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Apps auf dem Smartphone

Verstöße gegen das deutsche Datenschutzrecht

FAZ, 30.11.2017, von Michael Spehr
Sie wollen auf Standort, Kontakte und Kamera zugreifen: Apps fürs Smartphone fordern immer mehr Berechtigungen an. Meist nickt der Nutzer alles ab. Das kann unangenehm werden.

Das Beispiel ist legendär: Eine Taschenlampen-App für Android wurde 50 Millionen Mal aus Googles Play Store geladen. Erst dann entdeckte eine amerikanische Behörde mehr oder weniger zufällig, dass die beliebte App ihren Nutzern tatsächlich heimleuchtete. Sie schaltete nämlich nicht nur die sonst als Fotoblitz benötigte LED-Leuchte auf der Rückseite des Smartphones ein, sondern sammelte zusätzlich alle nur verfügbaren Daten über Nutzer und Gerät. Diese Daten vom Aufenthaltsort bis zur Seriennummer des Smartphones wurden vom Hersteller der Software gespeichert und an Dritte verkauft. […]

Das Problem ist mittlerweile weithin bekannt: Apps erscheinen praktisch oder bestenfalls harmlos. Ihr Zweck besteht jedoch nicht unbedingt darin, als nützliche Helfer verkauft zu werden oder unentgeltlich Gutes zu tun. Sie werden vielmehr mit dem Ziel programmiert, Nutzerdaten abzugreifen, um diese vor allem an Werbenetzwerke zu verkaufen. Vor einigen Jahren luden Sicherheitsforscher des Unternehmens Eurecom 2000 Gratis-Apps für Android aus 25 verschiedenen Kategorien im Google Play Store auf Testgeräte. Der Netzwerkverkehr der Apps nach außen wurde abgefangen und analysiert. Demnach steuerten die Programme heimlich insgesamt 250 000 verschiedene Webadressen an und gaben Daten weiter.[…]

Aber wer bestimmt, was Apps dürfen? Die Programmierer der App, der Hersteller des Betriebssystems oder die Nutzer? Was passiert, wenn Apps mehr fordern, als sie brauchen? Bis Android Version 6, das Ende 2015 auf den Markt kam, konnte man den Zugriff auf private Daten nur pauschal zulassen oder ablehnen. Dann wurde allerdings die App in der Regel gar nicht erst installiert. […]

Als Hintertürchen lässt Google jedoch weitere Neugier zu

Ab Android Version 6 kann der Nutzer diverse Berechtigungen seinen Apps einräumen oder sie ihnen verweigern: für Kalender, Kamera, Kontakte, Sensoren, Mikrofon, SMS, Speicher, Standort und Telefon. Als Hintertürchen lässt Google jedoch weitere Neugier dadurch zu, dass es nicht zustimmungspflichtige Berechtigungen gibt. Darunter: der Abruf von W-Lan-Verbindungen in der Nähe, das Auslesen der W-Lan-Namen (SSID) sowie die Erfassung der Mac-Adresse und der privaten IP-Adresse des jeweiligen Nutzers. Ferner lässt sich der Zugriff auf die Netzwerkverbindungen und das Internet grundsätzlich nicht kappen. Auch die Kontaktaufnahme mit Bluetooth-Geräten, das Aussetzen der Bildschirmsperre, der Autostart und viele weitere Dinge hält Google für so unproblematisch, dass die Apps nach eigenem Gusto schalten und walten können. Wie in der vergangenen Woche ans Licht kam: Google nimmt sich sodann das Recht heraus, Standortdaten aller Android-Geräte zu erfassen, selbst wenn der Nutzer die Standortdienste ausgeschaltet hat. So entstehen minutiöse Bewegungsprofile. Wer sich wann wohin bewegt und wo er sich am liebsten aufhält, das ist metergenau nachvollziehbar. […]

Heimlich weitere Berechtigungen verschaffen

Ein weiteres Hintertürchen für neugierige Dienste hatte Google mit der Einführung von Berechtigungsgruppen geöffnet. Einmal installierte Apps konnten sich ungefragt und heimlich weitere Berechtigungen verschaffen, wenn der Nutzer seine Apps aus dem Google Play Store automatisch aktualisierte. Hatte man das Empfangen von SMS erlaubt, holte sich die Software mit diesem Trick zusätzlich das Recht zum Senden von Kurznachrichten. […]

