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Digitales Geräteturnen in der Schule

„Es ist Zeit, dem reflexhaften Ruf nach der digitalen Schule eine pädagogische Reflexion entgegenzusetzen“

Süddeutsche Zeitung, 15.09.2017, Susanne Klein

Der Ruf nach der Digitalisierung der Schulen ist so laut, so schrill, so penetrant geworden, dass es an der Zeit ist für eine Pause.

Man möchte sie vom Desktop wischen – all die PDFs des Bundesbildungsministeriums, die Zwischenberichte von Arbeitsgruppen, die Expertisen aus IT und Wirtschaft, die humorigen FDP-Wahlplakate mit der Zeile „Digital first. Bedenken second“. Man möchte stattdessen die Frage beantwortet wissen: Von welcher Digitalisierung ist eigentlich die Rede, wenn es um die Schulen geht?

Mit Schwung gehören auch die Studien vom Tisch gewischt, die deutsche Schulen zu Orten der digitalen Ödnis erklären. Diese Studien schüren die Angst, heutige Schüler könnten den Anschluss an eine immer automatisiertere Arbeits- und Kommunikationswelt verlieren. Hallo, die Schüler sind schon jetzt „digitaler“, als gegenwärtige Eltern und Lehrer es jemals sein werden. Natürlich brauchen sie die Hilfe der Schule, um mündige Mediennutzer zu werden und die Chancen des Digitalen von seinen Gefahren unterscheiden zu können; auch vielen Erwachsenen täte Nachhilfe hier gut. Aber brauchen sie dafür Unterricht an digitalen Geräten? Wenn ja, welchen? In welchem Alter, in welchen Schularten und Fächern? Wie oft, wie lange? Mit welchen Inhalten? Vor allem: Mit welchem pädagogischen Nutzen?

Das Bildungsbarometer 2017 des Ifo-Zentrums für Bildungsökonomik verriet, was erwachsene Bürger von Computern in Schulen halten. 63 Prozent der Befragten finden demnach, dass Schüler ein Drittel der Unterrichtszeit für das selbständige Erarbeiten [des Unterrichtsstoffes] am PC nutzen sollten [siehe Grafik und Text unterhalb der Grafik]. Man nehme das wörtlich: Ein Drittel der Unterrichtszeit sind 25 Augenpaare auf 25 Monitore gerichtet, um mit einer Maschine zu lernen, was man im Leben so braucht. Fragt sich, wozu eine solche Studie gut ist [siehe Anmerkung am Ende des Artikels]. Vielleicht dafür, zu zeigen, dass die Diskussion dringend differenzierter geführt werden muss. Dass es absurd ist, die Schulen für Milliarden zu digitalisieren und die Schüler dann vor die Geräte zu setzen, ohne sich ganz genau zu überlegen, was ihnen das bringt.

Aus dem Bildungsbarometer 2017, S. 21:

Andreas Schleicher, als Pisa-Chef der OECD, sagt: Die verstärkte Nutzung digitaler Medien führe nicht per se zu besseren Schülerleistungen, das hätten Beobachtungen über ein Jahrzehnt gezeigt. Und die Schülertests Iglu und Timss belegen, dass Grundschüler, die mindestens einmal pro Woche Computer im Unterricht nutzen, in einigen Fächern niedrigere Kompetenzen zeigen als Grundschulkinder, die seltener vorm PC sitzen.

Gegenbeweise konnte die Forschung bislang nicht liefern, aber das stört die Studienmacher nicht. Diesen Freitag präsentierte die Bertelsmann-Stiftung unverdrossen ihren „Monitor Digitale Bildung“, in dem sie beklagt, die Schule verkenne pädagogische Potenziale der Digitalisierung, hätte weder Strategien noch Konzepte – und schlechtes Wlan sowieso. [Das] klingt so, als müssten Pädagogen ihre Pädagogik von den Geräten her denken. Als sollten sie die pädagogischen Potenziale einer Technik anerkennen (und Konzepte dafür entwickeln), obwohl diese Potenziale bislang nur behauptet sind. Worin sie bestehen, weiß auch Bertelsmann nicht.

Im Tagesspiegel vom 15.09.2017 berichtet Amory Burchard aus der Studie: Bessere Technik erhoffen sich die meisten Lehrkräfte und Schulleitungen aber nicht etwa für den Einsatz im Unterricht. 81 Prozent der Lehrkräfte beziehungsweise 88 Prozent der Schulleiter sehen die Chancen des digitalen Wandels vor allem darin, „administrative Aufgaben besser bewältigen zu können“, heißt es. Und nur acht Prozent der Direktorinnen und Direktoren setzen sich Digitalisierung als strategisches Ziel für die Entwicklung ihrer Schule. Gleichwohl sind etwa 70 Prozent der Pädagogen davon überzeugt, dass digitale Medien die Attraktivität ihrer Schule steigern werden.

Auch an den Haltungen und Kompetenzen der Lehrkräfte müsse noch gearbeitet werden, resümiert die Bertelsmann-Stiftung. Deshalb sollte der Einsatz digitaler Medien zum Pflichtprogramm im Lehramtsstudium und in der Weiterbildung gehören, erklärte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung.

Mit dem „Monitor digitale Bildung“ sondiert die Stiftung auch ein wichtiges Geschäftsfeld des Bertelsmann-Konzerns. Die 2016 gegründete „Bertelsmann Education Group“ etwa hat zahlreiche Bildungsanbieter hinzugekauft, vor allem solche, die auf digitale Bildung spezialisiert sind.  [siehe nachfolgender Beitrag:  Das Bildungsgeschäft der Bertelsmann Stiftung – Perfektes Zusammenspiel]

Es ist Zeit, dem reflexhaften Ruf nach der digitalen Schule eine pädagogische Reflexion entgegenzusetzen. Damit die Schulen nicht zur nächsten Reform verdonnert werden, die eine kurzsichtige Politik irgendwann zurücknehmen muss.

Hervorhebungen im Fettdruck und eingerückte Elemente durch Schulforum-Berlin.

zum Artikel:  Süddeutsche Zeitung, 15.09.2017, Susanne Klein, Digitales Geräteturnen in der Schule

siehe auch:  „Digitale Bildung“: Big Brother ist teaching you!
Trojanisches Pferd „Digitale Bildung“. Auf dem Weg zur Konditionierungsanstalt in einer Schule ohne Lehrer?

