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Kritischer Blick auf den UNICEF-Bericht: Kinder in einer digitalen Welt

Ein Bericht von UNICEF: „Zur Situation der Kinder in der Welt 2017“

beschreibt, wie Smartphones, Laptops, Computer und Internet weltweit das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen verändert haben – und es in Zukunft weiter verändern werden – im Guten und im Schlechten.

Dr. med. Uwe Büsching, Kinder- und Jugendarzt und Vorstandsmitglied des Berufsverbands der Kinder– und Jugendärzte (BVKJ)

Die möglichen Chancen der Digitalisierung für Kinder
Kinder und Jugendliche selbst sehen das Internet fast immer als positiven Teil ihres Lebens an. Zu Recht? Im World Development Report der Weltbank 2016 heißt es: „In den Entwicklungsländern gibt es heute mehr Haushalte mit Mobiltelefon als mit elektrischem Strom oder sauberem Wasser. Fast 70 Prozent der ärmsten Menschen in den Entwicklungsländern besitzt ein Mobiltelefon.“ Die ärmsten Familien, die an dieser Entwicklung nicht teilhaben, fallen noch weiter zurück, so die Analyse der Weltbank. Es bestehe die akute Gefahr, dass die Digitalisierung hier, anstatt gleiche Chancen zu eröffnen, Ungleichheit verschärfe. Die Autoren des UNICEF-Berichts gehen von der Hypothese aus: „Benachteiligten Kindern – in Entwicklungs- wie in Industrieländern – kann die Vernetzung helfen, ihre Fähigkeiten zu entfalten und Armut zu überwinden. Die Digitalisierung ermöglicht Lernen von hochwertigen Inhalten ohne existierende Schulsysteme, informiert unabhängig von staatlich kontrollierten Medien, vermittelt Kontakte beruflich und privat.

Doch die Erfahrungen können sich stark unterscheiden – je nach Bildung und Ausbildung, technischer Ausstattung, Sprache und Einkommen. Hunderte Millionen Kinder sind vom Moment ihrer Geburt an in einen permanenten Strom digitaler Kommunikation und Vernetzung eingebunden. Die Digitalisierung prägt ihre Erfahrungen und eröffnet unbegrenzte Möglichkeiten.

Die Informationsarmen
Der UNICEF-Bericht bedauert, dass von den Vorteilen und Chancen der Digitalisierung längst nicht alle Kinder und Jugendlichen profitieren – in den Entwicklungsländern genauso wenig wie in Schwellen- oder in Industrieländern. Um die Chancen für alle zu realisieren, müssten für die anderen Millionen von Kindern technisch hochwertige Netze bereitgestellt werden. Wenn Kinder fortgesetzt am Internet nicht teilhaben könnten, würden sich soziale und ökonomische Ungleichheiten im Verhältnis Entwicklungsländer zu Industrieländern und zwischen den Schichten der Gesellschaften durch „Informations-Armut“ weiter verschärfen. Der Bericht nennt die Gestaltung der digitalen Welt für Kinder eine zentrale Zukunftsaufgabe. Kindern würden mit dem Ausbau der Digitalisierung zukünftig noch mehr digitale Geräte, auch mit künstlicher Intelligenz, Online–Plattformen und Anwendungen zur Verfügung stehen.

Digitale Gefahren
Ohne Unterbrechung steht ein Strom von Videos, Nachrichten in sozialen Netzwerken und eindrucksvollen Spielen zur Verfügung, Kontrolle ist kaum möglich. Während Kinder online sind, werden gleichzeitig Informationen über sie gesammelt. Eine Untersuchung von 2010 ergab, dass in zehn Industrieländern 81 Prozent der Kinder vor ihrem zweiten Geburtstag bereits einen „digitalen Fußabdruck“ hinterlassen hatten. Die Risiken, die ein solcher kaum noch zu löschender Abdruck im Netz langfristig für das Leben von Kindern und Jugendlichen haben kann, sind nur zu erahnen. Was man heute bereits weiß: Das Internet verstärkt auch traditionelle Risiken im Kindes- und Jugendalter besonders für diejenigen, die bereits in der realen Welt benachteiligt sind. Und es schafft neue Risiken. Forscher unterscheiden heute drei Arten von Online-Risiken: Inhalts-Risiken, Kontakt-Risiken und Verhaltens-Risiken, die es auch ohne Internet gab und gibt, die aber durch die Digitalisierung noch verstärkt werden. Sie bestehen potenziell für alle Kinder und Jugendlichen. Die Internet Watch Foundation registrierte allein im Jahr 2016 weltweit 57.335 Internetseiten mit kinderpornographischen Inhalten. 92 Prozent aller einschlägigen URLs waren in fünf Ländern ansässig: in Frankreich, Kanada, den Niederlanden, der Russischen Föderation und in den USA.

Immerhin haben die Autoren registriert: „viele Eltern und Fachleute in hoch digitalisierten Ländern fürchten zudem um die Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern.“ Die Stiftung selbst sieht die Sicherheit und den Schutz der Privatsphäre der Kinder bedroht, auch weil für die meisten Heranwachsenden diese Gefahr abstrakt und damit nicht akut zu befürchten sei. Mehr Forschung sei notwendig, um besser zu verstehen, warum diese potenziellen Risiken bei den einen zu Ausbeutung und Leid führen und bei anderen nicht.

Auch der UNICEF-Bericht widmet sich den Gefahren der Digitalisierung. Er fordert auf, sich verstärkt um die tieferliegende Verletzlichkeit (Gewaltandrohung, -erfahrung, Konfrontation mit ungewollten sexuellen Inhalten, Bullying [systematisches Mobbing unter Kindern und Jugendlichen] und Bedrohungen der Person, der Familie) der betroffenen Kinder zu kümmern, um sie besser fördern und schützen zu können – in der Online- und in der Offline-Welt. Die Gefahren der Digitalisierung für Kinder, auch in Industriestaaten, werden in dem Bericht ebenso ausführlich beschrieben wie die Ohnmacht der Staaten und der Strafverfolgungsbehörden beim Schutz von Kindern und Jugendlichen durch Gefahren durch die Digitalisierung.

Kinderschutz
Die Autoren des UNICEF–Berichtes diskutieren Maßnahmen, um Kinder vor den Gefahren der Digitalisierung zu schützen. Eine Zeitbegrenzung erübrige sich, laut UNICEF gibt es keine klar definierte Grenze, ab wann die Beschäftigung mit digitalen Inhalten Kindern und Jugendlichen schadet. Vielmehr sei „zu viel“ höchst individuell und hänge vom Alter der Kinder, ihren persönlichen Eigenheiten und ihrem Lebenszusammenhang ab. Online-Zeiten durch Verbote zu begrenzen sei nicht zielführend, als Belohnung einzusetzen aber nach derzeitigem Forschungsstand auch nicht. Demgegenüber seien mehr Aufmerksamkeit und Begleitung der vielversprechendere Weg. „Was die Kinder im Netz tun und mit welchen Inhalten sie sich dort beschäftigen, ist wichtiger als ausschließlich darauf zu schauen, wie lange sie am Bildschirm sitzen.“ Eine wichtige Maßnahme zur Risikoreduktion: „Grundsätzlich müssen bei der Entwicklung digitaler Produkte die besonderen Bedürfnisse von Kindern beachtet werden. Alle, mit oder ohne Handicap, brauchen besondere Begleitung und Unterstützung, um sich in der digitalen Welt zurechtzufinden. Technologischer Fortschritt allein reicht nicht – ebenso wichtig sind eigene Motivation, gut ausgebildete Lehrer und gute Pädagogik. Die Digitalisierung kann schlecht funktionierende Verwaltungen oder Ungerechtigkeiten beim Zugang zu Bildung nicht ausgleichen.“

Schwächen des UNICEF- Berichtes: jede Menge warme Worte, wenig Konkretes und eine Falschbehauptung

Die Behauptung der Autoren, das Ausmaß der Zeit, die Kinder an digitalen Endgeräten verbringen, sei bedeutungslos, mithin seien Einschränkungen pädagogisch unsinnig, steht im deutlichen Widerspruch zu den Ergebnissen der BLIKK-Studie (Bewältigung, Lernverhalten, Intelligenz, Kompetenz und Kommunikation). Übermäßiger Medienkonsum korreliert sehr wohl mit Entwicklungsauffälligkeiten! Die Zeitbegrenzung ist damit ein äußerst wirksames Mittel, um die Gesundheit von Kindern wirksam zu schützen. Sie ist viel wirksamer, weil leichter umzusetzen, als Appelle an die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Professionen.

