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Individualisierung verkennt das Potenzial sozialer Kontexte beim Lernen

Ist Individualisierung der Königsweg zum erfolgreichen Lernen? Eine Auseinandersetzung mit Theorien, Konzepten und empirischen Befunden

Lipowsky_IndividualisierungDr. Frank Lipowsky ist seit 2006 Professor für Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Empirische Schul- und Unterrichtsforschung an der Universität Kassel
Dr. Miriam Lotz ist Akademische Rätin im Fachgebiet Empirische Schul- und Unterrichtsforschung an der Universität Kassel

Auszüge aus:  Lipowsky, F. & Lotz, M. (2015). Ist Individualisierung der Königsweg zum Lernen? Eine Auseinandersetzung mit Theorien, Konzepten und empirischen Befunden. In G. Mehlhorn, F. Schulz & K. Schöppe (Hrsg.), Begabungen entwickeln & Kreativität fördern (S. 155-219). München: kopaed

Die Forderung nach einer stärkeren Individualisierung beim Lernen wird als schul­pädagogische Antwort auf die wachsende Heterogenität von Schulklassen verstanden: Da die Lernenden so unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen (zsf. Kluczniok, Große & Roßbach 2011, Scharenberg 2012, Trautmann & Wischer 2011), sei es erfor­derlich, die Lernangebote an den Bedürfnissen der einzelnen Schüler auszurichten und die Lernprozesse weitgehend individualisiert zu organisieren (z. B. Hessischer Landtag 2014). (S. 155)

(…) Auch wenn mit dem Begriff der Individualisierung tatsächlich unterschiedliche Be­deutungen assoziiert werden: Gemeinsam scheint diesen Verständnissen zu sein, dass die Anpassung der unterrichtlichen Angebote an die Bedürfnisse einzelner Schüler herausgestellt wird und dass daraus folgend Unterrichtsphasen, in denen die Schüler individuell für sich arbeiten, für bedeutsamer und wichtiger gehalten werden, wäh­rend Kommunikations- und Interaktionsprozesse, die auf die Auseinandersetzung mit Mitlernenden und die Interaktion mit der Lehrperson angewiesen sind, in den Hintergrund rücken.  (S. 159f)

Nach den bisherigen Studien, die individualisierten Unterricht und Formen von Binnendifferenzierung genauer untersuchen, erfüllen sich die Erwartungen, die man mit diesen Formen des Unterrichts verbindet, nicht in dem erhofften Maße. Hattie (2013) gelangte zum Ergebnis, dass individualisierter Unterricht im Mittel einen lern­förderlichen Effekt von d = 0.23 hat, was einem schwachen Effekt entspricht (zur Be­deutung von Effektstärken vgl. Lotz & Lipowsky in diesem Band [Die Hattie-Studie und ihre Bedeutung für den Unterricht – Ein Blick auf ausgewählte Aspekte der Lehrer-Schüler-Interaktion]). Auch die mittlere Effektstärke für binnendifferenzierenden Unterricht ist mit d = 0.16 nicht größer, das heißt Schüler, die in einem Unterricht mit binnendifferenzierten Angeboten lernen, lernen nicht viel mehr dazu als Schüler in einem Unterricht, in dem keine binnendiffe­renzierende Maßnahmen angeboten werden.

Diese eher geringen Effekte über alle [auch ältere] Studien hinweg überraschen zunächst und werfen die Frage auf, warum sich die Erwartungen, die man mit einer zunehmenden Individualisierung verbindet, vielfach nicht erfüllen. Wie im weiteren Verlauf des Bei­trags dargestellt wird, spricht vieles dafür, dass Individualisierungs- und Differenzie­rungsmaßnahmen im Unterricht deshalb eine so geringe Effektivität haben, weil es an der Qualität der Umsetzung mangelt und weil die entsprechenden Maßnahmen häu­fig nicht vertiefte Lernprozesse auf Seiten der Schüler anstoßen können (…) (S. 162f)

(…) Unterricht im Allgemeinen und Formen von Individualisierung im Besonderen zie­len darauf ab, möglichst alle Lernenden gemäß ihrer individuellen Voraussetzungen zu fördern (Leistungsförderung). Häufig wird mit der Forderung nach einer stärkeren Individualisierung auch die Erwartung verknüpft, dass damit die Leistungsunter­schiede zwischen leistungsstärkeren und -schwächeren Schülern verringert werden können (Leistungsausgleich).

Nach allem, was in der Forschung bislang bekannt ist, sind Formen der Individua­lisierung nicht oder allenfalls bedingt geeignet, die Leistungsschere zwischen stärkeren und schwächeren Schülern zu verringern, sofern man diese kompensatorische Funktion überhaupt als Ziel verfolgt. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass sich die Leistungsschere zwischen stärkeren und schwächeren Schülern, wenn sich der Unterricht durch wenig Lehrerlenkung und wenig Strukturierung auszeichnet, eher weitet. (…) Geöffnete Unterrichtsformen laufen demnach Gefahr, insbesondere die Schüler mit geringeren Vorkenntnissen zu benachteiligen, da die Komplexität der behandelten Probleme und Aufgaben das Arbeitsgedächtnis der Schüler zu stark belastet und damit das Lernen und Verstehen neuer Inhalte erschwert. (…) (S. 167f)

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Integration im Klassenzimmer

Mikrokosmos statt Mikroghetto

TSP, 12.04.2016, Kommentar von Caroline Fetscher

An den Tag werden sie noch lange denken – und ihre Lehrer auch. An einem Gymnasium in Berlin haben sie ein klassisches Theaterstück inszeniert, ein Dutzend Schülerinnen und Schüler. Sie haben lange geprobt, nachgedacht, viel gelacht, sich manchmal gezankt, eine Menge Text gelernt – und schließlich das Stück klar, klug und spielfreudig auf die karge Bühne ihrer kahlen Aula gestemmt. Grandios! Dann das Wunder: Als alles vorüber war, wollten sie gar nicht mehr weg. Am liebsten wären die jungen Schauspieler über die Osterferien in der Schule geblieben, staunt strahlend einer der Lehrer. So etwas passiert selten, schon gar nicht hier. Und hier auch nur, weil sich Pädagogen, oft in ihrer freien Zeit, enorm engagieren für Kinder und Jugendliche, die Mustafa oder Fatima heißen.