Das Steuerungselement – Schaffung eines öffentlichen Meinungsklimas:

[Beim ifo Bildungsbarometer] wird nicht untersucht, wie Bildungspolitik bestmöglich gestaltet werden sollte, um das Bildungssystem zu verbessern. Vielmehr geht es darum aufzuzeigen, welche Meinungen die Deutschen haben und in welchen Bereichen und unter welchen Umständen sich politische Mehrheiten für oder gegen Bildungsreformen finden. (S. 17)

Die Ergebnisse zeigen also Bereiche auf, in denen politische Reformen auf öffentliche Akzeptanz treffen und somit leichter umsetzbar sein dürften. (S. 18)

Insgesamt zeigt das ifo Bildungsbarometer deutlich, dass die Bereitstellung bestimmter Informationen bildungspolitische Meinungen verändern kann. (S. 37)

aus ifo Bildungsbarometer 2017:
https://www.cesifogroup.de/de/ifoHome/research/Departments/Human-Capital-and Innovation/Bildungsbarometer/Bildungsbarometer2017.html
ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München

Das Bildungsgeschäft der Bertelsmann Stiftung

Perfektes Zusammenspiel

von Christian Füller

Die Bertelsmann Stiftung wirbt intensiv für die Digitalisierung in Schulen und Hochschulen. Das passt perfekt in die Strategie des gleichnamigen Konzerns: Das Bildungsgeschäft ist seine neue „Cash-Kuh“.

Paul ist 15 Jahre alt und wundert sich. „Wieso steht unsere Schule plötzlich auf einer Homepage der Bertelsmann Stiftung?“, fragt sich der Elftklässler der Evangelischen Schule in Berlin. „Wir machen jetzt ja praktisch Werbung für die.“

So schnell geht das. Im November veranstaltete die Schule mit der Gütersloher Stiftung ein Lern- Lab über „digitales Lernen an der Schule“. Die Schule hatte kaum etwas davon – aber die Stiftung vermarktet es groß im Netz. „Wir sehen in der Digitalisierung das Potenzial“, sagt ein Stiftungsmitarbeiter im Werbevideo, „das große Versprechen des Bildungssystems einzulösen: für Chancengerechtigkeit zu sorgen.“

Kleiner geht´s beim Thema Digitalisierung in der Bildung wohl nicht. Mit digitalen Medien, so heißt es oft, könne endlich Wilhelm von Humboldts Idee – die „vollkommene Persönlichkeit“ – Wirklichkeit werden. Bei Bertelsmann aber schwingt noch etwas anderes mit: Geld. In der Tat verwandelt die Digitalisierung Bildungseinrichtungen in einen gigantischen Markt.

Von diesem Markt will ein Unternehmen profitieren, das ebenfalls den Namen Bertelsmann trägt. Die Bertelsmann S.E., der milliardenschwere Medienkonzern aus Gütersloh. „Bildung ist eine neue Säule für Bertelsmann“, betont Vorstandschef Thomas Rabe seit drei Jahren bei jeder Bilanzpressekonferenz. Bildung soll das dritte Standbein des 20-Milliarden-Umsatz- Konzerns neben Medien und Dienstleistungen werden. Daher ist Rabe weltweit auf Einkaufstour, damit digitale Lernangebote bald Profit liefern können. Bertelsmann hat „Relias“ gekauft, ein großes Portal für Online-Weiterbildungen im Gesundheitswesen. Der Konzern besitzt zudem mit „HotChalk“ ein Unternehmen, das Universitäten hilft, Vorlesungen als Weiterbildungsangebot online zur Verfügung zu stellen – und zu kommerzialisieren. Der größte Coup aber ist dem Konzern mit der Beteiligung an „Udacity“ gelungen. Udacity ist die wahrscheinlich vielversprechendste Online-Universität, die es derzeit gibt. Ihr Gründer, der deutsche Super-Professor Sebastian Thrun aus Stanford, will mit der virtuellen Hochschule sage und schreibe eine Milliarde Menschen erreichen. Und Bertelsmann möchte an diesem Geschäft mitverdienen.

Schöne neue Uni-Welt

Udacity aber ist nicht nur ein aufregender Anbieter auf dem universitären Weltmarkt. Die Online-Uni ist zugleich das Unternehmen, das Jörg Dräger stets in höchsten Tönen lobt. Für ihn ist Udacity der Prototyp der schönen neuen Universitätswelt. Interessant ist, welche Funktion Dräger ausübt: Er ist Vorstandsmitglied und Sprecher der gemeinnützigen Bertelsmann Stiftung.

Wenn er spricht, weiß man freilich nie genau, für wen er das eigentlich tut. Der Stiftungsvorstand hat ein Band über „Die digitale Bildungsrevolution“ veröffentlicht – in einem Verlag des Bertelsmann- Konzerns. In dem Buch bedankt sich Dräger wiederum – bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stiftung, weil die das Buch ermöglicht hätten. Für die PR hat die Stiftung sogar einen eigenen Vorstandsbereich samt Blog eingerichtet, damit die „Digitalisierung der Bildung“ vorankommt.

Sieht man sich die Strategie von Stiftung und Konzern genauer an, entdeckt man ein perfektes Zusammenspiel: Die Stiftung wirkt wie ein Türöffner. Sie war immer die erste Adresse bei der Beratung von Schulen und Hochschulen. Mit der digitalen Bildung haben die bislang ungleichen Schwestern aus Gütersloh jetzt ein gemeinsames Betätigungsfeld: Die eine bewirbt und verbreitet die Idee digitalen Lernens; die andere ist in der Lage, ein Geschäft daraus zu machen. Bertelsmann besitzt die komplette Verwertungskette für digitale Lern-Produkte. Mit der Stiftung hat der Konzern nun eine Organisation im Vorfeld, die zielgerichtet inmitten seines neuen Marktes steht – der Bildung.

