Schlagwort-Archive: Digitalisierung der Schule

Schule im Dienst der Konzerne?

Fortbildung und Ausstattung in privater Hand


René Scheppler

René Scheppler ist Lehrer an einer Wiesbadener Gesamtschule. Mit den studierten Fächern Geschichte und Deutsch.

Sie sind ein wahrer Innovator, vertrauensvoller Berater, leidenschaftlicher Fürsprecher, authentischer Autor und weltweit tätiger Botschafter? Sie wollen Ihren Kolleginnen und Kollegen den Weg zu effektiver Technologienutzung ebnen?

Sie wollen dem Konzern Microsoft helfen, im Bereich Innovationen führend zu sein? Sie wollen Ihre Ideen für die effektive Nutzung der Technologie im Bildungsbereich verfechten und mit Kolleginnen und Kollegen und politischen Entscheidungsträgern teilen?

Sie wollen Einblicke in neue Produkte und Tools zur Verfügung stellen und für Innovationen werben?

Dann können Sie sich bei den Firmen Apple und Microsoft für die Teilnahme an konzernexklusiven Fortbildungsprogrammen für Lehrerinnen und Lehrer bewerben und – nach Auswahl durch den Konzern und erfolgreicher Teilnahme – zum Microsoft Innovative Educator Expert, Apple Distin guished Educator oder – wenn Sie sich besonders „bewähren“ – zum Apple Certified Trainer avancieren (1). Auf Apple Distinguished Educators trifft man vereinzelt auch in den regionalenMedienzentren, die Schulen im Auftrag der Kultusministerienund Schulträger im Bereich Digitalisierung beraten.

Bild: HLZ 1-2/2019, S. 15, Rene‘ Scheppler

Mit diesen Zertifikaten dürfen Sie dann – als Nebentätigkeit – im Dienst der Konzerne Vorträge halten, Fortbildungen anbieten und Schulen beraten – auch wenn „das Führen eines solchen Titels“ nach einer Auskunft des Hessischen Kultusministeriums nach Vorschriften „in § 58 Abs. 2 HBG sowie in § 3 Abs. 15 HSchG nicht gestattet“ ist (2). Dass sich allerdings eine ganze hessische Schule mit dem Titel einer Samsung Lighthouse School schmücken darf, verwundert dann doch. Aber dazu später mehr…

Microsoft Showcase School…

Auch eine andere Entwicklung ist aus den USA inzwischen in Deutschland angekommen, wie die folgende Erfolgsbilanz von Microsoft zur „Übernahme“ ganzer Schulen dokumentiert:

„Für das Schuljahr 2016/2017 hat Microsoft weltweit 4.800 Lehrende und 851 Schulen aus über 100 Ländern nominiert, darunter sind 175 Lehrerinnen und Lehrer sowie 26 Schulen aus Deutschland. Das Gesamtbudget von Microsoft für die weltweite Bildungsinitiative beläuft sich auf 750 Millionen US-Dollar über einen Zeitraum von 15 Jahren (2003 bis 2018).“ (2)

Als Microsoft Showcase School können sich jedoch nur die Schulen bewerben, „die bereits Microsoft Lösungen wie Surface-Tablets, Office 365 Education, Office Mix, OneNote, Skype oder Minecraft“ nutzen. In Hannover gibt es inzwischen die erste staatliche Schule, die sich als Apple Distinguished School bezeichnen kann. Aber auch diese Auszeichnung erfolgt nicht, ohne dass die folgenden von Apple festgelegten Voraussetzungen erfüllt sind:

„Ein One-to-One Programm mit iPad oder Mac für Schüler und Lehrer ist seit mehr als zwei akademischen Jahren eingerichtet. Alle Schüler an Ihrer Schule nutzen Apple Geräte als primäres Lerngerät. Alle Lehrer an der Schule nutzen Apple Geräte als primäres Unterrichtsgerät. Lehrkräfte integrieren Apple Apps zur Erstellung von Inhalten (Fotos, iMovie, GarageBand, Pages, Keynote, Numbers und iBooks Author), Lernapps aus dem App Store, Bücher aus dem iBooks Store und Lernmaterialien aus iTunes U intensiv in den Lehrplan. Lehrer verfügen über eine hohe Kompetenz beim Verwenden von Apple Produkten. Für Schulen der Primar- und Sekundarstufe in Deutschland müssen vor Ablauf der Bewerbungsfrist 75 Prozent der Lehrer an der Schule als Apple Teacher anerkannt sein.“ (2)

… und die Samsung Lighthouse School

Im südhessischen Rüsselsheim gibt es die erste und bisher einzige deutsche Samsung Lighthouse School, auf die der Kreis Groß-Gerau als Schulträger des Neuen Gymnasiums und Landrat Thomas Will (SPD) besonders stolz sind. „Wir haben viele Leuchttürme im Kreis Groß-Gerau, aber dieser leuchtet besonders hell“, erklärte Will bei der Überreichung der Urkunde durch die Vertreter von Samsung im September 2015.

Deutlich weniger begeistert zeigte sich Landrat Will von einer Anfrage des Autors dieses Artikels, ob er denn bereit sei, den Inhalt und das konkrete Ausmaß der „Kooperation“ transparent zu machen. Der Vertrag sei schließlich nicht vom Schulträger unterzeichnet worden und er sei als Landrat nur bei der Unterzeichnung anwesend gewesen. Auch das Hessische Kultusministerium erklärte sich für nicht zuständig:

„Da die erbetenen Informationen dem Hessischen Kultusministerium nicht vorliegen, kann Ihrem Antrag nicht entsprochen werden.“ (2)

Die Schulleitung des Neuen Gymnasiums verwies auf „ein schutzwürdiges Interesse (…) der Firma Samsung“, die „die entsprechende Information bereits verweigert hat“. Hierzu muss man wissen, dass auch das Land Hessen seit Mai 2018 ein „Informationsfreiheitsgesetz“ hat. Nach § 80 hat jede Bürgerin und jeder Bürger gegenüber Behörden und öffentlichen Dienststellen einen „Anspruch auf Zugang zu amtlichen Informationen“, womit „alle amtlichen Zwecken dienenden Aufzeichnungen, unabhängig von der Art ihrer Speicherung“ gemeint sind.

Nach den zugänglichen Zeitungsberichten und Informationen auf der Homepage der Schule finanziert Samsung als Sponsor der Schule die Einrichtung einer „Tablet-Oberstufe“, wobei die Samsung-Tablets „zu einem reduzierten Preis“ in das Eigentum der Schülerinnen und Schüler übergehen.

Auch andere Elemente der Kooperation sind prototypisch:
• Eine wissenschaftliche Begleitung – in diesem Fall durch den Medienpädagogen Professor Dr. Stefan Aufenanger – sorgt für die nötige Seriosität.

• Als Ausdruck der „Gemeinnützigkeit“ dient die Einbettung entsprechender Kooperationen in Wettbewerbe oder gemeinnützige Stiftungen. In diesem Fall fand die Verleihung der Urkunde an das Neue Gymnasium „im Rahmen der Prämierung des Wettbewerbs IDEEN BEWEGEN der von der Samsung Electronics GmbH geförderten Initiative DIGITALE BILDUNG NEU DENKEN“ statt (3).

„In ihrer Offenheit schon fast putzig…“

In anderen Bundesländern sieht man entsprechende Kooperationen offensichtlich distanzierter. Wolf-Jürgen Karle vom Ministerium für Bildung und Wissenschaft des Landes Rheinland-Pfalz, der das Ansinnen der IT-Konzerne in einem Artikel der WELT 2013 „in ihrer Offenherzigkeit“ als „schon fast putzig“ (4) bezeichnete, verwies auf die Dienstpflichten der Lehrkräfte:

„Für Lehrkräfte im Beamten- wie im Beschäftigtenverhältnis gilt das Neutralitätsgebot. Jede einseitige Unterrichtung und Information ist unzulässig.“

Lehrkräfte, die sich für den bevorzugten oder ausschließlichen Einsatz von Apple-Geräten im Klassenzimmer einsetzten, verstießen „gegen geltendes Recht in Rheinland-Pfalz“.

Das niedersächsische Kultusministerium erklärte auf dieselbe Anfrage der WELT, dass die von Apple angebotenen „Fortbildungsreisen“ gegen die Antikorruptionsrichtlinien verstoßen, „die für alle beim Land beschäftigten Lehrkräfte gelten“.

Und was soll daran schlimm sein?

„Das ist doch weltfremd.“ Mit diesen Worten und dem Hinweis auf das Auslaufen der Kooperationsvereinbarung im Sommer 2018 kommentierte der stellvertretende Schulleiter des Neuen Gymnasiums eine Anfrage der FAZ zur Pressemitteilung der GEW (5). Den „Mehrwert“ aus der Kooperation „möchte man nicht mehr missen“. Und so sehen das mit Sicherheit auch viele Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler und Eltern der Schule. Also: Wo ist hier die Gefahr?

In dem Maße, in dem der Staat seine Aufgaben im Rahmen der Lehreraus- und -fortbildung vernachlässigt und sogar an Konzerne mit erkennbaren und formulierten Eigeninteressen zu Gunsten der eigenen Produkte abgibt, verliert er die eigene Expertise in diesem Bereich.

In zahlreichen Bundesländern kann man dies bereits an der erschreckend geringen Zahl von Fortbildungsangeboten staatlicherseits ablesen. So werden beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern wichtige Zukunftsthemen in der digitalen Welt in produktexklusive Fortbildungen ausgelagert.