Es ist nämlich eine der Schulen im Land, wie es sie gar nicht geben dürfte.  (…) 97 Prozent [der Schüler] sind „nicht deutscher Herkunft“, was Ämter gern mit „ndh“ abkürzen. Längst hätte eine Quotenregelung für „ndh-Kinder“ solchen Missständen vorbeugen müssen: maximal 50 Prozent, minimal 10 Prozent Kinder, die nicht Muttersprachler sind, das wäre ein Anfang, das groteske Ungleichgewicht zu verändern. (…)

Parallelgesellschaft pur, sozialpolitisch absurd, bildungspolitisch ein Irrsinn. Wie passiert das? Na ja, heißt es bei den Verantwortlichen, das kam einfach so, mit der Zeit. (…)

Naja ist nicht genug. Naja ist ein Armutszeugnis (…) für die fatale Denkarmut der Funktionseliten, die nicht verstehen wollen, was Teilhabe an einer aufgeklärten, dialogfähigen Öffentlichkeit bedeutet – und dass sie durch Schulen zur Welt kommen muss. Wo Lehrende die einzigen Muttersprachler sind, wie sollen da Schüler ohne enorme, zusätzliche Kraftanstrengung in der Landessprache heimisch werden? Wie soll das gehen? Höchstens in Glücks- und Einzelfällen, wenn so ein seltener Funke überspringt von der Probebühne ins Leben. (…)

[Unsere Schulen werden] zum elementar wichtigsten Ort, um in der aufnahmefähigsten Phase der Entwicklung Gemeinsamkeit zu erfahren. In der Schule als Mikrokosmos der Gesellschaft wird deren demokratisches Fundament kontinuierlich erneuert. Dabei entsteht die Öffentlichkeit von morgen. Vor allem darum darf kein einziger solcher Mikrokosmos ein Mikroghetto sein.

zum Artikel:  Der Tagesspiegel, 12.04.2016, Caroline Fetscher, Mikrokosmos statt Mikroghetto

Stand Schuljahr 2015/16:

48 Sekundarschulen haben Schüler mit Migrationshintergrund zwischen 95,5% – 50%
59 Sekundarschulen haben Schüler mit Migrationshintergrund zwischen 49% – 10%
18 Sekundarschulen haben Schüler mit Migrationshintergrund zwischen 9% – 1,9%

siehe vollständige Tabelle unter:  Schüler mit nichtdeutscher Herkunftssprache/Migrationshintergrund in Berlin, Schuljahr 2011/12 bis 2015/16

„Gemeinsam mehr bewegen“

Wie sehen Lehrkräfte im Ausland ihren Beruf, vor welchen Herausforderungen stehen Lehrerinnen und Lehrer?

Beim „International Summit on the Teaching Profession 2016 (ISTP)“ ging es vom 3.3.-4.3.2016 in Berlin um das Thema „Professionalisierung von Lehrkräften: Voraussetzungen für gute Unterrichtsqualität und beste Lernergebnisse“. Der Kongress wird gemeinsam von der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), Education International (Internationale Dachorganisation der Bildungsgewerkschaften) und dem jeweiligen ausrichtenden Land veranstaltet.

Michael Felten, Lehrer und Sitzungsteilnehmer schreibt:
(…) So ein regelmäßiger Austausch über Stand und Entwicklung der Bildung rund um die Welt ist durchaus bereichernd. Aber die Tücke liegt im Detail, die Gefahr heißt Unschärfe. So hatte kurz vor der Tagung eine Studie zur Kooperation Deutschlands Pädagogen auf diesem Gebiet Nachholbedarf attestiert. Ja, viele Lehrer könnten von mehr Zusammenarbeit profitieren, indem sie öfter gemeinsam Lernsequenzen planen, sich mehr über Erfahrungen mit schwierigen Schülern austauschen, sich häufiger gegenseitig im Unterricht besuchen.

Marc Montangero, 41, unterrichtet Chemie an einer Sekundarschule in Morge bei Lausanne, Schweiz
Lehrer sind zu oft Einzelkämpfer: Sie stehen alleine vor der Klasse und bereiten zu Hause im stillen Kämmerlein ihre Stunden vor. Das muss sich ändern. Wenn Lehrer zusammenarbeiten, können sie viel mehr bewegen. Warum treffen wir uns nicht einmal in der Woche für zwei Stunden und tauschen uns darüber aus, welche Unterrichtsmethoden gut und welche schlecht geklappt haben? Warum helfen wir uns nicht gegenseitig im Umgang mit schwierigen Schülern? Wir könnten jüngeren Kollegen Rat geben, ältere auf den neuesten Stand bringen oder Unterrichtseinheiten zusammen planen.
Ich glaube, dass diese Formen der Kooperation viel Zeit sparen. Und dass sie nicht nur die Atmosphäre im Kollegium, sondern besonders den Unterricht voranbringen. Dafür müssen wir aufhören, unsere Lehre und unsere Vorbereitung verschämt als Privatsache zu betrachten. Wir brauchen eine Kultur der Offenheit, in der konstruktiv Feedback geäußert werden kann. (…)

Doch eine Pauschalkritik des pädagogischen Einzelkämpfertums ist arg kurzsichtig: Gute Lehrer müssen eben auch hochvirtuose Einzelgestalter sein, von zwischenmenschlichen Beziehungen nämlich, dem Kontakt zu den einzelnen Schülern wie auch dem Umgang mit der Gruppendynamik in einer Klasse. Ein Sachverhalt, der für Statistiker und Soziologen allerdings nicht ohne Weiteres zugänglich ist, weshalb dieser Bereich immer noch eine Art Grauzone der Zunft ist und man ihn sich als Schwerpunkt künftiger Forschung und kommender Gipfel wünscht. (…)

So konnte man dem Bericht eines Teams um Eckhard Klieme vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (Dipf) in Frankfurt etwa entnehmen, dass japanische Schüler wohl nicht wegen des vielgescholtenen Drills in Leistungstests besser abschneiden, sondern weil ihre Lehrer sie mehr nachdenken als abschreiben lassen. Und dass es lernschwachen und bildungsfern sozialisierten Kindern vor allem hilft, wenn ihre Lehrer die Unterrichtsqualität an den entscheidenden Stellen steigern: Stundenthema und Lernschritte klar vorstellen, die Schüler alle zu gedanklicher Auseinandersetzung anregen, jeden nach seinem Bedarf unterstützen und ihm ermutigende Rückmeldungen geben.

Oftmals waren es Details, die aufhorchen ließen. So berichtete ein Team vom IPN in Kiel (Leibnitz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik), dass konstruktivistische Lehrerüberzeugungen, also die Auffassung, dass Lernende selbst am besten wüssten, was gerade gut für ihren Fortschritt sei, negativ mit Klassenführung und Lerndisziplin korrelieren – ein indirektes Lob der gerne verpönten Steuerung durch den Lehrer. Und laut OECD-Report zeichnen sich Lehrer in Ländern mit guten Leistungsergebnissen nicht nur durch solide Grundkenntnisse und hohe Kooperation aus, sondern eben auch durch hohe Autonomie, also wenige staatliche Vorschriften – ein Plädoyer für die auch hierzulande bedrohte pädagogische Freiheit. Von der einmal hippen Vieltesterei von Schülern und Schulen wende man sich vielerorts wieder ab (…).

Hekia Parata, 57, Neuseeländische Bildungsministerin
Der Beruf des Lehrers ist einer der wichtigsten und einflussreichsten in der Gesellschaft. Wenn Lehrer guten Unterricht machen, können auch Kinder aus sozioökonomisch schlechter gestellten Familien erfolgreich sein – davon bin ich überzeugt.
In Neuseeland konzentrieren wir uns deswegen im Moment darauf, die Unterrichtsqualität zu verbessern. In neu gegründeten Netzwerken tauschen sich die Schulen darüber aus, wie sie die Lernleistungen ihrer Schüler steigern können und entwickeln eigene Konzepte dazu. Für deren Durchführung erhalten sie zusätzliche Gelder. (…) Mich interessiert auf der Konferenz, mit welchen Maßnahmen andere Länder die Unterrichtsqualität steigern. Zu eng gefasste Lehrpläne sind für mich aber keine Option: Lehrer sollten Freiräume haben, um flexibel auf die Bedürfnisse ihrer Schüler reagieren zu können.