Beispiel Hochschule: Stiftungsvorstand Dräger referiert in seinen Vorträgen unermüdlich, dass bisherige Vorlesungen über neue Distributionskanäle an Hörerinnen und Hörer weltweit geliefert würden. „Massification“ nennt Dräger das. Die Hälfte der Universitäten gehe bei diesem Prozess Bankrott, schätzt er. Konzernvorstand Rabe stellt fest: An Hochschulen werde noch wie vor 100 Jahren unterrichtet. „Das ist nicht mehr nötig.“ Daher habe der Konzern neue Geschäftsideen entwickelt, so Rabe, „zum Beispiel das Bildungsgeschäft“. Noch in diesem Jahr wird Udacity in Deutschland starten.

Beispiel Schule: Das größte Geschäft winkt auch hier mit Lehrvideos. In Hongkong bieten Bildungsunternehmen bereits Filme von Lehrkräften an, die Schülerinnen und Schüler zuhause angucken können. Einige Pädagogen sind dabei Stars geworden, die bis zu vier Millionen Euro verdienen – pro Jahr. Klar ist: Wenn ein Konzern Erfahrung mit der Vermarktung von Videos hat, dann ist es Bertelsmann. 2015 hatte seine RTL-Group sagenhafte 105 Milliarden Videoabrufe. Das sind, noch, keine Lehrfilme. Aber Bertelsmann hat mit RTL das „Trash-TV“ erfunden. Warum sollte es nicht in der Lage sein, sein Know-how in die Produktion von Billig-Lehrfilmchen zu stecken? Eigentlich müssten Konzern und Stiftung streng getrennt agieren. Die Reden der Repräsentanten des Gemeinwohls – Dräger – und des Profits – Rabe – sind aber in puncto Bildung kaum auseinanderzuhalten. Es gibt lediglich einen Unterschied: Dräger flicht in seine „Wir-müssen-die- Bildung-digitalisieren“-Rede stets ein paar kritische Bemerkungen ein. Am liebsten über Datenschutz und „Big Data“.

Freilich enden selbst die kritischsten Sätze des Stiftungssprechers im Unverbindlichen. In einem seiner jüngsten Beiträge etwa warnt er vor „dem gläsernen Lerner“. Aber wie lauten seine Konsequenzen? „Ein digitalisiertes Bildungssystem lebt von der Bereitschaft, persönliche Daten preiszugeben“, schreibt er und stellt fest: „Wir brauchen mehr Datensouveränität, nicht mehr Datenschutz.“

Wir wissen heute, dass sich die Digitalisierung der Schulen nicht vermeiden lässt. Inzwischen sind aber auch eine ganze Reihe von Risiken und Nebenwirkungen bekannt – vom Suchtpotenzial bis zum veränderten Leseverhalten der Schülerinnen und Schüler, von „Hate Speech“ gegen Lehrkräfte bis hin zum Online-Grooming, dem Anbahnen pädosexueller Übergriffe auf Kinder im virtuellen Raum. Von dieser hässlichen Seite der Digitalisierung findet sich bei Dräger und seiner Stiftung so gut wie nichts. Zufall? Oder würde echte Digital-Kritik womöglich dem Geschäft schaden?

Neue Mission

Bertelsmann ist aber nur das markanteste Beispiel für die Arbeit von Stiftungen im Bildungsbereich. Deren Rolle verändert sich gerade. Früher engagierten sich viele von ihnen gegen Bildungsarmut. Mit der Digitalisierung aber haben vor allem die Stiftungen mit Technologieunternehmen im Hintergrund eine völlig neue Mission: Sie rollen unter den großen Überschriften „Teilhabe“ und „Kooperation“ ein großes Trojanisches Pferd in die Schulen – das digitalisierte Lernen samt Endgeräten. Das wird den öffentlichen und nicht-profitablen Charakter von Schulen verändern. Noch nie in der Geschichte stand so viel privates Kapital bereit, den Bildungsbereich zu überschwemmen. Um es mit einem Werbefilm des neuen Konzernarms „Bertelsmann Education“ zu sagen: „Der weltweite Bildungsmarkt hat ein Volumen von über fünf Billionen US-Dollar.“

Hervorhebungen im Fettdruck durch Schulforum-Berlin.

zum Artikel:  https://www.gew-hamburg.de/themen/bildungspolitik/perfektes-zusammenspiel

Musik macht schlau! – Jedoch bis zu 80 Prozent des Musikunterrichts an der Grundschule fällt aus!

Deutscher Musikrat kritisiert Berlins Bildungssenatorin Scheeres (SPD)

Seit 2013 wird der „Musik-Gordi“ für die schlechteste kulturpolitische Leistung von den Redaktionen des Musikforums des Deutschen Musikrates und der neuen musikzeitung verliehen. In diesem Jahr erhält Sandra Scheeres, Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, den gordischen Knoten des Musiklebens. Sie ist maßgeblich für die seit Jahren bestehenden Missstände an den Berliner Musikschulen sowie für das Verschwinden der künstlerischen Schulfächer an den allgemeinbildenden Schulen verantwortlich.

Hierzu Prof. Christian Höppner, Chefredakteur des Musikforums: „Berliner Kinder und Jugendliche haben bundesweit die schlechtesten Chancen auf kulturelle Teilhabe. Wenn in ihrer wichtigsten Prägephase in der Grundschule allein bis zu 80 Prozent des Musikunterrichtes [siehe 1] ausfällt und über 10.000 Kinder und Jugendliche auf den Wartelisten der bezirklichen Musikschulen [siehe 2] stehen, ist das für eine Kulturmetropole wie Berlin skandalös. Als ‚Verwalterin‘ statt ‚Gestalterin‘ zeigt Senatorin Scheeres ein offenkundiges Desinteresse an der kulturellen Bildung, insbesondere an den künstlerischen Schulfächern und der Musikschularbeit. Die katastrophale soziale Situation der Berliner Musikschullehrer(innen) und die desaströse Weichenstellung für die künstlerischen Ausbildungsgänge, die Senatorin Scheeres zu verantworten hat, werden das Fach Musik schneller als vorhergesagt verschwinden lassen. Die Prognose des Verbandes deutscher Musikschulen, dass es in zehn Jahren keine Fachlehrer mehr gäbe, könnte in Berlin noch früher bittere Realität werden. Seit vielen Jahren trägt Berlin im Bereich der Kulturellen Bildung die rote Laterne. Wir fordern Sandra Scheeres daher auf, sich zum Wohle der Kinder und Jugendlichen für eine konzeptbasierte und nachhaltige Bildungspolitik zu engagieren. Sonntagsreden und eine kurzsichtige Projektfixierung werden hierfür allein nicht ausreichen.“