Werbung in Schulen ist in Hessen ausdrücklich verboten, doch der (neue) § 3 Abs.15 des Hessischen Schulgesetzes zeigt, wo es langgehen kann:

„Schulen dürfen zur Erfüllung ihrer Aufgaben Zuwendungen von Dritten entgegennehmen und auf deren Leistungen in geeigneter Weise hinweisen (Sponsoring), wenn die damit verbundene Werbewirkung begrenzt und überschaubar ist, deutlich hinter den schulischen Nutzen zurücktritt und das Sponsoring mit dem Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule vereinbar ist. Die Entscheidung trifft die Schulleiterin oder der Schulleiter.“

Der Staat vernachlässigt seine Aufgaben

Offensichtlich – und eine andere Lesart ist kaum möglich – ist der Staat nicht mehr in der Lage, den ihm hoheitlich aufgetragenen Verpflichtungen zur vollumfänglichen Finanzierung von Schulen nachzukommen. Auch im Bereich der Lehreraus- und -fortbildung ist man offenbar nicht mehr in der Lage, der Versuchung zu widerstehen, Dritten Zugänge zu gewähren, so dass der Eindruck der Abhängigkeit immer deutlicher wird.

Das Argument, dass sich „die Konzerne nun mal am besten mit der Technik und den eigenen Produkten auskennen“, ist zugleich ein Affront gegenüber den Medienzentren, die trotz viel zu geringer Ausstattung gute Arbeit leisten. Wer sich an derartige Strukturen gewöhnt hat, wird mittelfristig nicht mehr in der Lage sein, sich daraus aus eigener Kraft zu befreien und unabhängig seinen ursprünglichen Aufgaben nachzukommen.

Angesichts dieser Entwicklungen ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis wir uns die Frage stellen müssen, wie wir uns aus dieser „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ wieder befreien können. Um eine Generation zu erziehen, die den Mut hat, „sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen“, scheint die Etablierung von Apple Distinguished Schools, Microsoft Showcase Schools und Samsung Lighthouse Schools nicht der vielversprechendste Ansatz zu sein.

Dieser Beitrag erscheint mit freundlicher Genehmigung des Autors auf Schulforum-Berlin.

Artikel in PDF-Format und Website des Autors „BildungsRadar“

„Welche Bildung wollen wir für unsere Kinder?“

5 Fragen – 5 Antworten – mit Prof. Klaus Zierer, Erziehungswissenschaftler, seit 2015 Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg.

wissensschule.de, SCHULE_DIGITAL: Ganz gleich ob Computer, Tablet oder Smartphone, Kinder kommen heutzutage immer früher direkt oder indirekt mit digitalen Medien in Kontakt. Viele Eltern fragen sich daher zu Recht: Ist der frühe Umgang mit digitalen Medien schädlich für mein Kind? Wie ist Ihre Antwort auf diese Frage?

Klaus Zierer: Pauschal lässt sich auf diese Frage nur schwer antworten, da digitaler Medienkonsum nicht gleich digitaler Medienkonsum ist. Wenn ein Kind mit seiner Oma über Skype Kontakt hält, dann ist das ohne Zweifel ein Mehrwert der Digitalisierung – sofern dieser Kontakt nicht dazu führt, dass mögliche Besuche dadurch ersetzt werden, denn nichts ist so wirksam, als wenn sich Menschen in die Augen sehen. Wenn ein Kind alleine in seinem Zimmer bis spät in die Nacht hinein seine Zeit und damit auch seine Gedanken tot schlägt, dann ist das ein Super-GAU. Insofern lohnt es sich für Eltern, genau hinzusehen und abzuwägen. Entscheidend ist dabei die Frage: Warum nutze ich Medien – und was macht das mit mir und meinem Umfeld? Lande ich mit meiner Antwort auf diese Fragen nicht bei den Menschen, dann lohnt es sich innezuhalten: vermutlich befindet man sich auf einem gefährlichen Holzweg.

Sollte digitale Medienbildung bereits in der Grundschule vermittelt werden und wie sollten digitale Medien grundsätzlich in den Unterricht integriert werden?

Medienbildung ist bereits heute ein Thema in der Grundschule und findet sich in allen Lehrplänen wieder. Insofern ist es eine Selbstverständlichkeit, dass digitale Medienbildung in der Grundschule wichtig ist. Ich denke, bis hierher wird es auch großen Konsens geben. Die Kontroversen entstehen bei der Frage, was digitale Medienbildung eigentlich ist und wie diese Medienbildung aussehen soll. Die Forderung beispielsweise, alle Schulbücher und Hefte durch Tablets zu ersetzen, ist eine bildungspolitische Bankrotterklärung und ignoriert wissenschaftliche Erkenntnisse: So konnte selbst bei Digital Natives nachgewiesen werden, dass sie sich Unterrichtsinhalte besser merken können, wenn sie mit Papier und Bleistift mitschreiben als wenn sie sich ihre Notizen mit einem Laptop machen. Und ebenso konnte nachgewiesen werden, dass sie Texte besser verstehen, wenn sie diese auf Papier ausgedruckt lesen und nicht als digitale Fassung. In ähnlicher Weise halte ich die Forderung für überzogen, dass Kinder in der Grundschule programmieren lernen sollen. Die Frage, die sich stellt, lautet: Warum? So wird sich kaum eine Antwort finden, dass es ein Kind im Hier und Jetzt können muss, und selbst als Erwachsener ist es nicht zwingend. Die Theorie der Halbbildung von Adorno macht das deutlich: Wer von uns weiß denn, wie ein Computer funktioniert? Und wer von uns muss es bis ins kleinste Detail wirklich wissen? Damit zeigt sich, dass im Kern die klassischen Felder einer Medienbildung auch im Zeitalter der Digitalisierung greifen: Medienkunde, Mediennutzung, Mediengestaltung und Medienkritik. All das gehört zusammen und muss vernünftig in die Grundschule integriert werden. Dabei ist aus meiner Sicht wichtig: Wenn wir von den Grundschulen heute mehr verlangen, dann müssen wir an einer anderen Stelle aber auch was herausnehmen. Wir können dem Bildungssystem nicht immer mehr Aufgaben übertragen, sondern müssen auch grundsätzlich diskutieren, welche Aufgaben sind uns wichtig. Oder noch deutlicher: Welche Bildung wollen wir für unsere Kinder? So kommt man aus meiner Sicht zum entscheidenden Leitsatz: Pädagogik vor Technik! Digitale Medien haben dem Menschen zu dienen. Sie sollen Lernprozesse optimieren und Bildungsprozesse ermöglichen.

Bislang konnte keine seriöse Studie belegen, dass Kinder alleine durch Mediennutzung negativ beeinflusst werden. Voraussetzung für positive Medienerlebnisse ist, dass Medien hinsichtlich Inhalt, Format und Dauer dem Alter angemessen gebraucht werden. Würden Sie dem beipflichten und was bedeutet für Sie “dem Alter angemessen”?

In diesem Kontext gibt es ein schönes Zitat von Neil Postman: Wer annimmt, Digitalisierung „sei stets ein Freund der Kultur, der ist zu dieser vorgerückten Stunde nichts als töricht.“ Vielleicht müssten wir kurz klären, was „negativ beeinflusst“ bedeutet: Wenn damit gemeint ist, dass Menschen durch Mediennutzung einer suchtähnlichen Gefährdung ausgesetzt sind, dann ist die empirische Beweislast erdrückend. Das ist den Protagonisten im Silicon Valley übrigens bewusst und nicht umsonst sprechen sie von „addictive design“. Ebenso ist die Beweislast erdrückend, wenn damit gemeint ist, dass eine falsche Mediennutzung Lernprozesse erschwert oder sogar Bildungsprozesse unmöglich macht. So gibt es eine Vielzahl an Untersuchungen, die zeigen, dass Mediennutzung negative Effekte auf die Gesundheit von Menschen ebenso wie auf Lesekompetenzen usw. haben kann. Wer täglich mehrere Stunden sinnlos mit dem Smartphone spielt, setzt nicht nur seine Gesundheit, sondern auch sein Lernen und seine Bildung aufs Spiel – und schadet noch dazu dem Ökosystem. Das ist die negative Seite der Medaille, die nicht aus dem Auge verloren werden darf – bei allen Möglichkeiten der Mediennutzung. Wo diese liegen, haben Sie angedeutet: „dem Alter angemessen“. Ich würde diesen Gedanken weiterführen in Richtung: Warum nutze ich welche Medien? Das ist für mich die entscheidende Frage – nicht nur in der Pädagogik, sondern auch für das ganze Leben. Und überall dort, wo ich feststelle, dass der Mensch hinter die Technik tritt, dann ist es Zeit, die Mediennutzung einzustellen. [siehe dazu auch das Interview mit Prof. Dr. Teuchert-Noodt in der Tageszeitung junge Welt, 19./20.Januar 2019, Nr.16]

Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Mediennutzung. Ist somit nicht auch das Elternhaus stärker gefordert, digitale Medienkompetenz zu vermitteln, statt nur die Schulen damit allein zu lassen?

Es zählt zu den größten Chimären der Bildungspolitik, dass es gelingen könne, Bildung ohne das Elternhaus zu denken. Das Elternhaus wird immer einen Einfluss auf den Lebensweg eines Menschen haben und insofern sind Mütter und Väter immerzu gefordert, ihre Verantwortung ernst zu nehmen. Wer glaubt, seinen Kindern mit einem eigenen Smartphone im Kindergarten oder täglichen Fernsehstunden am Nachmittag etwas Gutes zu tun, ist auf dem Holzweg. Diese Eltern sollten mehr mit ihren Kindern spielen – und weniger mit ihrem Smartphone. Leider tragen sich solche Situationen in bildungsfernen Elternhäusern statistisch gesehen öfter zu als in bildungsnahen, wie Sie andeuten. Insofern könnte Digitalisierung das Problem einer Bildungsungerechtigkeit in Zukunft noch verschärfen und eben nicht verringern, wie manche in Unkenntnis der Empirie argumentieren. Folglich ist eine intensive und wertschätzende Kooperation zwischen Schule und Elternhaus ein Schlüssel für mehr Bildungsgerechtigkeit. In dieser wird es vor allem auch darum gehen müssen, einen gemeinsamen Wertekosmos hinsichtlich einer Mediennutzung aufzubauen. Nur so kann in der Schule und im Elternhaus in dieselbe Richtung gearbeitet werden.

