Struktur brauchen, Regeln erklärt werden müssen und genügend Zeit für kontrolliertes Üben haben.

siehe auch:  Deutschlandfunk, 28.08 2014, Barbara Weber, Lesen und Schreiben lernen. Streit um die richtige Methode

Agi Schründer-Lenzen (Erziehungswissenschaftlerin und seit 2004 Inhaberin der Professur für Allgemeine Grundschulpädagogik und -didaktik an der Universität Potsdam):
„Da würde ich schon empfehlen, mit einem Fibel-Lehrwerk anzufangen und dann aber diesen Fibel-Lehrgang anzureichern, damit die Kinder eine Basis haben, von der aus sie erstmal auf die richtige Spur gelenkt werden, denn wenn ich nach der Reichen-Methode unterrichte“, also der „Lesen durch Schreiben“-Methode mit der Anlauttabelle, „dann ist es so, dass die Kinder einen Weg in die Schriftsprache gewiesen bekommen, der grundsätzlich einseitig und auch fehlerhaft ist. Man sollte ihnen vom ersten Tag an das anbieten, was richtig ist. “

Damit scheint sie dem 8-jährigen Jan aus der Seele zu sprechen.
„Also ich würde sagen, dass man schon anfängt, die Fehler zu korrigieren in der Ersten, weil sonst hat man sich da dran gewöhnt zum Beispiel Blatt hinten nur mit einem t zu schreiben. Da kommt auf einmal jemand in der Zwei und sagt, das ist falsch, und das ist falsch. Da kriegt man irgendwie so ein ganz trauriges Gefühl.“

siehe auch:  Expertenanhörung zum Thema Rechtschreibunterricht an Hamburger Grundschulen im Schulausschuss der Hansestadt Hamburg am 3.12.2013.
Stellungnahme:  Prof. Dr. Agi Schründer -Lenzen (Universität Potsdam, Professur für Allgemeine Grundschulpädagogik und- didaktik)

(…)  Ein einseitig auf lautorientiertes Verschriften mit einer Anlauttabelle ausgerichteter Anfangsunterricht ist aus verschiedenen Gründen abzulehnen:
1. Er vernachlässigt die für viele Kinder notwendige systematische Unterstützung des Leselernprozesse und setzt die Kinder mit dem Prinzip „Schreibe wie du sprichst“ auf eine falsche Fährte, denn ohne Zweifel sind für das Erlernen der Orthographie weitere grammatische Regularitäten (Silben-, Morphemstrukturen) und syntaktisch-semantische Besonderheiten zu beachten.
2. Das „Hilfsmittel“ Anlauttabelle ist allenfalls als „Gedächtnisstütze“ für die dominanten Buchstaben-Laut-Verbindungen geeignet, nur sehr eingeschränkt aber für ein „Entdecken“ von Wortschreibungen. Diese Einschränkung gilt insbesondere für Kinder mit Migrationshintergrund, mit dialektaler Aussprache oder mit sonstigen Lernbeeinträchtigungen. Diese Kinder verfügen am Schulanfang nicht über ein sprachsystematisches Wissen und eine artikulatorische Modellsprache, mit der ihnen diese zudem sehr mühselige Verschriftung von Wörtern gelingen könnte.
3. Das Ausblenden rechtschriftlicher Korrektheit („Fehlertoleranz“) zugunsten eines „kreativen“ Verschriftens von vermeintlich Hörbarem, wird auch in einem weiteren methodischen Konzept des Anfangsunterrichts, dem Spracherfahrungsansatz (seit den 1980iger Jahren durch Brügelmann/Brinkmann/Bartnitzky vertreten und über den Grundschulverband weit in die Schulpraxis verbreitet), u.a. damit legitimiert, dass Falschschreibungen sich nicht sofort einprägen würden. Diese Argumentation ist nicht falsch aber dennoch problematisch, denn sie vernachlässigt die absolut notwendige Übungsintensität der orthographisch korrekten Schreibweisen. Diese stellen sich bei keinem Kind quasi naturwüchsig allein, wie die Fehldeutungen der Schriftsprachentwicklungsmodelle suggerieren. Diese im wissenschaftlichen Kontext entwickelten theoretischen Modelle einer zunehmenden rechtschriftlichen Kompetenz sind als diagnostische Klassifikationssyteme zu verstehen, um Rechtschreibfehler qualitativ ordnen zu können, sie sind aber keine Aussage über einen sich quasi von selbst einstellenden Kompetenzerwerb, denn Orthographie ist ohne Zweifel ein recht kompliziertes Normsystem. Schriftspracherwerb bedarf damit immer auch der Instruktion durch eine kompetente Lehrkraft, die in Kenntnis der individuellen Lernausgangslage, jedem Kind die Unterstützung anbieten kann, die es benötigt, um richtig Schreiben und Lesen zu lernen.