Theo Geißler, Herausgeber der neuen musikzeitung: „Bundesweit schüttelt nicht nur die Fachwelt den Kopf über die dilettantische Bildungspolitik von Senatorin Scheeres. Wie kann es angehen, dass sich die Landesregierung der Berliner Kulturmetropole nun schon in der zweiten Regierungsperiode einen derartigen Ausfall für Bildung und Wissenschaft leistet? Minimalistische Verbesserungsversprechen zur Situation der Berliner Musikschulen sind bis jetzt nicht eingelöst und werden im Zweifelsfall im Pingpong-Spiel zwischen Senat und den Bezirken wieder zerrieben. Die Senatorin sollte die Verleihung des Musik-Gordi zum Anlass nehmen, entweder zurückzutreten, oder sich endlich mit einer nachhaltigen Bildungspolitik für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt zu engagieren.“

Hervorhebungen im Fettdruck durch Schulforum-Berlin
zur Pressemitteilung


Durch die „dilettantische Bildungspolitik von Senatorin Scheeres“ werden bis zu 80 Prozent der Grundschüler in ihrer wichtigsten Prägephase von der künstlerisch-ästhetischen Bildung und Erziehung – wie im Rahmenlehrplan beschrieben – ausgeschlossen!

Aus dem für Lehrkräfte verbindlichen „Rahmenlehrplan Grundschule, Musik“ ist zu entnehmen:

[1] Der Beitrag des Faches [Musik] zur Bildung und Erziehung in der Grundschule

Das Fach Musik an der Grundschule leistet einen Beitrag zur künstlerisch-ästhetischen Bildung und Erziehung. Es beinhaltet ein Lernen, das geistig-emotionale Beziehungen zu den wahrgenommenen Gegenständen, Phänomenen und Inhalten des Lebens und der Welt herstellt. Es ermöglicht sinnliche Erkenntnisse und ästhetische Erfahrungen, dient der Ausbildung von Wahrnehmungsstrukturen und realisiert einen ästhetischen Zugang zur Welt über den Gehörsinn. […]

Bedingt durch die medialen Möglichkeiten wird Musik heute weitaus mehr gehört als selbst ausgeübt. Schülerinnen und Schüler wachsen in eine Welt hinein, in der Musik oft nur als Geräuschkulisse wahrgenommen wird. Die ursprünglichen Formen musikalischer Äußerungen, wie Singen, Musizieren, Spiel und Tanz, sind mitunter wenig entwickelt oder sogar blockiert. Der Musikunterricht der Grundschule leistet seinen Beitrag zur grundlegenden Bildung, indem er die gestalterischen Kräfte der Schülerinnen und Schüler entwickelt, ihre Erlebnisfähigkeit erweitert, ihre Ausdrucksfähigkeit differenziert, soziale Verhaltensweisen erprobt und entwickelt sowie ihr Selbstwertgefühl stärkt. Diese Entwicklung ist als Prozess eines altersgerechten, zunehmend selbstständigen, kreativen Umgangs mit der Musik aufzufassen. (S. 15)

Der Musikunterricht der Grundschule bietet günstige Voraussetzungen, ein soziales Klima herzustellen, in dem eine selbstbestimmte, nachhaltige Ausbildung von Werten möglich ist. […]

Ein an demokratischen Regeln orientiertes Miteinander findet im Musikunterricht fachliche Entsprechung, denn das Musikmachen, ein Kern des Faches überhaupt, ist meistens Musikmachen mit anderen und entwickelt deshalb soziale Fähigkeiten. Arbeitsformen, wie Zuhören, Abwägen, Sich-Einbringen, Aufmerksam-Sein, Ergebnisse-Austauschen, Vereinbarungen-Treffen und Gemeinsam-Umsetzen, werden in einem handlungsorientierten Musikunterricht erlernt. (S. 18)

Auf der web-Seite der Bildungsverwaltung ist nachzulesen:

[2] Die Aufgaben der Musikschulen sind im Wesentlichen die musikalische Grundausbildung, die Ausbildung des Nachwuchses für das Laien- und Liebhabermusizieren, die Begabtenfindung und Begabtenförderung sowie die Vorbereitung auf das Berufsstudium (studienvorbereitende Ausbildung), der eine besondere Bedeutung zukommt, da das Abitur als Zugangsvoraussetzung zum Musikstudium nicht ausreicht.

Schule digital – „Auf die Lehrperson kommt es an“

Ehrenrettung der Tafelkreide

FAZ, 01. 06. 2017, Bildungswelten, Heike Schmoll
Warum Schüler nicht mehr oder besser lernen, nur weil in ihren Klassenräumen mit Computern gearbeitet wird – und es stattdessen auf die Lehrer ankommt.

[Am 10.05.2017] veröffentlichte der „Aktionsrat Bildung“ der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) sein Gutachten „Bildung 2030 – Veränderte Welt. Fragen an die Bildungspolitik“ mit der Kernbotschaft, die Schulen müssten digitaler werden, weil am Nutzen der Digitaltechnik kein Zweifel bestehe.

So war in der ersten Fassung des Gutachtens, das auch in den Medien verbreitet wurde, zu lesen, dass „Grundschüler in Deutschland, in deren Unterricht mindestens einmal wöchentlich Computer eingesetzt wurden, in den Domänen Mathematik und Naturwissenschaften statistisch signifikant höhere Kompetenzen aufweisen als jene Grundschulkinder, die seltener als einmal pro Woche Computer im Unterricht nutzen“. Der Deutsche Lehrerverband machte bereits am 22.05.2017 über die Falschmeldung aufmerksam.