Bequemlichkeit ist fahrlässiger Leichtsinn

Es lohnt sich also, jede einzelne Berechtigung jeder einzelnen App in Augenschein zu nehmen und nicht alles abzunicken, was einem gezeigt wird. Diese Bequemlichkeit ist fahrlässiger Leichtsinn. Datenschützer monieren, dass Apps die Nutzer nur unzureichend informieren, welche persönlichen Daten erfasst und wie diese weiterverwendet werden. Immer mehr Apps verlangen schon bei der Installation Zugriff auf Funktionen, über die private Kommunikation erfolgt, darunter das Adressbuch.

Fast alle Apps sammeln mehr Daten, als für deren Funktionalität erforderlich ist. Als Nintendo 2016 die erste Version seines Spiels Pokemon Go fürs Smartphone veröffentlichte, stellten Sicherheitsforscher fest, dass sich das Spiel den Vollzugriff auf die Google-Konten der Nutzer erlaubte. Das bedeutete nicht nur den Zugriff auf notwendige Funktionen wie den Standort und die Kamera, sondern auch auf die E-Mails der Nutzer, alle Inhalte auf Google Drive und mehr. Nach der Veröffentlichung des Sachverhalts sprach Nintendo von einem „Fehler“ und stellte eine weniger neugierige Version bereit. […]

Als die japanischen Monster vor knapp einem Jahr in die App Stores kamen, brachen sie gleich alle Rekorde: Innerhalb von 60 Tagen wurde das Programm mehr als 500 Millionen Mal heruntergeladen, im Juli kamen jeden Tag Umsätze von 18 Millionen Dollar zusammen. Die Marke von einer Milliarde Dollar Umsatz hat Pokémon Go längst überschritten. aus: FAZ, 29.06.2017, Jonas Jansen, Wer spielt eigentlich noch Pokémon Go?

Die Liste des Rechtemissbrauchs lässt sich bis ins Abstruse hin verlängern. Man werfe den Blick auf die Zugriffsrechte für das Mikrofon. Eigentlich ist schnell klar: Es wird benötigt für alle Anwendungen rund um die Sprachtelefonie und die Sprachsuche. Sodann für Software, die Tonaufnahmen erstellt, wie etwa Diktiergeräte oder Musikrekorder. Dagegen ist nichts zu sagen. Wer nun beim Missbrauch des Mikrofon-Zugriffs an eine Mithörwanze denkt, liegt nicht ganz falsch. Tatsächlich wird in dem Spionage-Krimi, den Sicherheitsforscher der Technischen Universität Braunschweig im Mai 2017 aufdeckten, Unhörbares ständig mitgehört: Die Wissenschaftler stießen auf mehr als 200 Android-Apps für ein Ultraschall-Tracking. Dazu werden Werbespots im Fernsehen oder Radio mit vom menschlichen Ohr nicht wahrnehmbaren Ultraschallsignalen überlagert. Das Smartphone hört mit und kann identifizieren, welche Werbung welche Person erreicht. […]

Verstöße gegen das deutsche Datenschutzrecht

Das alles sind Verstöße gegen das deutsche Datenschutzrecht. Der Nutzer muss freiwillig und informiert solchen Verfahren aktiv zustimmen. Wenn Facebook mit schöner Regelmäßigkeit den in seinem App-Zentrum versammelten Anwendungen und Spielen unversehens den Zugriff auf private Daten gibt, ist das ebenfalls rechtswidrig, wie zuletzt das Kammergericht Berlin Anfang November urteilte.

Gleichermaßen gilt bei Windows 10 von Microsoft: Man gewährt unversehens, ohne ausreichend informiert zu werden, vielen Apps den Zugriff auf Standort, Kamera, Mikrofon und mehr. Klickt man auf die von Microsoft empfohlenen Einstellungen, genehmigt man dem Softwaregiganten weitgehende Rechte, was die Verbraucherzentralen wiederholt und scharf kritisiert haben. Das Rechtesystem der Apps und Betriebssysteme verlangt deutlich mehr Aufmerksamkeit. Es sind vor allem Google und die Werbeindustrie, die mit ihrem Datenhunger den Bogen überspannt haben. Der erste Schritt gegen die Neugier der Netzgiganten ist die Prüfung des eigenen Smartphones und jeder einzelnen App.