Interessant ist auch zu erfahren, dass Schwedens Lehrer reformmüde geworden sind. Oder dass Finnland seinen Lehrern viel zutraut und wenig vorschreibt – sie aber nicht allein lässt, sondern ihnen Lehrerweiterbildungen anbietet, die sie wirklich weiterbringen. Und gut, dass wenigstens die schottischen Vertreter darauf hinwiesen, wie dortige Lehrer unter zusätzlichen Datenerhebungen und Materialrecherchen stöhnen. (…)

Jean-Luc Richter, 47, unterrichtet Physik und Chemie an einer Sekundarschule in Marckolsheim, Frankreich
Ich habe den Eindruck, dass in Frankreich jeder neue Minister seinen Fußabdruck im Bildungssystem hinterlassen will. Deswegen gibt es oft neue, unausgegorene Reformen. Zum Beispiel werden überlastete Lehrpläne entwickelt, die sich in der Praxis kaum umsetzen lassen. Von oben nach unten wird dann bestimmt, wie unser Unterricht zu sein hat. So wird vergessen, was wir wirklich brauchen: Kleinere Klassen, genug Zeit für die Unterrichtsvorbereitung und Luft im Lehrplan, um individuell auf Schüler eingehen zu können.
Um zu wissen, was der Schule guttut, sollten Politiker deswegen mehr mit uns kommunizieren. Lehrer sollten als die wahren Schulexperten in Entscheidungsgremien vertreten sein, wenn es um wichtige Reformen geht. Aber auch an den Schulen wünsche ich mir mehr demokratische Entscheidungskultur. Schulleiter sollten eher Koordinatoren sein als als Schul-Chefs. Für die Schüler wären selbstverwaltete Kollegien ein gutes Vorbild. Wenn man sie zu demokratischen Staatsbürgern erziehen will, sollte man ihnen gerade in der Schule keine autoritären Strukturen vorleben.

Der Lehrer wird vermutlich nicht darum herum kommen, sich auch weiterhin als ebenso kundiger wie eigensinniger Menschenbildner zu verhalten: sich über die Forschungslage auf dem Laufenden zu halten und gewissenhaft zu prüfen, was an Bewährtem er beibehalten will – und wo er seine Fähigkeiten erweitern muss.

zum Artikel:  ZEIT Online, Bildungspolitik, 07.03.2016, Michael Felten, Mehr nachdenken als abschreiben lassen

eingerückte kursive Beiträge eingefügt durch Schulforum-Berlin aus:  Der Tagesspiegel, Wissen und Forschung, 04,03.2016, Luisa Hommerich, „Gemeinsam mehr bewegen“ – Was Lehrer aus Europa und der Welt umtreibt

Lernwirksamer Unterricht

Investitionen in Fortbildung sind Investitionen in die Zukunft

Interview mit dem Kasseler Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Lipowsky
Sabine Stahl für BILDUNG BEWEGT:  Was sind aus ihrer Sicht bedeutsame Erkenntnisse der Metastudie Visible learning?
Lipowsky: Die Studie verdeutlicht einmal mehr, welche Bedeutung die einzelne Lehrperson und der von ihr arrangierte Unterricht für die Entwicklung von Schülerinnen und Schülern haben. Hattie listet ja eine ganze Reihe von Merkmalen lernwirksamen Unterrichts in sehr kompakter Zusammenfassung auf. Merkmale, von denen die Forschung inzwischen weiß, dass sie die Lernentwicklung von Schülerinnen und Schüler positiv beeinflussen können.
Die zweite Leistung der Studie liegt meines Erachtens darin, deutlich zu machen, dass nicht alles, an was wir glaubten, tatsächlich wirkt. Es gibt bestimmte Mythen, die durch die Studie von Hattie entzaubert werden.
Und die dritte Botschaft lautet, dass es sich lohnt, darüber nachzudenken, wie die professionelle Weiterentwicklung von Lehrpersonen gefördert und unterstützt werden kann. (…)

Wie sieht denn guter Unterricht aus? Sie sprechen in Ihren Schriften immer wieder vom didaktischen und inhaltlichen Fundament guten Unterrichts.
Guter Unterricht lässt sich umschreiben als ein Unterricht, in dem der Unterrichtsgegenstand inhaltlich klar und verständlich erarbeitet und präsentiert wird, in dem an das Vorwissen und an die vorhandenen Konzepte der Lernenden angeknüpft wird und in dem die Lernenden durch herausfordernde Fragen und Aufgaben dazu angeregt werden, vertieft über den Unterrichtsgegenstand nachzudenken und sich mit ihm auseinanderzusetzen.
Zu gutem Unterricht gehört auch, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Der Unterricht sollte relativ störungsfrei verlaufen; das zielt in Richtung effektives Classroom Management, und die zur Verfügung stehende Zeit sollte effektiv genutzt werden, so dass überhaupt Lerngelegenheiten zur Verfügung stehen. Amerikaner sprechen hier gerne von den „opportunities to learn“. Es ist klar: Wenn Schülerinnen und Schüler über Tische und Bänke gehen, gibt es keine Gelegenheit zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Unterrichtsgegenstand. Wichtig ist auch die respektvolle und wertschätzende Beziehung zwischen Schülerinnen und Schülern und der Lehrperson. Verschiedene Studien zeigen, dass ein solches unterstützendes Klima im Unterricht, zu dem z.B. auch der konstruktive Umgang mit Fehlern und das Interesse der Lehrperson an ihren Schülerinnen und Schüler gehört, dass sich ein solches Klima positiv auf die Motivation, das Wohlbefinden und das Engagement der Lernenden auswirkt.
Und die kognitive Aktivierung als dritte Basisdimension beschreibt, wie anregend, inhaltlich substantiell die Auseinandersetzung mit dem Unterrichtsgegenstand erfolgt. Man kann sich durchaus einen Unterricht vorstellen, der zwar störungsfrei verläuft und in dem scheinbar viel Lernzeit effektiv genutzt wird, in dem auch das Klima stimmt, aber in dem die Lernenden nicht zu einer vertieften Verarbeitung des Inhalts angeregt und herausgefordert werden, weil sie vorwiegend Routineprozeduren ausführen müssen, und die Lehrperson ein enges, kleinschrittiges Frageverhalten zeigt, das vorwiegend nur auf die Wiedergabe von Fakten abhebt. Und stellen Sie sich jetzt folgendes Bild eines kognitiv aktivierenden Unterrichts vor: Da rauchen die Köpfe der Schülerinnen und Schüler. Da wird argumentiert, kontrovers diskutiert, nachgedacht, erläutert und erklärt, hart über das Thema gestritten, da werden Lösungswege verglichen und analysiert, da wird also insgesamt auf einem relativ hohen kognitiven Niveau gearbeitet… (…)

