Die erste Studie zu Gewalt an Berliner Schulen hat sämtliche Fachleute wachgerüttelt. Nach den Sommerferien soll beraten werden, wie es weitergeht. Eine Schulleiterin hat viel Erfahrung und viele Ideen.
Tagesspiegel, 22.07.2026, Saara von Alten
Frau Maedebach, vergangenen Monat wurde die erste umfassende Studie zu Gewalt an Berlins Schulen vorgestellt, die ein erschreckendes Ausmaß gezeigt hat. Sie haben bis zu den Sommerferien zehn Jahre die Kopernikus-Oberschule, eine Integrierte Sekundarschule (ISS) in Steglitz-Zehlendorf, geleitet und sind Vorsitzende des Interessenverbandes Berliner Schulleitungen (IBS). Wie wichtig ist es, dass es jetzt diese offiziellen Zahlen gibt?
Diese Studie ist außerordentlich wichtig, da endlich wissenschaftlich evaluiert wurde, dass das kein Phänomen ist, das nur einzelne Schulen betrifft. Keine Leitung spricht gerne über Gewalt an der eigenen Schule. Denn das schreckt Eltern und Kinder von einer Anmeldung ab. Es gibt einen Konkurrenzdruck unter den Schulen, was es so schwierig macht, das Thema ehrlich anzugehen. Diese Studie hat das Datenmaterial geliefert, das uns jetzt bei der Problemlösung hilft.
Wie viel Gewalt gibt es denn an Ihrer Schule?
Auch wir erleben in Berlin-Steglitz zu viele Situationen, die wir als gewalttätig bezeichnen und wo wir mit sehr viel Engagement entgegensteuern müssen. Was unser Kollegium erschüttert, ist eine neue Qualität der Gewaltvorfälle. Manchmal führen schon Kleinigkeiten zu einem emotionalen Ausbruch, dann wird sofort beleidigt und eine übertriebene Lautstärke an den Tag gelegt.

Diese fehlende Impulskontrolle war ein Ergebnis der Studie. Der Umgang insgesamt ist rauer geworden. Ich verstehe oft von außen nicht mehr, wo die Grenze zwischen Spaß und Gewalt liegt. Zeitweise gab es so etwas wie Geburtstagsschläge oder Nackenklatschen. Oder es wird auf die Handrücken geklatscht, bis diese ganz rot sind. Doch dann gibt es einen Punkt, wo das Ganze kippt.
Weshalb wird denn beleidigt?
Das sind teilweise sexistische Beleidigungen, die drastischsten Schimpfwörter, die man sich vorstellen kann – und das wird nebenbei auf dem Schulhof geäußert, ohne dass jemand sagt: Stopp, das verletzt mich, hör auf! Stattdessen wird oft zurückbeleidigt. Das ist eine Verrohung der Sprache, die man wiedererkennt, wenn man irgendwelche Reality-Shows einschaltet.
Dann gibt es Trends, die über soziale Medien verbreitet werden, etwa dass man jemanden so lange würgt, bis die Person kaum noch Luft bekommt – und das wird einfach nachgespielt. Über Messenger wird weiter beleidigt, gedroht, oder es werden sexistische Bilder verbreitet. Ein weiteres allgemeines Phänomen sind Erpressungsversuche über Nacktfotos.

Findet das hauptsächlich unter männlichen Jugendlichen statt?
Es gibt männliche Rädelsführer, die verbreiten Angst und Schrecken. Die treten mit einem Duktus auf, als seien sie die Kings.
Aber auch Mädchen sind Täter und werden gewalttätig. Allerdings habe ich in meiner 30-jährigen Berufstätigkeit noch nie einem Mädchen ein Springmesser abgenommen. Ich habe auch noch kein Mädchen in meinem Büro sitzen gehabt, das einer anderen Person eine Nase gebrochen hat. Aber Mädchen können auch gemein sein und durch übelste Hetze und Mobbing andere in den Wahnsinn treiben.
Was muss sich denn aus Schulleitersicht ändern, damit man der Gewalt etwas entgegensetzen kann?
Es braucht einen Paradigmenwechsel bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen. Die Disziplinarmöglichkeiten aus dem Schulgesetz reichen nicht aus. Um bei dem Beispiel zu bleiben:
Wenn ein Schüler einem anderen Schüler auf dem Schulhof die Nase bricht, dann kann ich eine Klassenkonferenz einberufen und ihn in eine Parallelklasse versetzen. Das hat aber wenig wiedergutgemacht, es gab keinen Täter-Opfer-Ausgleich. Wenn ein Täter öfter gewalttätig ist, dann kann ich bei der Schulaufsicht beantragen, dass er von der Schule verwiesen wird. Aber dann kommt er auf eine andere Schule, wo er möglicherweise weiter prügelt. Wenn ich aber als Schulleiterin vorschlage, dass dieser Schüler ein Schulersatzprojekt besucht, wo schwer beschulbare Schüler in kleinen Gruppen lernen, oder eine Anti-Gewalt-Therapie macht, dann müssen die Eltern und auch der Schüler zustimmen.