In Ihrem Buch “Lernen 4.0. Pädagogik vor Technik – Möglichkeiten und Grenzen einer Digitalisierung im Bildungsbereich” [siehe nebenstehende Bücherliste] geht es zentral um die These, dass Digitalisierung als Strukturmaßnahme wenig bringen wird. Was genau sollte bedacht und angepackt werden, damit digitales Lernen für alle Beteiligten ein Erfolgsmodell wird?

Erfolgreiche Digitalisierung im Bildungsbereich braucht im Wesentlichen drei Dinge: Erstens Strukturen. Zweitens Menschen, die diese Strukturen zum Leben erwecken. Und drittens eine Vision von Bildung, die handlungsleitend wird. Das Entscheidende aber nun: Das Letzte ist das Wichtigste! Ohne diese Vision ist alles andere inhaltsleer und ziellos. Leider können wir das derzeit in vielen Feldern beobachten: Es wird kräftig investiert – zur Freude der Wirtschaft – aber ohne eine Idee davon zu haben, was eigentlich damit erreicht werden soll. Aussagen, wie zum Beispiel „Wir müssen bei der Digitalisierung im Feld experimentieren“, offenbaren dieses Unvermögen. Also lasst uns zunächst gründlich überlegen, welche Bildung uns wichtig ist und welche Gesellschaft wir wollen. Sodann lasst uns die Menschen so stärken, dass sie dies erreichen können. Dafür werden gewisse Strukturen zu verändern sein, die dann aber nicht nur zufällig wirken, sondern den Menschen dienen und auf ein Ziel hin ausgerichtet sind.

zum Artikel: wissensschule.de, Rubrik SCHULE_DIGITAL

Hervorhebungen im Fettdruck durch Schulforum-Berlin.

Trojanisches Pferd „Digitale Bildung“

Was macht die geplante digitale Schulreform mit unseren Kindern?

Vortrag von Peter Hensinger, M.A., gehalten bei der „Elterinitiative Schule-Bildung-Zukunft“, Stuttgart, 9.2.2019

Es ist tatsächlich das Topthema in der Politik: die digitale Transformation der Gesellschaft. Sie müsse schnell kommen, lesen wir überall, insbesondere die Smart City. Sonst hänge Deutschland ab. Digitalminister werden eingesetzt, die Bundesregierung beruft einen Digitalrat, veranstaltet Kongresse zur digitalen Bildung. Ein Erscheinungsbild der Digitalisierung können wir auf Schritt und Tritt beobachten: ob im Zug, in der S-Bahn oder auf der Straße: gebückt schweigende Menschen, die auf ihr Smartphone starren. Und sie nutzen es vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. In der JIM – Jugendstudie zur Mediennutzung von 1998 gab es noch kein Kapitel zu Handys. Heute ist es in der Studie ein Hauptthema. 2011 hatten 26% der Jugendlichen ein Smartphone, 2016 sind es schon 92 % (MPFS, JIM, 2016, S. 46). Die Veränderungen in der Gesellschaft sind enorm: das Kommunikationsverhalten hat sich völlig verändert, verändert hat sich die Werbung, neue Überwachungsmöglichkeiten heben die Privatsphäre auf, das Verhältnis der Menschen zur Natur ändert sich durch die Virtualisierung. Der Bildungsbegriff wird mit „Digitaler Bildung“ neu definiert, eine neue Sucht, die Internetsucht, ist entstanden, und mit dem Elektrosmog haben wir einen neuen medizinischen Risikofaktor. Die am 05.09.2018 veröffentliche Studie über das Freizeitverhalten dokumentiert die Veränderungen. (Stuttgarter Zeitung, 6.9.2018 und http://www.freizeitmonitor.de/)  

In nur 5 Jahren, von 2013 bis 2018 haben sich Freizeitaktivitäten so verändert:

  • Smartphonenutzung (ohne telefonieren): + 75% (28% auf 49%)
  • Internetnutzung: + 53% (51% auf 78%)
  • Social Media: + 53% (34% auf 52%)
  • E-Mails lesen: + 11% (56% auf 62%)
  • Mit Kindern spielen: – 13% (31% auf 27%)
  • Mit Eltern/Großeltern treffen: – 19% (21% auf 17%)
  • Mit Freunden zu Hause treffen: – 29% (24% auf 17%)
  • Einladen/eingeladen werden: – 42% (12% auf 7%)

Wohlgemerkt: alles als Freizeitbeschäftigung! Smartphones und TabletPCs haben das Zusammenleben also radikal verändert, besonders bei Kindern und Jugendlichen. Tut das gut? Um für das Leben fit zu werden, braucht es eine gesunde Psyche, charakterlich gute Eigenschaften, aber auch Grundfertigkeiten: Schreiben, Lesen, Rechnen, Kommunizieren, logisches Denkvermögen, und v.a. Sozialkompetenz und Bildung. Die Grundlagen dafür werden in der Familie, in der Vorschulerziehung und der Schule gelegt. Dort können Weichen falsch gestellt werden. Wird unser Nachwuchs durch die Digitalisierung besser, schlechter – oder einfach anders? Über die Weichen, die gerade neu gestellt werden, im Elternhaus, Außerschulisch und Schulisch, und das muss man in seiner Wechselwirkung betrachten, werde ich zunächst sprechen. Denn die „Digitale Bildung“ soll ja schon an der KiTa beginnen.

Neue Sozialisationsbedingungen

Vorbemerkung 1: „Mein Kind muss das Smartphone beherrschen lernen, um in der digitalen Welt bestehen zu können!“ Diese Ansicht beherrscht die Diskussion, und lenkt sie bereits in eine falsche Richtung. Sie geht stillschweigend davon aus, dass ein Geschäftsmodell „Digitalisierung“ alternativlos ist und verhindert damit das Nachdenken.

lesen sie weiter: Vortrag als PDF-Datei

Smartphones und Apps haben bis heute keine realen Schulprobleme gelöst

Digitale Medien gehören nicht in die Grundschule, davon ist Digital-Kritiker Prof. Dr. Gerald Lembke überzeugt.

Im Interview mit Andreas Müllauer bemängelt er die „unsinnige“ Digitalisierung deutscher Klassenzimmer und fordert gezieltere Investitionen im Bildungsbereich.

„BEGEGNUNG– Deutsche schulische Arbeit im Ausland“, 2-2018, Andreas Müllauer

Prof. Dr. Gerald Lembke ist Studiengangsleiter für Digitale Medien an der Dualen Hochschule Mannheim und Präsident des Bundesverbands für Medien und Marketing. Lembke ist Mit-Initiator des Bündnisses für humane Bildung, das sich für einen altersangemessenen und differenzierten Einsatz von analogen wie digitalen Lehr- und Lernmedien im Unterricht einsetzt.

Herr Prof. Lembke, Sie fordern, dass die Computer „raus aus der Schule“ sollen. Wieso? 

Man muss differenzieren. Ich sage nicht grundsätzlich raus aus allen Schulformen, das wäre Irrsinn. Sondern ich sage: Raus aus den Grundschuljahren und den vorherigen Kita-Stufen. Für den Lernprozess gibt es hinreichend wissenschaftliche Untersuchungen, die belegen, dass der Einsatz digitaler Medien in den Altersgruppen von sechs bis ca. zwölf Jahren den Lernerfolg nicht fördert. Da muss man sich fragen, ob die Milliarden für digitale Medien in den unteren Schulformen tatsächlich richtig investiert werden. Man sollte dieses Geld ab der ca. 6. Klasse und aufwärts weiter verdichten, um im Hinblick auf Lehrerbildung und fachdidaktische Bildung mehr Nutzen für die Kinder und Jugendlichen zu erzeugen.

Andererseits haben deutsche Jugendliche in puncto Medien- und Digitalkompetenz noch Aufholbedarf, das besagen verschiedene Studien. Wäre ein früher mediengestützter Unterricht dementsprechend nicht sinnvoll? 

Man denkt, dass der frühestmögliche Einsatz die Medienkompetenz erhöht, aber es wird nur eine Anwendungskompetenz erhöht. Die Kinder sind aufgrund ihrer kognitiven und neurophysiologischen Entwicklung nicht in der Lage, mit diesen Medien effektiv und zielgerichtet im Lernprozess umzugehen. Wenn die aktuelle Studienlage länderübergreifend zeigt, dass dieKinder noch nicht einmal richtig lesen, rechnen und schreiben können, halte ich es persönlich für wichtiger, diese originären Fähigkeiten zu erlernen und auf Tablets zu verzichten. Kinder lernen vornehmlich durch Erfahrungen aus der realen Welt. Wenn sie durch schulische Hilfe dazu gebracht werden, sich mehr in den virtuellen Welten zu bewegen, wo sie keine realen Erfahrungen machen können, dann halte ich das für die persönliche und kognitive Entwicklung für kontraproduktiv.

Wie stehen Sie zum angedachten Digitalpakt zwischen Bund und Ländern, der von der ehemaligen Bildungsministerin Johanna Wanka initiiert wurde? 

Eigentlich ist er eine Mogelpackung. Der Digitalpakt sollle letztendlich die länderspezifischen Entscheidungen im Bundesbildungsministerium zentralisieren. Er sieht in der inhaltlichen Ausgestaltung vornehmlich eine technische Ausstattung vor. Das heißt, man möchte mit den Investitionen die Schulen mit Technik, W-LAN, Computern und Tablets ausstatten. Im Kern verfolgt die Regierung damit eine Strategie des frühestmöglichen Heranführens an die digitalen Medien, ohne wissenschaftliche Erkenntnisse zu besitzen, ob diese Geräte tatsächlich den Lernerfolg und die Entwicklung von Kindern positiv fördern. 

Wo sollen Jugendliche Medienkompetenz lernen, wenn nicht in der Schule?