(…) Empfehlungen für die Überarbeitung des Hamburger Bildungsplans:
1. Implementierung konstruktiver Hinweise auf einen systematischen Rechtschreibunterricht
2. Verbindliche Vorgaben für einen Grundwortschatz
3. Beachtung der Verbindung von Schreib- und Leselernprozessen unter Berücksichtigung strukturierender Leselernhilfen
4. Würdigung der Bedeutung des Erwerbs schreibmotorischer Fähigkeiten
5. Verzicht auf einseitige methodisch- didaktische Orientierungen des Anfangsunterrichts zugunsten einer individuell- adaptiven Unterrichtspraxis, die jedem Kind einen erfolgreichen Schriftspracherwerb ermöglicht.

zur Stellungnahme:  Expertenanhörung zum Thema Rechtschreibunterricht an Hamburger Grundschulen im Schulausschuss der Hansestadt Hamburg am 3.12.2013

Bürokratenchinesisch und Gagadeutsch der Berliner Bildungsbehörde

Datum:  03.05.2015
Wie gut ist das Deutsch der Schulsenatorin Sandra Scheeres?
Glosse von Harald Martenstein im Tagesspiegel vom 03.05.2015.

Ein Brief plus Merkblatt der Berliner Bildungsbehörde an die Eltern von Vorschulkindern soll  darüber informieren, wie wichtig es ist, Deutsch zu lernen. Beide Papiere enthielten sprachliche und grammatikalische Fehler sowie Auslassungen.
Es ist zu lesen:
„Ihr Kind hat in der Kindertageseinrichtung sein Sprachlerntagebuch erhalten, mit dem vor allem die Beobachtung seiner sprachlichen Entwicklung dokumentiert und mit Ihnen regelmäßig über die Fortschritte Ihres Kindes gesprochen (!) wird. Wenn Sie es wünschen, erhalten (!) selbstverständlich eine Kopie. Mit dem Erhebungsbogen der ,Quasta‘ auf der Grundlage des Sprachlerntagebuches wird im Sinne des Gesetzes zu dem vorgegebenen Zeitpunkt der Sprachstand für Kinder (von Kindern !) ab einem Alter von vier Jahren festgestellt. Es ist zu (!) dringend zu empfehlen, die weitere Förderung zu sichern.“

Die Bildungsverwaltung scheint wenig Interesse daran zu haben, ob die Eltern verstehen können, was ihnen mitgeteilt wird.

Das Schreiben sei „unseres Erachtens durchaus verständlich, sowohl im Inhalt als auch in der Gliederung“ teilte die Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres, Beate Stoffers, mit.

Immer mehr Grundschüler werden trotz massiver Rechtschreibdefizite in weiterführende Schulen entlassen. (siehe:  FAZ, Politik, 11.03.2015, Heike Schmoll, Rechtschreibung lehren! )
Sie scheinen in der Bildungsverwaltung angekommen zu sein.

