Die Berliner Schulbau- und Bildungsoffensive

Mehr Leiden als Lernen

Im achten Jahr sollte es endlich vorangehen mit Berlins zeitraubendster Schulsanierung.

Karikatur von Heiko Sakurai (2018, Meilenstein? Schaun wir mal), Veröffentlichung auf Schulforum-Berlin mit freundlicher Genehmigung

Mangels Klassenräumen und eigener Turnhalle haben Schüler der Kurt-Schumacher-Schule mit Papprohren, Klebeband, Farbe und Folien sich selbst ein Schulhäuschen gebaut.

Tagesspiegel, 18.09.2020, Susanne Vieth-Entus

Mit dem Brandschutz fing es an: Das Hauptgebäude der Kurt-Schumacher-Schule in Kreuzberg ist seit dem 20. Dezember 2012 gesperrt. Damals ergab eine Brandschutzbegehung, dass bei einer lange zurückliegenden Asbestsanierung geschlampt worden war. Aber danach fingen die Probleme erst richtig an […].

Was die Kurt-Schumacher-Schule ist – das verkündet seit rund einem Jahr ein in den Schulzaun gewebter Schriftzug an der Wilhelmstraße: „BER Kreuzberg“. [Diesen] haben die Eltern um [die Gesamtelternvorsitzende] Henrike Hüske aus Stoffresten geschrieben, als sie es nicht mehr aushalten konnten, nichts zu tun. Zu diesem Zeitpunkt war es so weit, dass ein ganzer Jahrgang die Schule durchlaufen hatte, ohne je einen normalen Klassenraum von innen gesehen zu haben. […]

So berichtet in der Spalte „Aus dem Klassenzimmer“ des Tagesspiegels ein Schüler, der die 5. Klasse besucht:  Ich habe seit fast zwei Jahren keine Bauarbeiter mehr gesehen. Und vorher waren sie auch immer nur kurz da und nie viele. Mich ärgert das sehr. Die Schule sollte zu meiner Einschulung repariert sein, und jetzt bin ich in der 5. Klasse.

Wie wirkt so etwas auf eine Schulgemeinschaft, die im achten Jahr im Ausnahmezustand lebt? „Viele schütteln nur noch den Kopf“, sagt Schulleiter Lutz Geburtig. Nach über zehn runden Tischen mit den Bezirksverantwortlichen und einer Unzahl ergebnislos verstrichener Termine schwinde die Bereitschaft, zu hoffen oder sich aufzuregen. […]

„Die Enge fällt den Eltern auf“, sagt Schulleiter Geburtig auf die Frage, wie es denn ist, wenn Familien auf der Suche nach einer Grundschule zu ihm kommen. Es ist schwer, Menschen für eine Schule zu begeistern, die aus nichts anderem besteht als aus einem Horthaus [Schule und Hort, Lehrerzimmer und Sekretariat, Aula und Schulleiterbüro, alles in einem].

Auf die Frage: Haben eure Schulhühner die Corona-Schließzeit gut überstanden? entgegnet der Fünftklässler: Vor Corona waren es ja noch fast Küken und jetzt sind sie schon richtig groß geworden. In der Corona-Zeit haben einige Lehrer den Stall vergrößert und ausgebaut. Die haben bald mehr Platz als wir, aber ich freue mich für die Hühner.

Wenn diese Eltern fragen, wann es wieder normale Unterrichtsräume und eine Turnhalle geben wird, dann verweist Geburtig auf Mitte 2021 – den avisierten Termin für den ersten [!] Bauabschnitt. [Dann ist] erst ein Drittel erledigt: Zwei Drittel der Räume gehören nämlich zum zweiten Bauabschnitt, von dem noch nicht klar ist, wann er beginnt. […]

Zurück zu den Schülern. „Die meisten Kinder der Schule haben noch nie einen Bauarbeiter auf der Baustelle gesehen“, erzählt Hüske. Diese Woche seien aber welche gesichtet worden: „Die Kinder waren sehr aufgeregt. Sie bringen es in Verbindung mit dem kleinen Schulbau und denken, dass es dem Amt peinlich ist und sie jetzt schnell Leute geschickt haben.“

Zum Artikel: TSP, 18.09.2020, Susanne Vieth-Entus, Lernen und leiden, Acht Jahre Sanierung

Eingefügte Karikatur mit freundlicher Genehmigung von Heiko Sakurai.
Textauswahl in grau unterlegtem Einschub und Hervorhebungen im Fettdruck durch Schulforum-Berlin.