zum Artikel: FAZ, 30.11.2017, Michael Spehr, Apps auf dem Smartphone:  Gelinkt mit den Rechten


Die Auswertung von Nutzerprofilen, die Verwertung von Userdaten für Werbezwecke, der Verkauf von Apps oder gebührenbasierte Streamingportale, damit verdienen die Anbieter von Internetdiensten am meisten Geld. 9,32 Milliarden US-Dollar nahm allein Facebook im zweiten Quartal 2017 ein. Der User als „Datenschaf“ bekommt seine „Monetarisierung“ meist nur dort mit, wo er direkt zahlt. „Wir freuen uns zwar alle, dass das Internet kostenlos ist, aber am Ende ist es deshalb kostenlos, weil wir das Produkt sind, weil wir alle unsere Daten den Konzernen preisgeben“. Aus: TSP, 9.12.2017, Die Unabhängigkeit vom System, Digitales Berlin

Durch die Online-Kommunikation leidet die Qualität persönlicher Beziehungen

Datum:   08.08.2015
Postbank-Studie: Deutsche sind 40 Stunden pro Woche im Internet

Die Deutschen sind aktuell 40 Stunden in der Woche im World Wide Web unterwegs – eine durchschnittliche Arbeitswoche. Besonders online-affine Bundesbürger surfen sogar noch 14 Stunden mehr. Die meiste Zeit verbringen die Berliner im Netz (50,6 Stunden), verhältnismäßig wenig dagegen die Bayern: Sie sind durchschnittlich nur knapp 36 Stunden wöchentlich online. Deutschlandweit ist die Kommunikation über Online-Kanäle in den vergangenen zwölf Monaten gestiegen. (…)

Mit knapp 52 Stunden surfen die 18- bis 24-Jährigen am längsten im Netz. Doch auch die Altersgruppe 60plus kommt auf fast 30 Stunden. Männer und Frauen verbringen dabei etwa gleich viel Zeit online. Das meistgenutzte Gerät zum Surfen ist der Laptop, den 68 Prozent der Befragten verwenden. Der Siegeszug des Smartphones scheint jedoch unaufhaltsam: 57 Prozent aller Deutschen gehen damit bereits mobil online, insgesamt 18 Stunden pro Woche. Bei den besonders technik-affinen Deutschen, den so genannten Digital Natives und den Early Adopters, ist das Smartphone mit 84 Prozent Nutzung bereits die erste Wahl. Auch Tablet-PCs sind auf dem Vormarsch: 32 Prozent der Deutschen und 44 Prozent der digitalen Trendsetter nutzen sie regelmäßig, so die Studie. (…)

Auch privat kommunizieren die Deutschen über mehrere digitale Kanäle. Überraschendes Ergebnis der Studie: Die klassische SMS ist als privater Kommunikationskanal weiter beliebt, fast zwei Drittel der digitalen Deutschen nutzen sie zum Austausch mit Familie und Freunden. Am häufigsten wird aber per Instant Messenger wie z.B. WhatsApp (73 Prozent) kommuniziert, gefolgt von E-Mail (67 Prozent) und Social Media (65 Prozent). (…)

Die Postbank Studie zeigt  noch eine andere Entwicklung: Bei vielen Deutschen steigt der Wunsch nach persönlichem Kontakt. So sind 64 Prozent der Meinung, dass durch die steigende Online-kommunikation die Qualität persönlicher Beziehungen leidet. 53 Prozent lehnen es ab, ständig erreichbar zu sein. Auch die technik-affinen Bundesbürger sehen nicht nur Vorteile in der digitalen Kommunikation: 61 Prozent von ihnen befürchten, dass persönliche Beziehungen beeinträchtigt werden könnten. (…)

zum Artikel:  Deutsche Postbank AG, Presseportal, 07.08.2015, Postbank-Studie: Deutsche sind 40 Stunden pro Woche im Internet


Spielen, spielen, spielen und chatten, chatten, chatten: Manche Jugendliche sind süchtig nach dem Internet.