Wodurch zeichnet sich der erfolgreiche und wirksame Prototyp eines guten Lehrers oder einer guten Lehrerin für Sie aus?
Ein guter Lehrer hat das nötige fachdidaktische und fachliche Wissen. Er plant und bereitet den Unterricht sorgfältig vor. Gute Planung und Vorbereitung sind wichtig. Wie baue ich den Unterricht auf? Was muss im Unterricht thematisiert werden, damit sich für Schülerinnen und Schüler ein Gesamtbild eines Themas ergibt? Wie müssen Teilelemente arrangiert und verbunden werden, welche müssen im Unterricht behandelt werden, damit tragfähige Konzepte entstehen? Solche Dinge entscheiden sich auch, und vielleicht sogar in erster Linie, am heimischen Schreibtisch der Lehrperson [oder besser gemeinsam im Austausch mit Fachkollegen]. Eine gute Lehrkraft ist gewappnet für die Verständnisschwierigkeiten, die bei den Schülerinnen und Schülern auftauchen, und kann flexibel darauf reagieren, hat unterschiedliche Erklärungen und Veranschaulichungen parat, wenn Lernende auf die erste Erklärung nicht reagieren oder wenn sich das Verständnis noch nicht einstellt. Ein guter Lehrer stellt aktivierende Fragen, hört zu, gibt Impulse, aber nimmt nicht alles vorweg. Er sorgt für einen abwechslungsreichen Unterricht und ist begeistert von seinem Fach. Schülerinnen und Schüler spüren das. Eine idealtypische Lehrperson misst der Reflexion über Unterricht und Metakognition hohe Bedeutung bei, reflektiert mit den Lernenden über das Lernen und den Lernprozess.

Welche Konsequenzen ergeben sich für Schule und Unterricht und die Lehrerbildung aus den Erkenntnissen der Lehr- und Lernforschung?
(…) Die Lehr- und Lernforschung kann auch mit einigen Mythen aufräumen, was für die Lehrerbildung ebenfalls bedeutsam ist. Hattie gelangt zu dem Fazit, dass die Auffassung, die Lehrperson sei im Unterricht vorwiegend als Moderator gefragt, die empirische Befundlage nicht wiederspiegelt. Vielmehr sei die Lehrperson eher als „Activator“ gefragt. Er unterstreicht dies mit denjenigen Merkmalen von Unterricht, die vergleichsweise hohe Effekte auf die Lernenden zeigen, wie z.B. inhaltliche Klarheit, Lehrerfragen, verteiltes versus massiertes Üben, direkte Instruktion … das alles sind Merkmale von Unterricht, bei denen die Lehrperson vergleichsweise aktiv ist und den Unterricht lenkt.
Mitunter höre ich bei Diskussionen über direkte Instruktion, das habe man doch schon überwunden, und der Konstruktivismus sage doch, wir müssten eher selbstgesteuert und offen arbeiten. Hier geben die Studien eine klare Antwort: Diese Schlussfolgerung ist in dieser Pauschalität unzulässig. Außerdem: Der Konstruktivismus ist keine Unterrichtstheorie, sondern eine Erkenntnistheorie! Und ein häufiges Missverständnis ist, direkte Instruktion mit einem langweiligen Frontalunterricht gleichzusetzen. Direkte Instruktion kann sehr wohl kognitiv aktivierend, verständnisfördernd und motivationsunterstützend sein. Falsch wäre jetzt allerdings auch, direkte Instruktion zum Allheilmittel zu erklären. Es kommt vielmehr auf eine intelligente Kombination von lehrergelenkten und eher schülerorientierten Unterrichtsformen an. (…)

Welche Form von Fortbildung hat denn überhaupt eine Aussicht, wirksam zu sein?
(…) Nimmt man noch einmal Bezug auf die Ergebnisse der Unterrichtsforschung, so sollte sich Fortbildung auch mit solchen Merkmalen von Unterricht beschäftigen, von denen wir wissen, dass sie positive Effekte auf die Schülerinnen und Schüler haben. Hier kommt dann wieder die Metaanalyse von Hattie ins Spiel. Das hört sich natürlich etwas trivial an, aber wenn man betrachtet, was so alles [an Fortbildungen] angeboten wird…
Eine weitere zentrale Bedingung für den Fortbildungserfolg ist, dass die Erweiterung des fachdidaktischen Wissens von Lehrpersonen im Mittelpunkt stehen sollte. Es geht also darum, dass die Lehrpersonen sich konzentriert und vertieft mit dem Lernen und Verstehen von Schülerinnen und Schüler in einem bestimmten Fach und am besten noch zu einem spezifischen Unterrichtsthema auseinandersetzen sollten. Ein so fokussierter Blick erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Fortbildung tatsächlich Unterschiede im Lernen und Verstehen der Schülerinnen und Schüler wahrnehmen können und einen diagnostischen Blick entwickeln. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten sich also in die Köpfe der Schülerinnen und Schüler hineinversetzen. Sie sollten aufgefordert werden, Lösungswege der Lernenden zu antizipieren. Sie sollte vorhersehen, wie Schülerinnen und Schüler reagieren, wenn die Lehrperson auf eine bestimmte Weise vorgeht. (…)

zum Artikel:  BILDUNG BEWEGT NR.13 JUN/2011, Interview: Sabine Stahl

Frank Lipowsky studierte Lehramt für Grund- und Hauptschulen an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und unterrichtete mehrere Jahre an verschiedenen Schulen in Baden-Württemberg. Nach seinem Lehramtsstudium war er Lehrbeauftragter für Mathematik und absolvierte ein Diplom-Pädagogikstudium. Mit einer Arbeit zum beruflichen Erfolg von Lehramtsabsolventen in der Berufseinstiegsphase promovierte er 2003 an der Pädagogischen
Hochschule Heidelberg. Von 2002 bis 2006 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am
Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt. Seit 2006 ist er Professor für Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Empirische Schul- und Unterrichtsforschung an der Universität Kassel.

Homepage Uni Kassel

Hervorhebungen im Fettdruck durch Schulforum-Berlin

Wann sind Hausaufgaben effektiv?

Hast du deine Hausaufgaben schon gemacht?

28.01.2016, Heike Schmoll
Wie nervend kann es sein, (…) „wenn Kinder von ihren Eltern nach der Rückkehr als Erstes gefragt werden, ob sie Hausaufgaben aufhaben und wann das Kind dies zu erledigen gedenke, weiß jedes Kind und wissen auch die Eltern aus ihrer Schulzeit. Kinder wollen nicht ständig kontrolliert werden und unter Druck stehen, aber sie brauchen sicher eine ruhige Lernatmosphäre und einen eigenen Arbeitstisch. Das ist aber nicht in allen Familien selbstverständlich [oder gar möglich]. Besonders günstig scheint für den Lernfortschritt zu sein, wenn Eltern sich relativ wenig einmischen, aber zur Unterstützung zur Verfügung stehen. (…)
Eine Studie der UNI Tübingen untersuchte elterliches Engagement bei Hausaufgaben und Leistungsentwicklung bei Sechstklässlern. Aus der Pressemitteilung der UNI Tübingen ist zu lesen:
„Es macht einen großen Unterschied, ob Kinder die Unterstützung der Eltern als Hilfe oder als unliebsame Einmischung und Kontrolle empfinden“, erklärt Sandra Moroni von der Pädagogischen Hochschule Bern, die Erstautorin der Studie. Da Eltern bekanntlich oft verstärkt dann eingreifen, wenn die Leistungen ihrer Kinder nachlassen, frustriert das Kinder oft doppelt. Ihnen wird dadurch signalisiert, dass sie gute Leistungen anscheinend nicht alleine erreichen können. „Das führt zu einem Teufelskreis“, erklärt Moroni. Ihr Rat: Zunächst genau prüfen, warum die Leistung des eigenen Kindes nachgelassen hat, und – ggf. auch gemeinsam mit den Lehrkräften – nach Möglichkeiten suchen, wie es (wieder) selbst Verantwortung für die Hausaufgabenerledigung übernehmen kann.
zur Pressemitteilung der UNI Tübingen