Die Wünsche und Forderungen der Autoren des UNICEF-Berichts an Staat und Familie zum Kinderschutz entsprechen ansonsten dem aktuellen Wissenstand. Sie bleiben jedoch seltsam unkonkret. So lautet ein Vorschlag: Kinder gehören ins Zentrum einer Digital-Politik. „Bei der Entwicklung einer zukünftigen Digital-Politik müssten Kinder und Jugendliche gehört werden.“ Doch eine solche Digital-Politik muss erst entwickelt werden. Es gibt keine Einwände gegen die Partizipation von Kindern und Jugendlichen, aber was soll die Forderung nach Beteiligung, solange Digital-Politik nicht existiert?

Den drei Vorschlägen „Kinder müssen vor Online-Gefahren geschützt werden“, „Die Privatwirtschaft muss ethische Standards und Praktiken vorantreiben“ und „Die Privatheit und die Identität von Kindern müssen geschützt werden“ wird niemand widersprechen. Berechtigt aber ist doch zu fragen, warum dies nicht schon längst geschieht? Die von den Autoren vorgetragenen Vorschläge sind so alt wie das Internet. UNICEF hat viel Einfluss, viel Akzeptanz, UNICEF hätte die Chance zu fordern, auch strafrechtliche Konsequenzen, anstatt nur lauwarm zu mahnen.

Der Vorschlag, „Kinder müssen digitale Kompetenzen genauso wie Lesen, Schreiben und Rechnen lernen“, ist nichts weiter als die kritiklose Übernahme einer unwissenschaftlichen Phrase, die nicht dadurch wahr wird, wenn Daxvorstände sie in jeder Talkshow wiederholen. Es ist zurzeit sehr umstritten, ab welchem Lebensalter Kinder befähigt sind, zu ihrem Vorteil mit dem Internet zu lernen. Bevor Lehrpläne für digitale Kompetenz gefordert werden, braucht es ganz viel und wohl auch teure Forschung. Im Interesse der Kinder ist diese Investition bei jährlich 20.000 Neuerkrankungen an Internetsucht angebracht.

Der letzte Vorschlag, der von allen Befürwortern der Digitalisierung vorgebracht wird und der bei UNICEF ganz am Anfang platziert ist, „Alle Kinder müssen bezahlbaren Zugang zu qualitativ guten Online-Angeboten bekommen“, ist erst dann zu unterstützen, wenn alle vorherigen Forderungen endlich realisiert sind. Allein die Kosten für den Internetzugang zu senken und mehr öffentliche Hotspots einzurichten, ist kein Kinderschutz!

Fazit:
Wirklich konkrete zielführende Konsequenzen für den Kinderschutz nennt der UNICEF-Bericht nicht. Den seltsamen Verbleib im Vagen erklären die Autoren damit, dass es bereits zahlreiche internationale Instrumente, Richtlinien, Vereinbarungen und Prinzipien zur Freiheit des Internets, zu Netz-Neutralität, Zugang und Menschenrechten im Netz gebe. Es fehle eine grundsätzliche Übereinkunft, wie Kinder vor den Risiken der digitalen Welt geschützt und wie dessen Versprechungen und Chancen allen Kindern zugänglich gemacht werden können.

Dem Leitgedanken von UNICEF („Jedes Kind auf der Welt hat das Recht auf eine Kindheit – wir sind dafür da, dass aus diesem Recht Wirklichkeit wird.“) wird der Bericht nicht gerecht.

Es ist unverständlich, warum UNICEF die Chance nicht ergriffen hat, mit dem Bericht auch wirksame Kinderschutzgesetze zu formulieren, um Kinder vor den Gefahren der vernetzten Welt zu schützen – notfalls auch gegen die Interessen der US-Regierung, des Präsidenten und von Google & Co. In der vorliegenden Version verharrt der Bericht weitgehend bei einer rosaroten Utopie: Digitalisierung ist für alle gut, wenn nur Eltern, Lehrer und Ärzte ein bisschen aufpassen, mit was sich die Kinder da stundenlang beschäftigen. Begleitende Kinderschutzgesetze zu Digitalisierung oder selbst schon mögliche Strafverfolgung werden im Interesse eines Big-Data-Hype vernachlässigt. So ist der UNICEF-Bericht nicht viel mehr als eine Orientierung mit vielen guten Ansätzen und dem sicherlich wichtigen Appell, mehr zu forschen.

Aus dem UNICEF-Bericht: „Ich denke, dass das Internet uns näher zu denen gebracht hat, die weit weg sind – und weg von denen, die nahebei sind.“
(16-j. Mädchen aus der Dem. Rep. Kongo)

Aus:  Kinder- und Jugendarzt, 49. Jg. (2018) Nr. 3/18, S. 144-147, Dr. med. Uwe Büsching, Kinder- und Jugendarzt und Vorstandsmitglied des Berufsverbands der Kinder– und Jugendärzte (BVKJ).

Dr. Uwe Büsching, E-Mail: ubbbs@gmx.de

Der Artikel erscheint bei Schulforum-Berlin mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Dr. Büsching war Refernt bei der Tagung „Bildschirmmedien und Kinder“ an der Hochschule Offenburg am 20.10.2018 (siehe unter Veranstaltungen, Seitenleiste).

Was die Beschwörer virtuellen Lernens übersehen

Digitalisierung – Lasst Kindern ihre Neugier

Schon die Jüngsten lernen, indem sie die Natur erforschen. Man sollte sich daher hüten, die Kindheit durch die Digitalisierung zu vereinnahmen. Ein Appell.

Tagesspiegel, WISSEN & FORSCHEN, 28.08.2018, von Salman Ansari
Der Autor, geboren 1941 in Indien, ist promovierter Chemiker und seit Jahrzehnten pädagogisch tätig. Von ihm erschien das Buch „Rettet die Neugier. Gegen die Akademisierung der Kindheit“.

Claus, ein Grundschüler, kann alle Gewächse in seiner Umgebung benennen. Er hält sein iPhone an ein Blatt der jeweiligen Pflanze, und in Sekundenschnelle verrät ihm die eingespeicherte App deren Namen. Claus ist begeistert vom Können des iPhone, das er ständig in seiner linken Hand hält. Doch die App ist nicht irrtumsfrei, manchmal ist ihre Zuordnung falsch. Für Claus ist dies bedeutungslos, denn in kürzester Zeit entgleiten ihm die verzauberten Namen wieder.

Wenn die sechsjährige Julia mit ihren Eltern spazieren geht, nimmt sie ihren Zeichenblock mit. Sie interessiert sich für Insekten. Entdeckt sie unterwegs eine ihr unbekannte Spezies, skizziert sie diese, hält die Anzahl der Beine und die Farbe des Insekts schriftlich fest. Ihre Eltern warten geduldig, bis sie mit ihrer Zeichnung fertig ist. Zu Hause identifiziert Julia ihren Fund mithilfe eines Buches. Sie kann einem auch noch mehrere Tage danach den Namen des Insekts verraten.

Wichtig: die sinnliche Wahrnehmung der Wirklichkeit

Das Mädchen durchläuft einen Lernprozess der Weltaneignung, der mit der sinnlichen und genauen Wahrnehmung der Wirklichkeit einhergeht und offensichtlich in Kanälen ihres Gehirns gespeichert wird. Julia erwirbt Wissen aus erster Hand, weil sie die Zeit bekommt, sich selber in das Geschehen der Erforschung einzubringen.