Nach vorsichtigen Schätzungen sind in deutschsprachigen Ländern über fünf Millionen Menschen von einer problematischen oder pathologischen Internetnutzung betroffen. (…)

Das Leben im Internet erscheint ihnen vertrauter, beherrschbarer als das reale Leben, in dem sie mit Anforderungen von Menschen konfrontiert sind, die sie nicht einfach so wegklicken können. (…)

Die Games-Industrie feiert Computerspiele, etwa bei der am 6. August anstehenden „Gamescom“ in Köln, als „Wirtschaftsfaktor, Innovationstreiber, Lernwerkzeug und Kulturgut“; zu erwähnen, dass bestimmte Spiele ein besonders hohes Suchtpotenzial haben, würde das rosige Bild stören. (…)

zum Artikel:   Tagesspiegel, Wissen & Forschung, 23.07.2015, Dorothea Nolte, Hilfe für die digital verwahrloste Jugend

Fragen zur Medienkompetenz unserer Jugend

Datum:  07.08.2015
Kinder stark für den Umgang mit Medien machen

Dr. Eliane Gautschi (Zeit-Fragen) interviewt Uwe Buermann aus Berlin. Er arbeitet als Lehrer und pädagogisch-therapeutischer Medienberater an der Freien Waldorfschule Mittelrhein, zum anderen ist er Mitbegründer und wissenschaftlicher Mitarbeiter bei IPSUM. IPSUM ist das Institut für Pädagogik, Sinnes- und Medienökologie mit Hauptsitz in Stuttgart und einer Zweigstelle in Kiel. Seit 19 Jahren referiert er in Kindergärten, Schulen, Seminaren, Hochschulen und Universitäten in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Tschechien über das Thema Medien.

Zeit-Fragen: Medien sind heute in unserem Lebensalltag überall präsent. Für viele Eltern stellt sich deshalb die Frage, wie ihre Kinder die nötige Medienkompetenz erwerben. Was braucht es dazu?
Uwe Buermann: Wir leben im Medienzeitalter. Das ist gut so, aber es ist eine Herausforderung. Um eins vorwegzunehmen: Wir müssen wegkommen von Debatten, die geführt werden zur Frage:«Ist das Internet gut oder schlecht, sind Smartphones gut oder schlecht?» So kommen wir nicht weiter. Es geht letztlich um die Frage: «Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten muss ich als Nutzer mitbringen, damit ich die verschiedenen Geräte und Angebote sinnhaft nutzen kann?» (…)

Was erachten Sie als Voraussetzungen für einen kompetenten Umgang mit Medien?
(…) Medienkompetenz erwerben die Kinder nicht am Computer, sondern in der Familie und in der Schule, wo sie an das Wissen und die gesellschaftlichen Werte herangeführt werden. Nur so kommen sie in die Lage, die Medien richtig zu verwenden.

Die Medien richtig verwenden, was muss ich da unter anderem wissen?
In diesem Zusammenhang pflege ich an meinen Veranstaltungen die Frage nach den Nutzungsbedingungen zu stellen. Es stellt sich immer wieder heraus, dass äusserst selten irgendein Benutzer eines Smartphones die Nutzungsbedingungen von Facebook, WhatsApp und Instagramm wenigstens auszugsweise gelesen und verstanden hat. (…)
Im Internet kommen die AGB ja erst, wenn ich schon lange im Anmeldeprozess bin. Das heisst, ich habe mich schon längst entschieden mitzumachen, und dann kommen da die Seiten mit Juristendeutsch. Da ist mir doch klar: Wenn ich auf Ablehnen drücke, mache ich nicht mit, wenn ich anfange zu lesen, dann bin ich eher verwirrt als informiert, also klicke ich auf «annehmen»! Ich kann das alles verstehen. (…)
Bei jeder App, die unsere Kinder und Jugendlichen herunterladen, akzeptieren sie die Nutzungsbedingungen, und sie unterschreiben einen Vertrag, ohne ein Wort davon zu lesen. Das lernen sie von uns, wir machen es ja auch so. Wenn wir nun an unsere Kinder denken, wenn die dann einmal den ersten Mietvertrag oder den ersten Arbeitsvertrag vorgelegt kriegen, woher soll dann bei denen der Impuls kommen, auch nur ein Wort von diesem Vertrag zu lesen? Das heisst, die werden das genau so unterschreiben, wie sie zurzeit eine App herunterladen und die Nutzungsbedingungen akzeptieren, ohne sie gelesen zu haben. Wir haben da eine Verantwortung.