In der vom „Aktionsrat Bildung“ nach der medialen Verbreitung korrigierten Fassung des Gutachtens ist unter der Überschrift Digitale Kompetenzen in der Primar- und Sekundarstufe, zu lesen:

Sekundäranalysen auf der Grundlage von Daten der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) 2011 und der aufgezeigten Entwicklungen in der „Trends in International Mathematics and Science Study“ (TIMSS) 2011 boten einen Einblick in die schulische Medienbildung in Deutschland im Bereich der Primarstufe (vgl. Eickelmann u. a. 2014a). Dabei zeigte sich im Hinblick auf kompetenzförderliche Effekte des Medieneinsatzes, dass Grundschülerinnen und Grundschüler in Deutschland, in deren Unterricht mindestens einmal wöchentlich Computer eingesetzt wurden, in den Domänen Mathematik und Naturwissenschaften statistisch signifikant niedrigere Kompetenzen aufwiesen als jene Grundschulkinder, die seltener als einmal pro Woche Computer im Unterricht nutzten (vgl. Kahnert/Endberg 2014). [aus:  Bildung 2030 – veränderte Welt. Fragen an die Bildungspolitik, S. 78]

Die FAZ führt weiter aus, dass die korrigierte Version dem Stand der bisher erhobenen Studien entspricht und weist dabei auch auf die Telekom-Studie „Schule digital. Der Länderindikator 2015“ hin.

Für die Telekom-Studie hat zur aktuellen Situation der digitalen Bildung in Deutschland ein Wissenschaftsteam unter der Leitung von Professor Wilfried Bos (Techni­sche Universität Dortmund) 1.250 Lehrkräfte weiterführen­der Schulen repräsentativ befragt. Diese Befragung schließt an die internationale Schulleistungsstudie ICILS (Internatio­nal Computer and Information Literacy Study) 2013 an. Die Ergebnisse sollen konkrete Ansatzpunkte liefern für Initiativen und Strategien, um den Einsatz digitaler Medien im Schulalltag zu verankern.

In einem Interview zur Studie wurde an Prof. Bos die Frage gestellt: Wie passen die Ergebnisse des Länderindikators zu den Ergebnissen der PISA-Sonderauswertung, die im Herbst 2015 von der OECD veröffentlicht wurde?

Wilfried Bos: Die PISA-Sonderauswertung über „Students, Computers and Learning“ bestätigt, was sich schon in anderen Studien gezeigt hat: Die Ausstattungssituation an Schulen in Deutschland ist mäßig bis schlecht. Und das haben die Ergebnisse unserer Studie erneut belegt. Es hat sich wenig getan. Die Sonderauswertung hat auch gezeigt, dass Staaten, die in den letzten Jahren verstärkt in die Aus­stattung der Schulen investiert haben, in den vergange­nen zehn Jahren keine nennenswerten Verbesserungen der Schülerleistungen in den Bereichen Lesekompetenz, Mathematik oder Naturwissenschaften erzielen konnten. Die verstärkte Nutzung digitaler Medien führt offensicht­lich nicht per se zu besseren Schülerleistungen. Vielmehr kommt es auf die Lehrperson an. [Telekom-Studie „Schule digital. Der Länderindikator 2015“, S. 8]

Welche konkreten Schlüsse werden jedoch aus den Ergebnissen für den Einsatz digitaler Medien im Schulalltag gezogen? Welche berechtigten Kritiken gibt es zur „digitalen Schule“?

Die FAZ berichtet weiter: Prof. Lankau, der an der Hochschule Offenburg an der Fakultät Medien und Informationswesen lehrt, kritisiert, dass weder multimedial gestaltete Lehr-Lern-Umgebungen noch zusätzliche finanzielle Mittel für den Aufbau einer „nachhaltigen Infrastruktur“ vom Kindeswohl oder von den Bildungsprozessen her gedacht wird.

Wer sich durch die „digitale Schule“ oder die „Schul-Cloud“ eine „Demokratisierung des Lernens“, eine Förderung der Bildungsschwachen, individualisiertes Lernen und all das erhofft, was das bisherige Schulsystem nicht leisten konnte, wird unweigerlich enttäuscht werden. Der Unterricht kann nur so gut sein, wie der Lehrer ihn konzipiert und wie klug er sich der informationstechnologischen Hilfsmittel bedient.

Wolfgang Schimpf, Schulleiter des Max-Planck-Gymnasiums in Göttingen: Neue Medien sind nicht per se bereits ein Fortschritt. Sie sind zunächst nur Lern-„Mittel“, deren meist teurer Einsatz dann gerechtfertigt ist, wenn sie Unterrichtsziele effizienter erreichen lassen oder ganz neue Lern- und Erkenntnismöglichkeiten eröffnen. […] Allein die Lernaffinität medialer Angebote muss Prüfstein ihrer Einführung sein.

Er führt weiter aus: Eines ist nämlich klar: Es ist den Ingenieuren und Animateuren der digitalen Welt nicht darum zu tun, den Menschen ein selbstbestimmtes Leben zu verschaffen, was doch eine Aufgabe staatlicher Administration in unserer Demokratie sein müsste. Im Gegenteil. Der Mensch interessiert nur als Verbraucher, als User – schlimmer noch: Er wird immer mehr algorithmisch erfasst und am Ende auf eine Ansammlung von Informationen reduziert. [ FAZ, 01. 06. 2017, Wolfgang Schimpf, Im Wolkenkuckucksheim]

Die dpa hat am 24.5.2017 die Falschmeldung korrigiert:

Dieser Schluss [dass „Grundschüler in Deutschland, in deren Unterricht mindestens einmal wöchentlich Computer eingesetzt wurden, in den Domänen Mathematik und Naturwissenschaften statistisch signifikant höhere Kompetenzen aufweisen als jene Grundschulkinder, die seltener als einmal pro Woche Computer im Unterricht nutzen“] hat sich inzwischen als Fehler der Auswertung erwiesen – tatsächlich zeigen diese Schüler niedrigere Kompetenzen, wie eine Sprecherin der Verantwortlichen sagte. Das ändere aber nichts an den Herausforderungen für die Bildungswelt, die das Gutachten beschreibe. [!]

Anmerkung dazu von Prof. Lankau: Das heißt auf gut deutsch: Was immer Studien ergeben, die Digitalisierung von Schule und Unterricht bleibt das Ziel der Wirtschaftsverbände und der ihnen zuarbeitenden Wissenschaftler.

Hervorhebungen im Fettdruck durch Schulforum-Berlin

siehe auch:  Deutscher Lehrerverband, „Computer in der Grundschule bringt nichts!“, „Gegenteilige dpa-Meldung ist falsch.“

siehe auch:  Gesellschaft für Bildung und Wissen, „Falsch zitiert und falsch gemeldet“

zu den Studien:  Bildung 2030 – veränderte Welt. Fragen an die Bildungspolitik, vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. (Hrsg.);
Telekom-Studie „Schule digital. Der Länderindikator 2015“

„Die Schulen seit Jahren auf Verschleiß gefahren“

Schulsanierung: Viel versprochen, oft gebrochen

Zum Beginn des Wahlkampfs haben die Parteien die Sanierung maroder Schulen wieder entdeckt – nicht zum ersten Mal. Eine echte Veränderung würde Milliarden kosten.

