Mündliche Schülerleistungen dominieren

Dem Schreiben hat diese Entwicklung der letzten Jahre nicht gut getan: Immer weniger Schüler konnten es ausreichend üben.

F.A.Z. – BILDUNGSWELTEN, 04.04.2019, von Rainer Werner

Rainer Werner unterrichtete an einem Berliner Gymnasium Deutsch und Geschichte. Er ist Verfasser des Buches „Auf den Lehrer kommt es an“, siehe Bücherliste. Rainer Werner hält Vorträge zu pädagogischen Themen und berät Schulen bei der inneren Schulreform.

2016 sorgte eine Meldung für Aufsehen: Das Bundeskriminalamt konnte von 120 Stellen nur 62 besetzen, weil zu viele Bewerber trotz Abiturs beim Deutschtest durchgefallen waren. Der Test erfragt Kenntnisse in Rechtschreibung, Grammatik, Wortschatz und Sprachverständnis. Von der Polizei der Länder hört man ähnliche Klagen. Viele Bewerber fallen vor allem durch die Sport- und Rechtschreibprüfung. Können die jungen Menschen heute nicht mehr richtig schreiben?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der ständig geredet wird. Überall sieht man Menschen telefonieren, sei es auf der Straße, im Café oder in der Straßenbahn. Alle Fernsehsender haben Gesprächsformate im Programm, in denen sich Menschen, die sich für Experten halten, über alle möglichen Themen unterhalten. Die Talkshow ist zum zweiten Wohnzimmer der Deutschen geworden. Für das Sprechen in diesem Gesprächskosmos gibt es keine Qualitätsmaßstäbe. Man darf reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Die lockere Diktion, Umgangssprache inklusive, gilt als Ausweis von Authentizität. Der Linguist Gerhard Augst vertritt die These, dass sich in unserer Gesellschaft das Gesprochene als Standardsprache durchgesetzt habe, was es schwer mache, auf die Dominanz der Schriftsprache zu pochen. Dem Sprachwissenschaftler Peter Gallmann fiel auf, dass Kinder vor allem in Regionen, in denen es einen ausgeprägten Dialekt gibt (Bayern, Schwaben), die Rechtschreibung gut beherrschen. Weil sie wissen, dass gesprochene und geschriebene Sprache nicht dasselbe sind, lernen sie die Schriftsprache als eigenständiges sprachliches System. Im Rest der Republik schreiben Schüler, wie sie sprechen.

In der Schule drückt sich die Dominanz der gesellschaftlichen Redekultur im starken Gewicht des Mündlichen aus. In der Sekundarstufe I zählt in allen Fächern die mündliche Mitarbeit zur Hälfte, in den Grundkursen der gymnasialen Oberstufe zu zwei Dritteln. Die in allen Bundesländern eingeführte 5. Prüfungskomponente des Abiturs, eine Präsentationsprüfung, besteht zumeist nur aus einer mündlichen Leistung. Nur wenige Bundesländer verlangen zusätzlich noch eine Facharbeit. Die meisten Gymnasiasten punkten im Mündlichen: Sie sind eloquent und verfügen über einen differenzierten Wortschatz. Die Noten fallen entsprechend gut aus. Liest man hingegen von Schülern verfasste Texte, stellt man fest, dass ihre Qualität deutlich hinter der Qualität ihrer mündlichen Beiträge zurückbleiben. Wenn es auf logische Gedankenführung, den präzisen Ausdruck und schlüssig zu Ende geführte Sätze ankommt, versagen auffallend viele Schüler. Selbst bei Abiturienten kann man erleben, dass sie in Orthografie und Interpunktion nicht sicher sind. Diese Defizite lassen darauf schließen, dass Schüler zu wenig mit schriftlichen Aufgaben konfrontiert werden. Die Benennung der Fehler bei der Korrektur und die kritischen Randbemerkungen der Lehrkraft bleiben meistens ohne Folgen, weil den Schülern in der Regel nicht mehr zugemutet wird, von Aufsatz und Klausur eine Berichtigung anzufertigen.

Universitäten klagen darüber, dass den Erstsemestern trotz attestierter guter Schulabschlüsse die Grundlagenkompetenzen in der Sprache fehlen. Dazu gehört vor allem die Fähigkeit, einen Gedankengang klar, schlüssig, logisch und fehlerfrei zu formulieren. Die Befragung von Studenten, die die Universität Konstanz jährlich durchführt, hat 2015 ergeben, dass mehr als 25 Prozent der Bachelorstudenten ihr Studium abbrechen. Neben der Doppelbelastung aus Studium und Job werden vor allem fachliche Mängel als Grund angegeben. 52 Prozent der Absolventen und 45 Prozent der Abbrecher gestehen ein, dass ihnen Kenntnisse und Techniken zum Verfassen akademischer Arbeiten fehlten. Die gymnasiale Oberstufe, und hier vor allem das Fach Deutsch, scheint dabei zu versagen, den Abiturienten das für ein erfolgreiches Studium nötige sprachliche Rüstzeug zu vermitteln.

An theoretischen Vorgaben fehlt es beileibe nicht. Die „Bildungsstandards im Fach Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife“ (KMK-Beschluss vom 18.10.2012) machen klare Aussagen zum Beherrschen der Schriftsprache: „Die Schülerinnen und Schüler verfassen inhaltlich angemessene kohärente Texte, die sie aufgabenadäquat, konzeptgeleitet, adressaten- und zielorientiert, normgerecht, sprachlich variabel und stilistisch stimmig gestalten.“ Auch die Deutsch-Lehrpläne für die Sekundarstufe II der einzelnen Bundesländer geben das Ziel vor, dass die Schüler „die Fähigkeit entwickeln, in angemessener Weise anspruchsvolle, komplexe Sachverhalte schriftlich zu formulieren“. (Beispiel Berlin) – Papier ist offensichtlich geduldig, sonst klafften beim Beherrschen der Schriftsprache Anspruch und Wirklichkeit nicht so weit auseinander.

Die Grundschuldidaktikerin Ulrike Holzwarth-Raether sieht die Ursachen für die Defizite im Schreiben schon vor der Grundschule gelegt. Mit den Kindern werde heute zu wenig gesungen und artikuliert gesprochen. Das behindere die Entwicklung der Laut-Buchstaben-Zuordnung, die eine wichtige Voraussetzung für den Schrifterwerb sei. In der Schule wird das Schreiben von Texten auf allen Schulstufen vernachlässigt. Bei Schülern gilt schreiben als lästig und „uncool“. Häufig hört man schon in der Unterstufe des Gymnasiums die Frage: „Müssen wir das wirklich aufschreiben?“ – In der Sekundarstufe I ist das Mitschreiben im Unterricht nicht mehr verpflichtend, weil die Schüler ja Arbeitsbögen zum Stoff der Stunde bekommen. Abheften von Papier ersetzt die Mühe, das Gehörte gedanklich zu verarbeiten und in adäquate Sätze zu kleiden. Stundenprotokolle haben in vielen Fächern den Rang einer Strafarbeit bekommen: „Wenn du nicht aufpasst, musst du die Stunde protokollieren!“ – Dabei zwingt gerade die Reduktion des Unterrichtsstoffes auf den knappen Umfang eines Protokolls zu gedanklicher Konzentration und präziser Formulierung.

Bei der Ausbildung schriftlicher Kompetenzen muss man früh beginnen. In Grundschule, Unterstufe und Sekundarstufe I sollte regelmäßig geschrieben werden. Es hat sich bewährt, in jede Unterrichtsstunde eine kleine Schreibaufgabe einzubauen, deren Resultate noch in der Stunde inhaltlich und sprachlich überprüft werden. Mit kreativen Schreibaufgaben (Beispiel: zwei literarische Figuren schreiben sich Briefe) kann man die Schreibaversion der Schüler am ehesten aufbrechen. Es ist unbedingt notwendig, Schülertexte zu korrigieren. Tut man das nicht, verfestigt sich der Eindruck, es sei letztlich egal, wie man schreibt. Da die Kapazitäten der Lehrkräfte begrenzt sind, können sie nicht ständig Schülertexte einsammeln und zu Hause korrigieren. Hier bietet sich die „Schreibkonferenz“ an. Drei bis vier Schüler korrigieren gemeinsam ihre Texte, bis sie verständlich und fehlerfrei sind. Wenn diese Methode häufig angewandt wird und wenn die Lehrkraft die Qualität der Endprodukte überprüft, wird sich die Schreibkompetenz der Schüler zwangsläufig verbessern. Dann werden die Texte beim logischen Aufbau, bei der schlüssigen Gedankenführung und bei der grammatisch-orthografischen Korrektheit kaum noch Fehler aufweisen. Auch hier bewährt sich das leider in Misskredit geratene didaktische Prinzip des beharrlichen Übens und Verbesserns.

Schulen können das Schreiben auch durch bessere Rahmenbedingungen aufwerten. Wenn der Deutsch-Fachbereich einen Preis für den besten Aufsatz in einem Jahrgang aussetzt, werden sich Schüler angesprochen fühlen, ihre Schreibkünste unter Beweis zu stellen. Eine Schülerzeitung, die Beiträge von Schülern veröffentlicht, kann signalisieren, dass Schreiben ein „cooles“ Handwerk ist. Dass Lesen die Schreibkompetenz erhöht, ist durch Studien bestens belegt. Regelmäßiges Lesen vergrößert den Wortschatz und festigt die Orthografie. Lesewettbewerbe gehören deshalb in jede Schule. Die Polytechnische Gesellschaft Frankfurt/M. führt einmal im Jahr einen Diktatwettbewerb durch, an dem sich Eltern, Schüler und Lehrer beteiligen. Die Sieger treten gegen die Sieger anderer Städte an. Dieses Projekt zeigt, dass der Wettstreit um sprachliche Korrektheit genauso reizvoll sein kann wie ein Sport- oder Musikwettbewerb. Es ist Zeit für eine Schreiboffensive.

Dieser Beitrag erscheint mit freundlicher Genehmigung des Autors auf Schulforum-Berlin.

Zur Website des Autors: „Für eine gute Schule

Fließbandarbeit in der Lernfabrik

Große Klassen und die „Neue Lernkultur“ industrialisieren den Lehrerberuf.

Von Nils Björn Schulz

Dr. Nils Björn Schulz ist Lehrer am Robert-Havemann-Gymnasium in Berlin.