Bildungsverwaltung: Die Berliner Schulbauoffensive liegt „grundsätzlich im Zeitplan“.

Bereits vor einem Jahr wurde bekannt, dass 2021/22 knapp 10.000 Schülerplätze fehlen könnten: Der Mangel könne nur durch die Überfüllung von Klassen kompensiert werden. Dies allerdings war eigentlich nichts Neues, sondern seit Jahren die Normalität. Schon 2019/20 hatten allein an Grundschulen 9400 Plätze gefehlt, an Sekundarschulen weitere 700. […] Längst wird geunkt, man wird noch über 2030 hinaus mit dem Abbau des Sanierungsstaus beschäftigt sein. Dennoch beharrt die Bildungsverwaltung, dass die Berliner Schulbauoffensive „grundsätzlich im Zeitplan“ liege […]. (Tagesspiegel, 04.08.2020, Susanne Vieth-Entus, Eine Milliarde Euro später)

Die Corona-Krise zeigt, wozu die Schule eigentlich da ist

Nils B. Schulz

Dr. Nils Björn Schulz ist Lehrer am Robert-Havemann-Gymnasium in Berlin.

Auch im Bildungsbetrieb gibt es sie: die „ewig Morgigen“. So bezeichnet der Schweizer Pädagoge Carl Bossard in Anlehnung an Erich Kästner all diejenigen, die das Neue unkritisch begrüßen: Morgen wird alles besser. Wir brauchen nur mehr Innovation, mehr Digitalisierung, mehr Kompetenzraster, gleichzeitig auch mehr Individualisierung, mehr Differenzierung, mehr selbstorganisiertes Lernen – und das alles immer schneller. Die Gegenwart ist für Modernisierungseuphoriker ein bloßes „Noch-Nicht“. Wenn irgendeine neue Unterrichtsform, Methode oder Verwaltungssoftware nicht funktioniert, dann deswegen, weil sie „noch nicht“ richtig „umgesetzt“ oder „implementiert“ ist. Der technizistische Newspeak verrät, dass es mehr um Sozialtechnokratie als um Bildung geht; und so wird nun seit dem „PISA-Schock“ eifrig reformiert und enthusiastisch digitalisiert. Viele Lehrer:innen und Schüler:innen fühlen sich seit Jahren „im Hamsterrad“ der auf Dauerreform abgestellten Neuen Lernkultur.
Jetzt aber zeigte die Schulschließung und die sukzessive Wiedereröffnung im Frühjahr, dass viele der neuen Lernformen nicht richtig funktionierten. Nicht wenige Schüler:innen waren mit der Selbstständigkeit des „Zuhause-Lernens“ völlig überfordert, obwohl doch seit zwanzig Jahren gerade darauf so viel Wert gelegt wurde. Die „ewig Morgigen“ werden erklären, viele Lehrer:innen hätten die spezifischen Kompetenzen nicht richtig trainiert. Hier gebe es Nachholbedarf. Außerdem wäre das ja eine unerwartete Situation gewesen. Man bräuchte neuere, noch offenere, noch individuellere Aufgabenformate. Und überhaupt: Die digitale Infrastruktur sei ja nicht ausreichend gewesen. Was in diesem Fall auch stimmt. Es fragt sich nur: Wofür nicht ausreichend? Hören wir nicht mehr auf die „ewig Morgigen“! Stattdessen könnten wir aus den Erfahrungen mit der Schulschließung eine schöpferische Ernüchterung verspüren, die den dynamischen Change-Prozess im Bildungssystem in Frage stellt. Mindestens vier Dinge konnte man nämlich in dieser Phase wie durch ein Brennglas wahrnehmen. 1. Schule wird vor allem als außerfamiliärer Aufenthaltsort für junge Menschen benötigt, 2. Schüler:innen brauchen zum Lernen stabile Strukturen und institutionelle Außenhalte, 3. Bildung funktioniert nur in einem leiblichen Beziehungssystem, 4. kleinere Klassen sind lern- und diskussionsförderlich.