Sie erwähnen die Verantwortung von uns Erwachsenen. Das betrifft vermutlich auch den Zeitpunkt, an dem wir unseren Kindern und Jugendlichen ein Smartphone übergeben?
Ja, auch hier haben wir, wie ich an Veranstaltungen merke, als Erwachsene und Kinder ebenfalls so gewisse kollektive Denkfehler. «Ab wann darf man eigentlich bei WhatsApp teilnehmen?» habe ich die Kinder gefragt. Ab 16 Jahren, es geht gar nicht vorher. Und ich habe gefragt, wer welche Geräte hat. Sehr viele haben Smartphones, dann habe ich die einzelnen gefragt: «Wem gehört das?» Da gucken sie einen befremdet an und sagen: «Mir!» Dann kommt von mir immer nur: «Versuch es nochmal, wir spulen zurück.» Nun kommen interessante Theorien: «Google?» Schliess­lich kommt so langsam das Näherrücken: «Meinen Eltern?» Schon besser, aber immer noch falsch. Das ist ja eben der Punkt. Ich kann überall problemlos eine SIM-Karte kaufen fürs Prepaid-Handy. Aber ich muss jede SIM-Karte freischalten übers Internet oder übers Telefon. Und da muss ich die Personendaten einer Person angeben, die mindestens 16 Jahre alt ist. Jede SIM-Karte ist auf eine Person registriert und bleibt es. Das sind nicht die Eltern, das sind konkret Vater oder Mutter, einer hat unterschrieben. Wenn ich einen Vertrag abschliessen will fürs Handy oder fürs Smartphone, muss ich 18 sein und einen Ausweis vorlegen. Das Gerät wird auf diese Person registriert. Der kollektive Denkfehler ist, dass Eltern bis heute meinen, sie könnten ihrem Kind so ein Gerät schenken. Es ist juristisch unmöglich, es geht gar nicht. Sie können es leihen, wem sie wollen, aber die SIM-Karte ist und bleibt auf sie registriert. Das ist ja eben der Punkt! Bei WhatsApp muss ich bei der Registrierung keinen Namen und kein Geburtsdatum angeben. Aber ich brauche eineTelefonnummer, und weil die erst ab 16 erworben werden kann, ist es auch juristisch gegeben, dass es keine Person unter 16 gibt, die bei WhatsApp mitmacht; denn es macht nicht Ihr Kind bei WhatsApp mit, sondern Ihr Kind macht in Ihrem Namen bei WhatsApp mit. Wenn dann etwas schiefläuft und es eine Anzeige wegen Beleidigung, Sexting oder sonst etwas gibt, dann kommt die Anzeige bei Vater oder Mutter an, bei der Person, auf welche die Rufnummer registriert ist. Das machen sich viele immer noch nicht klar. Wir sind als Erwachsene verantwortlich für das, was unsere Kinder und Jugendlichen auf den Geräten machen. Wir haben eine Fürsorgepflicht ihnen gegenüber. (…)

Das Problem ist ja auch die ganze Datenüberwachung!
Wir müssen natürlich diese ganze Datenüberwachung ernster nehmen. Es gibt Alternativen zu WhatsApp. Mir ist schon klar, ich kann nicht einfach sagen: Löscht WhatsApp! Wenn die Kinder schon dabei sind und diese Gruppendynamik und -struktur haben, dann kann ich nicht einfach sagen, sie sollen es lassen. Aber WhatsApp ist, vor allem seit es zu Facebook gehört, datenschutztechnisch ein Riesenproblem. Es ist faktisch die datenschutzmässig schlimmste App, die wir zurzeit haben. Viele wissen das nicht: Bei den letzten beiden Zwangs-Updates kam das Kamerarecht dazu. Das bedeutet, dass jedes Mal, wenn man WhatsApp startet und das Gerät eine Frontkamera hat, vom Nutzer ein Foto angefertigt wird. Dass Facebook alle Fotos biometrisch bearbeitet, ist hinlänglich bekannt. Das heisst, auch wenn ich kein Profilbild hinterlegt habe, kennt Facebook das Gesicht der Nutzer. Beim letzten Zwangs-Update im Januar dieses Jahres kam es dazu, dass WhatsApp jetzt Mikrofonzugriff hat. Es findet natürlich nicht permanent statt, keine falsche Panik, das würde auch das Datennetz nicht hergeben, es findet aber statt.