Das Verständnis der Welt ist ein Prozess, der von der physischen und kognitiven Entwicklung, der sozial-emotionalen und der sprachlichen Entwicklung begleitet wird. Verbunden damit sind Fragen: Wie muss die Lernumgebung gestaltet werden, damit Kinder ihrem Alter entsprechend neue Erfahrungen machen können? Sind die neuen Erfahrungen vernetzbar mit dem bereits erworbenen Wissen der Kinder? Welche pädagogischen Kriterien sind bei den Entscheidungen wirksam? Was und wozu soll überhaupt etwas gelernt werden?

Was die Beschwörer virtuellen Lernens übersehen

Die Beschwörer des virtuellen Lernens halten es offensichtlich für unbedeutend, diese Fragen ernst zu nehmen. Alles ist per se gut und notwendig. […] Die Sinnhaftigkeit der Medien für schulische Lernprozesse ist noch gar nicht hinreichend erforscht. Gleichwohl wird der Einsatz von Medien propagiert. Die Kinder und Jugendlichen sollen das Programmieren lernen, mit Robotern umgehen und so weiter.

Tablet und iPhone werden als Werkzeuge dem Taschenrechner oder Rechenschieber gleichgesetzt. Dies ist jedoch irreführend. Denn die Einsetzbarkeit dieser Hilfsmittel ist eindeutig eindimensional. Mit iPhone und Tablet dagegen sind vielfältige virtuelle Welten zugänglich, die außerhalb der Erfahrungsmöglichkeit der Kinder und Jugendlichen liegen. Darüber hinaus sind diese so vereinnahmend, dass der Betrachter nahezu alles ausblendet, was ihn tatsächlich umgibt. Ein Innehalten, um das Visuelle reflektierend zu verinnerlichen, ist unmöglich. […]

Aufs selbstständige Lernen kommt es an

Die Medien sind dabei, Kontrolle über die Heranwachsenden zu gewinnen, und somit auch über ihre Zukunft. Dabei ist der Antrieb zum Lernen der Wunsch nach Selbstständigkeit, damit wir uns in der Welt bewähren können. Dies ist ein natürliches, existenzielles Bedürfnis. Wenn uns aber die Möglichkeiten, selbstständig zu handeln, genommen werden, verlieren wir den Drang nach Autonomie. Die Phänomene der Natur bieten sich uns nicht mehr als Frage an, und wir hören auf, selber Fragen zu stellen. Die Neugier erstirbt.

Das eigentliche Curriculum der Kinder ist die Begegnung mit Bildern und Ereignissen des Alltags und das Nachsinnen über die erlebten Geschehnisse. Ein Beispiel dafür, wie sich ein Gespräch entwickeln kann, wenn Erfahrungen hinterfragt werden: In einem Vogelnest entdecken Kinder Haare. Wo hat der Vogel diese gefunden?, fragen sie. Ein Kind meint, die Friseure würden manchmal die Ladentür offen stehen lassen. Die Vöglein könnten schnell hineinfliegen und Haare klauen.

Diese Hypothese wird jedoch von anderen Kindern verworfen. Einige Kinder meinen nun, dass es in der freien Natur auch Tiere gebe, die Haare verlören, so wie die Hunde und Katzen. Einige Kinder sagen auch, dass Tiere im Winter ein dickeres Fell haben als im Sommer.

Kinder sind unendlichen Reizen ausgesetzt

Insgesamt beschreiten Kinder gleiche Wege des Lernens wie die Erwachsenen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass Erwachsene über erheblich mehr Erfahrungen verfügen, die vielfältig miteinander vernetzt sind. Wie Kinder die Welt wahrnehmen, kann sich daher vollkommen von den Wahrnehmungen der Erwachsenen unterscheiden. Es ist unabdingbar, zuerst in Erfahrung zu bringen, wie Kinder in einem bestimmten Alter denken und welche Konzepte und Interpretationsmuster ihrer Erfahrungen sie bereits besitzen. Die Denkmuster der Kinder werden jedoch erst in einem dialogischen Prozess sichtbar. Wir erkennen dann auch, wie sie über ihre Erfahrungen reflektieren und welche Aspekte ihrer „Weltbegegnung“ ihnen rätselhaft erscheinen.

Kinder sind heute vielfach unendlichen Reizen und virtuellen Welten ausgesetzt. Sie sehen die alltäglichen Bilder des Grauens und Schreckens. Sie nehmen teil an Geschehnissen der Welt, die sie nicht verarbeiten können. Kindheit als Schonraum ist nicht selbstverständlich. Daher haben Kinder Anspruch auf Gegenwelten, in denen sie die Schönheit der Sprache, der Musik und der Kunst erfahren können. Kinder brauchen Orte, wo sie in den unendlichen Räumen ihrer Vorstellungskraft Wirklichkeiten entstehen lassen können, die ihnen das Gefühl von Selbstvertrauen, Geborgenheit und Freiheit vermitteln. Kinder brauchen Naturerfahrung. Kinder brauchen Begegnungen mit Jim Knopf, Michel von Lönneberga, Madita und Pu dem Bären. Kinder brauchen Ferien auf Bullerbü und Reisen zu den Inseln, wo die wilden Kerle wohnen.

Ermutigung, die Welt zu interpretieren

Bei alledem brauchen Kinder die Ermutigung, die Welt zu interpretieren. Interpretation ist stets auch Analyse, also das Bemühen, die Welt zu verstehen. Literatur, Kunst, Geisteswissenschaften, Geschichte, Mathematik und Naturwissenschaften interpretieren die Welt und erklären sie nicht. Daher können unterschiedliche Interpretationen nebeneinander bestehen und unsere Wahrnehmungsmöglichkeiten bereichern.

Kinder können selber nicht entscheiden, welche Lernprozesse ihnen tatsächlich helfen, Kontrolle über ihre Wirklichkeit zu gewinnen. Dies liegt in der Verantwortung der Erwachsenen.

Nie zuvor war unsere Welt undurchschaubarer und unplanbarer als heute. Wir wissen nicht, wie sie in 20, 30 Jahren aussehen wird. Wir wissen auch nicht, ob die Techniken, die wir heute als Vehikel des Fortschrittes deklarieren, in 20 Jahren adäquat sein können, um die Werte der Humanität zu verwirklichen.

Was wir aber tun können, was wir uns zur Aufgabe machen sollten, ist, die in den Kindern angelegten Fähigkeiten – jenseits aller Ideologien – kontinuierlich weiterzuentwickeln: die Fähigkeit, eigenständig zu denken; die Fähigkeit zu einem erfüllten sozialen Miteinander, nicht nur im Berufs-, sondern auch im Privatleben; die Fähigkeit, die Gestaltungsmöglichkeiten unserer Gesellschaft kreativ zu nutzen und sinnvoll weiterzuentwickeln. So wird auch die ursprüngliche Neugier, die Fähigkeit, sich zu öffnen und seinen Horizont beständig zu erweitern, um daraus Kraft und Sinn zu schöpfen, nicht verkümmern.

zum Artikel: Tagesspiegel, 28.08.2018, Salman Ansari, Digitalisierung – Lasst Kindern ihre Neugier

„Face-to-Face bleibt unschlagbar, wenn ein begeisternder Lehrer mit seinen Schülern arbeitet.“

Digitalisierung in der Schule „Raus mit den Computern“

„Die Lüge der digitalen Bildung. Warum unsere Kinder das Lernen verlernen“ heißt das Buch, in dem Gerald Lembke gemeinsam mit Co-Autor Ingo Leipner die fortschreitende und politisch auch gewollte Digitalisierung an deutschen Schulen kritisiert [3. überarbeitete Auflage, 2018]. Prof. Dr. Lembke ist Studiengangsleiter für Digitale Medien an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Mannheim und Präsident des Bundesverbandes für Medien und Marketing.

Süddeutsche Zeitung, Interview von Matthias Kohlmaier

SZ.de: Deutsche Achtklässler sind in Sachen Computerkompetenz im internationalen Vergleich nur Durchschnitt. Trotzdem wünschen Sie sich weniger digitale Hilfsmittel im Bildungswesen. Wie passt das zusammen?