Zum ersten Punkt: Als wahre Aufgabe der Schule nannte der Schriftsteller Georg Klein einmal ihre Aufbewahrungsfunktion. Die blanke Not der Alltagsorganisation zwinge uns, die „Energiebündel“ in die Schule zu schicken. Wir müssten unseren Nachwuchs, so Klein, „sechs oder mehr Stunden los sein, um unseren eigenen Kram mit der Welt geregelt zu bekommen“. Und auch für den Nachwuchs ist es nicht das Schlechteste, mal weg von den Eltern zu sein. Die Corona-Krise macht diese Aufbewahrungsfunktion der Schule nun überdeutlich, auch wenn der anvisierte Normalbetrieb im kommenden Schuljahr unterrichtspraktisch und pädagogisch begründet wird. Die „Lernenden“ dürften nicht zu viel Stoff verpassen. „Ziel ist es, einen geregelten, durchgehenden Lernprozess für alle Schülerinnen und Schüler im gesamten Schuljahr sicherzustellen“, so der Berliner Senat. Immerhin gilt Maskenpflicht auf den Schulfluren.
Nun zum zweiten Punkt: Manche Berliner Lehrkraft bemerkte, dass einige Mittelstufen-Schüler:innen während der Schulschließung die digital gestellten Aufgaben nicht sorgfältig oder gar nicht gemacht hatten, auch wenn die private digitale Ausstattung vorhanden war. Sicherlich haben zu viele Aufgaben für Frustration gesorgt; aber vor allem scheinen Selbstverantwortung und eigenständige Zeiteinteilung viele Schüler:innen überfordert zu haben. Es fehlte schlicht der Grenzen setzende Rahmen. Ein Vater berichtete kürzlich in der Deutschlandfunk-Sendung „Schulbeginn in Zeiten von Corona“, dass sein sechzehnjähriger Sohn die zugesandten Aufgaben ständig aufschob, weil er sich selbst keine Tagesstruktur geben konnte. In Berlin kam hinzu, dass die Schüler:innen sicher sein konnten, auch bei Nicht-Bearbeitung ihrer Aufgaben schlimmstenfalls die Halbjahresnote im Zeugnis zu erhalten. Damit fiel auch die Notenstruktur als institutioneller Orientierungsrahmen zumindest für diejenigen weg, die ihre Versetzung sicher in der Tasche hatten. Dennoch war die Entscheidung des Berliner Senats richtig, dass eine Notenverschlechterung den „Ausnahmefall“ darstellen sollte; denn die Lernbedingungen, die häuslichen Unterstützungssysteme und die Digitalausstattung der Kinder und Jugendlichen sind sehr unterschiedlich.
Es macht jedoch nachdenklich, wenn eine Lehrerin während des Inforadio-Podcasts „Schule kann mehr“ klagt, dass sie frustriert sei. Dass Noten eine solche Bedeutung für die Lernmotivation hätten, wäre ihr vor der Corona-Krise nicht so klar gewesen. Warum hatte sie andere Erwartungen? Wahrscheinlich führt die Etablierung der Neuen Lernkultur dazu, dass viele Lehrer:innen inzwischen an Change-Prozesse glauben. Sie glauben anscheinend auch daran, dass „Schule Spaß macht“, wenn sich „Lehrende“ stets innovativ „aufstellen“, wenn sie ihren Schüler:innen „auf Augenhöhe begegnen“, wenn sie ihre Methodik jedes Jahr neu anpassen und die geforderte Kompetenzorientierung mitmachen, wenn sie projektorientiert arbeiten und nach jeder Unterrichtseinheit einen Evaluationsbogen mit Smilie-System herumreichen.
Offenbar sind traditionelle Rahmenbedingungen – sowohl zeitliche als auch räumliche – und eben auch Noten als Lerngrund nötig, und zwar mehr, als es die Neue Lernkultur wahrhaben will. Vor allem aber erkennt man, dass die „aufnahmebegierigen Energiebündel“, wie sie Georg Klein nennt, ebenfalls sehr widerständig sind, vielleicht sogar erwartbar widerständig, und zwar gegenüber den neuen pädagogischen Subjektivierungsformen. Diese werden durch Etikettierungen wie „offen“, „individuell“, „selbstorganisiert“ und „selbstkompetent“ verbrämt und als solche von den Schüler:innen durchschaut. Am Ende steht eben doch die Note: auch für individuelles oder kreatives Handeln.