Tagesspiegel, 08.06.2016, Ulrich Zawatka-Gerlach

(…) Die Lage [der Schulen in Berlin] ist insgesamt so ernst, dass auf einmal viele Parteien darüber grübeln, wie sich die Gabriel’schen Kathedralen der Bildung in einen menschenwürdigen Zustand versetzen lassen. (…) Es wurde zu lange weggeschaut, wie bei vielen anderen Dingen auch, die jeden Berliner gelegentlich in den Wahnsinn treiben. (…)

Bild: Schulforum-Berlin, 30.06.2016, "Die Gabriel’schen Kathedralen der Bildung", Fichtenberg-Gymnasium

Bild: Schulforum-Berlin, 30.06.2016, „Die Gabriel’schen Kathedralen der Bildung“, Fichtenberg-Gymnasium

Das Problem zerbröselnder Schulgebäude ist seit den neunziger Jahren bekannt – den Schülern und Eltern, aber auch dem Senat, dem Abgeordnetenhaus und den Bezirken. Schon vor zehn Jahren wurde der Sanierungsbedarf auf 900 Millionen Euro geschätzt. Inzwischen sind daraus 2,5 Milliarden Euro geworden (…).

[Die Veröffentlichung der „Rohdaten“ zur Höhe des Schulsanierungsbedarfs, so Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), könne „Anfang Juli“ erfolgen. In internen Berichten hatte Finanz-Staatssekretärin Margaretha Sudhof (SPD), die bezirklichen erhobenen Daten sogar als „Müll“ eingestuft. (TSP, 07.06.2016, Darauf können sie nicht bauen)]

Rund fünf Milliarden Euro – so viel kostet die Sanierung und Modernisierung der Berliner Schulen. Das hat der Gebäudescan ergeben, der in allen Bezirken nach einheitlichen Kriterien durchgeführt wurde. Am Donnerstag [30.06.2016] veröffentlichte die Senatsbildungsverwaltung die noch unbereinigten Zahlen und gab ein Ziel aus: In den nächsten zehn Jahren soll der Sanierungsstau aufgelöst werden. Bis dahin sollen die schlimmsten Schäden behoben sein. Rund 1,5 Milliarden Euro sind allein dafür nötig. (siehe TSP vom 01.07.2016, Löcher machen Schule, Was kann Berlin gegen die maroden Schulen tun?)

Mit einem Durcheinander aus Landes- und Bezirksprogrammen, gelegentlich auch mithilfe von Bundesmitteln wurde und wird an den öffentlichen Schulen herumgebastelt. Erst jetzt, drei Monate vor der Berliner Wahl, dämmert es den politisch Verantwortlichen, dass man so nicht vor die Wähler treten kann.

Die CDU und SPD versprechen, dass jetzt ganz schnell geht, was seit Jahrzehnten nicht gelöst ist. Also werden schnell Wahlversprechen formuliert, an die aber keiner glauben mag, der die Berliner Verhältnisse näher kennt. (…)

Aber die SPD, die seit 20 Jahren den Bildungs- und fast genauso lang den Finanzsenator stellt, kann sich jetzt nicht mit ein paar hübschen Ideen für Modellprojekte und Beschleunigungsprogramme aus der Affäre ziehen. Denn Politik ist, wie vieles im Leben, Vertrauenssache. Und es sind nicht nur die Schulen – fast die gesamte öffentliche Infrastruktur der Hauptstadt ist in einem erbarmungswürdigen Zustand. (…)

Das ist eine Aufgabe, die jetzt begonnen werden muss, aber erst von der nächsten und übernächsten Generation gelöst werden kann. Wer mehr verspricht, will die Wähler betrügen.
[Ganze Schülergenerationen wurden bereits jahrelang betrogen]

Hervorhebungen im Fettdruck durch Schulforum-Berlin

zum Artikel:  Der Tagesspiegel, 08.06.2016, Ulrich Zawatka-Gerlach, Viel versprochen, oft gebrochen

„Dequalifizierungskampagne“ der Berliner Grundschulen

Ergänzungen zum  Artikel weiter unten vom 08.02.2016, Susanne Vieth-Entus:
Berlin braucht 1000 neue Grundschullehrer – hat aber nur 175

Die reine Grundschulleere

Die Bildungsverwaltung hat den Mangel an Pädagogen schon vor Jahren erkannt – ohne ihn zu beheben. Die Folgen sind dramatisch
17.02.2016, Susanne Vieth-Entus

(…) Wie groß die Not ist, offenbaren neue Zahlen aus [dem Berliner Bezirk] Reinickendorf: Für 33 offene Stellen an den Grundschulen konnten zum 1. Februar nur sechs Grundschulpädagogen gefunden werden. Acht weitere Stellen wurden durch Quereinsteiger besetzt und 19 durch Lehrer für Gymnasien, Sekundarschulen oder Sonderpädagogik. (…) Die Situation ist in anderen Bezirken vergleichbar.

Für die Vermittlung des Schriftspracherwerbs sind die Studienräte [und Quereinsteiger] nicht ausgebildet. (…)

Wahrscheinlich wird [die Schulsenatorin] bald wieder ihrem rhetorisch begabten Staatssekretär das Feld überlassen, damit er die Wogen glättet. Der Senatorin bleibt dann die Rolle der Grüßauguste, die sie seit vier Jahren gut gespielt hat – wann immer eine neue Kita oder Turnhalle zu eröffnen war.

„Nett grüßen reicht nicht“.

zum Artikel:  Der Tagesspiegel, 17.02.2016, Susanne Vieth-Entus, „Die reine Grundschulleere“, S. 7,     siehe auch: „Nett grüßen reicht nicht“, Chaotisch, inkompetent: Die Bilanz der Berliner Bildungssenatorin fällt verheerend aus


Laut dem Berliner Senatorengesetz (§4) haben der regierende Bürgermeister und die von ihm ernannten Mitglieder des Senats vor dem Abgeordnetenhaus folgenden Eid zu leisten:
„Ich schwöre, mein Amt gerecht und unparteiisch, getreu der Verfassung und den Gesetzen zu führen und meine ganze Kraft dem Wohle des Volkes zu widmen.“

Für die „chaotische“ und „inkompetente“ Berliner Bildungspolitik trägt die Bildungssenatorin, Frau Scheeres (SPD), die Verantwortung.  „Die Senatorin versucht ihr Veräumnis zu beschönigen“. 