Gibt es Alternativen zu WhatsApp?
Die Alternative, die ich den Schülern genannt habe: Nach aktuellem Stand meiner Kenntnisse und nach bestem Wissen und Gewissen ist es Threema, ein Schweizer Qualitätsprodukt, die Programmierer sitzen in Zürich. Threema kann alles, was WhatsApp auch kann – inklusive Gruppen bilden, Sprachnachrichten, Fotos, Text. Der Vorteil ist, die Daten werden automatisch nach zwei Monaten auf dem Server gelöscht, also keiner kann später in seinem Berufsleben Probleme kriegen für das, was er als Jugendlicher gepostet hat. Bei Threema wird alles «peer to peer» verschlüsselt. Von daher ist Threema die aktuelle Alternative. Es gibt keine Werbung und die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Was will man mehr? Und «aktueller Stand» heisst natürlich: Sollten Sie jemals in den Medien hören, dass Threema gekauft worden ist, dann muss man natürlich wieder wechseln. Aber es wäre schön, wenn Sie als Eltern Ihre Kinder, wenn sie eben zurzeit WhatsApp nutzen, darin unterstützen, ihre Kollegen dazu zu bewegen, auf Threema zu wechseln. Das ist ein Problem, das weiss ich auch. Wenn ich einem Jugendlichen sage, wechsle zu Threema, und seine Kollegen nicht mitmachen, dann nützt es gar nichts. Deshalb habe ich die Jugendlichen animiert, heute ihre letzte WhatsApp-Nachricht ihres Lebens zu verschicken an alle ihre Kontakte mit etwa folgendem Inhalt: «Ich bin doch nicht blöd, ich mach hier nicht mehr mit, ihr trefft mich jetzt bei Threema.» (…)

Die Fürsorgepflicht der Erwachsenen gegenüber ihren Kindern steht also im Zentrum?
Ja, zum einen bezüglich der Daten, die über Kinder oder Jugendliche gesammelt werden. Die Spuren im Internet sind unauslöschlich. (…) Immer mehr Personalchefs aus Firmen nutzen die Daten der Internetnutzung bei der Entscheidung, wer eingestellt wird. Klar, bei Versicherungen spielt es mittlerweile eine Rolle. So kann in Deutschland theoretisch eine Gesellschaft im Falle eines Einbruchdiebstahls den Versicherungsnehmer einer Hausratsversicherung fragen, ob er bei Facebook oder WhatsApp ist. Wenn er nein sagt, und es stellt sich heraus, er ist es doch, dann hat er keinen Versicherungsanspruch. Und wenn er ja sagt, dann darf die Versicherung bei Facebook die Kommunikation der letzten drei Tage einkaufen. Alles, was dieser User bei Facebook oder WhatsApp geschrieben hat! Und wenn er denn da irgendwo geschrieben hat: «Wir sind am Wochenende für drei Tage weg», gilt das als grobfahrlässiges Verhalten und dann erlischt der Versicherungsschutz. (…)