Da es sich nicht lohnt, in einer Leistungsgesellschaft über die Abschaffung von Noten zu debattieren, weiter zum dritten Punkt: dem Digitalisierungshype der letzten Jahre. Dass die digitale Kommunikation nicht immer funktionierte, weil Systeme zusammenbrachen, E-Mail-Postfächer voll waren, Datenschutzregeln die Nutzung bestimmter Tools verhinderten und einige Schüler:innen und auch Lehrer:innen nicht über die sogenannte digitale Infrastruktur verfügten oder sie nicht beherrschten, ist sicherlich richtig. Doch ist dies kein Argument für „noch mehr“ Digitalisierung im Bildungssystem, sondern allenfalls für stabile und datenschutzsichere Systeme, die man im Notfall eines Lockdowns benutzen kann. Auch hier ist eine nüchterne Bestandsaufnahme wichtig. Denn es wurde vor allem eine Sache deutlich, auf welche die Medienwissenschaftler Ralf Lankau und Paula Bleckmann seit Langem hinweisen: nämlich dass ein Sich-Bilden in leiblichen Beziehungen geschieht. Dauerhafte Bildschirmarbeit führt nicht nur zur Selbst- und Weltentfremdung, sondern richtet auch die Körper zu – und zwar im orthopädischen Wortsinn. Ein Thema, das zunehmend Kinderärzt:innen beschäftigt und im Übrigen auch viele Lehrer:innen im Frühjahr am eigenen Leib verspürten. Rücken-, Ischias-, Augenschmerzen …
Zudem erfuhren die Schüler:innen, dass beim „Lernen zuhause“ Computer-Spiele und Social-Messenger-Dienste nur einen Mausklick von digitalen Lernprogrammen und Aufgaben-Portalen entfernt sind und dass gerade diese Nähe ein Konzentrationshindernis ist.
Wie sehr begrüßte man schließlich die sukzessive Schulöffnung und – um zum letzten Punkt zu kommen – die reduzierten Klassengrößen, die einen lebendigen Austausch im Klassenraum zuließen, ohne dass irgendwo digitale Daten produziert, gespeichert und schlimmstenfalls kapitalistisch verwertet wurden. Der Bildungsforscher John Hattie wies darauf hin, dass bestimmte Lehrmethoden und Formen der Interaktion und des Feedback-Verhaltens wohl besser in kleineren Lerngruppen möglich seien und deswegen das Thema „Klassengröße“ weiter untersucht werden müsse. Man fragt sich jedoch, warum es dafür empirische Belege braucht.
So gab das vergangene Schuljahr einige Antworten auf die Frage: Wozu ist die Schule da? Nun, Schule ist bedeutsam als Treffpunkt für Kinder und Jugendliche. Sie ermöglicht im besten Fall gelungene Begegnungen zwischen jungen und älteren Menschen, bietet als traditioneller Lernraum einen festen Rahmen, der stabiler funktioniert als die Formate der neuen Lernkultur, entlastet Eltern und bereitet fachlich auf spätere Studiengänge und Berufe vor. Das mag lapidar klingen, ist aber nicht wenig, und dafür kann man die Schule auch schätzen.
Es überfordert doch Schüler:innen, ständig gute Leistungen erbringen und dabei stets „Spaß haben“ zu müssen, nebenbei noch „Selbstkompetenz“ und „Resilienz“ auszubilden und sich selbst im neoliberalen Sinn zu optimieren. Was von Schüler:innen verlangt wird, vor allem an Aufgaben- und Stoff-Fülle, haben in den letzten beiden Monaten des „Lernens zuhause“ vor allem die Eltern von Gymnasialschüler:innen erfahren. Denn die kompetenzorientierten und inhaltsleeren Lehrpläne führten ja nicht dazu, dass Lernstoff reduziert wurde. Er wurde in manchen Fächern nur beliebiger.
Vielleicht rührt der von vielen Schüler:innen schon seit langem empfundene Schuldruck auch daher, dass sie diese Diskrepanz zwischen Leistungsanforderungen und Spaß- und Autonomiediktat, wenn auch unbewusst, empfinden und nicht auflösen können? Fatal wäre es, wenn man jetzt weiter an der Reformschraube dreht und damit nur die kognitiven Dissonanzen erhöht. Aber dies ist wohl erwartbar – genauso wie die fortschreitende rastlose Digitalisierung. Die Change-Manager und die EdTech-Industrie wird‘s freuen.