Gerald Lembke: Ich bin der Überzeugung, dass digitale Hilfsmittel in der Bildung bis zum zwölften Lebensjahr keine nennenswerten positiven Effekte erbringen. Deswegen haben mein Co-Autor Ingo Leipner und ich die These formuliert: Raus mit den Computern aus den niedrigen Klassen! Die Befreiung des kindlichen Lernprozesses von Computern fördert die Medienkompetenz ab dem zwölften Lebensjahr überproportional. Erst dann sind die Kinder von der neurowissenschaftlichen sowie von der entwicklungsbiologischen Reife in der Lage, Computer zielgerichtet für einen Lernprozess einzusetzen.

Was spricht dagegen, Kinder früh an die Benutzung von Computer, Tablet und Smartphone heranzuführen?

Wenn ein Kind im Alter von acht Jahren ganz toll mit dem iPad umgehen kann, hat es vielleicht eine hohe Wischkompetenz, mit Medienkompetenz hat das aber nichts zu tun. Wenn Kinder mit Smartphones, Tablets und Co. hantieren, bedienen sie sie völlig kontextfrei – nicht mit den Zielen Wissensaneignung und -verwertung.

Trotzdem ist es doch kein Nachteil, wenn sich Kinder bereits in jungen Jahren an die Bedienung digitaler Endgeräte herantasten.

Das mag richtig sein. Aber das reine Bedienen lernen die Kinder zu Hause automatisch, dafür braucht es die Schule nicht.

Im außerschulischen Bereich haben Sie also nichts dagegen, wenn Kinder auch vor dem zwölften Lebensjahr mit Smartphones spielen?

Nein. Im Privaten muss die digitale Mediennutzung aber von Eltern eng begleitet und kontrolliert werden. In der Bildung sind solche Geräte im jungen Alter kontraproduktiv, weil sie den Fokus von den eigentlich wichtigen Dingen ablenken. Medienkompetenz entwickelt sich erst dann, wenn die Schüler reif genug sind um zu verstehen, was sich auf dem bunten Bildschirm vor ihnen abspielt, und sie bei der Nutzung von digitalen Hilfsmitteln in der Bildung zielgerichtet unterstützt werden.

Sie fordern, die Lehrer bei der Digitalisierung der Bildung stärker in die Pflicht zu nehmen.

Unbedingt. Bei den Lehrern, und zwar von der Grundschule bis ins Gymnasium, sehe ich einen großen Mangel an digitaler Kompetenz. Es gehört ganz oben auf die Agenda, dass Lehrer durch Fortbildungen in dieser Hinsicht fit gemacht werden. Solange das nicht in noch größerem Umfang geschieht, werden ihnen die Schüler auf der Nase herumtanzen, wenn es um Themen wie zum Beispiel Recherche im Internet oder Nutzung von sozialen Netzwerken geht.

Das heißt, die digitale Welt sollte in der Schule eine große Rolle spielen?

Grundsätzlich ja. Aber vor dem 12. Lebensjahr haben Kinder in der Schule nicht auf Tablets herumzuwischen. Sie sollen schreiben, anfassen, die physische Welt kennenlernen. Mit den Fähigkeiten, die sich daraus entwickeln, können sie dann später von geschulten Lehrern langsam und systematisch an die digitale Welt herangeführt werden.

Wie könnte das in der Praxis aussehen?

Der Lehrer könnte die Schüler zu einem bestimmten Thema, zum Beispiel der Oscarverleihung, recherchieren lassen. Wenn Sie dann einfach in Google „Oscars“ eingeben und die ersten zehn Treffer kopieren, dann kann der geschulte Pädagoge eingreifen und erklären, dass die Informationen nicht zwingend besonders relevant sind, nur weil sie bei Google weit oben gerankt werden. Dass es notwendig ist, solche vermeintlichen Fakten zu prüfen und nicht kritiklos zu übernehmen. Er muss natürlich auch erklären, wie man vertrauenswürdige Quellen erkennt und dass die Bibliothek oft sinnvollere Möglichkeiten zur Recherche bietet. So können die Schüler zum einen erkennen, wie man digital korrekt recherchiert – und zum anderen, dass im Internet auch viel Quatsch steht.

Warum sollte die Recherche in einer Bibliothek sinnvoller sein als im Internet?

Aus der Forschung wissen wir, dass das Arbeiten mit physischen Quellen eine andere Wissensnachhaltigkeit liefert, als das bei digitalen Medien der Fall ist. Ich habe dazu selbst geforscht und herausgefunden: Wenn Studenten Quellen auf dem Bildschirm sichten und danach reproduzieren sollen, bleibt weniger Erlerntes haften, als das bei einem analog vorliegenden Text der Fall ist. Digital vorbeirauschende Inhalte bleiben nicht so dauerhaft im Gedächtnis wie physisch konsumierte Inhalte.

Woran liegt das?

Tests mit der sogenannten Eye-Tracking-Methode zeigen: Die Lesegeschwindigkeit von Buchstabe zu Buchstabe steigt am Bildschirm zwar nicht, wohl aber die Geschwindigkeit, in der ein kompletter Artikel „gelesen“ ist. Wir beobachten ein Scannen der Webseite – Überschrift und Bild werden noch wahrgenommen, der Konsum des kompletten Artikels geht dann entweder sehr schnell oder passiert gar nicht. Internetseiten zeigen nur einen Ausschnitt eines Textes, gescrollt wird, auch das zeigen Untersuchungen, in zwei Dritteln der Fälle gar nicht mehr. Die Folge: Artikel am Bildschirm werden meist nur teilweise gelesen oder überflogen.

Was bedeuten diese Erkenntnisse für Ihre eigenen Studenten?

Ich habe bei uns an der Hochschule in den digitalen Medienstudiengängen die Computer abgeschafft. Laptops in Vorlesungen bleiben bei Aufforderung des Dozenten geschlossen, und in unseren Computerraum kommt man nur noch auf Anfrage rein.

Und die Studenten halten sich daran?

Wir haben vor einem Jahr damit begonnen und bisher musste ich selten jemanden deshalb ermahnen. Ich habe den Studenten vorher ausführlich erklärt, dass wir ihnen den größtmöglichen Lernerfolg ermöglichen wollen – und Computer dazu nicht zwingend notwendig sind. Nach langer Diskussion haben die meisten dann auch eingeräumt, dass sie den Laptop während der Vorlesung ohnehin primär für Facebook und nur sekundär zum Mitschreiben brauchen.

Wie sah das Feedback in der ersten Zeit aus?

Zu Beginn war das natürlich eine Katastrophe, weil sich viele Studenten ihrer Freiheit beraubt gefühlt haben. Mit der Zeit habe ich immer wieder gehört: Es ist gut, dass die Ablenkung abgeschafft ist, die Vorlesungen laufen jetzt viel ruhiger und konzentrierter ab. Wenn sich 20-Jährige nun schon so leicht von der digitalen Welt ablenken lassen – wie schwierig muss es dann erst einem Drittklässler fallen, sich trotz Laptop oder Tablet auf die Ausführungen des Lehrers zu konzentrieren.

Weniger digital, dafür mehr analog: Wie oft sind Sie für diese Einstellung schon „gestrig“ geschimpft worden?

Gegenwind gibt es natürlich, aber beschimpft hat mich bisher noch niemand. Im Gegenteil: Ich erlebe eine große Offenheit dem Thema gegenüber. Viele Menschen stören sich daran, dass man das Immer-früher-und-immer-mehr im digitalen Bereich zwangsläufig toll finden muss. Ich finde den Wunsch, digitale Medien nur kontrolliert in unser Leben und in das unserer Kinder zu lassen, schon deshalb überhaupt nicht gestrig, sondern sogar sehr modern.

zum Artikel:  http://www.sueddeutsche.de/bildung/digitalisierung-in-der-schule-raus-mit-den-computern-1.2404056


siehe auch:

Prof. Gerald Lembke zum Thema: Digitales Lernen in Schulen und Hochschulen – Fluch oder Segen?

[…] Was da alle fordern [Politik, Wirtschaft und eLearning-Anbieter], habe ich als Studiengangsleiter und Studiendekan für „Digitale Medien“ fünf Jahre lang in die Praxis umgesetzt: Jeder Student bekam einen Laptop oder ein Tablet für das ganze Semester, um Programmiersprachen und den Umgang mit Digitalen Medien zu lernen.

