Verheerendes Zeugnis für die Berliner Bildungspolitik

Repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa

Berliner Zeitung, 02.09.2019, Annika Leister

Die Berliner stellen der Bildungspolitik des rot-rot-grünen Senats und besonders der SPD in einer aktuellen Umfrage ein verheerendes Zeugnis aus. Mit 63 Prozent ist eine Mehrheit der Befragten dafür, dass Sandra Scheeres (SPD) als Bildungssenatorin abgelöst werden sollte. Das ergibt eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Berliner Zeitung. Vom 20. bis 29. August wurden dafür 1.003 Berliner zum Thema Bildung befragt. Bemerkenswert: Das negative Urteil der Berliner fällt bei den meisten Fragen einhellig aus – das Alter der Befragten oder die parteipolitische Orientierung fallen dabei kaum ins Gewicht.

Eine Negativ-Meldung folgt für die Bildungssenatorin seit Monaten auf die nächste:

Beim Bildungsmonitor 2019 landete Berlin mal wieder auf dem letzten Platz. Bei Vergleichstests erfüllten viele Berliner Schüler nicht einmal die Grundvoraussetzungen. Die Quote der Jugendlichen, die die Schule ohne Abschluss abbrechen, ist auf einen neuen Höchststand geklettert. Ebenso die Quote von Lehrern, die ohne pädagogische Ausbildung an Berliner Schulen unterrichten. Und für das übernächste Schuljahr fehlen Berlin zurzeit Tausende von Schulplätzen. [siehe dazu: http://schulforum-berlin.de/die-bildungspolitik-in-der-hauptstadt-gefaehrdet-den-sozialen-frieden/, http://schulforum-berlin.de/vera-3-berliner-drittklaessler-koennen-viel-zu-wenig/]

Bildung in Berlin: 83 Prozent glauben, dass Berliner Schulen schlechter abschneiden als Schulen anderer Bundesländer

Besonders kritisch sehen [die Berliner] die Qualität der Lehre:

83 Prozent glauben, dass Berliner Schulen hinsichtlich der Qualität schlechter abschneiden als Schulen in anderen Bundesländern. 44 Prozent sind sogar der Meinung, dass ein in Berlin erworbener Schulabschluss weniger wert ist als ein Abschluss aus einem anderen Bundesland. Immerhin: 46 Prozent sehen das auch anders.

Dabei ist Bildung zumindest haushaltspolitisch ein Schwerpunkt des rot-rot-grünen Senats. In das Ressort fließt das meiste Geld. Allein mit der Schulbauoffensive sollen bis Ende 2026 5,5 Milliarden Euro in die dringend nötige Sanierung und den Neubau von Berliner Schulen gehen. Jeweils 100 Millionen Euro extra wurden im Doppelhaushalt 2020/21, der gerade diskutiert wird, für ein Schnellbauprogramm für Schulen eingestellt. Trotzdem droht Berlin, schon am Erfüllen der Grundbedarfe zu scheitern:

Zurzeit fehlen zum übernächsten Schuljahr nach zwei unterschiedlichen Prognosen [!] der Schulverwaltung Räume für 9.500 oder sogar 24.000 Kinder.

Die Rekordsummen, die der Senat in Bildung steckt, reichen nach Ansicht der überwiegenden Mehrheit der Berliner nicht aus.

73 Prozent sind der Meinung, dass der Senat insgesamt zu wenig in Bildung investiert. 20 Prozent glauben hingegen, der Senat investiere zwar genug, setze aber die falschen Schwerpunkte. Dass die rot-rot-grüne Regierung genug und auch richtig investiert, finden nur zwei Prozent der Befragten.

Berliner Bildungspolitik: Zwei von drei neu angestellten Lehrern hatten kein abgeschlossenes Lehramtsstudium

Nach wie vor kritisch sehen die Berliner auch die hohe Rate an Quer- und Seiteneinsteigern, die an Berliner Schulen unterrichten. Der Senat will mit ihnen dem Lehrermangel beikommen, der bundesweit hoch ist. Zwei von drei Lehrern, die zu diesem Schuljahr in der Hauptstadt neu eingestellt wurden, hatten kein abgeschlossenes Lehramtsstudium.