Lehrerinnen und Lehrer sind zu Arbeitern einer hybriden Bildungsindustrie geworden. 50-Stunden-Wochen und Fließbandarbeit am Schreibtisch bestimmen den Berufsalltag vieler Kolleginnen und Kollegen – vor allem an Gymnasien. Die fortschreitende Digitalisierung, die Test- und Evaluationseuphorie und die Kompetenzorientierung der Neuen Lernkultur, wie sie Christoph Türcke in seinem Buch „Lehrerdämmerung“ nennt [siehe nebenstehende Bücherliste], haben innerhalb von knapp fünfzehn Jahren ein ganzes Berufsfeld industrialisiert und die Schule in eine Lernfabrik verwandelt. Das Produktionsziel: höhere Abiturientenquoten bei gleichzeitiger Absenkung des Anspruchsniveaus, wie die jüngsten Studien des Frankfurter Bildungsforschers Hans-Peter Klein zeigen konnten. [Siehe dazu auch für Berlin die Studie von Angela Schwenk und Norbert Kalus, Auswertung der Abiturdaten von 2006 bis 2016.]

Die Niveauabsenkung wird vor allem durch das ständige Gerede über Qualität und Qualitätsmanagment kaschiert. Aber für die unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrer ist sowieso eine ganz andere Kategorie zentral: die der Quantität. Es ist die schiere Quantität an Klassenarbeiten, Noten, Tests, Evaluationen, Methodentrainings – und die Lautstärke in den Klassenräumen, die erschöpft. An Gymnasien sitzen bis zu 30 Schülerinnen und Schüler in einem Klassenraum, in Berlin sind es sogar bis zu 32.

Man kann es ja begrüßen, dass die Disziplinargesellschaft verabschiedet wurde, jedoch hat man deren Raum- und Zeitstruktur beibehalten. Klassenräume und Stundenrhythmen gehören einem Typus an, den Michel Foucault als Einschließungsmilieu bezeichnete. Nur lassen sich Kinder und vor allem pubertierende Jugendliche so nicht mehr disziplinieren.

Aufgrund überbordenden Gebrauchs digitaler Medien völlig dezentriert, können sich viele in den vorgegebenen Strukturen nicht mehr konzentrieren. Die täglichen Mediennutzungszeiten Pubertierender variieren je nach Studie zwischen 5 und 7 Stunden. Es ist laut geworden in den spätmodernen Lernfabriken. Gerade die kooperativen Lernformen, die auf die Dezentrierung reagieren und sie zugleich verstärken, werden schon in der Grundschule eingeübt und lassen je nach Lerngruppe in den Räumen den Lärmpegel bis auf 80 Dezibel ansteigen. Anderen Berufsgruppen wird da Gehörschutz verordnet.

Aber viele Lehrerinnen und Lehrer sprechen nicht offen über dieses Thema, weil sie das Ressentiment fürchten, der Grund für den Lärm sei mangelnde pädagogische Kompetenz. Genauso schreiben sich gegenwärtig viele Eltern ihr Scheitern selbst zu, wenn es darum geht, den Medienkonsum ihrer Kinder zu reglementieren; dabei haben sie schlichtweg keine Chance gegen die Produktentwicklungs- und Werbestrategien großer IT-Konzerne. Es ist ja gerade das Geschäftsmodell vieler Firmen, die Begierden der Nutzer so anzutriggern, dass das Virtuelle ihr Dasein bestimmt oder Smartphones als Quasiorgane ins Körperschema integriert werden. Die Nutzer werden nervös, wenn die Geräte nicht in Reichweite sind.

Dass die Hattie-Studie für kleinere Klassen eine eher niedrige Lerneffektstärke ermittelte, kam den Bildungs- und Finanzministerien sehr zupass: So konnte man die Klassengrößen mit ruhigem pädagogischen Gewissen beibehalten. Jedoch zeigt eine genaue Lektüre von John Hatties Buch „VisibleLearning“ [siehe nebenstehende Bücherliste], dass gerade das Thema „Klassengröße“ unbedingt weiter untersucht werden muss. Hattie weist nämlich selbst darauf hin, dass veränderte Lehrmethoden, anderes Feedback-Verhalten, neue Formen der Interaktion, die nur in kleineren Lerngruppen möglich sind, das Lernen fördern können.

Und viele Lehrerinnen und Lehrer haben die Erfahrung gemacht, dass bestimmte Methoden – wie beispielsweise das von vielen Oberstufenschülerinnen und -schülern immer noch sehr geschätzte lehrerzentrierte Unterrichtsgespräch – nur in Klassen bis maximal 20 Schülern überhaupt funktionieren.

Große Lerngruppen produzieren quantitativ mehr Arbeit als kleine. Das wäre an sich vielleicht eine lapidare Aussage, wenn sich nicht die Benotungskriterien und – damit eng verbunden – die sogenannte Schreibkompetenz, also die Fähigkeit, lesbare Texte zu schreiben, so gravierend verändert hätten. Oberstufenklausuren mit 10 bis 15 Rechtschreib- und Grammatikfehlern pro Seite sind leider nicht die Ausnahme; und für einige Handschriften benötigt man Werkstattleuchten und Leselupen.

Für Lehrerinnen und Lehrer heißt das aber, dass die Klausurenkorrektur durchschnittlich länger dauert als früher, dass jede Klausur mindestens zwei Mal gelesen werden muss: Zunächst müssen die Orthographie-, Grammatik- und Ausdrucksfehler analysiert und markiert werden, dann die – oft durch die Fehler produzierten – semantischen Unverständlichkeiten.

Aufgefordert, Lehrerarbeitszeiten transparent zu machen, veranschlagt der Berliner Senat 20 bis 25 Minuten Korrekturzeit für eine Oberstufenklausur inklusive der Beurteilung durch ein elektronisches Bewertungsraster. Dieses sogenannte Onlinegutachten hat für bestimmte Klausurformate zum Beispiel im Fach Deutsch 12 Bewertungskriterien parat. Je nachdem benötigt man für die endgültige kriteriengeleitete Beurteilung einer einzigen Klausur über 50 Klicks.

Das ist Fließbandarbeit im digitalen Zeitalter: Erst korrigiert man die Klausur mit der Hand, dann klickt man sich durch die Onlineraster, druckt sie aus, unterschreibt und heftet sie an die Klausuren. Das Arbeitszimmer muss für solche Abläufe optimiert werden. Im Kreis läuft man so oder so … und die veranschlagte Arbeitszeit wird immer überschritten. Weil es nicht zu schaffen ist. Unter 45 Minuten kann man keine Deutsch- oder Philosophie-Klausur korrigieren, wenn man der Schülerarbeit einigermaßen gerecht werden möchte. So sitzt man dann 15 Stunden (oder länger) an der Korrektur eines einzigen Klausurenstapels.

Sind Oberstufenkurse im Allgemeinen kleiner als die der Mittelstufe, so können sich die Mittelstufenlehrerinnen und -lehrer zwar damit trösten, dass die zu korrigierenden Texte nicht so lang sind; aber es sind eben mehr (und meistens enthalten sie mehr Fehler). Schlimm wird es für Kolleginnen und Kollegen, deren Fächer nur zwei Stunden pro Woche unterrichtet werden. So kann es sein, dass eine Ethik- und Biologielehrerin in der Mittelstufe vier Klassen in beiden Fächern unterrichtet. Geht man davon aus, dass sie pro Halbjahr zwei Lernerfolgskontrollen (LEKs) schreiben lässt, allein um die Zeugnisnote valide abzusichern, so sind das 8 mal 4 mal 30 LEKs, die korrigiert werden müssen. In der Summe: 960 Arbeiten. Geht man von Sekundarschul-Klassen mit 25 Schülern aus, so sind es immer noch 800 LEKs. Stückzahlen, die korrigiert werden müssen.

Da aber jede Vollzeit-Lehrkraft noch weitere 9 oder 10 Stunden unterrichtet, kommen weitere Korrekturbelastungen hinzu. Und damit sind viele andere Arbeiten wie digitale Fehlzeitenverwaltung, das Anfertigen von Abiturentwürfen für das dezentrale Abitur (zum Beispiel im Fach Philosophie) oder vermehrte Prüfungsaufgaben noch gar nicht berührt.

Auch führt die Kompetenzorientierung dazu, dass mittlerweile gerade junge Lehrerinnen und Lehrer digital verwaltete Notenarsenale anlegen; denn die Kompetenzideologie fordert, dass ein Schüler differenziert nach unterschiedlichen Kompetenzen bewertet wird. Erteilt man einem Schüler oder einer Schülerin drei Mal pro Schulhalbjahr jeweils fünf oder sogar mehr Kompetenznoten für die Mitarbeit im Unterricht, so heißt das, dass ein Lehrer mit vollem Stundendeputat – in Berlin sind das 26 Unterrichtsstunden – im ganzen Schuljahr weit über 5000 Noten gibt; unterrichtet er vor allem zweistündige Fächer, so erhöht sich die Zahl schnell auf 6000 bis 7000 Noten pro Schuljahr. Man muss sich solche Zahlen vor Augen führen, um die Absurdität der kompetenzorientierten Benotung zu erkennen.

Als Lehrer ist man gegenwärtig die meiste Zeit am Rechnen, und zwar vor allem mit dem vergeblichen Versuch, seine Arbeitsbelastung zu reduzieren. Denn die Reaktion der Bildungsverwaltungen ist: Lehrerinnen und Lehrer müssen ihr Zeitmanagement verbessern. Es ist die für neoliberale Gesellschaften typische Forderung an das erschöpfte Selbst: Wenn du deine Arbeit nicht schaffst, musst du deine Abläufe optimieren. Es liegt an dir! Der Zynismus geht mittlerweile so weit, dass Lehrerinnen und Lehrern von externen Evaluationsbehörden empfohlen wird, in ihrer Freizeit, die es ja kaum noch gibt, „Wohlfühlteams“ zu bilden oder Workshops zur „Work-Life-Balance“ zu buchen.