Der Beitrag wurde am 26.08 2020 auf der Website der Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V. (GBW) veröffentlicht. Zum Artikel: https://bildung-wissen.eu/fachbeitraege/die-corona-krise-zeigt-wozu-die-schule-eigentlich-da-ist.html

Er ist die ungekürzte Version eines Artikels, der am 15.8.2020 unter dem Titel „Die Coronakrise zeigt, wozu die Schule da ist“ in der „taz“ erschien: https://taz.de/Die-steile-These/!5703228/

Der Artikel erscheint mit freundlicher Genehmigung des Autors auf Schulforum-Berlin.

Online-Lernplattform für Schüler hat ein Sicherheitsproblem

Daten von Schülern und Lehrern in Gefahr

Berlins oberste Datenschützerin fordert Nachbesserungen bei der landeseigenen Online-Lernplattform für Schüler. Doch die Bildungsverwaltung ist untätig.

Robert Kiesel

Fünf Monate nach Einleitung eines Prüfverfahrens zur Online-Lernplattform „Lernraum Berlin“ bleibt die Senatsverwaltung für Bildung wesentliche Informationen noch immer schuldig. Auf Tagesspiegel-Anfrage hin erklärte die Berliner Datenschutzbeauftragte Maja Smoltczyk, sie müsse weiter davon ausgehen, dass die Plattform nicht entsprechend der Datenschutzgrundverordnung betrieben werde. Außerdem sieht sie „erhebliche Mängel bei der Löschung von Daten aus dem Lernraum“ und kritisierte die Einbindung der Videokonferenzlösung „Webex“ [1] in die Plattform. Diese war jüngst in einem Kurztest Smoltczyks durchgefallen. Die Bildungsverwaltung erklärte, mit Smoltczyk in Kontakt zu stehen und an der Behebung der Probleme zu arbeiten.

„Aus unserer Sicht haben nahezu alle Videokonferenzsysteme in Sachen Datenschutz noch nachzubessern“, so Dr. Stefan Brink, Landesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Baden-Württemberg (LfDI). Uneingeschränkt empfohlen werden kann bislang nur BigBlueButton, das in die vom Land bereit gestellte Lernmanagementsoftware Moodle integriert ist. „Hier bleiben alle Daten der Lehrer*innen und Schüler*innen unter Kontrolle von Landeseinrichtungen und werden nicht an Drittunternehmen oder Dienstleister außerhalb des Geltungsbereichs europäischen Datenschutzrechts übermittelt“, so Dr. Brink. (Pressemitteilung, 24.06.2020)

Smoltczyk zufolge hatte ihre Behörde „ausdrücklich darauf hingewiesen“, dass die Ferienzeit besonders für Änderungen im Sinne des Datenschutzes geeignet sei, weil „zu dieser Zeit Beeinträchtigungen für die Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrkräfte vermieden werden können.“ Die Chance blieb ungenutzt […].

[1] Das Unternehmen WebEx Communications Inc. wurde 2007 von Cisco Systems übernommen und in das Unternehmen integriert. Cisco Systems, Inc. ist ein US-amerikanisches Unternehmen aus der Telekommunikationsbranche. Bekannt ist es vor allem für seine Router und Switches.

zum Artikel: Tagesspiegel, 18.07.2020, Robert Kiesel

Textauswahl im grau unterlegten Einschub sowie Hervorhebungen im Fettdruck durch Schulforum-Berlin.


Der Leserbrief, der von Schülern der Klasse 811 und 812 der Sophie-Scholl-Oberschule Berlin geschrieben wurde, erschien am 5.02.2018 in der FAZ:

[W]ir haben im Unterricht den Artikel „Der Spion im Klassenzimmer“ vom 17.1.2018 gelesen und darüber diskutiert. Wir stimmen Herrn Lankaus kritischer Sicht zur Digitalisierung von deutschen Schulen zu. […] Wir sind gegen die Digitalisierung von Schulen, weil wir nicht wollen, dass unsere Daten ausgekundschaftet und benutzt werden. Dass die Schulen dafür noch bezahlen sollen, finden wir absurd. Gewisse Daten könnten in unserem späteren Leben wieder verwendet werden. Wir haben als Jugendliche das Recht, Fehler zu machen und daraus zu lernen, ohne dass sie uns im späteren Leben zum Verhängnis werden.

