Ungeniert und hemmungslos verbindet sich die Kompetenz mit
allen nur denkbaren Substantiven, von der Sprachkompetenz über die
Bürgerkompetenz bis zur Zukunftskompetenz. Doch braucht es dafür jeweils ein
eigenes Unterrichtsfach?
NZZ, 14.05.2019, Konrad Paul Liessmann
Konrad Paul Liessmann ist Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien.
Ist heute von Schule und Bildung die Rede, sind große Worte unvermeidlich. Immer geht es gleich um Exzellenz und Spitzenplätze, um das Beste für unsere Jugend, um flächendeckende Digitalisierung, um die großen Herausforderungen, um die Kompetenzen für das 21. Jahrhundert und das dritte Jahrtausend.
Apropos Kompetenzen: Der Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach hat jüngst davon gesprochen, dass «Kompetenz» unter unseren zeitgeistigen Begriffen derjenige ist, der die größte «Anbandelungswut» entwickelt hat. Ungeniert und hemmungslos verbindet sich die Kompetenz mit allen nur denkbaren Substantiven, von der Sprachkompetenz bis zur Reflexionskompetenz, von der Lesekompetenz bis zur Medienkompetenz, von der Sozialkompetenz bis zur Kommunikationskompetenz, von der Teamkompetenz bis zur Selbstkompetenz, von der Bürgerkompetenz bis zur Zukunftskompetenz reicht dieser halbseidene Reigen. Solch verbale Promiskuität ist in der Tat obszön, und anständige Menschen sollten das Wort Kompetenz, in welcher Verbindung auch immer, nicht mehr in den Mund nehmen.
Die eigentliche Unanständigkeit aber lauert hinter diesen Phrasen. Sie besteht im Glauben, dass Schule, Unterricht und Bildung junge Menschen umfassend auf die Zukunft vorbereiten und ihnen alle Fähigkeiten vermitteln könnten, die gebraucht werden, um die kommenden Herausforderungen anzunehmen. Und deshalb werden neue Kulturtechniken propagiert – Coding –, missliebige Inhalte entsorgt – die Kunst der alten weißen Männer –, neue Fächer oder Fächerbündel eingeführt – Ernährung, Medien und Klima – und moderne Lernformen verordnet – interaktiv, digital und ohne lästige Lehrperson.
Bilden bedeutet ganz
wesentlich, Errungenschaften weitergeben zu können.
Hinter all dem Wortgetöse, dem die pädagogische Praxis zum
Glück nur selten folgt, steckt ein grundsätzlicher Irrtum. Da kein Menschen
weiß, was die Zukunft bringen wird, ist es schlechterdings verantwortungslos,
dieses Unwissen zum Maßstab und zur Zielvorstellung für die Formen und Inhalte
des Unterrichts zu machen. Das führt nur zu Scharlatanerie und falschen
Propheten. Es geht nicht darum, herauszufinden, welche Bildung wir für
das 21. Jahrhundert benötigen, sondern darum, jene Bildung zu vermitteln,
die notwendig ist, um zu verstehen, warum die Welt so geworden ist, wie sie nun
einmal ist. Bilden bedeutet ganz wesentlich, Errungenschaften weitergeben zu
können. In ihrem Zentrum stehen die Leistungen der Vergangenheit.
Statt eine dubiose Zukunftsoffenheit zu propagieren, sollte
man lieber darüber nachdenken, was von dem, was Menschen bisher an Wissen und
Erkenntnis, an Kunst und Kultur, an Ethos und Moral, an Methoden und
Technologien entwickelt haben, aus guten Gründen erhalten, bearbeitet,
vermittelt und unterrichtet werden kann. Das hat nichts mit Traditionspflege
oder starrem Festhalten an Überholtem zu tun, sondern mit den notwendigen
Voraussetzungen für ein bewusstes und mündiges Leben in einer nicht gerade
einfachen Welt. Die Vergangenheit ist ein Fundament, aber keine Norm.