Kommt das denn vor, dass Betroffene solche Vorschläge ablehnen?
Ja, sehr häufig. Oft heißt es: Mein Sohn braucht das nicht, der andere war schuld, der hat ihn auch geärgert. Oder die Eltern wollen, dass das Kind den Abschluss auf der Regelschule macht. Hinzu kommt, dass es solche Angebote für Jugendliche in Berlin, etwa Anti-Gewalt-Trainings, kaum gibt. Schon gar nicht, wenn die Person erst 13 oder 14 Jahre alt ist. Die Maßnahmen, die wir bisher haben, helfen wenig, um Opfer zu schützen und Täter zu stoppen.
Allerdings haben Schulleiter in Steglitz-Zehlendorf gerade ein neues Projekt gegründet, das dabei helfen soll.
Wir sechs Integrierten Sekundarschulen haben gemeinsam mit dem Jugendausbildungszentrum (JAZ) in Zehlendorf das Projekt „Schule anders leben“ geschaffen, mit acht bis zehn Plätzen. Dort können wir diese schwer beschulbaren Jugendlichen besser fördern. Sie bleiben offiziell Schüler unserer Schulen und werden auch von unseren Lehrkräften unterrichtet, aber enger betreut und begleitet. Zusätzlich können sie in den Werkstätten des JAZ arbeiten, wodurch sie andere Erfolgserlebnisse haben.
Das Projekt stieß auch auf viel Gegenwind, weil es der Inklusion widerspricht. Es geht aber auch um den Opferschutz. Das Projekt läuft seit einem Jahr. Ich werde dort nach meiner Pensionierung arbeiten und dann berichten, welche Erfahrungen wir weiterhin damit machen.
An Ihrer Schule haben Sie aber auch vieles ausgetestet, um Konflikten, vorzubeugen. Was hat sich am besten bewährt?
Wir haben schon seit unserer Schulgründung vor 50 Jahren ein Team aus Sozialarbeitern und Erziehern sowie seit drei Jahren eine Schulpsychologin in unserem Kollegium. Vor drei Jahren haben wir ein neues Präventionskonzept „Das Haus der drei Säulen“ entwickelt.
Zuvor haben wir in unzähligen Konferenzen ein Kinderschutzkonzept verhandelt. Und klar festgelegt, welches Verhalten von uns Lehrkräften gegenüber den Jugendlichen angemessen ist. Anschreien geht beispielsweise gar nicht, man darf aber sagen: „Ich habe mich über dich geärgert.“ Außerdem haben wir „Raus aus der Ohnmacht“ des israelischen Psychologen Haim Omer gelesen, uns damit auseinandergesetzt und verfolgen dessen Konzept der neuen Autorität.
Was beinhaltet Ihr Präventionskonzept aus drei Säulen?
Die erste Säule betrifft den Lehrplan. Wir haben zum Thema „Prävention“ ein schulinternes Curriculum erarbeitet. In jedem Jahrgang gibt es verschiedene Schwerpunkte, wie Suchtprophylaxe, Konfliktbewältigung, Umgang mit sozialen Medien oder etwa Unterrichtsreihen wie „Streiten soll gelernt sein“. Diese Themen werden in den Fachunterricht integriert, zum Beispiel in den Ethik- oder Deutschunterricht. Zudem findet wöchentlich eine Stunde „Klassenrat“ statt, in der konkret und zeitnah Konflikte besprochen werden.
Und die zweite Säule?
Da ist die Säule der Beratung. Wir haben fast 30 Kollegen, die Weiterbildungen gemacht haben, wir haben sogenannte Clearingbeauftragte, Beauftragte für Suchtprophylaxe, wir haben eine große Diversity-AG und Beratungslehrkräfte zum Thema religiöse Vielfalt. Die Schüler können sich mit diesen Beratungslehrkräften in unserer Oase, einem Raum, in dem ungestörte Gespräche stattfinden können, verabreden. Diese Experten sind auch für Eltern und Lehrkräfte ansprechbar, genauso wie unsere Schulsozialarbeiter.
Ebenso praktizieren wir seit 30 Jahren erfolgreich ein Mediationskonzept, bei dem zusätzlich ausgebildete Schülerinnen und Schüler bei der Klärung von Konflikten helfen.