Die Frage bleibt aktuell:
Wer schützt uns vor unseren Daten?

Smartphone-Daten geben Rückschlüsse auf die Persönlichkeitsmerkmale

Was dein Smartphone über deinen Charakter verrät

MDR Wissen, 16. Juli 2020, 09:52 Uhr

Für zahlreiche Menschen ist das Smartphone zu einem ständigen Begleiter geworden. Ohne das Telefon in der Tasche, fühlt man sich direkt etwas nackt. Denn es kann ja auch so viel: Apps verraten den Weg, lenken ab oder wir kommunizieren mit unseren Liebsten. Doch das Smartphone erzeugt auch ständig Daten. Und die lassen teils besorgniserregende Rückschlüsse auf unsere Persönlichkeit zu, wie Forschende in einer aktuellen Analyse zeigen konnten.

Smartphones können so einiges – wie viel genau die hoch entwickelten Computer mit den zahlreichen Sensoren können, ist aber den wenigsten Menschen wirklich bewusst. Mit ihnen ist es zum Beispiel ein Leichtes, umfangreiche Aufzeichnungen unseres Verhaltens zu erfassen. Und das kann die Privatsphäre ernsthaft gefährden. Das jedenfalls ist eine Schlussfolgerung von Forschenden der Ludwig-Maximilians-Universität München und der renommierten US-Universität Stanford. Das Team um den deutschen Erstautoren Dr. Clemens Stachl hat daher untersucht, inwieweit Smartphone-Daten Rückschlüsse auf die Persönlichkeitsmerkmale von Menschen zulassen. Die Analyse ist im Fachmagazin Proceedings of the National Academy of Sciences publiziert worden.

Smartphones sammeln umfassend Daten über ihre Nutzerinnen und Nutzer und deren Verhalten – so zum Beispiel den Standort, die Kommunikation oder den Medienkonsum. Das Forschungsteam ist deshalb der Frage nachgegangen, inwiefern sich aus diesen Daten Rückschlüsse auf die sogenannten „Big Five“-Persönlichkeitsmerkmale [Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extrovertiertheit, Verträglichkeit, emotionale Stabilität] ziehen lassen. Mit diesem Modell beschreiben Psychologen die verschiedenen Charaktere von Menschen. Frühere Studien haben gezeigt, dass die „Big Five“ ein breites Spektrum von Lebensergebnissen in den Bereichen Gesundheit, politische Partizipation, persönliche und romantische Beziehungen, Kaufverhalten sowie akademische und berufliche Leistung vorhersagen können.

Diese Big Five-Persönlichkeitsdimensionen wollten die Forschenden anhand von sechs verschiedenen Kategorien des Smartphone-Verhaltens bewerten, die über Sensor- und Protokolldaten erfasst worden sind. Die Nutzenden mussten dem Forschungsteam also nicht direkt Auskunft geben, das hat sozusagen allein ihr Smartphone übernommen. Diese Kategorien waren die Kommunikation und das soziale Verhalten, der Musikkonsum, die App-Nutzung, die Mobilität, die allgemeine Telefonaktivität und die Tag- und Nacht-Zeitaktivitäten, schreiben die Forschenden.

Mithilfe eines Ansatzes aus dem maschinellen Lernen haben die Forschenden die Smartphone-Daten von 624 Freiwilligen an 30 aufeinander folgenden Tagen Daten gesammelt und analysiert [mehr als 25 Millionen Datenaufzeichnungen ihrer Smartphones].

Das Ergebnis: Bestimmte Verhaltensmuster in den sechs untersuchten Kategorien haben tatsächlich Rückschlüsse auf die Persönlichkeitsmerkmale zugelassen, so das Forschungsteam.

Die Daten ermöglichten eine relativ gute Vorhersage der „Big Five“-Persönlichkeitsmerkmale der Freiwilligen. Diese Vorhersagen seien ähnlich genau wie die, die Social Media-Plattformen aus den digitalen Fußabdrücken ihrer Nutzerinnen und Nutzer – also beispielsweise den Likes auf Facebook – ableiten können. Nur, dass bei den Smartphone-Daten eben nicht extra ein Button angeklickt werden müsse, sondern sie passiv in erheblichen Mengen von den Geräten erfasst würden – zum Beispiel durch App-Nutzungsprotokolle, Medien- und Website-Verbrauch, Standort, Kommunikation oder Bildschirmaktivität.