Es mag paradox klingen, dass die so gehypte Neue Lernkultur entfremdete Arbeit und Lärm erzeugt; doch machen eben diese Zustände die technokratisch-metrische Grundstruktur der Kompetenz-Modellierung nun auch für diejenigen sichtbar, die sie bisher fetischisierten. Und auch den neoliberalen Selbstoptimierungsimperativ sollte man als das durchschauen, was er ist: eine Ausbeutungsstrategie. Vor allem aber führt die neue Unterrichtstechnokratie dazu, dass Bildung nur noch unter dem Aspekt der Operationalisierung und Messbarkeit betrachtet wird; deshalb spricht der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann von der „Praxis der Unbildung“ [siehe nebenstehende Bücherliste].

Würden Klassen verkleinert, würde man sich vom Metrisierungswahn, der Output-Orientierung und vom Diktat des kooperativen Lernens abkehren, so würden sich Korrekturpensen, Lärm und Stress enorm verringern; und es gäbe mehr Zeit für schöpferische und zwischenmenschliche pädagogische Aufgaben – vor allem für eigenständige Unterrichtsgestaltung.

Zumindest was den Korrekturaufwand betrifft, produziert die Neue Lernkultur einen – leider sehr zweifelhaften – Kollateralnutzen: Da die Bildungsverwaltungen die Bedeutung von Orthographie und Grammatikfehlern für die Gesamtnote einer Klausur immer weiter marginalisieren, schleicht sich sowieso schon bei manchem Lehrer eine resignative Laxheit ein. Man streicht gar nicht mehr alle Fehler an. Das spart Zeit! – führt aber dazu, dass viele Schülerinnen und Schüler die Fehlerhaftigkeit ihrer Klausuren gar nicht mehr erkennen können. Und viele von ihnen werden später selbst Lehrerinnen und Lehrer … Auch hier gilt: Die Masse macht’s.

aus: Frankfurter Rundschau vom 12./13.01.2019, S.21

Dieser Beitrag erscheint mit freundlicher Genehmigung des Autors auf Schulforum-Berlin.

„Welche Bildung wollen wir für unsere Kinder?“

5 Fragen – 5 Antworten – mit Prof. Klaus Zierer, Erziehungswissenschaftler, seit 2015 Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg.

wissensschule.de, SCHULE_DIGITAL: Ganz gleich ob Computer, Tablet oder Smartphone, Kinder kommen heutzutage immer früher direkt oder indirekt mit digitalen Medien in Kontakt. Viele Eltern fragen sich daher zu Recht: Ist der frühe Umgang mit digitalen Medien schädlich für mein Kind? Wie ist Ihre Antwort auf diese Frage?

Klaus Zierer: Pauschal lässt sich auf diese Frage nur schwer antworten, da digitaler Medienkonsum nicht gleich digitaler Medienkonsum ist. Wenn ein Kind mit seiner Oma über Skype Kontakt hält, dann ist das ohne Zweifel ein Mehrwert der Digitalisierung – sofern dieser Kontakt nicht dazu führt, dass mögliche Besuche dadurch ersetzt werden, denn nichts ist so wirksam, als wenn sich Menschen in die Augen sehen. Wenn ein Kind alleine in seinem Zimmer bis spät in die Nacht hinein seine Zeit und damit auch seine Gedanken tot schlägt, dann ist das ein Super-GAU. Insofern lohnt es sich für Eltern, genau hinzusehen und abzuwägen. Entscheidend ist dabei die Frage: Warum nutze ich Medien – und was macht das mit mir und meinem Umfeld? Lande ich mit meiner Antwort auf diese Fragen nicht bei den Menschen, dann lohnt es sich innezuhalten: vermutlich befindet man sich auf einem gefährlichen Holzweg.

Sollte digitale Medienbildung bereits in der Grundschule vermittelt werden und wie sollten digitale Medien grundsätzlich in den Unterricht integriert werden?

Medienbildung ist bereits heute ein Thema in der Grundschule und findet sich in allen Lehrplänen wieder. Insofern ist es eine Selbstverständlichkeit, dass digitale Medienbildung in der Grundschule wichtig ist. Ich denke, bis hierher wird es auch großen Konsens geben. Die Kontroversen entstehen bei der Frage, was digitale Medienbildung eigentlich ist und wie diese Medienbildung aussehen soll. Die Forderung beispielsweise, alle Schulbücher und Hefte durch Tablets zu ersetzen, ist eine bildungspolitische Bankrotterklärung und ignoriert wissenschaftliche Erkenntnisse: So konnte selbst bei Digital Natives nachgewiesen werden, dass sie sich Unterrichtsinhalte besser merken können, wenn sie mit Papier und Bleistift mitschreiben als wenn sie sich ihre Notizen mit einem Laptop machen. Und ebenso konnte nachgewiesen werden, dass sie Texte besser verstehen, wenn sie diese auf Papier ausgedruckt lesen und nicht als digitale Fassung. In ähnlicher Weise halte ich die Forderung für überzogen, dass Kinder in der Grundschule programmieren lernen sollen. Die Frage, die sich stellt, lautet: Warum? So wird sich kaum eine Antwort finden, dass es ein Kind im Hier und Jetzt können muss, und selbst als Erwachsener ist es nicht zwingend. Die Theorie der Halbbildung von Adorno macht das deutlich: Wer von uns weiß denn, wie ein Computer funktioniert? Und wer von uns muss es bis ins kleinste Detail wirklich wissen? Damit zeigt sich, dass im Kern die klassischen Felder einer Medienbildung auch im Zeitalter der Digitalisierung greifen: Medienkunde, Mediennutzung, Mediengestaltung und Medienkritik. All das gehört zusammen und muss vernünftig in die Grundschule integriert werden. Dabei ist aus meiner Sicht wichtig: Wenn wir von den Grundschulen heute mehr verlangen, dann müssen wir an einer anderen Stelle aber auch was herausnehmen. Wir können dem Bildungssystem nicht immer mehr Aufgaben übertragen, sondern müssen auch grundsätzlich diskutieren, welche Aufgaben sind uns wichtig. Oder noch deutlicher: Welche Bildung wollen wir für unsere Kinder? So kommt man aus meiner Sicht zum entscheidenden Leitsatz: Pädagogik vor Technik! Digitale Medien haben dem Menschen zu dienen. Sie sollen Lernprozesse optimieren und Bildungsprozesse ermöglichen.

Bislang konnte keine seriöse Studie belegen, dass Kinder alleine durch Mediennutzung negativ beeinflusst werden. Voraussetzung für positive Medienerlebnisse ist, dass Medien hinsichtlich Inhalt, Format und Dauer dem Alter angemessen gebraucht werden. Würden Sie dem beipflichten und was bedeutet für Sie “dem Alter angemessen”?

In diesem Kontext gibt es ein schönes Zitat von Neil Postman: Wer annimmt, Digitalisierung „sei stets ein Freund der Kultur, der ist zu dieser vorgerückten Stunde nichts als töricht.“ Vielleicht müssten wir kurz klären, was „negativ beeinflusst“ bedeutet: Wenn damit gemeint ist, dass Menschen durch Mediennutzung einer suchtähnlichen Gefährdung ausgesetzt sind, dann ist die empirische Beweislast erdrückend. Das ist den Protagonisten im Silicon Valley übrigens bewusst und nicht umsonst sprechen sie von „addictive design“. Ebenso ist die Beweislast erdrückend, wenn damit gemeint ist, dass eine falsche Mediennutzung Lernprozesse erschwert oder sogar Bildungsprozesse unmöglich macht. So gibt es eine Vielzahl an Untersuchungen, die zeigen, dass Mediennutzung negative Effekte auf die Gesundheit von Menschen ebenso wie auf Lesekompetenzen usw. haben kann. Wer täglich mehrere Stunden sinnlos mit dem Smartphone spielt, setzt nicht nur seine Gesundheit, sondern auch sein Lernen und seine Bildung aufs Spiel – und schadet noch dazu dem Ökosystem. Das ist die negative Seite der Medaille, die nicht aus dem Auge verloren werden darf – bei allen Möglichkeiten der Mediennutzung. Wo diese liegen, haben Sie angedeutet: „dem Alter angemessen“. Ich würde diesen Gedanken weiterführen in Richtung: Warum nutze ich welche Medien? Das ist für mich die entscheidende Frage – nicht nur in der Pädagogik, sondern auch für das ganze Leben. Und überall dort, wo ich feststelle, dass der Mensch hinter die Technik tritt, dann ist es Zeit, die Mediennutzung einzustellen. [siehe dazu auch das Interview mit Prof. Dr. Teuchert-Noodt in der Tageszeitung junge Welt, 19./20.Januar 2019, Nr.16]

Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Mediennutzung. Ist somit nicht auch das Elternhaus stärker gefordert, digitale Medienkompetenz zu vermitteln, statt nur die Schulen damit allein zu lassen?

Es zählt zu den größten Chimären der Bildungspolitik, dass es gelingen könne, Bildung ohne das Elternhaus zu denken. Das Elternhaus wird immer einen Einfluss auf den Lebensweg eines Menschen haben und insofern sind Mütter und Väter immerzu gefordert, ihre Verantwortung ernst zu nehmen. Wer glaubt, seinen Kindern mit einem eigenen Smartphone im Kindergarten oder täglichen Fernsehstunden am Nachmittag etwas Gutes zu tun, ist auf dem Holzweg. Diese Eltern sollten mehr mit ihren Kindern spielen – und weniger mit ihrem Smartphone. Leider tragen sich solche Situationen in bildungsfernen Elternhäusern statistisch gesehen öfter zu als in bildungsnahen, wie Sie andeuten. Insofern könnte Digitalisierung das Problem einer Bildungsungerechtigkeit in Zukunft noch verschärfen und eben nicht verringern, wie manche in Unkenntnis der Empirie argumentieren. Folglich ist eine intensive und wertschätzende Kooperation zwischen Schule und Elternhaus ein Schlüssel für mehr Bildungsgerechtigkeit. In dieser wird es vor allem auch darum gehen müssen, einen gemeinsamen Wertekosmos hinsichtlich einer Mediennutzung aufzubauen. Nur so kann in der Schule und im Elternhaus in dieselbe Richtung gearbeitet werden.

In Ihrem Buch “Lernen 4.0. Pädagogik vor Technik – Möglichkeiten und Grenzen einer Digitalisierung im Bildungsbereich” [siehe nebenstehende Bücherliste] geht es zentral um die These, dass Digitalisierung als Strukturmaßnahme wenig bringen wird. Was genau sollte bedacht und angepackt werden, damit digitales Lernen für alle Beteiligten ein Erfolgsmodell wird?