Als Drittes gibt es die Säule der Partizipation: Wir bemühen uns sehr um eine aktive Schülermitgestaltung und aktive Elternarbeit, fördern ein gesundes Miteinander über Feste, sportliche Veranstaltungen oder andere Begegnungen.
Berliner Oberschulen sind beim Thema Gewaltprävention allerdings sehr unterschiedlich gut aufgestellt. Was kann getan werden, dass es flächendeckend solche Konzepte gibt? An Gymnasien gibt es beispielsweise keine Sozialstationen.
Auch Gymnasien haben in Berlin Gewaltprobleme, auch wenn diese sich dort teils anders äußern. Das Thema Selbstverletzungen spielt dort eine größere Rolle, weshalb es wichtig ist, dass es dort auch mehr Beratungsangebote gibt. Allerdings tragen die Integrierten Sekundarschulen derzeit die Hauptlast, da wir die meisten Inklusionsschüler und Willkommensschüler aufnehmen. Ich würde mir wünschen, dass etwa eine Stunde wie „Klassenrat“ verpflichtend für alle Schulen in den Fächerkanon aufgenommen wird.
Welche Wünsche haben Sie an die Bildungssenatorin, die sich anlässlich des Gewalt- und Konfliktbarometers mit den Schulleitungen beraten will?
Ich erhoffe mir von dem Runden Tisch der Senatorin unter anderem eine „Liste“ mit Programmen, die geeignet sind und vor allem dann auch finanziert werden können. Es gibt nämlich leider auf dem Gebiet einige sehr fragwürdige bis gefährliche Gestalten, die als selbst ernannte Coaches auch Unheil anrichten.
Bilder zum Text aus: https://www.berlin.de/sen/bjf/service/presse/pressearchiv-2026/pressemitteilung.1684252.php Eingefügt durch Schulforum-Berlin
Gewalt, Konflikte und Konformitätsdruck: Berliner Studie zeigt wachsende Herausforderungen an Schulen
Ergebnisse repräsentativer Befragungen unter SchülerInnen sowie Lehrkräften und pädagogisch Mitarbeitenden an öffentlichen Berliner Schulen. 22. Juni 2026
Zusammenfassung der Kernergebnisse:
- Gewalt unter SchülerInnen an Berliner Schulen ist ein großes Problem, das in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat.
- Grundschulen, Gemeinschaftsschulen und ISS ohne Oberstufe sind deutlich stärker betroffen als Gymnasien und berufliche Schulen.
- Der Umgang mit Gewalt bindet vielfach so viele Ressourcen, dass das Funktionieren der Schule beeinträchtigt wird.
- Wichtigste Ursache der verbreiteten und zunehmenden Gewalt unter SchülerInnen ist eine geringer gewordene Impulskontrolle und Frustrationstoleranz, d.h. Kleinigkeiten eskalieren schnell. Die Abnahme der Impulskontrolle unter SchülerInnen ist an Grundschulen besonders verbreitet.
- SchülerInnen berichten von Diskriminierung in verschiedenen Facetten:
Rassismus, Antisemitismus, Queerfeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit. Für das Gesamtgewalt-Niveau spielt das nur eine untergeordnete Rolle, hat aber für die betroffenen Gruppen eine sehr hohe Relevanz. - Es ist eine „Normalisierung“ von Gewalt festzustellen: Viele Arten gewaltförmiger Interaktion wie Anschreien, Schubsen oder jemanden Auslachen werden von SchülerInnen der Klassenstufen 9 und 12 mehrheitlich als unproblematisch empfunden.
- Lehrkräfte sehen an ihrer Schule zum Teil über Dinge hinweg, die für SchülerInnen schlimm sind: insbesondere abwertende Kommentare zum Äußeren sowie die Beleidigung als „Hurensohn“.
- SchülerInnen empfinden verbreitet Anpassungsdruck an ihrer Schule, vor allem hinsichtlich der Geschlechterrollen, der sexuellen Orientierung oder Identität oder ihrer politischer Ansichten, daneben aber auch bezüglich der Einhaltung religiöser Regeln oder dass man seine Religion gar nicht zeigen soll.
- Für viele SchülerInnen insbesondere in Klassenstufe 9 haben religiöse Regeln Vorrang vor den Regeln der Schule. So denken viele muslimische, aber auch viele christliche SchülerInnen.
- Viele SchülerInnen fühlen sich an ihrer Schule nicht sicher. SchülerInnen, die sich nicht sicher fühlen, bringen überdurchschnittlich häufig Waffen mit in die Schule. Hier besteht die Gefahr einer Spirale von Unsicherheit und Gewalt.
- Konsequenz und klare Regeln von Seiten der Schule sind im Umgang mit Gewalt unter SchülerInnen von großer Bedeutung.