Das Ergebnis war jedoch ernüchternd: Nach fünf Jahren der „Lerndigitalisierung“ musste ich feststellen, dass 1. die Noten nicht besser wurden und 2. der Einsatz der Laptops keine positiven Lerneffekte brachte. Außerdem nahm 3. die Konzentration in den Vorlesungen durch Dauerablenkung massiv ab und 4. wurde der disziplinarische Aufwand der Lehrenden immer größer, obwohl alle Dozenten Experten auf dem Feld der digitalen Medien sind. Schließlich führte diese Hardware-Vollversorgung zu noch höheren Ansprüchen, etwa nach dem Motto: „Bekommen wir jetzt auch eine 6000-Euro-Kamera?“

Letztlich habe ich diese „Zwangsdigitalisierung“ beendet. Es erfolgt jetzt ein lernzielgerichteter und von Dozenten und Mentoren begleiteter Einsatz von Hard- und Software, wo sie als Instrumente sinnvoll erscheinen – und das entscheide ich oder der Dozent. Mit der Folge: Der Einsatz dieser technischen Hilfsmittel ist heute sogar am Studiengang „Digitale Medien“ nicht täglich und pauschal der Fall.

Warum sollte nun ein Schüler von acht Jahren ein iPad an die Hand bekommen? Wenn doch selbst „die Großen“ diese zum Spielen und Chatten nutzen? Offenbar können auch sie nicht wirklich damit umgehen, und dadurch sind positive Lerneffekte nicht möglich.

Das hat nicht zuletzt die weltweite Hattie-Studie bewiesen: Nicht Technik entscheidet über den Lernerfolg, sondern in erster Linie die Persönlichkeit des Lehrers. […] Zentral bei jeder Lernerfahrung sind die zwischenmenschliche Interaktion, die spontanen Diskussionen im Unterricht sowie das gemeinsame Lernen in Gruppen. Face-to-Face bleibt unschlagbar, wenn ein begeisternder Lehrer mit seinen Schülern arbeitet. Da kann kein MOOC [Massive Open Online Course] aus Harvard mithalten! […]

aus:  https://www.pinkuniversity.de/video-learning-blog/gerald-lembke-sinnvolles-digitales-lernen-statt-digitaler-dauerbeschallung/

Digitalisierung der Schule: Pädagogik vor Technik

Technik hat dem Menschen zu dienen

Nicht umgekehrt und auch nicht gleichgestellt. Das gilt besonders in der Pädagogik und damit an den Schulen.

Süddeutsche Zeitung, 24. 02. 2018, Gastbeitrag von Prof. Klaus Zierer, Philosophisch-Sozialwissenschaftliche Fakultät, Schulpädagogik, Universität Augsburg. Klaus Zierer übersetzte und überarbeitete mit Wolfgang Beywl die engliche Ausgabe: John Hattie, Visible Learning, siehe Bücherliste.

[…] „Pädagogik vor Technik“ oder „Technik vor Pädagogik“? Oder muss es heißen „Pädagogik und Technik“? Bei näherer Betrachtung dieser möglichen Zusammenhänge zeigt sich eine Position als alternativlos: Pädagogik vor Technik.

Dabei lohnt es sich zu unterscheiden, erstens was technisch möglich ist und was pädagogisch sinnvoll ist, sowie zweitens was für das Lernen folgt und was für die Bildung zu beachten ist. Vor diesem Hintergrund lässt sich deutlich machen, wie „Technik vor Pädagogik“, aber auch „Pädagogik und Technik“ in die Irre führen:

Technisch möglich ist es schon heute, dass ein Gesichtsscan Informationen über den Gemütsstand von Lernenden liefert. Aber ist es pädagogisch sinnvoll? Wenn Lehrpersonen eines Tages darauf zurückgreifen müssen, dann liegt bereits (zu) viel im Argen. In einer pädagogischen Atmosphäre kommen Lernende auf Lehrpersonen zu, wenn sie Sorgen haben, und Lehrpersonen sprechen Lernende an, wenn sie merken, dass etwas nicht stimmt.

Technisch möglich ist es schon heute, Lernprozesse so zu verpacken, dass Kinder und Jugendliche das Lernen gar nicht mehr bemerken. Aber ist es pädagogisch sinnvoll? Wer Lernen als Unterhaltung interpretiert, verkennt die Bedeutung des Lernens für die Bildung und ignoriert die Grammatik des Lernens, die Herausforderung, Anstrengung und Einsatz ebenso erfordert wie Umwege, Irrwege und Fehler.

Technisch möglich ist es schon heute, dass Fremdsprachen nicht mehr gelernt werden müssen, weil ein Computer als Simultanübersetzer fungiert. Aber ist es pädagogisch sinnvoll? Fremdsprachen sind mehr als Worte. Sie sind Träger von Kultur, von Werten und Normen, von Geschichte. Nicht umsonst folgert Johann Wolfgang von Goethe: „Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen.“

Technisch möglich ist es schon heute, dass ein Laptop dem Lernenden ein Signal gibt, wenn es an der Zeit ist, eine Pause einzulegen. Aber ist es pädagogisch sinnvoll? Das Ziel von Bildung kann im mündigen Bürger gesehen werden, der frei ist von Zwängen und basierend auf seiner Vernunft Entscheidungen fällt. Nicht das, was man aus mir gemacht hat, ist folglich unter Bildung zu verstehen, sondern das, was ich aus meinem Leben gemacht habe.

Technik hat dem Menschen zu dienen – nicht umgekehrt und auch nicht gleichgestellt. Wenn Technik dem Menschen seine Freiheit und seine Verantwortung nimmt, dann werden Menschen zu Maschinen – und es offenbart sich eine Situation, über die Albert Einstein sagt: „Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem die Technologie unsere Menschlichkeit übertrifft. Auf der Welt wird es nur noch eine Generation aus Idioten geben.“ Somit ist die Frage nach den Möglichkeiten einer Digitalisierung immer gekoppelt an die Grenzen der Digitalisierung und erfordert immerzu, die Chancen für das Lernen den Risiken für die Bildung gegenüberzustellen. Eine umfassende Medienbildung – bestehend aus Medienkunde, Mediennutzung, Mediengestaltung und Medienkritik – ist damit der grundlegende Auftrag einer Digitalisierung im Bildungsbereich.

zum Artikel: SZ, 24.02.2018, Digitalisierung der Schule – Technik hat dem Menschen zu dienen

Zur „umfassenden Medienbildung“ eine Aussage von Prof. Paula Bleckmann, Professorin für Medienpädagogik an der Alanus Hochschule in Alfter, in ihrem Statement „Medienmündigkeit – welcher Weg führt zum Ziel?“ bei einer Anhörung im Bundestag am 9.6.2016.

Als Medienmündigkeit bezeichnet man den verantwortungsvollen Umgang mit Medien. Dazu gehören kritisches Bewusstsein, Medienanalyse und Reflexionsvermögen sowie Argumentations- und Diskussionsfähigkeit. Das sind Eigenschaften, die Kinder erst nach und nach erlernen. Eltern und Lehrkräfte sollten deshalb das Medienangebot für Kinder und Jugendliche altersangemessen gestalten. Kinder brauchen verbindliche Regeln, gerade beim Umgang mit Geräten, deren Ablenkungs- und Suchtpotential bekannt ist. Die Fähigkeit zur kritischen Reflexion von Medieninhalten wie auch des eigenen Nutzungsverhaltens korreliert am stärksten mit niedrigen Bildschirmnutzungszeiten und einem hohen Bildungsgrad. Medienkompetenz dagegen ist die technische Fertigkeit zum Bedienen der digitalen Medien.