Erfolgreiche Digitalisierung im Bildungsbereich braucht im Wesentlichen drei Dinge: Erstens Strukturen. Zweitens Menschen, die diese Strukturen zum Leben erwecken. Und drittens eine Vision von Bildung, die handlungsleitend wird. Das Entscheidende aber nun: Das Letzte ist das Wichtigste! Ohne diese Vision ist alles andere inhaltsleer und ziellos. Leider können wir das derzeit in vielen Feldern beobachten: Es wird kräftig investiert – zur Freude der Wirtschaft – aber ohne eine Idee davon zu haben, was eigentlich damit erreicht werden soll. Aussagen, wie zum Beispiel „Wir müssen bei der Digitalisierung im Feld experimentieren“, offenbaren dieses Unvermögen. Also lasst uns zunächst gründlich überlegen, welche Bildung uns wichtig ist und welche Gesellschaft wir wollen. Sodann lasst uns die Menschen so stärken, dass sie dies erreichen können. Dafür werden gewisse Strukturen zu verändern sein, die dann aber nicht nur zufällig wirken, sondern den Menschen dienen und auf ein Ziel hin ausgerichtet sind.

zum Artikel: wissensschule.de, Rubrik SCHULE_DIGITAL

Hervorhebungen im Fettdruck durch Schulforum-Berlin.

Förderung von bewährten Unterrichtsmethoden

Was kommt heraus, wenn eine Schule sich strikt nach Hattie und Co. ausrichtet? Ein bemerkenswert traditionell arbeitendes Kollegium

NEWS4TEACHERS, 21.03.2019, Andrej Priboschek

Auf dem Deutschen Schulleiterkongress (DSLK) stellte der Aschaffenburger Direktor Michael Lummel sein Prinzip einer strikt nach wissenschaftlichen Erkenntnissen arbeitenden Schule vor. Das Erstaunliche: Heraus kommt ein wohltuend konservatives Gymnasium, das auf Förderung und bewährte Unterrichtsmethoden setzt – sich gleichwohl vor Innovationen nicht verschließt. Aber nur dann, wenn sie nachweislich Erfolg versprechen.

Inoffizieller Auftakt zum Deutschen Schulleiterkongress vom 21. bis 23. März 2019 in Düsseldorf: Am „Vor-Kongress-Tag“ vor der offiziellen Eröffnung stehen Workshops für Schulleitungen auf dem Programm. Einerseits zur  Selbstoptimierung von Führungskräften:  darunter „Ihre Strategie für mehr Gelassenheit im Leistungsalltag“, „Werkzeugkoffer Körpersprache“ oder (stark besucht!) „Wenn es knallt … – Überwinden Sie Widerstand und Verweigerung im Kollegium mit Ihrer Konfliktmanagementstrategie“. Andererseits Programme zur Schulentwicklung: „Entwickeln Sie einen Masterplan zur Digitalisierung Ihrer Schule“ [siehe auch nachfogender Beitrag auf Schulforum-Berlin] etwa oder „Ihr Konzept für mehr Zusammenhalt im multiprofessionellen Team“.

Unter den Referenten fällt ein Schulleiter auf – Michael Lummel, Direktor des Friedrich-Dessauer Gymnasiums in Aschaffenburg. Er präsentiert ein besonderes Thema: sich selbst, genauer: seine Art, die Schule nach wissenschaftlichen Kriterien zu leiten. Titel des Workshops: „Ohne Fleiß kein Preis! Von der Hattie-Theorie zur Entwicklungsstrategie für Ihre Schule“.

Mit der „Hattie-Theorie“ sind die Erkenntnisse von John Hattie gemeint, dem wohl berühmtesten Bildungsforscher der Welt. Der neuseeländische Professor hat 50.000 Studien mit den Daten von insgesamt 236 Millionen Schülern zu einer Meta-Studie zusammengefasst und daraus Erkenntnisse gezogen,  welche Maßnahmen in Schule und Unterricht tatsächlich leistungsfördernd wirken.  Für Schulleiter Lummel bieten Hattie und die empirische Bildungsforschung überhaupt „einen inneren Kompass“, nach dem er Entscheidungen ausrichten kann. Heraus kommt nach Lummels Schilderung eine Schule, die in vielen pädagogischen Fragen konservativer tickt, als man zunächst annehmen könnte. Gleichwohl lassen sich Schulleitung und Kollegium hin und wieder auch auf Neuerungen ein, die exotisch anmuten – tatsächlich aber stets wissenschaftlich begründet werden können.

Der Reihe nach: „Häufig ist nicht der Widerstand gegen Reform das Problem, sondern die unkritische Akzeptanz von zu viel Innovation“, sagt Lummel. Anders ausgedrückt: „Jeden Tag wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben.“ Ob die Neuerung aber tatsächlich die Lernergebnisse verbessert, werde selten im Vorhinein eruiert – mit der Folge, dass allzu häufig echte Erfolge ausblieben und sich Erschöpfung und Frustration unter den Akteuren breitmache.

Ein Beispiel: offener Unterricht. Schulen, in denen Kinder in „Lernlandschaften“ sich selbstständig und interessengeleitet Wissen aneignen sollen, würden mit Schulpreisen bedacht und in Medien gefeiert. Die Ergebnisse der empirischen Forschung aber seien diesbezüglich „extrem ernüchternd“. In Mathematik beispielsweise sei ein Unterricht „durch einen Lehrer, der’s studiert hat und der den Stoff strukturiert, deutlich besser als zu sagen: Erarbeitet Euch das mal selber“. Auch der immerzu geforderte Realitätsbezug in Mathe sei zwar „am Zeitgeist orientiert“ – habe aber bei Hattie eine Effektstärke nahe null ergeben. Mit anderen Worten: bringt praktisch nichts. („Herr Lummel, Sie haben mein Leben zerstört“, so habe eine Referendarin ihm diese Erkenntnis quittiert, berichtet er lächelnd). „Lasst es auch ruhig mal abstrakt sein“, schlussfolgert der Direktor, selbst ursprünglich Lehrer für Englisch und Geschichte.

“Muss das auch noch sein?”

Hohe Effektstärken – und pädagogische Erfolge in der Praxis seiner Schule – brächten dagegen eher tradierte Lernformate, Förderkurse für „Wackelschüler“ beispielsweise (und die dann auch zumeist frontal). Diese „Direct Instruction“ bedeute aber nicht, dass der Lehrer stundenlang vor sich hin doziere – im Gegenteil: Kurze, knackige Erklärungsphasen. Und dann: möglichst viel Übungszeit [siehe dazu mehr auf Schulforum-Berlin]. Sogar Leseförderung haben Lummel und sein Kollegium deshalb an seiner Schule eingeführt – an einem Gymnasium, das gute Schüler voraussetzt, eine ungewöhnliche Maßnahme. Gleichwohl reifte im Kollegenkreis die Erkenntnis, dass geschätzt zehn Prozent der Kinder nicht als ausgereifte Leser aus der Grundschule kommen – das dann eingeführte Förderkonzept baut, natürlich, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Ebenso übrigens wie eine Innovation, die ihm selbst zunächst ein gernervtes „Muss das auch noch sein?“ entlockt habe, gestand Lummel. Ein Lehrer seines Kollegiums sei zu ihm gekommen und habe Hometrainer für seine Klasse haben wollen. Lummel ließ sich durch die Expertise der Universität Wien überzeugen, dass die Sportgeräte im Unterricht wirklich gesundheits- und konzentrationsfördernd seien. Ergebnis, so Lummel: „Das war in den vergangenen zwei Jahren unsere beliebteste Klasse.“

Mitunter stößt aber die Wissenschaftlichkeit auch an Grenzen – bei der Frage beispielsweise, ob die Schule das Doppelstundenprinzip einführen soll. Er habe alle namhaften Bildungsforscher in Deutschland kontaktiert und gefragt, ob Einzel- oder Doppelstunden grundsätzlich lernförderlicher seien, berichtete Lummel, aber von allen die Antwort erhalten: keine Ahnung, das haben wir nicht erforscht. Für Lummel hieß das in der Konsequenz: keine Umstellung des gesamten Stundenplans. „Wenn ich eine Reform angehe“, so der Schulleiter, „dann brauche ich Hinweise, dass die wirklich etwas bringt. Sonst lasse ich’s.“

Der Deutsche Schulleiterkongress (DSLK) ist die jährlich stattfindende Leitveranstaltung für schulische Führungskräfte in Deutschland.

Grau unterlegte Einschübe und Hervorhebungen im Fettdruck durch Schulforum-Berlin.
zum Artikel: NEWS4TEACHERS

Mehr zu den Forschungsergebnissen von John Hattie unter: http://schulforum-berlin.de/category/hattie-studie-visible-learning/

Der Einsatz digitaler Medien ist kein Selbstläufer

Digitale Bildung: Worauf es beim Computer-Einsatz im Unterricht wirklich ankommt – ein Interview mit dem Bildungsforscher Klaus Zierer

NEWS4TEACHERS: Das Interview führt Ines Oldenburg, Privat-Dozentin an der Universität Oldenburg

Der Einsatz digitaler Medien ist oft mit der diffusen Erwartung verbunden, der Unterricht werde dadurch automatisch besser. Was dabei wirklich ausschlaggebend ist, erklärt Bildungsforscher Prof. Klaus Zierer (der mit dem berühmtesten Bildungsforscher der Welt, John Hattie, zusammenarbeitet) im Interview. Er fordert: Pädagogik vor Technik! Das Interview erschien zunächst in der Ausgabe “Keine Angst vor Tablet und Co” der Zeitschrift “Grundschule”.

Als empirischer Bildungsforscher und Erziehungswissenschaftler haben Sie sich ja umfangreich mit John Hatties Studie „Visible Learning“ auseinandergesetzt und diese im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht – welche Faktoren im Kontext von Digitalisierung haben demnach die deutlichsten Auswirkungen auf die Lernleistung von Schulkindern?