Martensteins Glosse endet mit der Erkenntnis:  „Wenn es so weitergeht, kann kaum jemand noch einen geraden Satz schreiben oder einen klaren Gedanken fassen. Daran sind weder Schüler noch Lehrer schuld. Es liegt an einer Bildungspolitik, die Wissen als elitär verachtet und solche Briefe als ihre Visitenkarte in die Welt schickt.“

zum Artikel:  Der Tagesspiegel, 03.05.2015, Harald Martenstein, Wie gut ist das Deutsch der Schulsenatorin Sandra Scheeres?
siehe auch:  Der Tagesspiegel, 05.05.2015, Susanne Vieth-Entus, Finde die Fehler


In der Gemeinsamen Geschäftsordnung (GGO) der Berliner Verwaltung steht:
„Die Schriftsätze sollen knapp, klar und vollständig sein. Auf eine leicht verständliche Darstellung in gutem Stil und höflicher Form ist Wert zu legen. Es sind einfache Sätze zu bilden und geläufige Wörter zu verwenden.“  (…)  „Wer angeschrieben wird, soll von der Richtigkeit und Notwendigkeit der getroffenen Entscheidung oder Maßnahme überzeugt werden.“

Über 20.000 Eltern wurden angeschrieben!

Das Merkblatt ist in sieben Sprachen (Englisch, Französisch, Türkisch, Arabisch, Polnisch, Russisch und Vietnamesisch) übersetzt worden. Auch das Wort „Sprachstandsfeststellungsverfahren“?

Die Rechtschreibdefizite der Schüler sind nicht zufällig!

Datum:  11.03.2015
Mangelnde Bildung
Rechtschreibung lehren!
Ein Kommentar von Heike Schmoll.

„Die fatale Entwicklung begann bereits in den siebziger Jahren.  (…) Von den deutschen Bundesländern ist Mecklenburg-Vorpommern nicht das einzige Land, das immer mehr Grundschüler trotz massiver Rechtschreibdefizite in weiterführende Schulen entlässt. Es gibt inzwischen kaum noch ein Bundesland, das seine Grundschüler Diktate schreiben lässt.“ (…)

Die Bildungsstandards für die Grundschule wurden 2011 Bundesland übergreifend getestet. Die Kultusminister haben ein aussagefähiges Ergebnis zur Rechtschreibfähigkeit erfindungsreich vermieden. Der Gesamtbefund ist so nichtssagend wie politisch gewünscht.

„Ungetrübt von irgendeiner empirischen Forschung können die Propheten unter den sogenannten Bildungsfachleuten so bizarre Thesen verbreiten wie diese: „Jedes Kind ist hochbegabt.“ Das kommt besonders gut an, weil dann eben alle hochbegabt sind. Der Erfolg der Bildungsgurus müsste die Kultusminister zutiefst beunruhigen, weil er ein Indiz für eine dumpfe Wissenschaftsfeindlichkeit ist, die sich ausbreitet. Ein vernünftiges Maß an empirischen Kenntnissen über die Schulwirklichkeit und vor allem das Können der Schüler ist dringend nötig.“ (…)

Halten wir fest: Die Rechtschreibdefizite der Schüler sind nicht zufällig!

zum Artikel:   FAZ, Politik, 11.03.2015, Heike Schmoll, Rechtschreibung lehren!
siehe auch: FAZ, 08.07.2014, Heike Schmoll, Unsere Kinder verlernen das Schreiben