„Lobbyismus macht seit langem nicht mehr Halt vor dem Klassenzimmer“

Leserbrief von Manfred Fischer zur POSITION von Prof. Gesche Joost im „Tagesspiegel“ vom 15.11.2017 mit der Überschrift:

Digitale Schulen oder: Fortschritt ist eine Schnecke [1]

Schnell wird die Stoßrichtung der Autorin und „Internetbotschafterin der Bundesregierung bei der EU-Kommission“ Gesche Joost deutlich. Sie schreibt: Obwohl die boomende IT-Branche händeringend nach Fachkräften sucht, „schreiben unsere Kinder jedoch weiter auf Kreidetafeln“ und ohne „schnellen Internetanschluss“ wird die Schule zum „letzten Hort des Analogen“. Für den Leser stellt sie auch noch die rhetorische Frage: „Wie kann das sein?“

Als Lobbyistin der Digitalindustrie kennt sie natürlich die Antwort und nimmt dazu eine Studie der Bertelsmann Stiftung zu Hilfe. Laut deren Darstellung müssten „2,8 Milliarden Euro für die digitale Infrastruktur jährlich in Schulen investiert werden“. Die digitale Bildung ist, so führt sie weiter aus, „nicht nur eine Frage der Hardware, sondern einer gemeinsamen Strategie, die Bildung des 21. Jahrhunderts neu erfinden kann“.[2]

Mit der Digitalisierung aber haben vor allem die Stiftungen mit Technologie- und Softwareunternehmen im Hintergrund eine völlig neue Mission. Sie rollen, so auch Prof. Joost, unter großen Worten wie „Unterstützung der Inklusion“ und „Unterstützung der Vielfalt“ ein Trojanisches Pferd in die Schulen:  das “digitalisierte Lernen“ samt Laptops und Zusatzequipment.

Das „Plädoyer“ der Aktivistin Joost: Achtjährige Schüler sollen „schon ab der Grundschule die ersten Schritte beim Programmieren lernen können“.[3] Dazu soll eine kleine Platine mit einem Mikrocontroller dienen. Die Calliope gGmbH, bei der sie Gesellschafterin ist, verteilt seit einem Jahr großzügige Spenden und will das Gerät in allen Bundesländern, auch an Grundschulen in Berlin, einführen. Schaut man, wer hinter dem Projekt steckt, so findet man namhafte Partner und Sponsoren wie SAP, Bosch, Microsoft, Google, Cornelsen Verlag, Deutsche Telekom Stiftung u. a. Vor allem Google finanziert die Calliope gGmbH mit insgesamt 1,1 Millionen US Dollar.[4] Ihre Gesellschafteraktivitäten und die Sponsoren des Projekts verschweigt sie jedoch wohlweislich in ihrem Beitrag! Seit Mai 2015 sitzt Joost auch im Aufsichtsrat der SAP SE.[5]

„Lobbyismus macht seit langem nicht mehr Halt vor dem Klassenzimmer. Lehrinhalte und pädagogische Hilfsmittel wie digitale Endgeräte werden an den Zielen der Lobbyisten ausgerichtet.“[6] In den USA hat Google zum Beispiel mit günstigen Laptops und Apps bereits den Schulmarkt erobert. Den Interessenvertretern geht es aber nur oberflächlich um Lernförderung. Denn weder die zusätzlichen finanziellen Mittel für den Aufbau einer multimedial gestalteten Lehr-Lern-Umgebung noch die Mittel für den Aufbau einer nachhaltigen IT-Infrastruktur werden vom Kindeswohl oder vom Lernprozess her gedacht. „Unter der Oberfläche wirken mächtige ökonomische Interessen in Form von Absatzpotenzialen von Hard- und Software und Kundengewinnungsmaßnahmen“.[7] Dazu LobbyControl [8] „Schulen sind dafür ein besonders geeigneter Ort, denn die Beeinflussung von Kindern wirkt ein Leben lang. Schulen sind in diesen Fällen nur Mittel zum Zweck. Das eigentliche Ziel ist die Politik, denn diese lässt sich einfacher für Konzern-Belange einspannen, wenn das Unternehmen auf Zustimmung in der Bevölkerung verweist.“

Vor Euphorie oder Zustimmung sei also gewarnt. Gerade beim “digitalen Lernen“ bleiben das Frontale und das Autoritäre erhalten, sie erscheinen nur in einer „coolen“ Form. Die Schüler werden von einem Algorithmus diktiert mit einem zum Coach bzw. Lernbegleiter degradierten Lehrer.

Bildung jedoch – auch im 21. Jahrhundert – ist ein „harmonisches Ganzes, das das Emotionale einbezieht, mit dem Ziel, dem Menschen die Ermächtigung zum Selberdenken zu geben. Nur das macht den Wissensträger mündig und unabhängig. Den Lehrer und den menschlichen Verstand ersetzen kann die digitale Technik nicht. Für die Erziehung zur Selbständigkeit, gerade in der politisch gewollten Heterogenität in den Schulklassen, braucht es besonders und immer mehr den analogen sozialen Verbund.“[9] Reflexhafte Rufe nach der digitalen Schule helfen hier nicht weiter!

Der Leserbrief erschien in leicht gekürzter Form am 26.11.2017 im Tagesspiegel, Berlin

Beiträge zum Leserbrief:
[1] TSP, 15.11.2017, Positionen, Prof. Gesche Joost
[2] ebd.
[3] ebd.
[4] TAZ, 22.10.2017, Astrid Ehrenhauser, Kleine Geschenke mit Nebenwirkung
[5] TSP, 09.12.2015, in einem Interview mit Gesche Joost von Rita Nikolow und Michael Pöppl
[6] SZ, 13.09.2017, Prof. Gerald Lembke, IT-Lobbyisten in den Klassenzimmern
[7] ebd.
[8] siehe: https://www.lobbycontrol.de/schwerpunkt/lobbyismus-an-schulen/
[9] NZZ, 26.05.2017, Claudia Wirz, Unser Lehrer Doktor Tablet

Siehe auch : Beitrag des SWR, Report, 30.01.2018, 21.45 Uhr, Digitalexpertin oder Lobbyistin? Wie unabhängig ist die Internetbotschafterin der Bundesregierung?,  https://www.swr.de/report/digitalexpertin-oder-lobbyistin-wie-unabhaengig-ist-die-internetbotschafterin-der-bundesregierung/-/id=233454/did=21051662/nid=233454/1hhg2wt/index.html, (abgerufen am 31.01.2018)

„Drei Studien erwecken den Eindruck, als lasse sich Lernen durch digitale Medien revolutionieren“

Die Digitalillusion

FAZ, 18.09.2017, Heike Schmoll, Berlin

Es scheint so, als hinge die gesamte Zukunft der schulischen Bildung daran, ob digitale Medien in den Schulen zur Selbstverständlichkeit werden. Jedenfalls legen das zwei Studien und das Bildungsbarometer des ifo-Instituts nahe. Die Schulen sollten die Digitalisierung vorantreiben, finden laut ifo-Umfrage 63 Prozent der über 4000 repräsentativ befragten Deutschen; sie halten es für richtig, 30 Prozent der Unterrichtszeit für das selbständige Arbeiten am Computer zu nutzen. Vor zwei Jahren waren erst 48 Prozent dafür. Einheitliche Abschlussprüfungen beim Haupt-und Realschulabschluss, sowie beim Abitur wünscht sich eine überwältigende Mehrheit, 75 Prozent sprechen sich außerdem dafür aus, Bildungsreformen zunächst in kleinem Rahmen zu testen, bevor sie flächendeckend eingeführt werden.

aus: „Bildungsbarometer 2017“, ifo-Institut (Leibnitz Institut, Institut für Wirtschaftsforschung), (Sept. 2017)
Es wird nicht untersucht, wie Bildungspolitik bestmöglich gestaltet werden sollte, um das Bildungssystem zu verbessern. Vielmehr geht es darum aufzuzeigen, welche Meinungen die Deutschen haben und in welchen Bereichen und unter welchen Umständen sich politische Mehrheiten für oder gegen Bildungsreformen finden.
Die Ergebnisse zeigen also Bereiche auf, in denen politische Reformen auf öffentliche Akzeptanz treffen und somit leichter umsetzbar sein dürften. (S.17f)
Insgesamt zeigt das ifo Bildungsbarometer deutlich, dass die Bereitstellung bestimmter Informationen bildungspolitische Meinungen verändern kann. (S.37, letzter Satz der Dokumentation)