Zierer: Für digitale Medien gilt, was für alle anderen Faktoren auch gilt: Es ist weniger der Faktor, der Wirkung erzielt, als vielmehr die Art und Weise, wie Lehrpersonen über Lernen und Lehren denken und darauf aufbauend den jeweiligen Faktor – hier: digitale Medien – in den Unterricht integrieren. Das lässt sich an einer Reihe von Faktoren aufzeigen. Nehmen wir zum Beispiel „intelligente Tutoringsysteme“ mit einer Effektstärke von 0,48. Auf den ersten Blick überzeugend, auf den zweiten Blick zeigt sich: Die Wirkung dieses Faktors hängt davon ab, dass ich als Lehrperson auf der Grundlage des Lernstandes meiner Schülerinnen und Schüler weiß, wann diese Maßnahme die richtige ist.

Konkret wissen wir, dass intelligente Tutoringsysteme auf den Ebenen der Reproduktion und Reorganisation hilfreich sein können, auf den Ebenen des Transfers und des Problemlösens aber schnell an ihre Grenzen stoßen. Damit zurück zu Ihrer Frage: Es ist nicht das digitale Medium entscheidend – diese ändern sich sowieso tagtäglich – und insofern würde eine einfache Fokussierung auf bestimmte Medien das Ziel von Schule und Unterricht verfehlen. Vielmehr ist die Professionalität von Lehrpersonen entscheidend.

Der Titel Ihrer neuen Publikation „Lernen 4.0 – Pädagogik vor Technik“ [siehe nebenstehende Bücherliste] spricht sicherlich vielen Pädagoginnen und Pädagogen aus dem Herzen, sich wissenschaftlich fundiert dazu bekennen zu dürfen, sich nicht zum „Sklaven der digitalen Technik“ zu machen, sondern selbstbewusst die Beziehungsarbeit und das Lernen an sich in das Zentrum ihres Unterrichts zu stellen. Was meinen Sie mit der Aussage des Titels „Pädagogik vor Technik“?

Zierer: Wir können an vielen digitalen Medien der vergangenen Jahre sehen, welche enormen Möglichkeiten der technische Fortschritt mit sich bringt. Dennoch darf man aus meiner Sicht den Kontext nicht aus dem Blick verlieren, in dem diese digitalen Medien eingesetzt werden sollen. Vor diesem Hintergrund plädiere ich dafür, nicht so einfach die Forderung einer „Industrie 4.0“, einer „Arbeitswelt 4.0“ oder einer „Medizin 4.0“ auf Erziehung und Unterricht zu übertragen. Aus diesem Grund ist gerade bei Bildung zu unterscheiden, was technisch möglich und pädagogisch sinnvoll ist.

Ein konkretes Beispiel: Schon heute ist es technisch möglich, dass Kinder keine Fremdsprache mehr lernen müssen, um sich mit anderen Menschen in einer fremden Sprache zu unterhalten. Eine App kann die Übersetzung übernehmen. Pädagogisch sinnvoll ist das aber nicht, denn das Erlernen einer Sprache erschöpft sich nicht darin, dass ich eine Sprache spreche. Eine Sprache ist auch und vor allem Träger von Werten und Normen, von Geschichte und Kultur. Und all das hilft mir eben nicht nur, eine Sprache zu beherrschen, sondern den Anderen zu verstehen und dadurch auch mich zu verstehen.

Insofern müssen aus meiner Sicht in Bildungskontexten pädagogische Überlegungen immer vor technischen Fragen stehen. Das gilt übrigens auch für all jene Fälle, in denen technische Errungenschaften neue pädagogische Möglichkeiten und damit Ziele eröffnen. Denn dann gilt es, diese neuen Möglichkeiten und Ziele erneut pädagogisch zu hinterfragen und ihre Sinnhaftigkeit zu reflektieren.

Digitale Medien sind nicht per se Unterrichtsqualitätsverbesserer. Die Lehrkraft muss sie immer im Hinblick auf ihren Mehrwert für den geplanten Unterricht prüfen. Inwiefern liefert beispielsweise der Einsatz des Tablets zur Produktion eines Erklärvideos im Sachunterricht tatsächlich einen Mehrwert, den es ohne Tablet nicht gäbe?

Zierer: Zunächst ist beim Einsatz von digitalen Medien zu unterscheiden, ob es um die Wirkung in einem Fach geht oder um die Wirkung auf digitale Kompetenzen. Im Falle der Letzteren ist es einfach und zweifelsfrei, wenn ich Ihr Beispiel aufgreife: Kinder lernen bei der Produktion eines Erklärvideos den Umgang mit digitalen Medien und wünschenswerterweise auch eine kritische Einstellung dazu. Ob digitale Kompetenz in welcher Form auch immer bereits in der Grundschule gelernt werden muss, ist eine andere, normative Frage.
Bei der Frage nach der Wirkung in einem Fach sind die Kriterien andere.

Der Mehrwert zeigt sich hier am Lernerfolg: Der Einsatz digitaler Medien führt dann dazu, dass Schülerinnen und Schüler besser lernen – dabei kann „besser“ schneller, nachhaltiger, motivierter, demokratischer und dergleichen bedeuten. Gerade in diesen Fällen zeigen viele empirische Studien, dass der Einsatz von digitalen Medien kein Selbstläufer ist: Er allein führt nicht zu diesem Mehrwert. Dieser erfordert von Lehrpersonen eine entsprechende pädagogische Expertise. Das gilt auch für die erwähnten Erklärvideos.

Wie können nun Lehrerinnen und Lehrer, deren professionelles Handeln der entscheidende Faktor für eine gelingende – das heißt wohl durchdachte – Digitalisierung im Unterricht ist, eben dieses professionelle Handeln weiterentwickeln?

Zierer: Das Wichtigste ist aus meiner Sicht, digitale Medien nicht als Selbstzweck zu sehen, sondern die Frage nach dem Warum zu reflektieren. Wenn Lehrpersonen auf diese Frage beispielsweise antworten, dass digitale Medien eingesetzt werden, weil es heutzutage erwünscht sei, dann hat das wenig mit Professionalität zu tun. Wenn sie demgegenüber antworten, dass sie digitale Medien einsetzen, weil sie für ihre Lernenden zum jetzigen Zeitpunkt, ausgehend vom Lernstand und im Hinblick auf das angestrebte Bildungsziel das Medium mit dem größten zu erwartenden Effekt sind, dann zeigt sich daran pädagogische Expertise. Kurzgefasst steckt das in der Formel: Pädagogik vor Technik.

Als didaktisches Arbeitsmodell finde ich hierfür das SAMR-Modell von Puentedura hilfreich, weil es sowohl theoretisch fundiert als auch empirisch abgesichert ist. Er unterscheidet darin vier Ebenen des digitalen Medieneinsatzes, um dessen Möglichkeiten sichtbar zu machen: S steht für Substitution (Ersetzung), A für Augmentation (Erweiterung), M für Modifcation (Änderung) und R für Redifinition (Neubelegung). Das überzeugende an diesem Modell: Auf den Ebenen der Substitution und Augmentation sind keine durschlagenden Effekte möglich – man kann das machen, muss es aber nicht. Interessant wird es auf den Ebenen der Modification und Redifinition. Hier kommt es zu einem Mehrwert durch den Einsatz digitaler Medien, der vor allem darauf zurückzuführen ist, dass es gelingt, Menschen und ihre Ideen miteinander zu verbinden.

Die Digitalisierung ist wie in der Gesellschaft  auch im Bildungsbereich nicht aufzuhalten. Gibt es Ihrer Meinung nach Gelingensbedingungen für eine erfolgreiche Digitalisierung in Schule und Unterricht?

Zierer: Zunächst stimme ich der These zu, dass Digitalisierung auch im Bildungssystem nicht aufzuhalten ist. Ob das gut ist, muss aus meiner Sicht konkretisiert werden: Keine Technik ist nur gut und keine Technik ist nur schlecht. Technik bringt immer Chancen mit sich, aber eben auch Gefahren. Letztere können wir heute bereits an vielen Facetten erkennen. Ich nenne nur Smartphones als Beispiel, die bereits die Erlebensmöglichkeiten von Grundschulkindern verändert haben – und das eben nicht nur positiv.

Damit will ich nicht gegen eine Digitalisierung im Bildungsbereich sprechen, sondern eher ihre Notwendigkeit unterstreichen und damit auch die zentrale Gelingensbedingung ansprechen: Digitalisierung erfordert eine umfassende Medienbildung, die die Bereiche der Medienkunde, der Mediengestaltung, der Mediennutzung und der Medienkritik umfasst. Und alle vier Bereiche sind wichtig, hängen voneinander ab, beeinflussen sich gegenseitig. Um das umzusetzen, sind Strukturen wichtig, aber noch wichtiger sind die Menschen, die diese Strukturen zum Leben erwecken. Insofern brauchen wir nicht nur eine Investition in digitale Ausstattung, sondern vor allem eine Investition in die Menschen. Und da wir Menschen Teil der Natur und Umwelt sind, brauchen wir ein gesundes Ökosystem – aus meiner Sicht viel, viel wichtiger als Digitalisierung.

Abschließend: Was ist Ihre zentrale Botschaft an Lehrerinnen und Lehrer, die die Herausforderungen der Digitalisierung im Unterricht sinnvoll meistern wollen?

Zierer: Wichtiger als das, was Lehrpersonen tun, ist, wie und warum sie es tun. Erfolgreiche Lehrpersonen zeichnen sich nicht nur durch Kompetenzen aus, sondern durch Haltungen. Und eine der entscheidenden Haltungen ist, danach zu fragen, welchen Einfluss man auf die Lernenden hat, diesen Einfluss sichtbar zu machen und als Gesprächsanlass für den kollegialen Austausch zu nutzen. Denn eines unterstreicht Digitalisierung in einer besonderen Weise: Nachhaltige Schul- und Unterrichtsentwicklung erfordern kooperative Strukturen und eine Kultur des Fehlers, eine gemeinsame Vision von Schule und Bildung sowie eine gemeinsame Vorstellung von Unterrichtsqualität. Nutzen Sie also Ihre kollektive Intelligenz, entwickeln Sie eine gemeinsame Bildungsvision und tauschen Sie sich evidenzbasiert über Unterricht als Ihr Kerngeschäft aus!

Grau unterlegte Einschübe und Hervorhebungen im Fettdruck durch Schulforum-Berlin.

Zum Artikel NEWS4TEACHERS vom 22.09.2018

„Körperlich anwesend und mehr nicht“

Abhängig vom Smartphone „Wem schreibst du denn? Wir sind doch alle hier“

Die Eltern regen sich auf, die Uni erfordert Konzentration – doch niemand kann es zur Seite legen. Ein Generationen-Gespräch über Tücken des Smartphones.