Vor allem die Analyse der Kommunikation und des sozialen Verhaltens sowie die App-Nutzung lassen Vorhersagen über die Persönlichkeitsmerkmale besonders gut zu. Dabei hätten sich am besten Aussagen über Offenheit, Gewissenhaftigkeit und Extraversion treffen lassen. Bei der emotionalen Stabilität dagegen sei das nur eingeschränkt möglich gewesen und für die Verträglichkeit überhaupt nicht. Und das alles, obwohl die Datenmenge, die sie genutzt hätten, recht konservativ gewesen sei, schreiben die Forschenden. Würde man noch mehr Sensoren und Protokolldaten verwenden, wäre eine präzisere Aussage über die Persönlichkeit mit ziemlicher Sicherheit möglich.

Die Forschenden warnen explizit vor dem Missbrauch dieser Daten für kommerzielle Zwecke oder beispielsweise die Manipulation von Menschen. Es gebe bereits viele kommerzielle Akteure, die schon Daten, wie sie in der Studie verwendet wurden, mithilfe öffentlich zugänglicher Anwendungen sammelten. […]

Hervorhebungen im Fettdruck und Textauswahl im Kasten durch Schulforum-Berlin.

Zum Artikel: MDR Wissen, Was Ihr Smartphone über Ihren Charakter verrät

Weitere Informationen und Fachbeiträge: https://schulforum-berlin.de/category/sozial-media-communities/

Weniger Abitur, mehr Vernunft

Von George Turner

Prof. Dr. George Turner war von 1986 bis 1989 parteiloser Senator für Wissenschaft und Forschung des Landes Berlin. Von 1989 bis 2000 lehrte Turner erneut als Professor für Wirtschafts- und Agrarrecht sowie Wissenschaftsverwaltung an der Universität Hohenheim. Turner war Gastprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im Berliner Tagesspiegel schreibt er eine regelmäßig erscheinende Kolumne.

Der Anteil der Jugendlichen einer Altersgruppe, die das Abitur ablegen, geht leicht zurück. Das wird diejenigen grämen, die unablässig für einen höheren Anteil geworben haben und denen 50 Prozent nicht ausreichen – darunter die Vertreter von Bildung und Kompetenzen der OECD.

Die neue Tendenz zeigt, dass die Betroffenen offenbar vernünftiger sind als die Experten. Dabei sollte unbestritten sein, dass Jugendliche, die über die entsprechenden Voraussetzungen verfügen, die bestmöglichen Bildungsabschlüsse erwerben, unabhängig von der finanziellen und sozialen Situation, in der sie sich befinden. Aber genau so sollte gelten, dass es verfehlte Planwirtschaft ist, wenn eine bestimmte Prozentzahl an Abiturienten als Ziel vorgegeben wird.

Welche verheerende Wirkung solche Signale auf das Schulwesen hat, erkennt man an der Noteninflation beim Abschluss. Die Anzahl der Einser-Abiturienten lässt die Glaubwürdigkeit der Notengebung und die Qualität der Inhaber der Zeugnisse fragwürdig erscheinen. Begonnen hat es mit den Zulassungsbeschränkungen im Fach Medizin. Aspiranten für das Fach wollte man den Zugang verwehren. Wenn man aber das durch Großzügigkeit bei der Notengebung erreichen wollte, musste das Niveau insgesamt angehoben werden, weil sonst solche, die nicht Medizin studieren wollten, ungerecht behandelt worden wären. Daraus ergab sich eine Spirale der ständig besseren Notengebung bis zu nicht mehr nachvollziehbaren Größenordnungen von Scharen von Absolventen mit dem Durchschnitt von 1,0 im Zeugnis.

Wenn nunmehr die Zahl der Abiturienten zurückgeht, kann das auch für den Arbeitsmarkt positive Folgen haben: Der beklagte Facharbeitermangel erklärt sich auch aus der Tatsache, dass es als unvermeidbare Einbahnstraße verstanden wurde, nach dem Abitur ein Studium aufzunehmen. Wenn die Reaktion der Betroffenen derart ist, dass sie andere Möglichkeiten des Berufseinstiegs sehen, sollte das dazu führen, dass Verbände und Unternehmen entsprechende Ausbildungsplätze attraktiv gestalten, damit das duale Ausbildungssystem keine Sackgasse für weitere Karrierechancen bedeutet.