Ich sage ja nicht, dass man die nicht in der Schule erlernen soll. Ich bin dafür, dass die finanziellen Mittel des Bundesbildungsministeriums nicht in die Grundschulen in Form von unsinniger Hardware gepumpt werden sollen, sondern in die weiterführenden Schulen – dort aber konzentriert. Ich kann mir prima vorstellen, dass man beispielsweise ab der 6. Klasse themenspezifische Technik-Räume einsetzt, um Schüler in Arbeitsgruppen an speziellen Themen experimentieren zu lassen, um sie an diese Themenfelder heranzuführen. Zum Fünf-Milliarden-Paket der ehemaligen Ministerin Wanka: Sie wollte für jede Schule in einer Laufzeit von drei Jahren pro Jahr umgerechnet 25.000 Euro bereitstellen. Davon bekommt man doch nicht einmal Computer für jede Schule. Ich plädiere dafür: Lasst den Kindern in den frühen Jahren die reale Welt, denn da werden sie sich ohnehin entwickeln. Verbessern wir lieber den Unterricht durch High-Tech-Labore in den späteren Jahren.

Wie würde für Sie der perfekte Unterricht aussehen, um junge Menschen auf die digitalisierte Welt vorzubereiten? 

Ich plädiere für einen altersgerechten Einsatz: Wenn die Jugendlichen in der Schule mit digitalen Medien konfrontiert werden, um sie dann auch tatsächlich für Projektarbeiten einzusetzen, finde ich das absolut klasse. Das muss aber altersabhängig und in Abhängigkeit von ihrer kognitiven und persönlichen Entwicklung geschehen. Wir sehen, dass Spielsucht und Internetsucht nach der aktuellen medizinischen Studienlage insbesondere bei Kindern und Jugendlichen zwischen 11 und 14 Jahren sehr hoch ausgeprägt sind. Man kann also nicht automatisch davon ausgehen, dass das Vorhandensein eines Computers oder eines Smartphones zu einer höheren Medienkompetenz führt. Ich plädiere dafür, dass man einen gesunden Ausgleich zwischen realer und virtueller Welt findet. Es spricht nichts dagegen, wenn man in der 9. Klasse eine Projektarbeit anfertigt, dafür das Smartphone zur Hand nimmt und die Arbeit beispielsweise in einer Cloud mit seinen Mitschülern teilt. Wichtig ist dabei die fachdidaktische Begleitung. Ich möchte nicht als Lehrer in einer Schule stehen, wo die Kinder den ganzen Vormittag nur auf dem Handy herumspielen. Aber ich sollte sie so früh wie möglich in Präventionsprogrammen über die Risiken aufklären und später über die Sinnhaftigkeit von Digitalmedien sprechen. Momentan gibt es aber nur eine Chancendiskussion: „Wir müssen über die Chancen von Smartphones aufklären“, heißt es. Das machen die Kids aber schon selbst, sie nutzen die Chancen, sieben Stunden am Tag im Durchschnitt. Ist das etwa zu wenig Zeit täglich? Insofern muss mir erstmal jemand erklären, warum diese Geräte vom Steuerzahler finanziert in die Schule sollen und die Lehrer nun das Fehlverhalten auslöffeln sollen. Deswegen sollte man das klar in Form von Präventionsprogrammen in alle Schulformen integrieren. 

Welche Rolle spielen die Lehrkräfte, um die Schüler fachdidaktisch adäquat zu begleiten?  

Ich denke, die Herausforderung bei den Lehrkräften ist, dass sie von Fachpädagogen zu Fachdidaktikern werden. Fachdidaktik heißt in diesem Fall, dass man sich fragt: Welche Rolle spielen in der Auswahl der pädagogischen Mittel die neuen digitalen Medien? Eine aktuelle Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bestätigt: Unterricht wird allein durch das Vorhandensein digitaler Medien nicht besser. Aber die Studie besagt auch, dass sehr guter Unterricht durch den Einsatz digitaler Medien noch etwas besser werden kann. Es geht weniger darum, alle Lehrer im Hinblick auf die digitale Entwicklung zu Digital-Lehrern oder zu Digital-Fachdidaktikern zu entwickeln, sondern Lehrer dahin zu leiten, dass sie ihren Unterricht besser machen. Denn nur ein sehr guter analoger Unterricht bietet die Chancen eines sinnvollen Digitaleinsatzes. Auf dem Weg dorthin brauchen Lehrer aber nicht die digitalen Medien, sondern eine gehörige Portion Selbstreflexion und Entwicklungsmotivation. Was zurzeit passiert, ist aber genau das Gegenteil. Man haut die Klassen in der Erwartung mit Technologien voll, dass jetzt alles besser werde, die pädagogischen Probleme gelöst wären – und das wird nicht passieren. 

Können herkömmliche Unterrichtsmaterialien und -methoden alles leisten, was digitale Geräte im Unterricht beitragen könnten? 

Digitale Geräte sind immer Mittel zum Zweck. Um Programmieren zu lernen, bedarf es zunächst keines Computers. Da müssen Logik und Algorithmen verstanden werden. Das ist ganz viel Theorie, die man im Kopf kognitiv entwickeln muss. Erst in der späteren praktischen Anwendung ist dann ein Computer natürlich hilfreich. Wenn es darum geht, die reale Welt zu gestalten, bin ich dafür, Unterrichtsprobleme mit Methoden der realen Welt zu lösen. Smartphones und Apps haben bis heute keine realen Probleme gelöst. Das muss mir erstmal jemand beweisen. 

Würden Sie sagen, dass die Diskussion um den Einsatz digitaler Medien in der Schule eher ideologisch als didaktisch geprägt ist? 

Ja, vorwiegend ideologisch. Es geht überhaupt nicht um die Kinder, den Lernerfolg oder die individuelle Entwicklung. Das spielt überhaupt keine Rolle. Es geht seitens der Politik ausschließlich um Lobby-Interessen. Das finde ich sehr dramatisch. Wir erleben in der Diskussion um das sogenannte digitalorientierte Lernen zwei Lager: Ein Lager, das keine Risiken sieht und nur Chancen sowie ein Lager, das sowohl die Risiken als auch die Chancen sieht. Und ich gehöre zum zweiten.

Siehe auch Interview mit Prof. Manfred Spitzer im rbb:
Smartphones überall: Die moderne Epidemie
rbb – zibb, 29.01.19 18:30 | 11:18 min | Bis 29.01.2020

Das Smartphone hat das Leben von Milliarden Menschen in den letzten zehn Jahren mehr verändert als kaum eine technische Neuerung zuvor. Viele sehen die positiven Seiten, wenige machen sich Gedanken um die negativen Auswirkungen für unser Denken, Fühlen und Handeln, unsere Gesundheit und unsere Gesellschaft.

Kritischer Blick auf den UNICEF-Bericht: Kinder in einer digitalen Welt

Ein Bericht von UNICEF: „Zur Situation der Kinder in der Welt 2017“

beschreibt, wie Smartphones, Laptops, Computer und Internet weltweit das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen verändert haben – und es in Zukunft weiter verändern werden – im Guten und im Schlechten.

Dr. med. Uwe Büsching, Kinder- und Jugendarzt und Vorstandsmitglied des Berufsverbands der Kinder– und Jugendärzte (BVKJ)

Die möglichen Chancen der Digitalisierung für Kinder
Kinder und Jugendliche selbst sehen das Internet fast immer als positiven Teil ihres Lebens an. Zu Recht? Im World Development Report der Weltbank 2016 heißt es: „In den Entwicklungsländern gibt es heute mehr Haushalte mit Mobiltelefon als mit elektrischem Strom oder sauberem Wasser. Fast 70 Prozent der ärmsten Menschen in den Entwicklungsländern besitzt ein Mobiltelefon.“ Die ärmsten Familien, die an dieser Entwicklung nicht teilhaben, fallen noch weiter zurück, so die Analyse der Weltbank. Es bestehe die akute Gefahr, dass die Digitalisierung hier, anstatt gleiche Chancen zu eröffnen, Ungleichheit verschärfe. Die Autoren des UNICEF-Berichts gehen von der Hypothese aus: „Benachteiligten Kindern – in Entwicklungs- wie in Industrieländern – kann die Vernetzung helfen, ihre Fähigkeiten zu entfalten und Armut zu überwinden. Die Digitalisierung ermöglicht Lernen von hochwertigen Inhalten ohne existierende Schulsysteme, informiert unabhängig von staatlich kontrollierten Medien, vermittelt Kontakte beruflich und privat.

Doch die Erfahrungen können sich stark unterscheiden – je nach Bildung und Ausbildung, technischer Ausstattung, Sprache und Einkommen. Hunderte Millionen Kinder sind vom Moment ihrer Geburt an in einen permanenten Strom digitaler Kommunikation und Vernetzung eingebunden. Die Digitalisierung prägt ihre Erfahrungen und eröffnet unbegrenzte Möglichkeiten.

Die Informationsarmen
Der UNICEF-Bericht bedauert, dass von den Vorteilen und Chancen der Digitalisierung längst nicht alle Kinder und Jugendlichen profitieren – in den Entwicklungsländern genauso wenig wie in Schwellen- oder in Industrieländern. Um die Chancen für alle zu realisieren, müssten für die anderen Millionen von Kindern technisch hochwertige Netze bereitgestellt werden. Wenn Kinder fortgesetzt am Internet nicht teilhaben könnten, würden sich soziale und ökonomische Ungleichheiten im Verhältnis Entwicklungsländer zu Industrieländern und zwischen den Schichten der Gesellschaften durch „Informations-Armut“ weiter verschärfen. Der Bericht nennt die Gestaltung der digitalen Welt für Kinder eine zentrale Zukunftsaufgabe. Kindern würden mit dem Ausbau der Digitalisierung zukünftig noch mehr digitale Geräte, auch mit künstlicher Intelligenz, Online–Plattformen und Anwendungen zur Verfügung stehen.