Tagesspiegel, 28.02.2019, Claudia Seiring, Kim Jüditz

Steckbrief Kim
Alter: 20 Jahre, Jahrgang 1998. Tätigkeit: Studentin an der Hochschule in Lingen im Fach Kommunikationsmanagement; momentan Praktikantin beim Tagesspiegel. Erstes Handy mit 10 Jahren; damals schon oft allein zur Schule gegangen, außerdem sollte das Handy mir die Möglichkeit geben, öfter mit meinem Vater zu telefonieren, von dem ich getrennt lebte. Mein erstes Smartphone hatte ich mit 13. Soziale Netzwerke: Auf Whatsapp und Instagram sehr aktiv, stetiger Begleiter; Facebook und Twitter nur passiv, um auf dem Laufenden zu bleiben; Snapchat gar nicht mehr, Pinterest gelegentlich als Inspiration. Motto: Ich versuche, mein Smartphone bewusster zu nutzen. Das persönliche Gespräch wird mir immer wichtiger.
Steckbrief Claudia
Alter: 56 Jahre, Jahrgang 1962. Tätigkeit: Redakteurin im Newsroom des Tagesspiegels. Erstes Handy im Jahr 2000, erstes Smartphone 2011. Soziale Netzwerke: Facebook, Twitter und Instagram vor allem passiv, WhatsApp intensiv, Messenger gelegentlich. Motto:  Der Griff zum Smartphone darf kein Automatismus sein (bleiben).

Am Anfang war das Gespräch: Redakteurin Claudia Seiring und Praktikantin Kim Jüditz unterhielten sich über ihre Smartphones – und darüber, wie sehr sie ihnen verfallen sind. Dabei stellte sich heraus, dass beide eine gewisse Abhängigkeit zu dem Gerät fühlen – auf unterschiedliche Art und Weise. Außerdem wurde klar, dass es in beiden Familien immer wieder – auch genervte – Diskussionen über die „angemessene“ Handynutzung gibt.

Kim ist 20, die beiden Söhne von Claudia sind 21 und 18 Jahre alt. Kims Mutter ist derselbe Jahrgang wie Claudia. Nach dieser Erkenntnis beschlossen beide, über das Thema „Smartphone“ ausführlicher zu diskutieren. Während des Dialogs wurde immer deutlicher, wie vielschichtig das Thema ist und wie vielfältig es sie betrifft. Das „Gespräch“ führten die beiden schriftlich. Also recht altmodisch.

Claudia: Liebe Kim, das freut mich, dass Du Lust hast, mit mir über das leidige Thema „Handy“ zu sprechen. Ich bin manchmal so genervt, wenn meine Kinder da rein starren. Und dann stelle ich fest, dass ich selber durch das Ding total abgelenkt bin. Wir haben in unserer Familie eigentlich die Regel: Kein Handy in der Küche. Und: Immer nur ein Medium im Raum … also nicht Fernseher und Handy gleichzeitig. Wie ist es bei Euch?

Kim: Liebe Claudia, ich freue mich auch darauf, die Möglichkeit zu haben, einmal meine Perspektive zu dem Thema schildern zu können. Meine Eltern sind seit meinem vierten Lebensjahr getrennt, beide sind seit einigen Jahren wieder glücklich verheiratet. Ich verstehe mich gut mit den neuen Partnern und kann mit allen offen sprechen, es kann über jegliche Themen diskutiert werden.

Wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch bin – egal welchen –, kommt das Thema „Handy“ ziemlich oft auf den Tisch. Sie merken, wie oft ich doch an dem Teil hänge und meine Aufmerksamkeit manchmal sogar davon unterbrochen wird, wenn wir uns unterhalten. Ich selbst verstehe den Ärger, mich nervt allerdings die ständige Konfrontation und die Einstellung, es sei alles „schlecht“. Auch bei uns haben wir die Regel: Kein Handy am Esstisch. Da sich meine Eltern aber teilweise selbst nicht dran halten, hat das wiederum Auswirkungen darauf, wie ernst ich es nehme. Klappt das mit dem Einhalten der Regeln bei euch besser? Was nervt dich besonders?

Die Eltern stellen die Regeln auf – und bilden die Ausnahmen

Claudia: Als ich las, dass Deine Eltern sich selbst nicht an die Regeln halten, wollte ich spontan (und selbstgefällig) antworten: Ich nutze das Handy in der Küche nie! Dann fiel mir ein: Doch. Zum Beispiel wenn ich „nur schnell“ etwas nachgucken will … Oder wenn ich den anderen einen lustigen Film/Text zeigen will … Und dann noch, wenn noch jemand anrufen wollte … Ich bin also genauso wie Deine Eltern.

Das wird übrigens von meinen Kindern auch total kritisiert: dass wir Eltern Regeln aufstellen und dann selber die Ausnahmen bilden. Mir war das gar nicht so klar, dass das sehr genau beobachtet wird. Dabei muss ich sagen: Ich bin für die Ablenkung durch das Smartphone viel anfälliger als mein Mann. Der ist in unserer Gegenwart kaum am Handy. Wenn er es länger nutzt, zieht er sich dafür in einen anderen Raum zurück. Das schaffe ich so nicht.

Logisch, dass Dich die Konfrontation mit Deinen Eltern nervt: Soll sie ja auch! Sage ich mal etwas provokant. Ich will ja auch, dass meine Kinder sich Gedanken darüber machen, wie sie rüberkommen: ignorant, abwesend, desinteressiert. Wir verbringen ja sowieso nicht mehr viel Zeit miteinander – meine Söhne sind 21 und 18 –, aber die Zeit, die wir gemeinsam haben, will ich dann auch pur.

Das gilt zum Beispiel bei unserem einzigen Fernseh-Ritual. Wenn sie beim „Tatort“ oder „Polizeiruf“ parallel ins Handy starren, bin ich total genervt. Natürlich frage ich mich, warum? Die Antwort: weil es kein gemeinsames Fernseh-Erlebnis mehr ist. Auch wenn wir nicht permanent plappern, während der Krimi läuft, wirft man sich doch mal einen Kommentar zu. Das ist dann vorbei, wenn einer sich ausklinkt. Körperlich anwesend und mehr nicht. Schaut ihr zusammen Fernsehen oder Filme? Wie ist es da?

Kim: Wenn ich mit meiner Familie einen Film schaue, ist das ähnlich. Ich kann total verstehen, dass dich das nervt, wenn deine Kinder mental einfach woanders sind. Mir würde es genauso gehen. Wenn ich mit Freunden einen Film schaue, finde ich es auch blöd, wenn sie sich nebenbei noch mit anderen Leuten über WhatsApp unterhalten oder durch ihren Instagram-Feed scrollen.

Und wenn mich meine Eltern dann mal dabei erwischen, wie ich während des Films nach neuen Nachrichten schaue, fragt mich mein Stiefvater immer allzu gerne: „Wem schreibst du denn? Wir sind doch alle hier“. Ich habe dann sofort ein schlechtes Gewissen und merke, dass ich mein Handy ganz unbewusst in die Hand genommen habe. Die Stelle im Film war gerade nicht so interessant – schon wird die Aufmerksamkeit dem Smartphone geschenkt.

Mutter und Smartphone im Kampf um Aufmerksamkeit

Claudia: Oh ja, das kenne ich genau. So, als dürfte bloß kein Moment der Langeweile aufkommen, als dürfte die Spannung nicht eine Minute abfallen. Manchmal macht mich das richtig wütend. Warum? Weil ich das Gefühl habe, gegen das Smartphone antreten zu müssen. Nach dem Motto: Wer ist unterhaltsamer? Wer ist aufregender? Wer ist interessanter? Dabei ergeben sich doch Gespräche nicht von jetzt auf gleich, sondern müssen sich entwickeln. Aber ich merke auch, dass mein älterer Sohn das teilweise unbewusst macht, der Griff nach dem Handy zum Automatismus geworden ist.

Kim: Und genau dieses Unbewusste macht mir sogar ein bisschen Angst. Ich muss einfach zugeben, dass ich und mit Sicherheit auch der Großteil meiner Generation, abhängig bin von dieser virtuellen Welt. Sobald ich gerade nichts zu tun habe, werfe ich einen Blick auf mein Handy. Wir sind ständig erreichbar und up-to-date, inszenieren uns täglich auf sozialen Plattformen und wollen immer überall mit dabei sein.

Das macht einerseits Spaß und ist einfach Bestandteil des Alltags, hat jedoch auch seine Schattenseiten. Ich merke immer wieder, dass eine Pause manchmal gar nicht so schlecht ist. Beim Lernen zum Beispiel: In der Klausurenphase sitze ich acht Stunden am Schreibtisch und lege das Handy bewusst weg. Wenn ich das nicht tun würde, wäre ich alle fünf Minuten abgelenkt.

Wie beobachtest du die Handynutzung bei deinen Kindern? Wie ist das bei dir? Ertappst du dich vielleicht auch manchmal dabei, unbewusst am Handy zu hängen?

Der kleine Bruder will nicht in der Instagram-Story auftauchen

Claudia: Ja, ich ertappe mich auch dabei. Und tatsächlich schalte ich morgens oft gleich das Handy an. Nach dem Motto: Hat jemand geschrieben? Ist was passiert? Am Besten ist es, wenn ich das Smartphone nicht im gleichen Raum habe, dann ist der Automatismus unterbrochen.

Wie sehr das Ding mittlerweile meinen Alltag bestimmt, merke ich vor allem im Urlaub. Früher, bis vor zwei, drei Jahren war klar: Handy aus. Ferien von allem, bloß keine Nachrichten, einfach mal abschalten. Heute nutze ich das Handy gerade im Urlaub oft: Um Fotos zu machen aber auch, um Routen zu planen, Verkehrsverbindungen zu checken oder den Flug online zu bestätigen.

Bei meinen Kindern scheint mir die Nutzung so unterschiedlich, wie die beiden sind. Der eine ist Instagramer, hat viele Follower und stellt oft Fotos ins Netz. Er ist viel in Interaktion, jemand, der bevor er im Restaurant den ersten Happen isst, das Essen postet … Der andere nutzt das Smartphone eher zur Kommunikation mit seinen Freunden, weniger für die unbekannte Öffentlichkeit. Und achtet genau darauf, dass er von seinem Bruder nicht in eine Story eingebunden wird, ohne davon zu wissen. Will also nach seiner Zustimmung gefragt werden – und gibt sie nicht immer.