60 Prozent der befragten Berliner glauben, dass die Unterrichtsqualität unter dem hohen Anteil von Quereinsteigern leidet. 37 Prozent sind nicht dieser Meinung. Ganz ähnlich fielen die Zahlen auf diese Frage bereits in einer Umfrage der Berliner Zeitung im Sommer 2018 aus. Immer wieder diskutiert werden Maßnahmen, um mehr vollausgebildete Lehrer nach Berlin zu locken und hier zu halten – darunter auch eine Rückkehr zur Verbeamtung von Lehrkräften. Berlin ist zurzeit das einzige Bundesland, das seine Lehrer nicht zu Beamten macht.

Gegen Lehrermangel in Berlin: Nur sechs Prozent glauben, dass die aktuellen Maßnahmen ausreichen

85 Prozent der Befragten sind in der Forsa-Umfrage der Berliner Zeitung der Meinung, dass das Land deutlich mehr tun müsste, um den Lehrermangel zu beheben. Nur sechs Prozent glauben, dass die aktuellen Bemühungen ausreichen.

Eine deutliche Mehrheit wünscht sich mit Blick auf die Situation an Berliner Schulen Personalkonsequenzen im rot-rot-grünen Senat.

63 Prozent der Berliner sprechen sich für die Ablösung von Sandra Scheeres als Bildungssenatorin aus, 31 Prozent dagegen. Bei Anhängern der Oppositionsparteien ist der Wunsch, Scheeres aus dem Amt zu haben, besonders hoch (FDP: 72 Prozent, CDU: 82 Prozent, AfD: 88 Prozent). Doch auch Wähler der Grünen sind mit 58 Prozent deutlich für einen Rücktritt der SPD-Senatorin, die seit acht Jahren im Amt ist. Und die Anhänger von Scheeres’ eigener Partei sind in der Frage gespalten: 49 Prozent der SPD-Anhänger wünschen sich jemand anderen auf dem Posten. 46 Prozent wollen, dass Scheeres bleibt.

Berliner Schulpolitik: 46 Prozent trauen keiner Partei in der Stadt die nötigen Kompetenzen zu

Wer aber sollte danach kommen? Welcher Partei trauen die Berliner überhaupt zu, dass sie die seit langem anhaltende Bildungskrise in den Griff bekommt? Da sehen viele Berliner schwarz:

46 Prozent trauen keiner Partei in der Stadt die nötigen Kompetenzen in der Schulpolitik zu. Ähnlich viele halten die Grünen (13 Prozent), die Linke oder die CDU (jeweils 12 Prozent) für kompetent, die Herausforderungen zu meistern.

Gemeinsam mit der FDP (sieben Prozent) schneidet die SPD bei dieser Frage am schlechtesten ab:

Nur acht Prozent der Befragten glauben, dass die Sozialdemokraten, die seit 23 Jahren ohne Unterbrechung den Bildungssenator stellen, den Problemen noch gewachsen sind.

zum Artikel: Berliner Zeitung, 02.09.2019, Annika Leister, Forsa-Umfrage: Berliner glauben, dass der Senat nicht genug in Bildung investiert

Grau unterlegte Einschübe, [Anmerkungen] und Hervorhebungen im Fettdruck durch Schulforum-Berlin.

Scheeres in der Bildungsdebatte am 15.08.2019 im Abgeordnetenhaus:
„Die Eltern müssen sich keine Sorgen machen“.

Wahrscheinlich gibt es kaum ein anderes Thema, das für die meisten Bürger so wichtig ist [wie die Schulpolitik] und bei dem sie so unmittelbar aus eigener Erfahrung schöpfen können. Schließlich ist jeder einmal zur Schule gegangen, und die meisten Menschen werden früher oder später Eltern von Schulkindern und bleiben es viele Jahre lang. Sie können täglich in der Familie beobachten, wie sich in der Öffentlichkeit propagierte Schulsysteme und pädagogische Konzepte auf die Leistungsfähigkeit und das Verhalten der eigenen Kinder auswirken. Unter solchen Bedingungen bleibt der Einfluss der Massenmedien auf die Meinungsbildung geringer als bei anderen gesellschaftspolitischen Fragen. Aus: FAZ, 21.08.2019, Parallelwelt Schulpolitik, Thomas Petersen, Institut für Demoskopie Allensbach