Digitale Gefahren
Ohne Unterbrechung steht ein Strom von Videos, Nachrichten in sozialen Netzwerken und eindrucksvollen Spielen zur Verfügung, Kontrolle ist kaum möglich. Während Kinder online sind, werden gleichzeitig Informationen über sie gesammelt. Eine Untersuchung von 2010 ergab, dass in zehn Industrieländern 81 Prozent der Kinder vor ihrem zweiten Geburtstag bereits einen „digitalen Fußabdruck“ hinterlassen hatten. Die Risiken, die ein solcher kaum noch zu löschender Abdruck im Netz langfristig für das Leben von Kindern und Jugendlichen haben kann, sind nur zu erahnen. Was man heute bereits weiß: Das Internet verstärkt auch traditionelle Risiken im Kindes- und Jugendalter besonders für diejenigen, die bereits in der realen Welt benachteiligt sind. Und es schafft neue Risiken. Forscher unterscheiden heute drei Arten von Online-Risiken: Inhalts-Risiken, Kontakt-Risiken und Verhaltens-Risiken, die es auch ohne Internet gab und gibt, die aber durch die Digitalisierung noch verstärkt werden. Sie bestehen potenziell für alle Kinder und Jugendlichen. Die Internet Watch Foundation registrierte allein im Jahr 2016 weltweit 57.335 Internetseiten mit kinderpornographischen Inhalten. 92 Prozent aller einschlägigen URLs waren in fünf Ländern ansässig: in Frankreich, Kanada, den Niederlanden, der Russischen Föderation und in den USA.

Immerhin haben die Autoren registriert: „viele Eltern und Fachleute in hoch digitalisierten Ländern fürchten zudem um die Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern.“ Die Stiftung selbst sieht die Sicherheit und den Schutz der Privatsphäre der Kinder bedroht, auch weil für die meisten Heranwachsenden diese Gefahr abstrakt und damit nicht akut zu befürchten sei. Mehr Forschung sei notwendig, um besser zu verstehen, warum diese potenziellen Risiken bei den einen zu Ausbeutung und Leid führen und bei anderen nicht.

Auch der UNICEF-Bericht widmet sich den Gefahren der Digitalisierung. Er fordert auf, sich verstärkt um die tieferliegende Verletzlichkeit (Gewaltandrohung, -erfahrung, Konfrontation mit ungewollten sexuellen Inhalten, Bullying [systematisches Mobbing unter Kindern und Jugendlichen] und Bedrohungen der Person, der Familie) der betroffenen Kinder zu kümmern, um sie besser fördern und schützen zu können – in der Online- und in der Offline-Welt. Die Gefahren der Digitalisierung für Kinder, auch in Industriestaaten, werden in dem Bericht ebenso ausführlich beschrieben wie die Ohnmacht der Staaten und der Strafverfolgungsbehörden beim Schutz von Kindern und Jugendlichen durch Gefahren durch die Digitalisierung.

Kinderschutz
Die Autoren des UNICEF–Berichtes diskutieren Maßnahmen, um Kinder vor den Gefahren der Digitalisierung zu schützen. Eine Zeitbegrenzung erübrige sich, laut UNICEF gibt es keine klar definierte Grenze, ab wann die Beschäftigung mit digitalen Inhalten Kindern und Jugendlichen schadet. Vielmehr sei „zu viel“ höchst individuell und hänge vom Alter der Kinder, ihren persönlichen Eigenheiten und ihrem Lebenszusammenhang ab. Online-Zeiten durch Verbote zu begrenzen sei nicht zielführend, als Belohnung einzusetzen aber nach derzeitigem Forschungsstand auch nicht. Demgegenüber seien mehr Aufmerksamkeit und Begleitung der vielversprechendere Weg. „Was die Kinder im Netz tun und mit welchen Inhalten sie sich dort beschäftigen, ist wichtiger als ausschließlich darauf zu schauen, wie lange sie am Bildschirm sitzen.“ Eine wichtige Maßnahme zur Risikoreduktion: „Grundsätzlich müssen bei der Entwicklung digitaler Produkte die besonderen Bedürfnisse von Kindern beachtet werden. Alle, mit oder ohne Handicap, brauchen besondere Begleitung und Unterstützung, um sich in der digitalen Welt zurechtzufinden. Technologischer Fortschritt allein reicht nicht – ebenso wichtig sind eigene Motivation, gut ausgebildete Lehrer und gute Pädagogik. Die Digitalisierung kann schlecht funktionierende Verwaltungen oder Ungerechtigkeiten beim Zugang zu Bildung nicht ausgleichen.“

Schwächen des UNICEF- Berichtes: jede Menge warme Worte, wenig Konkretes und eine Falschbehauptung

Die Behauptung der Autoren, das Ausmaß der Zeit, die Kinder an digitalen Endgeräten verbringen, sei bedeutungslos, mithin seien Einschränkungen pädagogisch unsinnig, steht im deutlichen Widerspruch zu den Ergebnissen der BLIKK-Studie (Bewältigung, Lernverhalten, Intelligenz, Kompetenz und Kommunikation). Übermäßiger Medienkonsum korreliert sehr wohl mit Entwicklungsauffälligkeiten! Die Zeitbegrenzung ist damit ein äußerst wirksames Mittel, um die Gesundheit von Kindern wirksam zu schützen. Sie ist viel wirksamer, weil leichter umzusetzen, als Appelle an die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Professionen.

Die Wünsche und Forderungen der Autoren des UNICEF-Berichts an Staat und Familie zum Kinderschutz entsprechen ansonsten dem aktuellen Wissenstand. Sie bleiben jedoch seltsam unkonkret. So lautet ein Vorschlag: Kinder gehören ins Zentrum einer Digital-Politik. „Bei der Entwicklung einer zukünftigen Digital-Politik müssten Kinder und Jugendliche gehört werden.“ Doch eine solche Digital-Politik muss erst entwickelt werden. Es gibt keine Einwände gegen die Partizipation von Kindern und Jugendlichen, aber was soll die Forderung nach Beteiligung, solange Digital-Politik nicht existiert?

Den drei Vorschlägen „Kinder müssen vor Online-Gefahren geschützt werden“, „Die Privatwirtschaft muss ethische Standards und Praktiken vorantreiben“ und „Die Privatheit und die Identität von Kindern müssen geschützt werden“ wird niemand widersprechen. Berechtigt aber ist doch zu fragen, warum dies nicht schon längst geschieht? Die von den Autoren vorgetragenen Vorschläge sind so alt wie das Internet. UNICEF hat viel Einfluss, viel Akzeptanz, UNICEF hätte die Chance zu fordern, auch strafrechtliche Konsequenzen, anstatt nur lauwarm zu mahnen.

Der Vorschlag, „Kinder müssen digitale Kompetenzen genauso wie Lesen, Schreiben und Rechnen lernen“, ist nichts weiter als die kritiklose Übernahme einer unwissenschaftlichen Phrase, die nicht dadurch wahr wird, wenn Daxvorstände sie in jeder Talkshow wiederholen. Es ist zurzeit sehr umstritten, ab welchem Lebensalter Kinder befähigt sind, zu ihrem Vorteil mit dem Internet zu lernen. Bevor Lehrpläne für digitale Kompetenz gefordert werden, braucht es ganz viel und wohl auch teure Forschung. Im Interesse der Kinder ist diese Investition bei jährlich 20.000 Neuerkrankungen an Internetsucht angebracht.

Der letzte Vorschlag, der von allen Befürwortern der Digitalisierung vorgebracht wird und der bei UNICEF ganz am Anfang platziert ist, „Alle Kinder müssen bezahlbaren Zugang zu qualitativ guten Online-Angeboten bekommen“, ist erst dann zu unterstützen, wenn alle vorherigen Forderungen endlich realisiert sind. Allein die Kosten für den Internetzugang zu senken und mehr öffentliche Hotspots einzurichten, ist kein Kinderschutz!

Fazit:
Wirklich konkrete zielführende Konsequenzen für den Kinderschutz nennt der UNICEF-Bericht nicht. Den seltsamen Verbleib im Vagen erklären die Autoren damit, dass es bereits zahlreiche internationale Instrumente, Richtlinien, Vereinbarungen und Prinzipien zur Freiheit des Internets, zu Netz-Neutralität, Zugang und Menschenrechten im Netz gebe. Es fehle eine grundsätzliche Übereinkunft, wie Kinder vor den Risiken der digitalen Welt geschützt und wie dessen Versprechungen und Chancen allen Kindern zugänglich gemacht werden können.

Dem Leitgedanken von UNICEF („Jedes Kind auf der Welt hat das Recht auf eine Kindheit – wir sind dafür da, dass aus diesem Recht Wirklichkeit wird.“) wird der Bericht nicht gerecht.

Es ist unverständlich, warum UNICEF die Chance nicht ergriffen hat, mit dem Bericht auch wirksame Kinderschutzgesetze zu formulieren, um Kinder vor den Gefahren der vernetzten Welt zu schützen – notfalls auch gegen die Interessen der US-Regierung, des Präsidenten und von Google & Co. In der vorliegenden Version verharrt der Bericht weitgehend bei einer rosaroten Utopie: Digitalisierung ist für alle gut, wenn nur Eltern, Lehrer und Ärzte ein bisschen aufpassen, mit was sich die Kinder da stundenlang beschäftigen. Begleitende Kinderschutzgesetze zu Digitalisierung oder selbst schon mögliche Strafverfolgung werden im Interesse eines Big-Data-Hype vernachlässigt. So ist der UNICEF-Bericht nicht viel mehr als eine Orientierung mit vielen guten Ansätzen und dem sicherlich wichtigen Appell, mehr zu forschen.

Aus dem UNICEF-Bericht: „Ich denke, dass das Internet uns näher zu denen gebracht hat, die weit weg sind – und weg von denen, die nahebei sind.“
(16-j. Mädchen aus der Dem. Rep. Kongo)

Aus:  Kinder- und Jugendarzt, 49. Jg. (2018) Nr. 3/18, S. 144-147, Dr. med. Uwe Büsching, Kinder- und Jugendarzt und Vorstandsmitglied des Berufsverbands der Kinder– und Jugendärzte (BVKJ).

Dr. Uwe Büsching, E-Mail: ubbbs@gmx.de

Der Artikel erscheint bei Schulforum-Berlin mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Dr. Büsching war Refernt bei der Tagung „Bildschirmmedien und Kinder“ an der Hochschule Offenburg am 20.10.2018 (siehe unter Veranstaltungen, Seitenleiste).