Heike Schmoll in ihrem Artikel: (…) Die Untersuchungen des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie, der alle vorhandenen Studien zu bestimmten Themen zusammengefasst und analysiert hat, kommt zu dem Ergebnis, dass Hausaufgaben nicht den allergrößten Effekt haben. Für viele war das Grund genug, die Abschaffung der Hausaufgaben zu fordern. Wer genau hinschaut, wird allerdings sehen, dass Hattie genau unterscheidet: am Gymnasium erscheinen Hausaufgaben sinnvoller als in der Grundschule. (…)

FAZ, Bildungswelten, 28.01.2015, Heike Schmoll, Hast du deine Hausaufgaben schon gemacht?


Was ist zu „Hausaufgaben“ nachzulesen bei John Hattie in: „Lernen sichtbar machen“?
Beywl und Zierer: Hausaufgaben nehmen bei John Hattie einen Rang im hinteren Drittel der Rangreihe der nach Effektstärken geordneten Faktoren ein. Damit ist für viele klar: Hausaufgaben lohnen sich nicht. Sie könnten abgeschafft werden. Wer diese Schlüsse zieht, hat Hattie falsch verstanden. In den höheren Klassenstufen der High School (im deutschsprachigen Raum betrifft dies z.B. die Gymnasien besonders stark) bringen Hausaufgaben mit Blick auf mathematische, sprachliche und naturwissenschaftliche Kompetenzen mehr als in der Grundschule. Je höher also die Klassenstufe, desto effektiver sind tendenziell Hausaufgaben. Also keine Hausaufgaben in der Grundschule? Nein. Hausaufgaben im Gymnasium können nur dann effektiv sein, wenn die Verantwortung dafür, die damit verbundene Arbeitskultur und die Selbstverpflichtung (´commitment´), eben schon von Anfang an gelernt wurde. (Seite VIII und IX)

(…) Auch die Art der Hausaufgaben macht einen Unterschied. Die Effekte sind in Mathematik am höchsten und in Natur- und Sozialwissenschaften am geringsten. Die Effekte sind höher, wenn der Stoff weder komplex noch neu ist. Hausaufgaben, die ein höheres Niveau an konzeptuellem Denken erfordern, sowie projektbezogene Hausaufgaben sind am wenigsten effektiv. (…) Nach der Auffassung von Trautwein [siehe weiter unten], Köller, Schmitz und Baumert (2002) weisen viele Hausaufgaben und mangelnde Kontrolle auf eine ineffektive Lehrmethode hin. Sie warnen vor Hausaufgaben, die die Motivation der Lernenden untergraben und dazu führen, dass die Lernenden fehlerhafte Routinen verinnerlichen. Sie sprechen sich für kurze, regelmäßige Hausaufgaben aus, die von den Lehrpersonen genau kontrolliert werden. Es wäre möglicherweise effektiver, diese Variante unter den Augen der Lehrperson (in der Schule) umzusetzen. (…) Die [Lern-]Effekte sind größer bei leistungsstärkeren als bei leistungsschwächeren Lernenden sowie bei älteren als bei jüngeren. (…) (Seite 276-277)

John Hatties Erkenntnisse zum Einfluss der Elternunterstützung:
(…) Von ebenso großem Interesse sind jene Familienvariablen, die negativ auf die Lernleistung korrelieren. Zu diesen Faktoren gehören externe Belohnung, Überwachung der Hausarbeiten, negative Kontrolle und Einschränkungen als Strafe für schlechte Noten. Insgesamt gilt: „Je höher die Hoffnungen und Erwartungen der Eltern in Bezug auf das, was das Kind leisten kann, sind, desto höher sind auch die eigenen Erwartungen des Kindes und desto höher ist am Ende auch die tatsächlich vom Kind erzielte akademische Lernleistung“ (Hong&Ho, 2005, S.40). Diese hohen Erwartungen werden unterstützt durch eine intensivere Kommunikation zwischen Eltern und Lernenden und durch die Selbstkontrolle der Lernenden über das eigene Lernen (siehe auch Fan&Chen, 2001). (…) (Seite 82)
Aus: „Lernen sichtbar machen“, John Hattie, 3. Auflage, 2015


In einer Sendung des wdr5 äußert sich Prof. Trautwein vom Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Universität Tübingen zum Thema „Hausaufgaben“:
„Der positive Gesamteffekt von elterlicher Begleitung der Hausaufgaben ist erstaunlich gering und das hat häufig damit zu tun, wenn die Schülerinnen und Schüler den Eindruck haben die Eltern sind kontrollierend, die Eltern sind dirigierend, dann sinkt einerseits die Motivation und zweitens erhöht sich der Eindruck, ich kann das irgendwie nicht selber, meine Eltern müssen mir offensichtlich helfen, bin eigentlich gar nicht so richtig verantwortlich für meine eigenen Hausaufgaben.“

Prof. Dr. Trautwein hat für die Wirkung der Hausaufgaben auf den Lernprozess herausgefunden, dass unter anderem die Menge entscheidend ist. Am erfolgreichsten sind Lehrer, die regelmäßig und in Maßen Hausaufgaben austeilen.

„Wir haben auch untersucht, ob die Qualität der Hausaufgaben einen Effekt darauf hat was Schülerinnen und Schüler lernen und tatsächlich ist das der Fall.“

Schülern, die Probleme beim Lernen haben helfen Hausaufgaben oft am wenigsten, denn sie sind schlecht organisiert, nur wenig motiviert oder bekommen zu Hause nicht die richtige Unterstützung.

„Hausaufgaben haben vielleicht eine besondere Stärke tatsächlich in dem Bereich dass man mit ihrer Bearbeitung auch Selbstregulationsfähigkeiten stärken kann.“

Schüleräußerung: „Ich finde es eigentlich gut, wenn man zu Hause noch etwas zu tun hat, da hat man mehr Ruhe und kann seinen eigenen Lernplan machen und das bearbeiten was man wirklich braucht.“
Die Wirkungen von Hausaufgaben sind also von einer Reihe von Bedingungen abhängig, die sowohl mit der Person des Lehrers, des Schülers und der Eltern zu tun haben.

zur wdr5-Sendung, 13.01.2016, Streithema Hausaufgaben: Sinnvoll oder überholt?