Die Relativierung der Fachinhalte durch Kompetenzbeschreibungen

Datum:  06.03.2015
Kompetenzorientierung am Pranger
von Rainer Werner

In der letzten Februarwoche 2015 wurden die Ergebnisse des Grundschultests “Vera 3″ in Mecklenburg-Vorpommern veröffentlicht. Getestet wurden die Rechtschreibleistungen der Drittklässler. Das Ergebnis ist schockierend: Mehr als ein Drittel der Schüler (37,4 %) erreichen nicht einmal den Mindeststandard, den die Kultusministerkonferenz festgelegt hat. Weitere 25,9 % erreichen dieses Minimum nur knapp. Man kann also davon ausgehen, dass mehr als die Hälfte der Grundschüler der 3. Klasse in diesem Bundesland die deutsche Rechtschreibung nicht oder nur unzureichend beherrscht. Ein niederschmetterndes Resultat. Entsprechend zerknirscht gab sich Kultusminister Brodkorb (SPD), als er die Ergebnisse vorstellen und kommentieren musste. Er führte die Ausfälle auf eine didaktische Methode zurück, die seit einigen Jahren in die Grundschulen Einzug gehalten hat: das “lautgerechte Schreiben”. Um Schreibbarrieren bei den Kindern abzubauen, dürfen sie zwei Jahre lang ohne Regeln schreiben. Sie schreiben phonetisch, so wie sie die Laute hören. Der dabei entstehende Text-Kauderwelsch ist oft nur schwer verständlich (“Rehnade hatt eine bunde Bluhse an.”). Experten haben vor diesem Verfahren schon immer gewarnt, weil es in den Köpfen die falsche Schreibweise zuerst verfestige, die man dann wieder mühsam dem regelgerechten Schreiben anpassen müsse – ein unsinniger Umweg. In SPIEGEL-online bezeichnete ein Kommentator die Lernmethode “Schreiben nach Gehör” als “unterlassene Hilfeleistung” (5. 3. 2015).

Der Bildungsminister führte die schlechten Rechtschreibleistungen noch auf eine andere Ursache zurück: auf die Kompetenzorientierung, die an allen Schulformen inzwischen in Konkurrenz zu den Inhalten getreten ist. Sein Land, so der Minister, werde “wieder stärker Fachinhalte vorschreiben, wozu auch ein Kanon deutscher Literatur” zähle. “Die Relativierung der Fachinhalte durch Kompetenzbeschreibungen” will der Minister nicht länger hinnehmen. Als Lehrer reibt man sich verwundert die Augen. In den letzten Jahren wurden die Lehrkräfte, die die Dominanz der Kompetenzen im Fachunterricht als Irrweg bezeichneten, als “rückständig”, “ewig-gestrig” usw. gebrandmarkt. Jetzt gibt man ihnen recht, weil die Wissenslücken und Leistungsmängel bei den Schülern nicht mehr zu verbergen sind. Mich erinnert das Verhalten des Ministers an die Karikatur von Roland Beier, die Karl Marx nach dem Zusammenbruch des Kommunismus (1990) in peinlich berührter Pose zeigt: Tut mir leid Jungs! War halt nur so ‘ne Idee von mir…

zum Artikel:  Für eine gute Schule, 06.03.2015, Rainer Werner, Kompetenzorientierung am Pranger

37% der Drittklässler verfehlen Mindeststandard in der Rechtschreibung

Datum:   04.03.2015
Orthographie in Schulen
Schraibm nach gehöa

Das „Schreiben nach Gehör“ ist keine Methode, sondern unterlassene Hilfeleistung. Es schadet den Kindern und der Gesellschaft, es zementiert soziale Ungleichheit.

Auf eine Anfrage hin veröffentlichte die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern die Ergebnisse von Vergleichsarbeiten der dritten Klassen. Dabei stellte sich heraus, dass 37 Prozent der Drittklässler den Mindeststandard der Kultusministerkonferenz in der Rechtschreibung verfehlten. 26 Prozent der Schüler lagen nur knapp darüber.