ONLINE oder OFFLINE – Welche Schulen brauchen wir?

Plenum digitale – Vacuum mentale?
Frankfurter (In-)Kompetenzkonferenz zur Digitalisierung
Oktober 2018, Universität Frankfurt/Main [siehe Veranstaltung auf der Seitenleiste]

Der kurze Weg vom digital native zum digitalen Naivling

von Josef Kraus  [1987 bis 2017 ehrenamtlich Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, DL]
Ich werde mich kritisch mit der Digitalisierung von Schule und Unterricht auseinandersetzen. Da ist es angebracht vorwegzuschicken, wie ich es selbst über 20 Jahre hinweg als Direktor an meiner eigenen Schule, einem Gymnasium, mit der Digitalisierung gehalten habe. Ich habe in diesen 20 Jahren an meiner Schule dafür gesorgt, dass sukzessive alle Unterrichtsräume (inkl. Musik- und Kunsträume) online gehen konnten und mit je einem Rechner und Beamer ausgestattet wurden; dass drei sehr große Computerräume eingerichtet wurden; dass für rund 800 Schüler ca. 150 Rechner zur Verfügung standen; dass wir vier Lehrer mit Lehrbefähigung Informatik bekamen. Laptop- und Whiteboardklassen habe ich nicht mitgemacht. Mein 80-köpfiges Kollegium hat es hervorragend verstanden, sog. Kreidezeit und Computerzeit zu vereinen. Und: Ich habe dafür gesorgt, dass meine Schule eine eigene Bibliothek mit einer Grundfläche von 700 m² und mit einem Buchbestand von 45.000 Bänden bekam und dass diese Bibliothek (die zugleich öffentliche Bibliothek wurde) jeden Tag von 7.30 bis 17.00 Uhr geöffnet ist.

Zum Thema

Im Jahr 1647 schrieb Georg Philipp Harsdörfer ein Lehrbuch mit dem Titel „Poetischer Trichter. Die Teutsche Dicht- und Reimkunst, ohne Behuf der lateinischen Sprache, in VI Stunden einzugießen“. Daraus ist – auf Kupferstichen sichtbar – der Nürnberger Trichter geworden. Die Suche nach einem solchen war damals und scheint heute erneut ein visionäres Anliegen. Zur Karikatur wird die Suche, wenn Bildungspolitik und Pädagogik nicht wahrhaben wollen, dass Lernen etwas Aktives ist, dass es mit Edutainment/Infotainment nicht getan ist und dass Lernen ohne personalen Bezug nicht geht. Die Flops, die man in den 1960er und 1970er Jahren mit dem Sprachlabor und mit programmiertem Lernen landete, sollten Beleg genug sein.

Nun ist ein neues pädagogisches Trichterstudium angesagt: das des digitalen Nürnberger Trichters. Der Hype der Digitalisierung soll bereits in der Grundschule, wenn nicht schon in der KiTa, beginnen. Jeder Bildungspolitiker und „Bildungsexperte“, der etwas auf sich hält, inszeniert sich als leidenschaftlicher Befürworter eines Lernens in Laptop- oder Smartphon-Klassen. Mich beschleicht dabei aber das Gefühl, dass „moderne“ Bildungspolitik und Pädagogik damit eher vom eigenen Versagen der letzten Jahrzehnte ablenken will, nämlich ablenken will von einer plump-populistischen Gefälligkeitspädagogik, mit der Bildungsqualität und Abiturquoten immer mehr in ein reziprokes Verhältnis gerieten.

Inszeniert wurde und wird der „digi“-Hype Ganze mit einer Melange aus Alarmismus, Klischees und Visionen, so als sei die Schule des Jahres 2017 immer noch die Schule des 19. Jahrhunderts oder gar der geologischen Epoche der „Kreidezeit“. Rezepte und alarmistische Schlagzeilen lauten dementsprechend: „Das wischende Klassenzimmer“; „Je mehr Tablets, desto höher die Qualität der Bildung“ (Samsung); „Schlaumäuse für 8.000 Kindergärten (!) verschenkt“ (Microsoft). Angesagt sind ferner: didaktische Hyperlinks, Edutainment, Homelearning, interaktive Lernumgebung, just-in-time-knowledge, knowledge-machines, instant-learning, learn-line, Lernanimation, Lern-Software, Multimedia-Learning, multimedialer Lernspaß, Online-learning, Telelearning, Teleteaching, virtuelles Klassenzimmer, usw. Und dann immer wieder, bis hinauf in Abiturprüfungen: PPP-Kompetenz! Power-Point-Präsentation-Kompetenz. Vulgo: betreutes Lesen!

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Ich kann solche Schlagzeilen und Wort-Hülsen nicht mehr hören und lesen. Und wenn mir dabei Namen unterkommen wie Bertelsmann Stiftung (Deutschlands oberste Bildungs-, Alarmismus- und Zahlenfetischismus-Gouvernante oder Vodafon-Stiftung, Telekom-Stiftung, Bitkom, Samsung ….. dann weiß ich, dass es hier um ein Milliardengeschäft geht.

Als ob jetzt der neue Adam geschaffen werden könne, ist selbst unter selbsternannten „Bildungsexperten“ der (Aber-)Glaube ausgebrochen, Multimedia eröffne „kaum absehbare Potentiale für die Steigerung der Effizienz des Lernens“. Ganz Kundige, darunter EU-Kommissare, glauben gar erkennen zu können, dass der Schulunterricht, der bislang „hinter verschlossenen Türen“ stattgefunden habe, nunmehr „über elektronische Fenster zur Außenwelt geöffnet“ werden könne. Schöne Visionen, die da heraufziehen – Visionen von einer Schule, in der der Computer für das Kognitive zuständig sein soll und in der sich Lehrer voll auf das Sozial- und Freizeit-Pädagogische konzentrieren könnten. Brave New School. Digitalisierung als unterrichtliches Anabolikum! Ein simpel animistisch-magisches Denken ist das (und damit eine der untersten Stufen der Intelligenzentwicklung laut Piaget!)

Bewegen müsste Pädagogen etwas ganz anderes, etwa die Frage, ob der junge, verkabelte oder w-lan-mäßig vernetzte Multimedia-Mensch ab einem gewissen Stadium des Informationsangebots bzw. -konsums überhaupt noch die Fähigkeit besitzt, zwischen faktischer Realität einerseits und virtueller, medialer Realität andererseits zu unterscheiden oder ob er nicht – weil Computer ja keine Welt außerhalb der eigenen kennen – bereits einer höchstselektiven „Windowisierung“ von Wirklichkeit ausgesetzt ist. Aldous Huxley jedenfalls hätte seine Freude an solch neuer Welt.

So gesehen, darf und sollte gerade Schule den Mythos der Informationsgesellschaft entzaubern. Von Wissensgesellschaft kann man ja wohl nicht sprechen, weil das ein Euphemismus wäre. Denn es gibt einen essenziellen Unterschied zwischen Information und Wissen. Kurz gesagt: Information wird erst durch Bildung, durch Reflexion zu Wissen veredelt.

Nicht zu Unrecht hat der gute alte Joseph Weizenbaum (1923 in Berlin geboren und dort 2008 verstorben) gerade der Pädagogik ins Stammbuch geschrieben: Die bloße Informationsverarbeitung erleichtere das Durchwursteln, und sie verhindere wirkliche Innovationen. Weizenbaum nennt das „Stagnovation„. Es sei, so Weizenbaum weiter, informationstechnisch eine Fehleinschätzung, dass die Mattscheibe eine große Informationsdichte besitze. Jeder Waldspaziergang habe um Größenordnungen mehr Potential als künstliche Zeichensysteme. Aber den meisten sei die Fähigkeit verlorengegangen, sie zu erschließen, weil es einfacher sei, Technologie einzuschalten, als selbst zu denken.

Und ein Günther Anders (+1992) würde mit Blick auf die digitalen Medien eindringlich vor einer Ikonomanie, vor einer Bildsucht, warnen. Diese Warnung präzisiert Günther Andres in seiner Essaysammlung „Die Antiquiertheit des Menschen“ von 1956 bzw. 1980: Darin belegt er, dass die technische Intelligenz oft die Intelligenz ihrer Erzeuger übertrifft. Folge gerade beim Fernsehen (um wieviel mehr erst bei den digitalen Medien!): „Alles Wirkliche wird phantomhaft, alles Fiktive wird wirklich.“

Apropos „Ikonomanie“: Sie macht heutzutage vor dem eigenen Bild und zumal vor jungen Leuten nicht halt. Man „postet“ sich. Beta- und Prolo-Promis machen es vor: Jede mit Botox weggebügelte Hautfalte, jedes neue Tattoo und natürlich Tausende an Selfies landen bei Facebook, Instagram und in WhatsApp-Bildanhängen. Soziale Netzwerke nennt man sie. Was aber ist daran sozial, wenn es hier nur um Egophanie, um die Vergöttlichung des eigenen Egos, geht? Selbst zwölfjährige Mädchen tun es. Sie posten sich in Lolitapose und geben Persönlichstes preis. Wenn man, weil man als Schulleiter bei einer Internetrecherche zur eigenen Schule zufällig auf dergleichen stößt, ihre Mütter besorgt darauf anspricht, dass sich ihre Töchter damit zum Objekt von Pädosexuellen machen, erntet man durchaus die giftige Gegenrede: „Wie kommen Sie dazu, meiner Tochter nachzuschnüffeln!?“

Schade, dass es heutzutage keinen Joseph Weizenbaum und keinen Günther Anders mehr gibt.

All diese Skepsis ist kein Anlass zur Maschinenstürmerei. Aber eines scheint vonnöten: Schule sollte hauptsächlich bei einer Kommunikation bleiben, die unmittelbar, personal, sozial und damit human ist.