Zentrale Ergebnisse der Hausaufgabenforschung im Überblick:
Wann sind Hausaufgaben effektiv?
Für die Lehrpersonen gilt: Hausaufgaben regelmäßig und häufig stellen, statt selten und umfangreich
• Mit der Kontrolle der Hausaufgaben muss eine inhaltliche Rückmeldung verbunden sein (Lösungsprozess aufzeigen), nicht nur eine Ergebniskontrolle
• Hausaufgaben sollten gut vorbereitet und in den Unterricht integriert sein. Dies hat positiven Einfluss auf die Motivation und die Anstrengungsbereitschaft der Schüler
• Lernende profitieren vor allem dann von Hausaufgaben, wenn sie ihre Aufgaben kontinuierlich, gewissenhaft und regelmäßig erledigen
• Die Anstrengungsbereitschaft der Lernenden hängt auch davon ab, inwieweit sie vom Nutzen der Hausaufgaben überzeugt sind und inwieweit sie die Erwartung haben, die Hausaufgaben zufriedenstellend erledigen zu können
• Schülerinnen und Schüler müssen wissen, wie man Hausaufgaben macht, wie man die Zeiten einteilt, wie man selbstregulierend mit dem Lehrstoff umgeht, umso effektiver sind die Ergebnisse
• Direkte Einmischungsversuche der Eltern sind problematisch, untergraben die Selbständigkeit der Lernenden und wirken sich eher negativ auf die weitere Leistungsentwicklung aus
• Elterliches Verhalten bei Hausaufgaben ist erfolgsversprechender, wenn sie die Selbständigkeit ihrer Kinder fördern und sie bei der Hausaufgabenbearbeitung emotional unterstützen und bekräftigen

vergleiche LERNENDE SCHULE 39/2007, Prof. Dr. Frank Lipowsky, Hausaufgaben: auf die Qualität kommt es an! – Ein Überblick über den Forschungsstand, S.7-9

Pädagogisch gestaltete Klassengemeinschaft

Bildung und Erziehung als Grundlage für das Leben
– was könnte Schule leisten?

Prof. Jochen Krautz, Auszug des Tagungsbeitrags

Pädagogische Beziehung und Klassengemeinschaft

Bildung und Erziehung beruhen wie erörtert auf der pädagogischen Beziehung, genauer: auf der Beziehung zwischen Lehrer und Schülern einerseits und den Beziehungen der Schüler untereinander in einer Klasse andererseits. Dies macht deutlich, warum die eingangs kritisierte Auflösung der Klassengemeinschaft und der Lehrer-Schüler-Beziehung  [„selbstgesteuertes Lernen“, Lehrer als „Lernbegleiter“, „Coach“, „Individualisierung“] ein so gravierendes Problem darstellt. (…)

(…) pädagogisches Handeln [ist] so auszurichten, dass der Schüler durch Forderung und Ermutigung, durch Anspruch und Hilfe sich über den jetzigen Stand hinaus entwickeln kann. Die Unterrichtsform, in der dies am besten möglich ist, ist der Klassenunterricht. Gemeint ist nicht „Frontalunterricht“, wie Klassenunterricht heute meist abwertend bezeichnet wird. In tatsächlichem „Frontalunterricht“ geht der Lehrer über die Köpfe der Schüler hinweg, sie interessieren ihn wenig, er doziert und fragt ab. Klassenunterricht meint die pädagogisch gestaltete Arbeitsform des gemeinsamen Denkens und Sprechens über die Unterrichtsgegenstände, also das Bilden einer Vorstellung von der Sache in gemeinsam geteilter Aufmerksamkeit. Dabei gestaltet der Lehrer – am besten über Schuljahre hinweg – diese Gespräche so, dass Schüler tatsächlich mit der Sache beschäftigt sind, diese selbst denkend mitvollziehen, sich einander zuhören, sich in ihren Beiträgen aufeinander beziehen, zur Klärung für andere beitragen, die Sache versuchen selbst darzustellen usw. Auf diese Weise können sich im Unterrichtsgespräch über die gemeinsame Arbeit an der Sache soziale Verbundenheit und geistige Selbstständigkeit bilden. Denn Selbstständigkeit entsteht gerade nicht im isolierten Ausfüllen von Arbeitsblättern, sondern im Anteilnehmen am gemeinsamen Denken, im aktiven Mitvollzug der Gedanken des Anderen, im Argumentieren für oder gegen etwas, im Versuch, anderen etwas zu erklären oder auch verständlich zu machen, was man selbst nicht verstanden hat.

Im Unterrichtsgespräch muss sich daher beständig die pädagogische Ebene mit der Sachebene verbinden: Der Lehrer muss wahrnehmen, welcher Schüler aus welchem Grund gerade einen anderen ablenkt; er muss erfassen, wer abwesend dreinschaut, und entscheiden, wie er diesen Schüler anspricht; er muss beurteilen, wie eine Schülerfrage motiviert und begründet ist, wo genau ein Missverständnis liegt, oder ob der Schüler von einer Schwierigkeit gerade ablenken will. Er muss entscheiden, wie er Aufmerksamkeit und Wohlwollen für die Beiträge eines sonst stillen Schülers weckt; wie er Lachen und abwertende Witze über Fehler nicht nur verhindert, sondern bei den Schülern Betroffenheit für diese Verletzungen erzeugt, wie er sie anleitet, mit Fehlern konstruktiv und produktiv umzugehen usw.

Diese Unterrichtsform stellt die wohl höchste pädagogische und didaktische Anforderung im Lehrerberuf – vielleicht einer der versteckten Gründe, warum man ihr heute gerne ausweicht. Guter Klassenunterricht verlangt, 30 Beziehungsfäden, 30 Verstehenswege, 30 Vorstellungen und 30 Individuen gleichzeitig zu sehen, zu verstehen, miteinander zu verbinden, zu führen und sich im Rahmen des für alle Förderlichen entfalten zu lassen. Aus diesem Grund sind auch Erfahrung und die genaue Reflexion dieses komplexen Geschehens die Grundlage erfolgreichen Unterrichtens. Denn Unterricht ist keine „Technik“, sondern eine mitmenschliche Praxis, an der der Pädagoge mit fachlichem Wissen, didaktischen Können und pädagischer Einfühlung als ganze Person beteiligt sein muss.

Nur dann kann eine pädagogisch gestaltete Klassengemeinschaft ein Modell für das demokratische Zusammenleben sein, wie dies oben als Ziel benannt wurde. Denn nur so kann man lernen, Sachfragen als Sachfragen zu klären, Urteile an Argumente zu binden, Rücksicht auf und Anteil am Anderen zu nehmen, Andere zu verstehen, Konflikte gewaltfrei und konstruktiv zu lösen, zu kooperieren, gegenseitige Hilfe zu üben u.a.m. (…)

gesamter Tagungsbeitrag: „Bildung und Erziehung als Grundlage für das Leben – was könnte Schule leisten?“,  in: Fromm Forum (Deutsche Ausgabe –  ISBN 1437-0956), 20/2016, Tübingen (Selbstverlag), pp. 56-69.


siehe auch Auszüge aus:

„Visible Learning for Teachers – Maximizing impact on learning” –
Zusammenfassung der praxisorientierten Konsequenzen aus der Forschungsbilanz von John Hattie „Visible Learning”
Dieter Höfer & Ulrich Steffens, 26. 09.2012, Institut für Qualitätsentwicklung, Wiesbaden