Was wäre nun der Weg zur Medienkompetenz?
Was ich am Anfang gesagt habe, meine ich ganz ernst. Ich will nicht sagen, Smartphones sind schlecht. Ich will nicht sagen, das Internet ist schlecht. Dass das alles auch seine Vorteile in sich birgt, ist mir völlig klar. Denken Sie noch einmal an das, was ich eben sagte. Die Frage, die wir stellen müssen, ist die: «Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten muss ich als Nutzer mitbringen, um damit sinnvoll umzugehen?» Ich sage nicht, ich darf Facebook nicht benutzen. Aber ich muss mir doch sehr gut überlegen, was ich da hineinschreibe. Wenn wir das jetzt alles noch einmal zusammen nehmen, dann haben wir ein Dilemma. Und das bemängle ich beim Unterricht zur Medienkompetenz. Sie wird reduziert auf die Frage: Weiss ich, wie ich die Geräte bedienen kann? Das ist nicht Medienkompetenz, das können Dreijährige! Aber gerade in diesen Sachen, die ich versucht habe hier darzustellen, kann doch vielleicht deutlich werden, dass es um ganz andere Fragen geht, die viel wichtiger sind: «Habe ich eine Urteilsfähigkeit auch im Sinne einer Selbsteinschätzung?» «Kann ich mir klarmachen, nach welchen Themen ich im Internet recherchieren kann und wo ich besser in die Bibliothek gehe?» «Welche Themen kann ich mit meinen Kollegen im Internet diskutieren, was sollte ich lieber von Mund zu Ohr machen oder am Telefon oder per Post?» «Es gibt Dinge, die sollte ich auch im Jahre 2015 lieber in einem Brief als im Internet schreiben.» Nicht einmal uns Erwachsenen sind all diese Zusammenhänge bewusst, wie sollen dann 14jährige das durchschauen! Wir alle haben es doch auch erlebt, mit 14 ist das primäre Lebensziel 16 zu werden, und die Utopisten in der Klasse denken an 18, und alles danach ist Science-fiction. Natürlich kann ich mich vor den Jugendlichen stellen und sagen: «Denk an deine berufliche Karriere!» Das haben unsere Eltern und Lehrer auch gemacht. Das geht hinein und da raus. Und jetzt haben wir wieder ein historisches Dilemma. Wir konnten uns das erlauben. Wir alle haben doch auch viel Blödsinn gemacht. Und das Schöne ist, keiner hat eine Ahnung, was wir alles angestellt haben! Selbst unsere Partnerinnen und Partner wissen nicht, was wir für einen Mist erzählt haben. Das Problem der jungen Generation von heute ist: Wenn die so bedenkenlos das Internet und Smartphones nutzen, wie sie es zurzeit tun, sind die durch die Bank weg potentiell erpressbar. Das ist das Problem und das heisst, diese Regelung «Smartphone erst ab 16» ist nicht nur juristisch, sondern auch entwicklungspsychologisch korrekt. Und es mü­sste uns eigentlich klar sein, – und ich weiss, es ist völlig gegen den Trend – aber wenn ich einem 12jährigen ein Smartphone aushändige, dann ist die eine oder andere Katastrophe vorprogrammiert (ob jetzt Sexting, Mobbing oder Probleme im Berufsleben). Die Frage ist eigentlich nur, welche Katastrophe es sein wird. (…)

zum Artikel:   Zeit-Fragen, Nr. 15/16, 9. Juni 2015, Dr. Eliane Gautschi interviewt Uwe Buermann zum Thema:  Kinder stark für den Umgang mit Medien machen

Hervorhebungen im Fettdruck durch Schulforum-Berlin


 zur web-Seite von Uwe Buermann


In ihrem aktuellen Test 8/2015  hatte die Stiftung Warentest herausgefunden, dass viele beliebte Messenger-Apps einen fragwürdigen Umgang mit persönlichen Daten der Nutzer praktizieren. Siehe Artikel:  Datenschutzlücken bei WhatsApp und Co. 

Datenschutzlücken bei WhatsApp und Co.

Datum:  03.08.2015
Was neugierige Bäckersfrauen und WhatsApp gemeinsam haben

Eine Bäckerei am Morgen. Die Frau hinter dem Tresen bedient eine Kundin, sie reicht Brot und Brötchen an, nimmt Kleingeld entgegen. Eine ganz normale Szene – bis die Verkäuferin plötzlich persönliche Fragen stellt: „Wo waren Sie gestern um 20 Uhr? Wem haben Sie die letzte SMS geschrieben? Wie lautet Ihre Telefonnummer?“ Die Kundschaft ist völlig verdattert. Wer möchte der Bäckersfrau schon gerne erzählen, was er am Abend zuvor unternommen hat?

Mit einem Video, in dem eine neugierige Bäckersfrau die Hauptrolle spielt, macht die Stiftung Warentest bei Facebook auf den zu laschen Umgang vieler Smartphone-Benutzer mit ihren Daten aufmerksam. Denn natürlich möchte niemand der Verkäuferin im Laden an der Ecke die eigene Telefonnummer verraten. (…)

In ihrem aktuellen Test 8/2015 hatte die Stiftung Warentest herausgefunden, dass viele beliebte Messenger-Apps einen fragwürdigen Umgang mit persönlichen Daten der Nutzer praktizieren. WhatsApp und der Facebook-Messenger wurden in der Datenschutz-Kategorie am schlechtesten bewertet und erhielten hier nur ein „ausreichend“. Testsieger wurde die App Hoccer aus Deutschland, dicht gefolgt von Threema aus der Schweiz.

zum Artikel:  Handelsblatt, 03.08.2015, tha, Was neugierige Bäckersfrauen und WhatsApp gemeinsam haben


Die Tester untersuchten unter anderem, ob der jeweilige Messenger eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der verschickten Nachricht bietet, welche Daten beim Einrichten des Dienstes abgefragt werden und ob die Anwendung automatisch das Adressbuch des Smartphones ausliest. Kritisiert werden außerdem die Rechte, die sich das Programm bei der Installation geben lässt. Ohne Ende-zu-Ende-Verschlüsselung kann der Anbieter alle Nachrichten mitlesen, kritisiert Stiftung Warentest.