Über die Hälfte der Erwachsenen hält es laut ifo-Institut für angebracht, Digitatalkompetenzen schon vom Grundschulalter zu vermitteln, bei den weiterführenden Schulen sprechen sich sogar 90 Prozent dafür aus. Außerdem wünschen sie sich, dass der Bund jeden Schüler an einer weiterführenden Schule mit einem Laptop oder Computer ausstattet, was ganz gewiss nicht geschehen wird, selbst wenn der von Bundesbildungsministerin Wanka (CDU) Ende 2016 mit viel Wind angekündigte Digitalpakt tatsächlich noch einmal kommen sollte. Das wird ganz entscheidend davon abhängen, ob der Bundesfinanzminister die dafür nötigen fünf Milliarden Euro bereitstellt. Außerdem wollen die Befragten verpflichtende jährliche Fortbildungen in Digital- und Medienkompetenzen. Mit dem üblichen Alarmismus, den solche Studien im Sinne der öffentlichen Aufmerksamkeit pflegen, stellte die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung am vergangenen Donnerstag eine Expertise zu „Kompetenzen in der digitalen Welt“ vor, die im Wesentlichen von der Paderborner Erziehungswissenschaftlerin Birgit Eickelmann verantwortet wird. Digitale Bildung sei längst nicht flächendeckend in den Schulen angekommen, und die Digitalisierung des Schulbereichs (was auch immer das eigentlich sein soll) halte nicht mit den Entwicklungen in anderen gesellschaftlichen Bereichen Schritt. Das Beste an der Expertise sind noch Beispiele aus der Praxis in unterschiedlichen Ländern, die im Übrigen zeigen, dass alle Bundesländer längst auf die Entwicklung digitaler Medien reagiert haben und versuchen, ihre Schüler in einem reflektierten Umgang mit digitalen Medien zu üben. Der Slogan von der digitalen Bildung ist abwegig. Sie kann es nicht geben. Schüler können sich nur selbst bilden und allenfalls mit Hilfe digitaler Medien, und wie ertragreich das ist, steht noch längst nicht fest.

In völlig unkritischer Weise rechnen alle, die für die Nutzung digitaler Medien die Werbetrommel rühren, damit, dass sie das Lernen verbessern könnten. Von einer Revolution des Lernens zu sprechen entbehrt jeder empirischen Grundlage. Auch der Unterricht wird nicht neu erfunden, nur weil die Tafel kreidefrei ist und die Schüler bücherlos lernen. Bei der schulischen Nutzung digitaler Medien gehe es darum, „die rasanten technischen Entwicklungen pädagogisch zu nutzen und Lehr-Lern-Prozesse dadurch zu verbessern, Motivation und Interesse zu fördern, bestimmte Schülergruppen zu fördern und den Umgang mit Heterogenität zu unterstützen“, heißt es in der Expertise der Ebert-Stiftung. Das wirkt so, als könnten mit digitalen Medien alle Unterrichtsprobleme in Klassen mit unterschiedlichen Schülern mit verschiedenem Lernstand gelöst werden. So verwundert es auch nicht, dass das Credo lautet: „Schulische Medienkonzepte sind für Schulen das zentrale Instrument für eine zukunftsfähige Schulentwicklung, das die Vermittlung digitaler Kompetenzen systematisch auf allen Schulebenen verankert.“ Weiterlesen

Apps auf dem Smartphone

Verstöße gegen das deutsche Datenschutzrecht

FAZ, 30.11.2017, von Michael Spehr
Sie wollen auf Standort, Kontakte und Kamera zugreifen: Apps fürs Smartphone fordern immer mehr Berechtigungen an. Meist nickt der Nutzer alles ab. Das kann unangenehm werden.

Das Beispiel ist legendär: Eine Taschenlampen-App für Android wurde 50 Millionen Mal aus Googles Play Store geladen. Erst dann entdeckte eine amerikanische Behörde mehr oder weniger zufällig, dass die beliebte App ihren Nutzern tatsächlich heimleuchtete. Sie schaltete nämlich nicht nur die sonst als Fotoblitz benötigte LED-Leuchte auf der Rückseite des Smartphones ein, sondern sammelte zusätzlich alle nur verfügbaren Daten über Nutzer und Gerät. Diese Daten vom Aufenthaltsort bis zur Seriennummer des Smartphones wurden vom Hersteller der Software gespeichert und an Dritte verkauft. […]

Das Problem ist mittlerweile weithin bekannt: Apps erscheinen praktisch oder bestenfalls harmlos. Ihr Zweck besteht jedoch nicht unbedingt darin, als nützliche Helfer verkauft zu werden oder unentgeltlich Gutes zu tun. Sie werden vielmehr mit dem Ziel programmiert, Nutzerdaten abzugreifen, um diese vor allem an Werbenetzwerke zu verkaufen. Vor einigen Jahren luden Sicherheitsforscher des Unternehmens Eurecom 2000 Gratis-Apps für Android aus 25 verschiedenen Kategorien im Google Play Store auf Testgeräte. Der Netzwerkverkehr der Apps nach außen wurde abgefangen und analysiert. Demnach steuerten die Programme heimlich insgesamt 250 000 verschiedene Webadressen an und gaben Daten weiter.[…]

Aber wer bestimmt, was Apps dürfen? Die Programmierer der App, der Hersteller des Betriebssystems oder die Nutzer? Was passiert, wenn Apps mehr fordern, als sie brauchen? Bis Android Version 6, das Ende 2015 auf den Markt kam, konnte man den Zugriff auf private Daten nur pauschal zulassen oder ablehnen. Dann wurde allerdings die App in der Regel gar nicht erst installiert. […]

Als Hintertürchen lässt Google jedoch weitere Neugier zu

Ab Android Version 6 kann der Nutzer diverse Berechtigungen seinen Apps einräumen oder sie ihnen verweigern: für Kalender, Kamera, Kontakte, Sensoren, Mikrofon, SMS, Speicher, Standort und Telefon. Als Hintertürchen lässt Google jedoch weitere Neugier dadurch zu, dass es nicht zustimmungspflichtige Berechtigungen gibt. Darunter: der Abruf von W-Lan-Verbindungen in der Nähe, das Auslesen der W-Lan-Namen (SSID) sowie die Erfassung der Mac-Adresse und der privaten IP-Adresse des jeweiligen Nutzers. Ferner lässt sich der Zugriff auf die Netzwerkverbindungen und das Internet grundsätzlich nicht kappen. Auch die Kontaktaufnahme mit Bluetooth-Geräten, das Aussetzen der Bildschirmsperre, der Autostart und viele weitere Dinge hält Google für so unproblematisch, dass die Apps nach eigenem Gusto schalten und walten können. Wie in der vergangenen Woche ans Licht kam: Google nimmt sich sodann das Recht heraus, Standortdaten aller Android-Geräte zu erfassen, selbst wenn der Nutzer die Standortdienste ausgeschaltet hat. So entstehen minutiöse Bewegungsprofile. Wer sich wann wohin bewegt und wo er sich am liebsten aufhält, das ist metergenau nachvollziehbar. […]

Heimlich weitere Berechtigungen verschaffen

Ein weiteres Hintertürchen für neugierige Dienste hatte Google mit der Einführung von Berechtigungsgruppen geöffnet. Einmal installierte Apps konnten sich ungefragt und heimlich weitere Berechtigungen verschaffen, wenn der Nutzer seine Apps aus dem Google Play Store automatisch aktualisierte. Hatte man das Empfangen von SMS erlaubt, holte sich die Software mit diesem Trick zusätzlich das Recht zum Senden von Kurznachrichten. […]

Bequemlichkeit ist fahrlässiger Leichtsinn

Es lohnt sich also, jede einzelne Berechtigung jeder einzelnen App in Augenschein zu nehmen und nicht alles abzunicken, was einem gezeigt wird. Diese Bequemlichkeit ist fahrlässiger Leichtsinn. Datenschützer monieren, dass Apps die Nutzer nur unzureichend informieren, welche persönlichen Daten erfasst und wie diese weiterverwendet werden. Immer mehr Apps verlangen schon bei der Installation Zugriff auf Funktionen, über die private Kommunikation erfolgt, darunter das Adressbuch.