Die Konsequenzen tragen die Kinder. Wo bleibt der Aufschrei der Eltern?

Berliner Bildungsdesaster – Wo bleibt der Aufschrei der Eltern?

Berlin braucht 1000 neue Grundschullehrer – hat aber nur 175

Der Senat in Berlin hat es versäumt, von den Universitäten eine größere Zahl von Studienplätzen für spätere Grundschullehrer zu verlangen. Die fehlen jetzt.

08.02.2016, Susanne Vieth-Entus
In Berlin verschärft sich dieses Jahr der Mangel an Grundschulpädagogen massiv. Knapp 1000 für das Jahr 2016 zu besetzenden Stellen stehen nur 175 vollständig ausgebildete Referendare gegenüber. Dies teilte die Bildungsverwaltung auf Anfrage mit. (…)
Der Bedarf war aufgrund der Pensionierungswelle vorhersehbar. (…) Offenbar hat niemand den Hochschulen rechtzeitig vermittelt, wie viele Lehrer in Pension gehen und ersetzt werden müssen. (…)

Quelle: Senatsverwaltung für Bildung; TSP

Quelle: Senatsverwaltung für Bildung; TSP

In Berlin ist fast jeder fünfte Lehrer über 60 Jahre alt. Es gibt somit weit über 5000 Lehrer in dieser Altersgruppe. Dies bedeutet, dass pro Jahr rund 1000 Lehrer in Pension gehen. Hinzu kommt, dass die Schülerzahl – etwa durch Zuzüge aus anderen Bundesländern – um jährlich rund 5000 wächst. Auch das treibt den Lehrerbedarf hoch. Zusätzlich werden für tausende Flüchtlingskinder Pädagogen gebraucht. (…)
Bald wird jeder zweite Berliner Schüler eine nichtdeutsche Muttersprache haben, aber es fehlen Pädagogen, die den schwierigen Prozess der zweisprachigen Alphabetisierung steuern können. Es mangelt an Lehrern, die allen Kindern, ob deutschstämmige oder nicht, das Fundament aller Fundamente beibringen können, nämlich lesen und schreiben. Regelmäßig schneiden die Drittklässler bei Vergleichsarbeiten in diesen Fächern schlecht ab. (…)
Im Ressort von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) laufen alle Fäden und Planungen zusammen. Sie hat theoretisch viel Macht, um den jungen Menschen einen erfolgreichen Start ins Leben zu ermöglichen. (…)

Zu den Artikeln: Der Tagesspiegel, 08.02.2016, Susanne Vieth-Entus, Berlin braucht 1000 Grundschullehrer S.1, Berliner Bildungsdesaster S.1, Leerstellen, Fragen des Tages, S. 2


Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft:

„Was Berlin bildungspolitisch in den letzten Jahren vorangebracht hat, sucht seinesgleichen in anderen Bundesländern. (…)“

„(…) Denn es geht um nichts Geringeres als die Chancen der jungen Generation und damit um die Zukunft unserer gesamten Gesellschaft.“

„Die Berliner Schulpolitik hat das Ziel, dass alle Schülerinnen und Schüler sehr gute schulische Erfolge erzielen und den bestmöglichen Schulabschluss erlangen. Ohne die erfolgreiche Absolvierung der Schule ist es sehr schwer, eine Berufsausbildung oder ein Studium zu erlangen.“

Mangelnde Kohärenz fachwissenschaftlicher und fachdidaktischer Lehrerausbildung

Datum 16.05.2015
Mit Qualität in die Offensive – Das Potsdamer Modell der Lehrerbildung

Die Universität Potsdam war in der bundesweit ausgeschriebenen Qualitätsoffensive Lehrerbildung erfolgreich. Fördergelder in Millionenhöhe fließen.

Die mehr als 4000 Lehramtsstudierenden sollen an der Universität Potsdam nicht nur Fachwissen erwerben, sondern auch ihr berufliches Handwerk erlernen. Experten beklagen seit Langem die mangelnde Kohärenz fachwissenschaftlicher und fachdidaktischer Ausbildung. Die Lehrerbildung an der Universität Potsdam  will sich diesem Problem stellen und praxisnahe Ausbildungskonzepte entwickeln.

In Modellschulen, die Interesse an der universitären Begleitung neuer Unterrichtskonzepte haben, sollen Studierende fachlich angeleitet unterrichten und erforschen können, unter welchen Voraussetzungen sich Schule und Unterricht verändern lassen.

Die Fördergelder sollen auch dazu genutzt werden, die Gelingungsbedingungen eines inklusiven Unterrichts zu erforschen:  Wie müssen Lehr – und Lernsituationen gestaltet werden? Welche Lernaufgaben erweisen sich als günstig?  Wie lassen sich Kinder mit unterschiedlichen Formen von Beeinträchtigungen differenziert und individualisiert unterrichten? Neben den Lernschwierigkeiten und individuellen Beeinträchtigungen liegt der Fokus auf besonderer Begabung, eine mögliche Mehrsprachigkeit und die kulturelle Herkunft der Schüler.

aus Artikel (nicht online):  Der Tagesspiegel, Universität Potsdam, 16.05.2015, Antje Horn-Conrad, Mit Qualität in die Offensive


Folgerungen für die Lehrerbildung und das Lernen in Schule und Unterricht

Prof. John Hattie:
Die  Fragestellung bei den Untersuchungen von John Hattie, Professor für Erziehungswissenschaften an der University of Melbourne, ist: Was wirkt am besten? Denn irgendeinen Effekt hat jede Unterrichtsmethode. Er wollte aber wissen, was man tun kann, damit Schüler die größten Lernfortschritte machen. Für ihn kann nur das der Maßstab sein für jede Art von Veränderung in Schule und Unterricht.
John Hattie: “Das, worauf es ankommt, spielt sich nämlich im Unterricht ab, im Klassenraum, wo sich Lehrer und Schüler begegnen. Die Rahmenbedingungen von Schule dagegen – die Schulstrukturen oder das investierte Geld – haben nur geringen Einfluss. Leider wird in der Bildungsdebatte genau umgekehrt diskutiert.” 