Sozial Media Communities – Die persönliche Kommunikation zwischen Jugendlichen nimmt kontinuierlich ab

Foto: Oliver Berg/dpa

Foto: Oliver Berg/dpa

Datum:  30.07.2015
YouTube ist Leitmedium der Jugendlichen

YouTube, Instagram und WhatsApp sind die ständigen Begleiter von Jugendlichen. Social Media Communities und Apps bestimmen die Mediennutzung von Jugendlichen immer stärker (…).

YouTube ist heute das führende Unterhaltungsmedium für Jugendliche noch vor dem Fernseher: 61,5 Prozent von ihnen sehen Filme und Serien im Internet und 60,9 Prozent im TV. Streaming-Dienste wie Netflix werden stärker genutzt (23,6 Prozent) als die Mediatheken der Fernsehsender (14 Prozent). Wenn es um Nachrichten geht, steht für Jugendliche die Information über das Fernsehen an erster Stelle (59,1 Prozent). Aber auch hier werden soziale Netzwerke stark genutzt (48,4 Prozent) und haben bereits klassische Medien wie das Radio (38,5 Prozent) und die Zeitung (18,3 Prozent) abgehängt. Jugendliche geben Nachrichten-Apps (19,9 Prozent) den Vorzug gegenüber Printprodukten oder Nachrichtenwebsites (9,7 Prozent).

Instagram ist die am häufigsten regelmäßig genutzte Social Community unter Jugendlichen (58,7 Prozent). Sie konnte einen Zuwachs von 50 Prozent unter den Befragten seit letztem Jahr verzeichnen. Damit hat sie Facebook (43,6 Prozent) auf Platz zwei verwiesen. Twitter ist in der Gunst der Jugendlichen ebenfalls gestiegen (16,9 Prozent) und belegt nun Platz drei im Ranking. Verweigerer von Social Communities sind eine deutliche Minderheit: Knapp 90 Prozent der Jugendlichen sind hier regelmäßig unterwegs.

82,3 Prozent nutzen das Internet zum Videoschauen. Danach folgen Chatten (57,9 Prozent), Instagram (51,3 Prozent) und Musik herunterladen oder hören (46,6 Prozent). Über ein Fünftel der Befragten gibt an, das Internet für digitale Spiele (21,8 Prozent), für Musikstreaming bei Spotify (21 Prozent) oder für das Sehen von Spielfilmen zu nutzen. Blogs spielen für Jugendliche keine große Rolle – nur 9,1 Prozent nutzen sie. Das Schreiben von Emails wird immer unwichtiger. Haben 2014 noch knapp 30 Prozent das Internet hierfür genutzt, so sind es nun nur noch 23,4 Prozent. Freunde werden über WhatsApp kontaktiert (75,4 Prozent). Die Messenger-App baut ihre Spitzenposition aus. Foto-Messaging mit Snap-Chat ist im Kommen (5,8 Prozent) und bereits häufiger als Anrufe per Handy oder Telefon (4,7 Prozent). Facebook ist als Kontaktmedium auf Platz vier gerutscht. Die persönliche Kommunikation nimmt kontinuierlich ab (3,7 Prozent), ebenso wie die Nutzung von Skype (2,5 Prozent) oder SMS (1,9 Prozent).

An der Besucherbefragung auf der YOU 2015 haben über 1.000 Personen teilgenommen. Der überwiegende Teil von ihnen geht noch zur Schule (82,8 Prozent), aber auch Auszubildende (5,2 Prozent), Berufstätige (7,5 Prozent) und Studenten (2,3 Prozent) wurden befragt.

zum Artikel:  Pressemitteilung, YOU Studie 2015: YouTube ist Leitmedium der Jugendlichen