(…) Neben dieser eindeutig empirischen, zentral auf die Schülerleistungen bezogenen Orientierung betont Hattie, dass Schule noch weitere gesellschaftliche und kulturelle Aufgaben und Ziele hat. Hierbei geht es beispielsweise um Aufgaben der Charakterbildung, um die Fähigkeit zur Kritik, zur historischen Reflexion, zur politischen Argumentation, zu Toleranz, Verantwortung, Kooperation sowie zum bürgerschaftlichen Engagement und zur Zivilcourage. (…)

Weiterhin weist Hattie darauf hin, dass das Lernen als dialogischer Prozess zu verstehen ist. Deshalb müssen die Lernenden in ihren Interaktionen untereinander („peer to peer construction and mediation“) beobachtet und unterstützt werden, wenn es darum geht, das Niveau ihrer Denkprozesse und die Ausprägung ihrer Selbstwahrnehmungen zu erkennen. (…)

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass die Lernenden eine (Selbst-) Verpflichtung („commitment“) zum Erreichen ihrer Ziele aufbauen können. Hierbei kommt der Wahrnehmung und Beurteilung eines erfolgreichen Lernens unter den Klassenkameraden ein hoher Stellenwert zu. Wenn es der Lehrkraft gelingt, das erfolgreiche Lösen eines schwierigen Problems zu einem erstrebenswerten gemeinsamen Ziel zu machen, so hat sie ein wichtiges Unterrichtsziel bereits erreicht. (…)

John Hattie geht davon aus, dass ein fürsorgliches und vertrauensvolles, auf Fairness beruhendes und respektvolles Klassenklima eine der wichtigen Voraussetzungen für ein erfolgreiches Lernen darstellt. Dies gilt sowohl für den Unterricht in der gesamten Klasse als auch für alle Phasen der Gruppenarbeit. Entscheidend ist hierbei, dass ein solches positives Klassenklima aus der Perspektive der Lernenden heraus ausdrücklich wahrgenommen und bestätigt wird. (…)

Hattie fordert ausdrücklich, Fehler dürften nicht nur toleriert werden, sondern sie müssten – im Verlauf des andauernden Lernprozesses – ausdrücklich begrüßt und sodann konstruktiv bearbeitet werden (fehlerfreundliches Unterrichten). (…)

Lehrerinnen und Lehrer – wie auch die Lernenden selbst – haben die Chance, die enormen Möglichkeiten zu erkennen, die sich aus einem Lernen unter Gleichaltrigen ergeben. Kooperatives Lernen („cooperative learning“) ist besonders dann erfolgreich, wenn sichergestellt ist, dass eine hinreichend große stoffbezogene Wissensbasis vorhanden ist, um in komplexe Lern- und Diskussionsprozesse unter den Gleichaltrigen eintreten zu können. (…)

Hattie verweist erneut darauf, dass erfolgreiches Unterrichten in jedem Fall mit qualifiziertem Feedback einhergeht. Häufiges und schnelles Feedback erweist sich als Kernstück eines Unterrichtens, welches die Lehrkräfte vor allem als Evaluatoren und Aktivierer sieht. Unter der Voraussetzung, dass ein solches Feedback sowohl hinsichtlich der Inhalte, die die Lernenden äußern, als auch mit Blick auf deren Denk- und Argumentationswege regelmäßig erfolgt, seien die einzelnen im Unterricht verwendeten Methoden für einen möglichen Lernerfolg sogar weniger entscheidend. (…)

mehr zum Beitrag „Lernen“

Erfolgreicher Unterricht: „Leidenschaft“ und „hoher Einfluss“ nötig

Datum:  04.07.2015
Was guten Unterricht ausmacht
Im Interview mit FreieWelt.net erläutert Prof. John Hattie, was guten Unterricht ausmacht.

FreieWelt.net:  (…)  Was also macht einen erfolgreichen Unterricht aus?
John Hattie:  (…) Dazu gehört etwa, dass eine Gruppe von Lehrern von einer Person geleitet wird, die ein Klima des Vertrauens erzeugt, damit die Lehrer debattieren, kritisieren und Unterrichtsreihen planen können, die a) herausfordernd sind, b) auf dem Vorwissen der Schüler aufbauen, c) die Balance zwischen allgemeiner und tiefgründiger Stoffbehandlung halten und am wichtigsten, d) dass sich alle einig sind, wie der Erfolg sich am Ende darstellen wird und die Erfolgskriterien klar benennen können, BEVOR sie mit dem Unterrichten beginnen.
Die Aussicht auf Erfolg erhöht sich, wenn der Lehrkörper sehr frühzeitig die Zielsetzung des Unterrichtes kommuniziert und sich ständig um Feedback in Bezug auf den Fortschritt der einzelnen Schüler bemüht sowie die Lehrmethoden im Lichte dieser Rückmeldungen anpasst. Die Aussicht auf Erfolg erhöht sich, wenn Schüler, die mit den Herausforderungen des Lernens kämpfen, das Lernen selbst beigebracht bekommen (sich zu konzentrieren, mit Bewusstsein zu arbeiten, Fehler und Fehlschläge zu tolerieren, gemeinsam an Problemlösungen zu arbeiten und verschiedene Lernstrategien auszuprobieren) und mit regelmäßigem Feedback über die nächsten Schritte versorgt werden.
Angemessene Herausforderungen, Klärung des Erfolgsbegriffes und Lehrer, die sich und ihren Unterricht immer weiter entwickeln – das sind Schlüsselkategorien für Unterrichtserfolg. Lehrer müssen darin unterstützt werden, ihren eigenen Einfluss auf den Lernerfolg in einem vertrauensvollen Umfeld ständig zu überprüfen und die Anforderungen der Lehrpläne gemeinsam festzulegen. Lehrer müssen eine Leidenschaft dafür entwickeln, alle Schüler zum Erfolg zu führen.

Was ist Ihre Vorstellung von einem „guten Lehrer“?
John Hattie:  Hervorragendes Unterrichten lässt sich – nach all meinen Schriften, meinen Beobachtungen in Schulen und meiner Beschäftigung mit Bildung allgemein – auf zwei Hauptnenner bringen – der eine davon ist Leidenschaft. Dabei meine ich eine bestimmte Form von Leidenschaft – die Leidenschaft, wirksamen Einfluss auf den Lernerfolg zu haben. Ich rede nicht über eine bloße „Liebe zum Lehren“, sondern über eine Leidenschaft für wertvolles und bewertbares Unterrichten, eine Leidenschaft dafür, seine Zeit und Energie dem Unterrichten zu widmen und dies zu einem zentralen Aspekt der eigenen Identität und des eigenen Lebens zu machen.
Kinder gehen nicht immer nur zur Schule, um nachzudenken. Unser Kopf ist gar nicht fürs Denken eingerichtet, wie wir in unserem neuen Buch argumentieren (Hattie & Yates, 2013). Denken und Lernen erfordern bewusstes Handeln, bewusste Praxis und bewusste Aufmerksamkeit dem gegenüber, was wir nicht wissen. Man muss Energie und Anstrengung aufbringen und dazu noch die Möglichkeit akzeptieren, daneben zu liegen, vor den anderen bloßgestellt zu werden, weil man es nicht kann! Manchmal erfordert es nachhaltige Bemühungen, bedroht das Selbstvertrauen, bringt ein hohes Maß von Unsicherheit mit sich. Es gibt keine Garantie für Erfolg. Und daher ist es riskant, weil wir es vielleicht nicht schaffen. Es könnte sehr peinlich sein, vor den Augen der Gleichaltrigen zu versagen. Es kostet viel, weil die gleiche Mühe in dem Moment nicht in andere, angenehmere Aktivitäten gesteckt werden kann, die nichts mit Nachdenken zu tun haben. Es ist einfacher, sich nicht mit dem Lernen zu beschäftigen, als es zu riskieren, trotz all der notwendigen Anstrengungen zu versagen. Das ist keine Faulheit. Wir Menschen (besonders die Kinder) verfügen eben nur über begrenzte Ressourcen, mit denen zu haushalten umsichtig, sogar weise ist. Lehrer mit einer ebenmäßigen (nicht obsessiven) Leidenschaft zum Unterrichten wissen das. Daher rührt auch ihr demonstratives Veranschaulichen der Freude, die man daraus ziehen kann, wenn man ihre Leidenschaft für das Lernen von Englisch, Mathematik, Physik und Sport teilt.
Diejenigen Lehrer, die diese Leidenschaft nicht haben, sehen die Quelle der Probleme vor allem in den Schülern. Sie sehen, dass manche klug sind und manche kämpfen müssen, dass manche es können und andere nicht. Sie sehen, dass einige sich bemühen und sagen, der Rest tut das nicht. Sie erklären einige für „leicht zu unterrichten“ und andere für „weniger leicht zu unterrichten“. (…)