Fast alle Apps sammeln mehr Daten, als für deren Funktionalität erforderlich ist. Als Nintendo 2016 die erste Version seines Spiels Pokemon Go fürs Smartphone veröffentlichte, stellten Sicherheitsforscher fest, dass sich das Spiel den Vollzugriff auf die Google-Konten der Nutzer erlaubte. Das bedeutete nicht nur den Zugriff auf notwendige Funktionen wie den Standort und die Kamera, sondern auch auf die E-Mails der Nutzer, alle Inhalte auf Google Drive und mehr. Nach der Veröffentlichung des Sachverhalts sprach Nintendo von einem „Fehler“ und stellte eine weniger neugierige Version bereit. […]

Als die japanischen Monster vor knapp einem Jahr in die App Stores kamen, brachen sie gleich alle Rekorde: Innerhalb von 60 Tagen wurde das Programm mehr als 500 Millionen Mal heruntergeladen, im Juli kamen jeden Tag Umsätze von 18 Millionen Dollar zusammen. Die Marke von einer Milliarde Dollar Umsatz hat Pokémon Go längst überschritten. aus: FAZ, 29.06.2017, Jonas Jansen, Wer spielt eigentlich noch Pokémon Go?

Die Liste des Rechtemissbrauchs lässt sich bis ins Abstruse hin verlängern. Man werfe den Blick auf die Zugriffsrechte für das Mikrofon. Eigentlich ist schnell klar: Es wird benötigt für alle Anwendungen rund um die Sprachtelefonie und die Sprachsuche. Sodann für Software, die Tonaufnahmen erstellt, wie etwa Diktiergeräte oder Musikrekorder. Dagegen ist nichts zu sagen. Wer nun beim Missbrauch des Mikrofon-Zugriffs an eine Mithörwanze denkt, liegt nicht ganz falsch. Tatsächlich wird in dem Spionage-Krimi, den Sicherheitsforscher der Technischen Universität Braunschweig im Mai 2017 aufdeckten, Unhörbares ständig mitgehört: Die Wissenschaftler stießen auf mehr als 200 Android-Apps für ein Ultraschall-Tracking. Dazu werden Werbespots im Fernsehen oder Radio mit vom menschlichen Ohr nicht wahrnehmbaren Ultraschallsignalen überlagert. Das Smartphone hört mit und kann identifizieren, welche Werbung welche Person erreicht. […]

Verstöße gegen das deutsche Datenschutzrecht

Das alles sind Verstöße gegen das deutsche Datenschutzrecht. Der Nutzer muss freiwillig und informiert solchen Verfahren aktiv zustimmen. Wenn Facebook mit schöner Regelmäßigkeit den in seinem App-Zentrum versammelten Anwendungen und Spielen unversehens den Zugriff auf private Daten gibt, ist das ebenfalls rechtswidrig, wie zuletzt das Kammergericht Berlin Anfang November urteilte.

Gleichermaßen gilt bei Windows 10 von Microsoft: Man gewährt unversehens, ohne ausreichend informiert zu werden, vielen Apps den Zugriff auf Standort, Kamera, Mikrofon und mehr. Klickt man auf die von Microsoft empfohlenen Einstellungen, genehmigt man dem Softwaregiganten weitgehende Rechte, was die Verbraucherzentralen wiederholt und scharf kritisiert haben. Das Rechtesystem der Apps und Betriebssysteme verlangt deutlich mehr Aufmerksamkeit. Es sind vor allem Google und die Werbeindustrie, die mit ihrem Datenhunger den Bogen überspannt haben. Der erste Schritt gegen die Neugier der Netzgiganten ist die Prüfung des eigenen Smartphones und jeder einzelnen App.

Hervorhebungen im Fettdruck und Einzug  durch Schulforum-Berlin

zum Artikel: FAZ, 30.11.2017, Michael Spehr, Apps auf dem Smartphone:  Gelinkt mit den Rechten


Die Auswertung von Nutzerprofilen, die Verwertung von Userdaten für Werbezwecke, der Verkauf von Apps oder gebührenbasierte Streamingportale, damit verdienen die Anbieter von Internetdiensten am meisten Geld. 9,32 Milliarden US-Dollar nahm allein Facebook im zweiten Quartal 2017 ein. Der User als „Datenschaf“ bekommt seine „Monetarisierung“ meist nur dort mit, wo er direkt zahlt. „Wir freuen uns zwar alle, dass das Internet kostenlos ist, aber am Ende ist es deshalb kostenlos, weil wir das Produkt sind, weil wir alle unsere Daten den Konzernen preisgeben“. Aus: TSP, 9.12.2017, Die Unabhängigkeit vom System, Digitales Berlin

Online bis der Arzt kommt – Gefahren der Digitalisierung

Generation „Always on“ muss lernen, abzuschalten und dies auszuhalten

Über 500.000 Schulabgänger in Deutschland beginnen in wenigen Wochen ihre Ausbildung. Für viele ist der neue Lebensabschnitt eine große Veränderung – Tagesablauf, Wohnverhältnisse, das soziale Umfeld und ihr Freizeitverhalten verändern sich, und auch das digitale Leben der Generation Smartphone teilt sich erstmals in Berufliches und Privates.

Zum Ersten gehören neue Regeln, neue Anstrengungen und sie müssen ihren Medienkonsum umstellen. In den meisten Jobs dürfen sie das Smartphone, das sie seit Jahren auf Schritt und Tritt begleitet hat, nicht privat nutzen, oftmals erst gar nicht mit an den Arbeitsplatz nehmen. Dort würden die Azubis sonst wie gewohnt immer wieder ihr Handy zücken, um etwa bei Whatsapp oder in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram auf dem Laufenden zu bleiben.

Vielen fällt diese Umstellung schwer. Tagsüber haben sie Sorge, etwas zu verpassen. Dafür gibt es sogar schon einen Begriff: „Fomo“ ‒ Fear of missing out. Nach Feierabend sammeln sich unzählige Mails und Chatnachrichten zu einer digitalen To-Do-Liste, die kaum zu bewältigen ist. Statt den Feierabend für einen gesunden Ausgleich zu nutzen, finden sich viele wieder vor einem Bildschirm ein. Das Abschalten fällt vielen schwer.

Seit Jahren verzeichnen die Krankenkassen einen Anstieg psychisch bedingter Fehlzeiten von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Bei Auszubildenden fällt dieser jedoch noch stärker aus als im Durchschnitt der Beschäftigten. Nach Angaben des am 28. Juni 2017 veröffentlichten Gesundheitsreports der Techniker Krankenkasse sind die Fehlzeiten aufgrund von Depressionen, Anpassungs- und Belastungsstörungen etc. bei Auszubildenden zwischen 16 und 25 Jahren seit dem Jahr 2000 um 108 Prozent gestiegen.

Die Ursachen psychischer Beschwerden sind vielfältig: Es gibt zwar eine bessere medizinische Versorgung, aber unser Lebensstil, wie wir arbeiten, wie wir mit Stress umgehen und wie und ob wir für Ausgleich sorgen, spielt eine große Rolle.

Eine Ursache für den hohen Stresslevel der Berufseinsteiger sehen die Experten auch im Medienkonsum. Dr. Volker Busch, Neurologe: „Viele verbringen ihren Feierabend gern mit digitalen Medien. Aber der Versuch, sie gleichzeitig oder wechselweise zu nutzen und so ständig abgelenkt und unterbrochen zu sein, kostet das Gehirn Kraft und geht auf Kosten der Regeneration.“ Die ständige Verbindung ins Internet bewirke eine Verstopfung der menschlichen Schaltzentrale mit Informationen. „Erst die konzentrierte Tiefe auf eine Angelegenheit, das Versinken in einem Buch, einem Gespräch oder das Genießen der Natur entspannt das Gehirn effektiv. Unser Gehirn braucht solche Ruhephasen, auch wenn manche erst wieder lernen müssen, diese auszuhalten.“

aus:  https://www.tk.de/tk/pressemitteilungen/bundesweite-pressemitteilungen/954302
Gesundheitsreport 2017, Gesundheit von Auszubildenden
TSP, 29.06.2017, Sarah Kramer, Wer ständig sein Smartphone checkt, baut Stress auf