Das, was Du mit der Klausurenvorbereitung beschreibst, habe ich übrigens auch von meinen Kindern gehört: Um sich wirklich aufs Lernen zu konzentrieren, machen sie das Handy aus. Weil es ihnen sonst zu schwerfällt, nicht zu reagieren wenn es piept, brummt oder ein Foto aufploppt. Glaubst Du eigentlich, dass das schon Suchtcharakter hat?

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Wolkige Formulierung von „pädagogisch neuen Wegen“

Hessischer Holzweg

In der Schule sind Noten nicht ersetzbar. Sie dienen als Orientierung für alle. F.A.Z. – POLITIK, 06.03.2019, Heike Schmoll

In den siebziger Jahren haben fast alle Kultusministerien im Westen die Zensurenfreiheit zumindest für das erste Grundschuljahr, zuweilen auch für die ersten zwei oder drei Jahre verordnet. Die Ablehnung der Notengebung mit der Begründung, sie seien schädlich für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes, gehörte jedenfalls fast schon zum guten Ton, obwohl es dafür keinen Beleg gab.

Schon vor Jahren hatte der rheinland-pfälzische Landeselternbeirat „Ziffernoten” als „Körperverletzung” ver­urteilt. Die alljährlich veranstalteten „Vergleichsarbeiten” sind anonymisiert, so dass man nicht vergleichen kann und soll, wie ein Schüler im Leistungsver­gleich abschneidet. […] Noch sind die Schulnoten nicht abge­schafft. Doch der schleichende System­wechsel zur nivellierenden Einheitsschu­le, in der jede Leistungsdifferenz ver­schleiert werden soll, geht auch durch die Hintertür. Inzwischen sind Gefällig­keits-Abiture zum Beweis für erfolgrei­ches „Qualitätsmanagement” avanciert. Aus: FAZ, 09.03.2017, Bildungswelten, von Walter Oldenbürger. Er unterrichtet Deutsch, Philosophie, katholische Religion und Ethik an einem rhein­land-pfälzischen Gymnasium.

Nun hat der Vertrag der schwarz-grünen Regierung in Hessen eine neue Diskussion darüber entfacht, weil er die wolkige Formulierung von „pädagogisch neuen Wegen bei der Erreichung der Bildungsziele“ und „Abweichungen bei der Unterrichtsorganisation und -gestaltung“ festgeschrieben hat. Schulen könnten Unterricht fächerübergreifend erteilen, jahrgangsübergreifende Lerngruppen bilden oder Rückmeldungen über den Leistungsstand „in Form einer schriftlichen Bewertung geben“. Die Handschrift der Grünen ist an diesen Forderungen leicht zu erkennen.

Andere Länder haben mit solchen Experimenten ihre eigenen Erfahrungen gemacht. In Berlin gibt es immer mehr Grundschulen, die das jahrgangsübergreifende Lernen für einen Fluch für schwache und begabte Schüler gleichermaßen halten. In Baden-Württemberg beendete das Ministerium einen Schulversuch von zehn Grundschulen, die auf Zensuren verzichteten und selbst entschieden, wie sie die Leistungen ihrer Schüler beurteilen. Angestoßen hatte auch ihn in Baden-Württemberg die (grün-rote) Landesregierung, dabei aber auf eine wissenschaftliche Auswertung mit Kontrollgruppen verzichtet. Das heißt, der Schulversuch war eigentlich nur ein Alibi, um Ausnahmen vom Schulgesetz zu ermöglichen, ohne dass deren Sinnhaftigkeit auch nach Jahren erkennbar war.

Man kann nur hoffen, dass Hessen nicht den gleichen Fehler wiederholt und die insgesamt 150 Schulen ohne wissenschaftliche Begleitung ihrem Schicksal überlässt. Nur unter solcher Begleitung könnte sich zeigen, ob Schüler ohne Noten weniger Angst haben, ob sie motivierter lernen und eigenständiger vorgehen. Nur so ließen sich auch negative Begleiterscheinungen erkennen. Allerdings wären die Hessen gut beraten, auf das zeitraubende Experiment ganz zu verzichten. Denn die Forschungslage ist eindeutig: Sobald auf Ziffernoten verzichtet wird, geht die Orientierungsleistung von Noten für Eltern, Lehrer, die Öffentlichkeit, vor allem aber für den Schüler selbst verloren. Noten sind eine unverzichtbare, weil durch nichts anderes ersetzbare Objektivierungsinstanz.

In einer umfangreichen Studie waren Lehrer schon nach wenigen Wochen nicht mehr in der Lage, ihre eigenen verbalen Beurteilungen einem Schüler zuzuordnen, sie wussten nicht einmal zu sagen, ob es sich um eine gute oder schlechte Beurteilung handelte. Die wesentlichen Anforderungen an Noten, die valide, zuzuordnen und skalierbar, also vergleichbar sein sollen, sind bei verbalen Beurteilungen nicht erfüllt.

Es ist niemandem damit gedient, Ziffernoten einfach durch schriftliche Bewertungen zu ersetzen. Der Effekt war und ist überall der gleiche: Die Eltern fragen, was die wortreichen Formulierungen in Ziffernoten bedeuten; und wenn ein Schulwechsel ansteht oder die Grundschulzeit beendet ist, müssen die schriftlichen Beurteilungen ohnehin in Ziffernoten übersetzt werden.

Oft genug sind verbale Beurteilungen viel verletzender als Ziffernoten, weil sie die Trennung zwischen Person und Leistung nicht einhalten. Genau das ist aber unbedingt nötig: Lehrer sollen und können keine Kinder beurteilen, sondern ausschließlich deren Leistungen. Zugleich gewinnen Schüler den Eindruck, dass der Lehrer nicht ehrlich sei und sie zu wenig kenne, wenn die verbale Beurteilung nicht zutrifft.

Wer den Ziffernoten den Rücken kehrt, muss wissen, dass er sich damit gegen alle empirische Evidenz auf den Holzweg begibt. Es ist nichts Neues, dass sich Länder aus ideologischen Gründen über alle Forschungserkenntnis hinwegsetzen und so tun, als gehe sie die Bildungsforschung nichts an. [siehe nachfolgender Einschub] Es bleibt allerdings erstaunlich, dass solche Feldversuche mit ganzen Schülergenerationen in der Schulpolitik toleriert werden, während sie in der Medizin als schwere Kunstfehler bewertet würden.

Die Wissenschaft spielt in der Bildungspolitik kaum eine Rolle. Ihre Erkenntnisse werden selten umgesetzt oder gleich ganz ignoriert. Dies zeigt sich vor allem bei den Veränderungen an deutschen Schulen, die im Zuge der ersten Pisa-Ergebnisse vorgenommen wurden. Bildungspolitiker reagierten auf das schlechte Abschneiden deutscher Schüler mit Reformen, die teils einen massiven Wandel in den Bildungssystemen der Länder beabsichtigten. Die für die Umsetzung zuständigen Akteure – vor allem Schulleiter, Lehrer, aber auch Eltern – klagen seitdem über einen erhöhten Reformdruck. Der Grund: Oft erschließen sich Sinn und Logik der Reform dem pädagogischen Personal nur schwer. Das führt dazu, dass Reformen oft mit hohen Kosten und großem Aufwand eingeführt werden, um kurze Zeit später ebenso aufwendig wieder abgeschafft zu werden. […] Sicher ist, dass in der Bildungspolitik politische Interessen häufig dominieren – zulasten von Fragen der Plausibilität, Wirksamkeit und Sinnhaftigkeit. Es ist auffallend, wie selten sich Forschungsergebnisse in der Praxis durchsetzen. Aus: DIE ZEIT Nr. 40/2018, 27.09.2018, Ein Gastbeitrag von Nina Kolleck, Professorin am Lehrstuhl für Bildungsforschung und soziale Systeme an der FU Berlin, Bildungspolitik: Das große Desinteresse – Bildungspolitiker ignorieren die Erkenntnisse der Wissenschaft.

Anstatt ihre Zeit mit solchen Experimenten mit absehbarem Ausgang zu vergeuden, wäre es besser, wenn sich die 150 Schulen in Hessen darum bemühten, die Ziffernoten durch regelmäßige, also tägliche differenzierte Rückmeldungen zu begleiten. Das macht viel Arbeit, weil es die genaue Beobachtung und Einschätzung der Schüler durch ihre Lehrer voraussetzt. Die Rückmeldung über die je individuellen Schwächen und konkrete Vorschläge, mit gezielten Aufgaben darüber hinwegzukommen, wäre ein wirklich weiterführender Ansatz, Schüler zu einem treffenden Urteil über sich selbst zu helfen und sie das Lernen zu lehren.

[…] Die Aussicht auf Erfolg erhöht sich, wenn der Lehrkörper sehr frühzeitig die Zielsetzung des Unterrichtes kommuniziert und sich ständig um Feedback in Bezug auf den Fortschritt der einzelnen Schüler bemüht sowie die Lehrmethoden im Lichte dieser Rückmeldungen anpasst. Die Aussicht auf Erfolg erhöht sich, wenn Schüler, die mit den Herausforderungen des Lernens kämpfen, das Lernen selbst beigebracht bekommen (sich zu konzentrieren, mit Bewusstsein zu arbeiten, Fehler und Fehlschläge zu tolerieren, gemeinsam an Problemlösungen zu arbeiten und verschiedene Lernstrategien auszuprobieren) und mit regelmäßigem Feedback über die nächsten Schritte versorgt werden. […] Im Interview mit FreieWelt.net, 04.07.2015, erläutert Prof. John Hattie, was guten Unterricht ausmacht.

Das Lernen gelernt zu haben heißt schließlich, kontinuierlich an den eigenen Schwächen zu arbeiten und Selbstdistanz sowie Selbstkritik zu entwickeln. Mit Reformhoffnungen gegen alle rationalen Einwände indessen wird den Schülern dieser Weg verstellt.

Grau unterlegte Einschübe und Hervorhebungen in Fettdruck durch Schulforum-Berlin.