Hattie erwartet von Lehrerinnen und Lehrern, Unterricht mit den Augen der Lernenden zu gestalten. Damit meint er, dass Lehrpersonen sich darüber im Klaren sind, was einzelne Schülerinnen und Schüler denken und wissen. Die Lehrpersonen sollten sich in die Lernprozesse hineinversetzen und diese in der Perspektive der Schülerinnen und Schüler wahrnehmen können, um vor diesem Hintergrund fähig zu sein, Lernprozesse aktiv gestalten zu können.
Solche Lehrer, die sich als Lernende ihrer eigenen Wirkungen verstehen, sind hinsichtlich der Lernprozesse und Lernerfolge von Schülerinnen und Schüler die einflussreichsten.


FreieWelt.net:  (…) Was also macht einen erfolgreichen Unterricht aus?
John Hattie:
(…) Dazu gehört etwa, dass eine Gruppe von Lehrern von einer Person geleitet wird, die ein Klima des Vertrauens erzeugt, damit die Lehrer debattieren, kritisieren und Unterrichtsreihen planen können, die a) herausfordernd sind, b) auf dem Vorwissen der Schüler aufbauen, c) die Balance zwischen allgemeiner und tiefgründiger Stoffbehandlung halten und am wichtigsten, d) dass sich alle einig sind, wie der Erfolg sich am Ende darstellen wird und die Erfolgskriterien klar benennen können, BEVOR sie mit dem Unterrichten beginnen.
Die Aussicht auf Erfolg erhöht sich, wenn der Lehrkörper sehr frühzeitig die Zielsetzung des Unterrichtes kommuniziert und sich ständig um Feedback in Bezug auf den Fortschritt der einzelnen Schüler bemüht sowie die Lehrmethoden im Lichte dieser Rückmeldungen anpasst. Die Aussicht auf Erfolg erhöht sich, wenn Schüler, die mit den Herausforderungen des Lernens kämpfen, das Lernen selbst beigebracht bekommen (sich zu konzentrieren, mit Bewusstsein zu arbeiten, Fehler und Fehlschläge zu tolerieren, gemeinsam an Problemlösungen zu arbeiten und verschiedene Lernstrategien auszuprobieren) und mit regelmäßigem Feedback über die nächsten Schritte versorgt werden.
Angemessene Herausforderungen, Klärung des Erfolgsbegriffes und Lehrer, die sich und ihren Unterricht immer weiter entwickeln – das sind Schlüsselkategorien für Unterrichtserfolg. Lehrer müssen darin unterstützt werden, ihren eigenen Einfluss auf den Lernerfolg in einem vertrauensvollen Umfeld ständig zu überprüfen und die Anforderungen der Lehrpläne gemeinsam festzulegen. Lehrer müssen eine Leidenschaft dafür entwickeln, alle Schüler zum Erfolg zu führen. (…)

Im Interview mit FreieWelt.net erläutert John Allan Hattie, was guten Unterricht ausmacht.


Prof. Jochen Krautz in:  Persönlichkeit und Beziehung als Grundlage der Pädagogik
(…) Daher ist die entscheidende Aufgabe des Lehrenden, eine Haltung gegenüber den Schülern zu entwickeln, die diese in der Sache herausfordert und im Lernen fördert, und dabei in einer offenen, anteilnehmenden, emotional warmen Beziehung zu ihnen bleibt. Hierzu bedarf es eines Verständnisses sowohl der grundsätzlichen Erziehungssituation wie auch der Individualität des Schülers (…)
(…) Lehrerbildung und schulische Praxis zeigen, dass Pädagogik im Kern ein interpersonales Beziehungsgeschehen zwischen Lehrenden und Lernenden ist, das auf Persönlichkeitsbildung zielt und eine gebildete Lehrerpersönlichkeit voraussetzt.

siehe auch unter der Seite „Lernen“.


siehe auch den Beitrag:

„Pädagogisch gestaltete Klassengemeinschaft“

Messlatte für Bildungsziele zu hoch

Datum: 07.01.2015
DGB-Bilanz nach dem Bildungsgipfel
Die Bildungsrepublik verfehlt ihre Ziele

Vor gut sechs Jahren – im Oktober 2008 – riefen die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder die Bildungsrepublik Deutschland aus:
– Die hohen Quoten der jungen Menschen ohne Schul- und ohne Berufsabschluss sollten halbiert werden.
– Für 35 % der Kinder, die jünger als drei Jahre sind, müsse ein Krippenplatz bereit stehen, um den Rechtsanspruch abzusichern.
– Mehr Menschen sollten sich weiterbilden oder ein Studium aufnehmen.
– Die Ausgaben für Bildung und Forschung sollten auf 10 % des Bruttoinlandprodukts steigen.
Was ist aus den Dresdner Versprechen geworden?
Ein genauerer Blick auf die Zahlen zeigt (Studie, siehe TSP-Artikel): Die soziale Schieflage bleibt die Achillesferse unseres Bildungssystems. Die Zahl der jungen Menschen ohne Schul- und Berufsabschluss bleibt bedrückend hoch. Die angestrebte Halbierung der Quote der Absolvent/innen allgemein bildender Schulen ohne Hauptschulabschluss auf 4,0 % ist nicht absehbar. Ein Maßnahmebündel, das in diesem Handlungsfeld Erfolge versprechen würde, ist nicht erkennbar.
Die angestrebte Halbierung der Quote junger Erwachsener, die keinen Berufsabschluss erwerben, ist nicht in Sicht: Von 2008 bis 2013 hat sich die entsprechende Quote von 17,2 % auf 13,8 % nur sehr geringfügig verringert.
Der Anteil der Bildungsinvestitionen am Bruttoinlandsprodukt ist wieder gesunken. Es besteht kein Anlass, optimistisch in die nähere Zukunft zu blicken.

Zum Artikel:  Der Tagesspiegel, Wissen, 7.1.2015, Anja Kühne und Tilmann Warnecke, Die Bildungsrepublick verfehlt ihre Ziele