Der zweite Hauptnenner, auf den man hervorragendes Unterrichten bringen kann, ist hoher Einfluss. Ich habe bei meiner Arbeit an „Visible Learning“ entdeckt, dass der Unterschied zwischen hervorragenden und nicht so großartigen Lehrern mehr als nur Leidenschaft ist. Die Antwort liegt nicht darin, wer der Lehrer ist – auch nicht notwendigerweise darin, was er genau tut. Es hängt vielmehr damit zusammen, welche Menge an Einfluss er auf die Schüler hat. Das hervorstechendste Ergebnis der Synthese von (derzeit) über 1000 Meta-Analysen (ca. 55.000 Einzelstudien, die ca. 250 Mio. Schüler umfassen) ist, dass fast „alles funktioniert“. Das erklärt nun, warum wir jeden Lehrer die Türe schließen und dann tun lassen, was er für das beste hält – solange es Beweise gibt, dass es das Lernen verbessert. Das erklärt auch, warum die allermeisten politischen Maßnahmen offenbar das Lernen fördern – weil beinahe alles das Lernen fördern kann. Aber wenn wir einmal von den durchschnittlichen Effekten absehen, ergibt sich eine ganz andere Geschichte. Ich bin fasziniert von den Merkmalen derjenigen Lehrer und Lehrarten, die zu überdurchschnittlichen Ergebnissen führen – und das sind die Botschaften in Visible Learning (2008) und Visible Teaching (2011). Ich möchte folgende normative These über hervorragende Lehrer aufstellen: Sie haben nicht nur einen gewaltigen und beständigen Einfluss, sondern sie können dafür auch qualitative Beweise anführen.
Ich habe mich in meiner Karriere auf das Studium von Erfolg konzentriert, und dieser ist in Schulen allgegenwärtig. Meine Schätzung gemäß meiner VL – Arbeit ist, dass um die 40 % der Lehrer stark einflussnehmende, leidenschaftliche Lehrer sind. Sie sind überall – wir müssen sie nur wertschätzen, verlässlich identifizieren, und dann alle anderen so fördern, dass sie zu dieser Gruppe von Lehrern aufschließen. (…)

zum Artikel:  ISSB – Institut für Strategische Studien Berlin, FreieWelt.net, 12.04.2013, Was guten Unterricht ausmacht

Was guten Unterricht ausmacht

Datum:  02.07.2015
„Schlechter Unterricht führt dazu, dass alle gleicher werden“
Es nutzt die schönste Schule nichts, wenn das Personal nichts von seinem Job versteht: Unterrichtsforscher Andreas Gold (Professor für Pädagogische Psychologie an der Goethe-Universität in Frankfurt) über das, was erfolgreiche Pädagogen und guten Unterricht ausmacht. Interview: Jacqueline Vogt, FAZ

Jacqueline Vogt:  (…) Haben Sie Veränderungen (im Unterricht an deutschen Schulen) festgestellt, zum Schlechten womöglich?
Andreas Gold:   Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Unterricht in Deutschland schlechter geworden sei. Im Gegenteil, ich glaube, dass an deutschen Schulen, in deutschen Klassenzimmern, ziemlich guter Unterricht gemacht wird. In der Öffentlichkeit wird meist gesprochen über Strukturfragen: Ganztagsschule, Inklusion, Differenzierung nach der vierten Klasse oder später. Daran arbeiten sich die Bildungspolitiker seit 50 Jahren ab. Bei all diesen Strukturfragen gerät aus dem Blick, dass es letztlich auf die Unterrichtsqualität ankommt, also auf das, was Lehrerinnen und Lehrer im Klassenzimmer wirklich machen. (…)

Was bedeutet Unterrichten heute? Welche Herausforderungen muss ein Lehrer meistern?
Zuvorderst muss er (das Lehrpersonal) Wissen und Fertigkeiten vermitteln. Darüber hinaus aber werden zunehmend Erziehungsaufgaben allgemeiner Art auf die Lehrer übertragen, ob sie das wollen oder auch nicht, und sie müssen sie auch leisten. Auch dann, wenn gleichzeitig eine allgemein nachlassende Kooperationsbereitschaft von Eltern zu beobachten ist. Außerdem sind die Lernvoraussetzungen von Schülern zunehmend ungleicher als früher. Mit dieser Heterogenität umzugehen ist eine erhebliche Herausforderung. (…)

Ist der Beibehalt von Unterschieden also das Ziel von Schule?
Ich formuliere das mal provokant: Am Ende guten Unterrichts steht eine größer gewordene Heterogenität der Schülerschaft. Richtig guter Unterricht fördert jedes Kind, soweit das aufgrund des Potentials, das es mitbringt, möglich ist. Und wenn man jeden optimal fördert, sind, weil schon die Ausgangslagen unterschiedlich waren, am Ende auch die Ergebnisse unterschiedlich. Nur ganz schlechter Unterricht wird dazu führen, dass am Ende alle ein bisschen gleicher sind, auf niedrigem Niveau. (…)

Was ist gute Klassenführung?
Gute Klassenführung zeigt sich darin, dass es im Unterricht selten oder so gut wie gar nicht zu Störungen kommt. (…)

zum Artikel:  FAZ, 22.05.2015, Jacqueline Vogt, „Schlechter Unterricht führt dazu, dass alle gleicher werden“

Die Arbeitsgebiete von Professor Andreas Gold sind die Lehr-Lern-Forschung und die Erforschung der Wirksamkeit pädagogischer Interventionen. Von 2008 bis 2014 war Gold stellvertretender wissenschaftlicher Leiter des Forschungszentrums „Idea“, das untersucht, wie Kinder lernen. Gold hat über Lernschwierigkeiten und frühe Bildung publiziert, sein jüngstes Buch heißt „Guter Unterricht“.