Nicht nur in diesem Bundesland wird auf Kosten ganzer Schülerjahrgänge auf Anweisung der Kultusbehörde experimentiert. Schon in den Vorjahren waren die Ergebnisse in Orthographie schlecht. Der Grund ist, dass alle Bundesländer vor 10 bis 15 Jahren das „Schreiben nach Gehör“ eingeführt haben.

zum Artikel:  FAZ, 04.03.2015, Uta Rasche, Schraibm nach gehöa


Da Lese- und Schreibkompetenz eine Schlüsselqualifikation für alle anderen Fächer ist, bringen schwache Leser und Schreiber folglich auch schwache Leistungen in diesen.
Kultusminister in Mecklenburg-Vorpommern, Mathias Brodkorb: „Wenn sich herausstelle, dass die Methode „Schreiben nach Gehör“ für die schlechten Rechtschreibkenntnisse verantwortlich sei, müsse man prüfen, ob diese Methode weiter angewendet werden solle.“
Was heißt hier prüfen – sofort „Schreiben nach Gehör“ stoppen und zwar bundesweit! Die erschreckenden Ergebnisse der „Methode“ liegen den nachfolgenden Schulen lange vor.

Finnland streicht die elementare Kulturtechnik der Schreibschrift

Datum: 23.01.2015
Die neue Finn-Schrift: Druckbuchstaben und tippen am Display
Ralf Lankau
In Finnland lernen Kinder ab Herbst 2016 in den Grundschulen nur noch eine Schrift aus Druckbuchstaben, sie üben das Tippen mit Tastaturen und an Touchscreens.

Finnland streicht die elementare Kulturtechnik der Schreibschrift ab Herbst 2016 in den Grundschulen und deklariert schnelles Tippen als Bildungsziel. Absurd.
Nach dieser Logik sollte man sich auch nicht mehr die Mühe machen, den Kindern korrekte Schreibweisen der Begriffe und die Grammatik ihrer Muttersprache beizubringen. Das erledigen Korrekturprogramme im Autokorrektur-Modus doch viel schneller und zuverlässiger als die Eleven.
Nach dieser Logik könnte man ebenso das gemeinsame Kochen in der Schulküche aussetzen und stattdessen Tiefkühlpizza in der Mikrowelle erhitzen. Das ist billig, effizient, die Kinder werden satt und an das Essen von Fastfood gewöhnt.

zum Artikel:  Gesellschaft für Wissen und Bildung, 23.01.2015, Ralf Lankau, Die neue Finn-Schrift: Druckbuchstaben und tippen am Display

Die Praxis der Unbildung

Datum:  24.09.2014
Schlechte Rechtschreibung
Analphabetismus als geheimes Bildungsziel

Wenn etwas schwerfällt, bieten die Didaktiker Erleichterungen an. Doch wo alle Schwierigkeiten umgangen werden, herrscht die Praxis der Unbildung. Verlernen wir die Rechtschreibung?

Schreiben nach dem Gehör! Schreiben, wie man spricht, ohne dabei korrigiert zu werden – das könnte die Kinder traumatisieren -, wird schon seit einigen Jahren praktiziert und zeitigt nun seine sichtbaren Erfolge: das Ende der Orthographie.
„Lesen und Schreiben sind Kulturtechniken, deren grundlegende Beherrschung unerlässlich ist. Dass der Erwerb dieser Techniken nicht jedem leichtfällt, ist kein Grund, das Betrachten von Bildern zu einem Akt des Lesens und das Ankreuzen von Wahlmöglichkeiten zu einem Akt des Schreibens hochzustilisieren. Besser wäre es, all jene, die Schwierigkeiten beim Erwerb dieser Fähigkeiten haben, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterstützen, damit sie wirklich lesen und schreiben lernen.“

Der Text in der FAZ ist die leicht gekürzte Fassung eines Kapitels aus der Streitschrift „Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung“ von Prof. Konrad Paul Liessmann (siehe auch unter Bücherliste)
Liessmann: „So wohltönend können die Reden der Bildungsreformer und ihrer politischen Adepten gar nicht sein, dass sich dahinter nicht jene Geistfeindlichkeit bemerkbar machte, die den Analphabetismus als geheimes Bildungsziel offenbart.“

zum Artikel:  FAZ, 24.09.2014, Konrad Paul Liessmann, Analphabetismus als geheimes Bildungsziel.