Zum Artikel: F.A.Z. – POLITIK, 06.03.2019, Heike Schmoll

Zum gleichen Thema siehe auch: Welt am Sonntag, 10.02.2019, Rainer Werner, Ohne Noten ist die Schule mangelhaft

Bedingt ausbildungsbereit

Auszubildende: IHK diagnostiziert massives Motivationsproblem in Berlin

Berlins IHK hat den jüngsten Ausbildungslehrgang statistisch ausgewertet. Ergebnis: Viele Azubis sind alt, schlecht vorgebildet und kaum motiviert.

Tagesspiegel, 29.01.2019, Kevin P. Hoffmann, verantwortlicher Redakteur für die Berliner Wirtschaft

Der Trend ist nicht ganz neu, aber er hat sich zuletzt offenbar deutlich verschärft: Berlins ausbildungswillige Betriebe finden kaum noch passende Bewerber. Und wenn sie glauben, geeignete junge Menschen gefunden zu haben, entpuppen diese sich oft als zu wenig motiviert, um den Beruf später vernünftig ausüben zu können. Das ist zumindest das Ergebnis einer Analyse, die Berlins Industrie- und Handelskammer (IHK) vorgelegt hat.

Aus: https://www.ihk-berlin.de/politische-positionen-und-statistiken_channel/ZahlenundFakten/Statistik_und_Umfragen/ausbildungsumfrage/226169

Die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze ist demnach in der gesamten Berliner Wirtschaft (also inklusive Stellen im Handwerk, freien Berufen und bei Senatsverwaltungen) im Jahr 2018 um immerhin sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen – auf insgesamt 15.829. Davon mussten am Ende 1711 Plätze (10,8 Prozent) unbesetzt bleiben. Das waren 43 Prozent mehr als im Vorjahr. Vor einigen Jahren waren in Berlin jeweils nur wenige Hundert Plätze unbesetzt geblieben. […]

Die IHK Berlin pflegt für ihre Mitgliedsunternehmen – also ohne Handwerksbetriebe, Freie Berufe und Behörden – eine eigene Statistik. Demnach ist die Zahl der Ausbildungsbetriebe in Industrie und Handel und bei Dienstleistern leicht (um knapp neun Prozent) gestiegen. Und noch ein Detail: Die Zahl der Auszubildenden aus den fünf größten Herkunftsländern von Geflüchteten hat sich innerhalb eines Jahres um 115 Prozent mehr als verdoppelt auf insgesamt 551.

Insgesamt gibt es in der Region rund 400 anerkannte Ausbildungsberufe. Die drei beliebtesten bei in den IHK-Mitgliedsunternehmen waren im vergangenen Jahr Kaufmann beziehungsweise Kauffrau im Einzelhandel, gefolgt von Kaufmann/frau für Büromanagement und Hotelfachmann/frau im kaufmännischen Sektor. Bei den gewerblich-technischen Berufen wollten junge Berlinerinnen und Berliner zuletzt am liebsten Fachinformatiker/in werden, gefolgt von Mechatroniker/in und Elektroniker/in.

Wobei „jung“ relativ ist: Berlins Azubis sind bei Ausbildungsbeginn statistisch 21,1 Jahre alt, ein Jahr älter als im bundesweiten Durchschnitt. Ein Grund dafür ist der mittlerweile recht hohe Anteil von Abiturienten an den Auszubildenden (40,2 Prozent). Zudem bemühen sich Berlins Unternehmen verstärkt um Studienabbrecher als Auszubildende in hochqualifizierten Berufen. Für diese Zielgruppe hat die IHK-Berlin zum Beispiel das Programm „Your Turn“ aufgelegt und veranstaltet eine spezielle Berufsmesse. Diese findet das nächste Mal am 10. April 2019 in den Räumen der IHK im Charlottenburger Ludwig-Ehrhard-Haus statt.

„Wir geben uns wirklich Mühe, allen, die einen Ausbildungsplatz wollen, diesen auch zu bieten, aber es gibt leider immer mehr Jugendliche, die sich kaum motivieren lassen, eine Ausbildung anzutreten“, sagte IHK-Präsidentin Beatrice Kramm bei der Vorstellung der Zahlen. Sie verwies auf sinkende Teilnehmerzahlen an der Last-Minute-Ausbildungsbörse, die IHK, Handwerkskammer und die Bundesagentur für Arbeit traditionell Mitte September für junge Menschen veranstalten, die im laufenden Jahr nicht untergekommen sind. 5820 junge Berlinerinnen und Berliner wurden zu dieser Börse 2018 eingeladen, aber nur 928 (16 Prozent) davon kamen zu der zweitägigen Veranstaltung. Im Vorjahr waren es noch 20 Prozent aller Eingeladenen gewesen. […]

Die Kammer sieht mittlerweile ein Motivationsproblem bei dieser Generation. So hatte sie bereits im Sommer 2018 ihre Mitgliedsbetriebe gefragt, welche Mängel sie bei den Schulabgängern feststellen. Ergebnis: Nur 10,9 Prozent erklärten sich rundum zufrieden mit den Bewerberinnen und Bewerbern. Eine relativ kleine Minderheit der Betriebe (13,2 Prozent) hält sie für nicht ausreichend teamfähig. Ein schon deutlich größeres Problem: Für 31,9 Prozent, also fast jedem dritten Ausbildungsbetrieb, mangelt es demnach an Interesse und Aufgeschlossenheit, und 40,5 Prozent der Ausbilder stören sich an schlechten Umgangsformen. […] Dass aber 48,4 Prozent der Unternehmen bei dieser repräsentativen Umfrage angaben, dass Bewerberinnen und Bewerber elementare Rechenfertigkeiten nicht genügend beherrschen, fällt wohl auch auf das aktuelle Berliner Schulsystem zurück. Mangelnde Disziplin bemängelten 52,6 Prozent der örtlichen Betriebe, und für 59,5 Prozent hapert es beim mündlichen und schriftlichen Ausdrucksvermögen.

Aus: https://www.ihk-berlin.de/politische-positionen-und-statistiken_channel/ZahlenundFakten/Statistik_und_Umfragen/ausbildungsumfrage/2261698

An der Spitze dieser Berliner Azubi-Mängel-Liste: 65,5 Prozent, also fast zwei von drei Ausbildungsbetrieben, beobachten einen Mangel an Leistungsbereitschaft und Motivation bei den Bewerbern und praktisch ebenso viele (65,8 Prozent) sehen Mängel bei der Belastbarkeit. Eine Folge: Rund ein Drittel der Berliner Ausbildungsbetriebe müsse ihren Azubis derzeit Nachhilfe in Deutsch und Mathematik vermitteln, sagte Kramm.

Doch fast jedes Phänomen hat mindestens zwei Seiten: Insgesamt kann man kaum von einer Faulpelz-Generation sprechen. So ergab zum Beispiel eine vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) im Dezember 2018 vorgestellte Studie, dass rund ein Drittel der Auszubildenden in Berlin und Brandenburg regelmäßig Überstunden leistet.

Zum Artikel: https://www.tagesspiegel.de/berlin/auszubildende-ihk-diagnostiziert-massives-motivationsproblem-in-berlin/23922280.html


„Viele verschwinden im Nirwana“

Bernd Becking, Chef der regionalen Arbeitsagentur, im Interview mit Marie Rövekamp, über verlorene Jugendliche.

Tagesspiegel, 02.03.2019, Marie Rövekamp
Herr Becking, nirgendwo sonst gibt es so viele jugendliche Arbeitslose wie in Berlin. Warum?

Die Quote ist unter den 15- bis 20-Jährigen besonders hoch, also beim Übergang von der Schule in den Beruf. Bundesweit sind in dem Alter 3,1 Prozent ohne Arbeit oder Ausbildungsvertrag. Hier ist es mehr als jeder Zehnte! Da Bildung das Top-Thema für Chancengerechtigkeit ist, müssen die Schulen besser werden. Da, wo Bundesländer bei Vergleichstests der Schulen gut abschneiden, ist die Jugendarbeitslosigkeit niedriger und andersherum. Dass es in Berlin heikle soziale Milieus gibt, lasse ich als Ausrede nicht mehr gelten. Dies hieße, die jungen Menschen abzuschreiben.

Welche Milieus meinen Sie?

Neukölln, Mitte und Marzahn-Hellersdorf sind die drei schwierigsten Bezirke. An manchen Schulen macht dort jeder Vierte keinen Abschluss. Noch eine Zahl, die erschreckt: Von 27.000 Jugendlichen gehen in Berlin nur 3000 direkt nach der Schule in eine betriebliche Lehre. Der Rest besucht weiter die Schule oder muss erst mal ins Übergangssystem. Es braucht besseren Unterricht, intensivere Betreuung und eine hochwertigere Berufs- und Studienorientierung. Sonst kriegen wir die Probleme nicht in den Griff.

Weil die Jugendlichen sonst zu Hartz-IV-Beziehern werden.

Bildungsarmut in frühen Jahren führt in einen Teufelskreis: prekäre Jobs, Langzeitarbeitslosigkeit, Altersarmut. Was anfangs versäumt wird, zieht sich durch das gesamte Leben. Das sollten wir auch bei der Diskussion darüber im Blick haben, wie wir Extremismus und Clan-Kriminalität bekämpfen wollen. […]

zum Interview mit Bernd Becking


Rückblick

Im Ergebnisbericht zur BERLIN-Studie ist der bereits zehn Jahre vorliegende Beschluss aus dem Jahre 2009 des Berliner Abgeordnetenhauses zur Schulstrukturreform nachzulesen: – Alle Kinder und Jugendlichen sollen zu höchstmöglichen schulischen Erfolgen und die übergroße Mehrheit zum mittleren Schulabschluss [MSA] am Ende der 10. Jahrgangsstufe geführt werden. – Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die die Schule ohne Abschluss verlassen, sollen sich deutlich verringern (BERLIN-Studie, S. 470). Die Verfasser der BERLIN-Studie konstatieren: 

„Kompetenzarmut ist nach wie vor eine der größten Herausforderungen des Berliner Schulsystems“ (S. 483).

Die Bildungsverwaltung bestreitet jedoch einen Niveauverlust und kommt zu der euphemistischen Feststellung: „Die Berliner Schule ist für kommende Herausforderungen gewappnet“. Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. [siehe auch: Bildungsziel verfehlt]