Diejenigen, die beklagt haben, dass es zu wenige Bewerber für Berufe in Industrie und Wirtschaft gäbe, sollten jetzt mithelfen, eben dort interessante und zukunftsorientierte Stellen zu schaffen, damit die rückläufigen Abiturientenzahlen sich als das erweisen, was sie sein können: die Erkenntnis weiterer Jahrgänge, dass es nicht nur den einen Königsweg über das Abitur gibt.

Der Beitrag erscheint auf Schulforum-Berlin mit freundlicher Genehmigung des Autors. Seine E-Mail: george.turner@t-online.de

Bildung in Deutschland 2020

… mit Blick auf das „untere Ende des schulischen Qualitätsspektrums“:

54.000 Jugendliche 2018 ohne Hauptschulabschluss.

Diagramm aus: Bildung in Deutschaland 2020, S. 143

Bereits im vorangegangenen Bildungsbericht zeigte sich, dass auch am unteren Ende des schulischen Qualifikationsspektrums [!] der über viele Jahre beobachtete Rückgang der Abgangsquote nicht anhält. Im Gegenteil: Seit 2013 steigt die Quote auf zuletzt fast 7% wieder an; knapp 54.000 Jugendliche verließen 2018 die allgemeinbildenden Schulen ohne Hauptschulabschluss. Aus: Bildung in Deutschland 2020, S. 144

Das hehre Ziel des Dresdner Bildungsgipfels aus dem Jahr 2008, die Zahl der Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss bis zum Jahr 2015 auf vier Prozent zu senken, ist in fast allen Ländern verfehlt worden. Oft ist das Gegenteil der Fall: Die Schulabbrecherquoten sind in die Höhe geschnellt. Im Schulabbruch zeigt sich ein Systemversagen, für das es bisher keine Lösung gibt. […] Derzeit legt jedes Land andere Kriterien zugrunde, um sich die eigenen Zahlen schönzurechnen. In den Kultusministerien will man nämlich nicht so genau wissen, wie viele Schulabbrecher es tatsächlich gibt, weil sich schulpolitisches Scheitern nirgendwo deutlicher zeigt. FAZ, 25.08.2019, Heike Schmoll, Im Schulabbruch liegt Systemversagen

In Berlin verlassen deutschlandweit die meisten Jugendlichen die Schule ohne einen Abschluss.

Das hat eine am 29.07.2019 veröffentlichte Studie der Caritas ergeben. Laut dieser hatten 2017 11,7 Prozent der Schulabgänger keinen Hauptschulabschluss. 2015 waren es noch 9,3 Prozent [siehe nachfolgender Kasten]. Der Bundesdurchschnitt lag im Jahr 2017 bei 6,9 Prozent. Sie war damit einen Prozentpunkt höher als 2015 und lag auf demselben Niveau wie vor zehn Jahren. Bundesweit waren laut Caritas über 52.000 Jugendliche betroffen – 5000 mehr als noch zwei Jahre zuvor.

Auswahl des Diagramms, Hervorhebungen im Fettdruck und Textauswahl im Kasten durch Schulforum-Berlin.


Mehr zum Thema:

Das neue Grundsatzprogramm der Grünen versteht Bildungspolitik primär als Sozialpolitik. Den Anforderungen unserer Wissens- und Leistungsgesellschaft wird das Programm dadurch nicht gerecht.
Website von Rainer Werner, Gymnasiallehrer in Berlin und Buchautor

Berlin hat eine Bildungs-Leerstelle Die rot-rot-grüne Bildungspolitik ist eine Aneinanderreihung politischen Versagens.
Tagesspiegel, 06.08.2019, Kommentar von Sabine Beikler

1700 Berliner Zehntklässler ohne Abschluss
Mehr als jeder achte Sekundarschüler scheitert an den Prüfungshürden. Tagesspiegel, 16.10.2019, Susanne Vieth-Entus

Nationaler Bildungsbericht: Was wird aus den Schulabbrechern?
Es ist erschreckend, dass die Gruppe der Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss im neuen Bildungsbericht um zwanzig Prozent gewachsen ist.
FAZ, 24.06.2020, Heike Schmoll