Ich möchte junge Menschen nicht zu Infokraten getrimmt sehen, die mit Häppchen-Information herrschen oder davon beherrscht werden, sondern die Kommunikation als etwas Menschliches und nicht als etwas Technisches erfahren und praktizieren. Immerhin könnte das Ergebnis multimedialer Vernetzung eine Art Kasper-Hauser-Syndrom sein. Damit wäre man bei einem Punkt angekommen, wo Information Kommunikation tötet, weil sich jeder nur noch das an Information sucht, was er braucht, und nur noch darüber redet.

Die Überwältigung der Wahrnehmung und des Denkens durch Informationsfluten sowie die medial bedingte Isolation könnte außerdem dazu führen, dass Kinder nichts mehr begreifen – „be-greifen“, wie es die Weisheit der Sprache zum Ausdruck bringt, weil sie nichts mehr zum Greifen haben. Schließlich ist ja alles auf dem Bildschirm immateriell.

Der klassische Unterricht im Lehrer-Schüler-Gespräch wird jedenfalls auch zukünftig im Zentrum schulischer Lernprozesse stehen (müssen).

Wofür also „Laptop statt Schulranzen“? Warum „Handys“ in den Schulen? Damit sich Schüler aus dem World Wide Web einen englischsprachigen Zeitungsartikel holen, um ihn sodann mit Hilfe des www-integrierten digitalen Wörterbuches zu übersetzen?

Hierher passt mein Plädoyer für das Buch! Das Buch wird in der Schule schon deshalb das zentrale Medium bleiben, weil es – weitaus mehr als Multimedia – Wissen ohne Verfallsdatum und ohne permanente Aufkündbarkeit per Mausklick anbietet.

Ansonsten sollte nach dem hoffentlich baldigen Abkühlen der überhitzt euphorischen Schulcomputer-Debatte zur Kenntnis genommen werden, dass das, was man an technisch-manuellen Internet-Fertigkeiten braucht, auch von einem Laien in wenigen Stunden erlernt werden kann. Außerdem sollte zur Kenntnis genommen werden, dass laut Untersuchung der Alfred-University in Albany (Kalifornien) internet-interaktive Studenten erheblich häufiger in Prüfungen scheitern als ihre Kollegen, die sich mehr auf das Studium als auf den PC konzentrieren.

Jedenfalls muss Schule aufpassen, dass sie nicht mit einer Sintflut an elektronisch aufbereiteten Informationen einem Tyrannen die Tür öffnet, der sie „vernetzt“, verstrickt, fesselt und ihrer Freiheiten beraubt. Das Buch wäre das geeignete Rettungsboot in dieser Sintflut.

Aber ansonsten? Es mag ja sein, dass junge Menschen heutzutage aufgrund neuer Informationstechniken über mehr Informationen über die Welt verfügen (können) als Voltaire, Kant und Goethe zusammen. Aber dass wir heute klüger seien als unsere Väter, Großväter oder Urgroßväter, das ist doch sehr zu bezweifeln.

Und es mag ja auch sein, dass Hardware und Software unschlagbar sind im Suchen, Speichern, Rechnen. Doch es sind die Menschen, auch die jungen, die unschlagbar sind im Auswählen, im Bewerten und in der Interpretation.

Ein paar Anmerkungen zur Frage der Handy-Nutzung an Schulen:
Weiterlesen

„Lernen erfordert positive Beziehungen“

Die Grammatik des Lernens

Was bei der Digitalisierung im Bildungsbereich nicht vergessen werden darf

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Bildungswelten, 4.10.2018, von Klaus Zierer
Digitalisierung verändert alles. Ein Mantra, das man dieser Tage vielfach hört. Mag es für bestimmte Kontexte auch zutreffen, wie zum Beispiel für die Arbeitswelt und die Industrie, für den Bildungsbereich ist es nicht nur unzulänglich, sondern geradezu gefährlich. Denn dieses Mantra verkennt, dass die menschliche Evolution nicht mit der technischen Innovation gleichzusetzen ist. An der Grammatik des Lernens, die sich mit der Entwicklung des Homo sapiens herausgebildet hat, lässt sich dieser Fehlschluss exemplarisch an fünf Grundsätzen verdeutlichen, die vor allem im Zug einer Digitalisierung von Schule auftauchen:

Erstens erfordert Lernen Anstrengung und Einsatz: Immer wieder wird aktuell die These vertreten, dass sich Lernen durch Digitalisierung völlig verändert. An einer zentralen Grammatik des Lernens lässt sie sich widerlegen, die mit Hilfe der Vergessenskurve verdeutlicht werden kann. So wissen wir aus zahlreichen psychologischen Studien, dass der Mensch um die sechs bis acht Wiederholungen braucht, um eine Information vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis zu bringen. Fehlen diese Wiederholungen und die damit verbundene Anstrengung und der nötige Einsatz, so nimmt das Vergessen seinen Lauf. Der Moment des Vergessens beginnt also im Moment des Merkens. Und dies ist unabhängig davon, ob analog oder digital gelernt wurde.

Zweitens erfordert Lernen Herausforderungen: Es ist eine der beständigsten Botschaften von Technikkonzernen, dass Digitalisierung Lernen leichter macht. So schön diese These klingt, so falsch ist sie: Bildung im Allgemeinen und Lernen im Besonderen ist nichts Leichtes. Denn es schreitet über Umwege und Irrwege voran, führt nicht selten zu Misserfolg und Scheitern, erzeugt Fehler. Insofern darf es im Bildungsbereich nicht darum gehen, Lernen möglichst leichtzumachen. Es muss darum gehen, Lernen möglichst herausfordernd zu gestalten. Das Flow-Erlebnis ist der beste empirische Beleg für diese Grammatik des Lernens. Menschen erreichen dann den Zustand tiefer Zufriedenheit, wenn sie einer Aufgabe nachgehen, die sie herausfordert, und insofern die Wahrscheinlichkeit des Erfolges genauso groß ist wie die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns. Wenn Digitalisierung im Bildungsbereich wirksam werden soll, dann muss sie so eingesetzt werden, dass dank ihr die Herausforderung noch besser gesetzt werden kann also ohne sie.

Drittens erfordert Lernen positive Beziehungen: Es zählt zu einem der zentralen Ergebnisse der Anthropologie, dass der Mensch ein Gegenüber braucht, um sich selbst zu erkennen. Fehlt dieses Gegenüber, ergeht es einem wie Robinson Crusoe: Einsam und verlassen wird man sich fremd und verliert sich in einer Welt ohne Halt und Orientierung. Empirisch lässt sich diese Erkenntnis mittlerweile mehrfach belegen, so zum Beispiel mit dem Dumm-und-dümmer-Effekt: Menschen neigen dazu, sich in ihren Möglichkeiten zu überschätzen oder zu unterschätzen. Nur selten trifft das Bild, das man von sich zeichnet, ins Schwarze. Die Fremdeinschätzung ist wichtig, um sich daran zu reiben und sich zu hinterfragen. Insofern ist auch das – durch die Digitalisierung befeuerte – Gerede vom Lernbegleiter und vom überzogenen individualisierten Lernen wenig hilfreich, vielmehr unsinnig. Lerner brauchen nicht nur einen „guide on the side“. Sie brauchen auch und in jeder Phase ihres Lebens einen „change agent“, wie es John Hattie nennt, einen Menschen, der ihnen den Spiegel vorhält, der sie ermutigt und die Herausforderung setzt, wenn sie nicht an sich glauben, der sie aber auch bremst, wenn sie falsche Erwartungen an sich setzen. Zur Grammatik des Lernens gehören folglich Lehrer, die mit bewusstem und verantwortungsvollem Veränderungswillen agieren – wohl wissend, dass sie nur Angebote des Lernens machen können, die der Lernende nur selbst nutzen kann.

Viertens erfordert Lernen Motivation: Der Klassiker in der Diskussion um den Mehrwert der Digitalisierung im Bildungsbereich ist die These, dass durch den Einsatz von Tablets, Smartphones und Co. die Lernmotivation steigt. Empirisch ist das schön abbildbar und auf den ersten Blick zu bestätigen. Allerdings zeigt sich auf den zweiten Blick, dass diese Zunahme der Motivation nach zwei bis vier Wochen wieder abnimmt – spätestens dann, wenn Lerner merken, dass es doch nur ums Lernen geht. Und so leidet dieses Digitalisierungsargument an der Unkenntnis der Grammatik des Lernens, dass Lernen Motivation erfordert, aber im Kern und auf Dauer eben keine Motivation, die außerhalb des Lernens liegt, sondern eine, die auf die Sache gerichtet ist, die es zu lernen gilt.

Fünftens erfordert Lernen Oberflächenverständnis, um Tiefenverständnis entwickeln zu können. In Zeiten von Alexa und Siri mag für viele unstrittig sein, dass dank Digitalisierung Menschen kein Faktenwissen mehr brauchen. Wissen ist jederzeit und überall verfügbar, so dass sich Schüler voll und ganz auf die Kompetenzentwicklung konzentrieren können. Diese Argumentation verkennt den Unterschied zwischen Faktenwissen und Klugheit sowie den Zusammenhang von Oberflächenverständnis und Tiefenverständnis, wie er in der Didaktik seit jeher bekannt ist. Damit Lerner in den Bereich des Tiefenverständnisses kommen können, der als sinnstiftendes, kreatives und problemlösendes Denken das Ziel von Bildung darstellt, müssen sie ein gewisses Maß an reproduzierbarem Wissen erworben haben. Allein zu wissen, wo etwas steht und wo eine Information aufzufinden ist, reicht nicht aus. Tiefenverständnis basiert auf Oberflächenverständnis. Und damit Schüler das weiterverarbeiten können, müssen die Fakten im Kopf sein – und nicht in Rechnern.

Es könnten noch viele weitere solcher Grundsätze des Lernens angeführt werden, aber die Kernbotschaft ist sichtbar: Solange wir Menschen Menschen sind, solange bleibt Lernen Lernen. Daran wird auch eine Digitalisierung nichts ändern. Und jeder, der das behauptet und forciert, verkennt den Menschen und macht aus Menschen Maschinen. Das mag durchaus für so manchen ein Ziel sein, den Homo sapiens durch den Homo digitales zu ersetzen oder zumindest „upzugraden“ – nach dem Motto: Die Künstliche Intelligenz ist die Lösung für die menschliche Dummheit. Aber dann reden wir nicht mehr von Bildung, sondern von Programmierung. Und es zählt nicht mehr das, was ich aus meinem Leben gemacht habe, sondern das, was man aus mir gemacht hat. Wenn wir aber weiterhin von Menschen und ihrer Bildung reden, dann lohnt die Beachtung der Grammatik des Lernens.

Der Autor studierte von 1996 bis 2001 das Lehramt an Grundschulen und war von 2004 bis 2009 als Grundschullehrer tätig. Er ist seit 2015 Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg.

Weitere Veröffentlichungen:

Was die Beschwörer virtuellen Lernens übersehen

Digitalisierung – Lasst Kindern ihre Neugier

Schon die Jüngsten lernen, indem sie die Natur erforschen. Man sollte sich daher hüten, die Kindheit durch die Digitalisierung zu vereinnahmen. Ein Appell.

Tagesspiegel, WISSEN & FORSCHEN, 28.08.2018, von Salman Ansari
Der Autor, geboren 1941 in Indien, ist promovierter Chemiker und seit Jahrzehnten pädagogisch tätig. Von ihm erschien das Buch „Rettet die Neugier. Gegen die Akademisierung der Kindheit“.

Claus, ein Grundschüler, kann alle Gewächse in seiner Umgebung benennen. Er hält sein iPhone an ein Blatt der jeweiligen Pflanze, und in Sekundenschnelle verrät ihm die eingespeicherte App deren Namen. Claus ist begeistert vom Können des iPhone, das er ständig in seiner linken Hand hält. Doch die App ist nicht irrtumsfrei, manchmal ist ihre Zuordnung falsch. Für Claus ist dies bedeutungslos, denn in kürzester Zeit entgleiten ihm die verzauberten Namen wieder.

Wenn die sechsjährige Julia mit ihren Eltern spazieren geht, nimmt sie ihren Zeichenblock mit. Sie interessiert sich für Insekten. Entdeckt sie unterwegs eine ihr unbekannte Spezies, skizziert sie diese, hält die Anzahl der Beine und die Farbe des Insekts schriftlich fest. Ihre Eltern warten geduldig, bis sie mit ihrer Zeichnung fertig ist. Zu Hause identifiziert Julia ihren Fund mithilfe eines Buches. Sie kann einem auch noch mehrere Tage danach den Namen des Insekts verraten.

Wichtig: die sinnliche Wahrnehmung der Wirklichkeit

Das Mädchen durchläuft einen Lernprozess der Weltaneignung, der mit der sinnlichen und genauen Wahrnehmung der Wirklichkeit einhergeht und offensichtlich in Kanälen ihres Gehirns gespeichert wird. Julia erwirbt Wissen aus erster Hand, weil sie die Zeit bekommt, sich selber in das Geschehen der Erforschung einzubringen.

Das Verständnis der Welt ist ein Prozess, der von der physischen und kognitiven Entwicklung, der sozial-emotionalen und der sprachlichen Entwicklung begleitet wird. Verbunden damit sind Fragen: Wie muss die Lernumgebung gestaltet werden, damit Kinder ihrem Alter entsprechend neue Erfahrungen machen können? Sind die neuen Erfahrungen vernetzbar mit dem bereits erworbenen Wissen der Kinder? Welche pädagogischen Kriterien sind bei den Entscheidungen wirksam? Was und wozu soll überhaupt etwas gelernt werden?

Was die Beschwörer virtuellen Lernens übersehen

Die Beschwörer des virtuellen Lernens halten es offensichtlich für unbedeutend, diese Fragen ernst zu nehmen. Alles ist per se gut und notwendig. […] Die Sinnhaftigkeit der Medien für schulische Lernprozesse ist noch gar nicht hinreichend erforscht. Gleichwohl wird der Einsatz von Medien propagiert. Die Kinder und Jugendlichen sollen das Programmieren lernen, mit Robotern umgehen und so weiter.

Tablet und iPhone werden als Werkzeuge dem Taschenrechner oder Rechenschieber gleichgesetzt. Dies ist jedoch irreführend. Denn die Einsetzbarkeit dieser Hilfsmittel ist eindeutig eindimensional. Mit iPhone und Tablet dagegen sind vielfältige virtuelle Welten zugänglich, die außerhalb der Erfahrungsmöglichkeit der Kinder und Jugendlichen liegen. Darüber hinaus sind diese so vereinnahmend, dass der Betrachter nahezu alles ausblendet, was ihn tatsächlich umgibt. Ein Innehalten, um das Visuelle reflektierend zu verinnerlichen, ist unmöglich. […]

Aufs selbstständige Lernen kommt es an

Die Medien sind dabei, Kontrolle über die Heranwachsenden zu gewinnen, und somit auch über ihre Zukunft. Dabei ist der Antrieb zum Lernen der Wunsch nach Selbstständigkeit, damit wir uns in der Welt bewähren können. Dies ist ein natürliches, existenzielles Bedürfnis. Wenn uns aber die Möglichkeiten, selbstständig zu handeln, genommen werden, verlieren wir den Drang nach Autonomie. Die Phänomene der Natur bieten sich uns nicht mehr als Frage an, und wir hören auf, selber Fragen zu stellen. Die Neugier erstirbt.

Das eigentliche Curriculum der Kinder ist die Begegnung mit Bildern und Ereignissen des Alltags und das Nachsinnen über die erlebten Geschehnisse. Ein Beispiel dafür, wie sich ein Gespräch entwickeln kann, wenn Erfahrungen hinterfragt werden: In einem Vogelnest entdecken Kinder Haare. Wo hat der Vogel diese gefunden?, fragen sie. Ein Kind meint, die Friseure würden manchmal die Ladentür offen stehen lassen. Die Vöglein könnten schnell hineinfliegen und Haare klauen.

Diese Hypothese wird jedoch von anderen Kindern verworfen. Einige Kinder meinen nun, dass es in der freien Natur auch Tiere gebe, die Haare verlören, so wie die Hunde und Katzen. Einige Kinder sagen auch, dass Tiere im Winter ein dickeres Fell haben als im Sommer.

Kinder sind unendlichen Reizen ausgesetzt

Insgesamt beschreiten Kinder gleiche Wege des Lernens wie die Erwachsenen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass Erwachsene über erheblich mehr Erfahrungen verfügen, die vielfältig miteinander vernetzt sind. Wie Kinder die Welt wahrnehmen, kann sich daher vollkommen von den Wahrnehmungen der Erwachsenen unterscheiden. Es ist unabdingbar, zuerst in Erfahrung zu bringen, wie Kinder in einem bestimmten Alter denken und welche Konzepte und Interpretationsmuster ihrer Erfahrungen sie bereits besitzen. Die Denkmuster der Kinder werden jedoch erst in einem dialogischen Prozess sichtbar. Wir erkennen dann auch, wie sie über ihre Erfahrungen reflektieren und welche Aspekte ihrer „Weltbegegnung“ ihnen rätselhaft erscheinen.

Kinder sind heute vielfach unendlichen Reizen und virtuellen Welten ausgesetzt. Sie sehen die alltäglichen Bilder des Grauens und Schreckens. Sie nehmen teil an Geschehnissen der Welt, die sie nicht verarbeiten können. Kindheit als Schonraum ist nicht selbstverständlich. Daher haben Kinder Anspruch auf Gegenwelten, in denen sie die Schönheit der Sprache, der Musik und der Kunst erfahren können. Kinder brauchen Orte, wo sie in den unendlichen Räumen ihrer Vorstellungskraft Wirklichkeiten entstehen lassen können, die ihnen das Gefühl von Selbstvertrauen, Geborgenheit und Freiheit vermitteln. Kinder brauchen Naturerfahrung. Kinder brauchen Begegnungen mit Jim Knopf, Michel von Lönneberga, Madita und Pu dem Bären. Kinder brauchen Ferien auf Bullerbü und Reisen zu den Inseln, wo die wilden Kerle wohnen.

Ermutigung, die Welt zu interpretieren

Bei alledem brauchen Kinder die Ermutigung, die Welt zu interpretieren. Interpretation ist stets auch Analyse, also das Bemühen, die Welt zu verstehen. Literatur, Kunst, Geisteswissenschaften, Geschichte, Mathematik und Naturwissenschaften interpretieren die Welt und erklären sie nicht. Daher können unterschiedliche Interpretationen nebeneinander bestehen und unsere Wahrnehmungsmöglichkeiten bereichern.

Kinder können selber nicht entscheiden, welche Lernprozesse ihnen tatsächlich helfen, Kontrolle über ihre Wirklichkeit zu gewinnen. Dies liegt in der Verantwortung der Erwachsenen.

Nie zuvor war unsere Welt undurchschaubarer und unplanbarer als heute. Wir wissen nicht, wie sie in 20, 30 Jahren aussehen wird. Wir wissen auch nicht, ob die Techniken, die wir heute als Vehikel des Fortschrittes deklarieren, in 20 Jahren adäquat sein können, um die Werte der Humanität zu verwirklichen.

Was wir aber tun können, was wir uns zur Aufgabe machen sollten, ist, die in den Kindern angelegten Fähigkeiten – jenseits aller Ideologien – kontinuierlich weiterzuentwickeln: die Fähigkeit, eigenständig zu denken; die Fähigkeit zu einem erfüllten sozialen Miteinander, nicht nur im Berufs-, sondern auch im Privatleben; die Fähigkeit, die Gestaltungsmöglichkeiten unserer Gesellschaft kreativ zu nutzen und sinnvoll weiterzuentwickeln. So wird auch die ursprüngliche Neugier, die Fähigkeit, sich zu öffnen und seinen Horizont beständig zu erweitern, um daraus Kraft und Sinn zu schöpfen, nicht verkümmern.

zum Artikel: Tagesspiegel, 28.08.2018, Salman Ansari, Digitalisierung – Lasst Kindern ihre Neugier