Vielleicht aber sollte man das Verhältnis von Zukunft und
Bildung zumindest versuchsweise überhaupt einmal radikal umdrehen. Wie wäre es,
wenn man die Bildung nicht an der Zukunft, sondern die Zukunft an der Bildung
misst? Es gibt großartige Entwürfe einer Erziehung zur Mündigkeit, zur moralischen und ästhetischen Sensibilisierung des Menschen, zur Humanisierung der Affekte, zu einem Streben nach Weisheit und Einsicht, die dafür herangezogen werden könnten. Man sollte auch einmal darüber nachdenken, wie eine Welt beschaffen sein müsste, die solchen Bildungsansprüchen genügte. Bildung benötigt keine Kompetenzen; sie benötigt Selbstbewusstsein.
Pädagogische Beziehung – Der Geheimcode für Lernerfolg
Trotz medialer Digitalisierung bleiben Lehren und Lernen analoge Prozesse. Die Unterrichtsforschung lenkt aktuell den Blick auf den unterschätzten Aspekt der Lehrer-Schüler-Beziehung. Ihre Qualität gehört zu den wirkungsmächtigsten Einflüssen auf die Lernleistung – und an ihr lässt sich arbeiten.
Der Pädagoge und Publizist Michael Felten war 35 Jahre Gymnasiallehrer in Köln. Heute berät er Schulen in punkto evidenzbasierte Unterrichtsqualität, veröffentlicht pädagogische Sachbücher (siehe nebenstehende Bücherliste und unter LINKS) und schreibt u.a. für ZEIT-online und SPIEGEL-online.
Die Digitalisierung der Schule ist in aller Munde. Nichts, was sich dadurch nicht bessern soll: die Leistungen der Schüler, ihre Motivation, vielleicht gar die Bildungsgerechtigkeit. So schwärmte ein Didaktiker kürzlich davon, dass Tablet und Internet nicht lediglich neue Werkzeuge seien. Der wahre Mehrwert digitaler Medien bestehe keineswegs darin, alte Ziele schneller zu erreichen, sondern vielmehr „völlig neue Zieldimensionen erstmals zu erschließen“. Die heraufziehende „Kultur der Digitalität“ tauche „die gesamte Gesellschaft in eine neue Denk-Nährlösung, in der auch solche Begriffe wie „Lernen“ und „Wissen“ neue Bedeutungen erhalten“. Klingt schier überwältigend – aber stimmt eigentlich, was so einnehmend daherkommt? Steht mit der Digitalisierung wirklich eine Bildungsrevolution ins Haus? Wird man schulisches Lernen in 10 Jahren allen Ernstes nicht mehr wiedererkennen? Hellsehen kann sicher niemand – man wird beobachten müssen, wie sich die Dinge entwickeln. Der aktuelle Forschungsstand weist jedenfalls in eine andere Richtung.
Digitale Lerneffekte auf dem Prüfstand
So besagt die XXL-Metastudie „Visible Learning“ des Neuseeländers John Hattie (2009/2017): Im Vergleich zur durchschnittlichen Lernprogression von Schülern (Effektstärke 0,4) bleiben die Lerneffekte durch Digitalisierung (mit Ausnahmen) leicht unterdurchschnittlich. Nicht Medien und Ressourcen sind entscheidend, sondern der Aktivierungsgrad der Schüler und die Lehrerimpulse zu gründlicher Stoffdurchdringung. Ob etwa jeder Schüler einen eigenen Laptop hat, ist relativ unbedeutend (0,16); wenn jedoch interaktive Lernvideos den Unterricht ergänzen, kann dies recht hilfreich sein (0,54). Auch im naturwissenschaftlichen Unterricht gibt es anscheinend Wichtigeres als IT-Einsatz (0,23), während sich bei besonderen Förderbedarfen digitale Hilfsmittel als förderlich erweisen (0,57).
Das lässt zumindest vermuten: Der analoge (weil anthropologisch bedingte) Flaschenhals beim Lernen lässt sich weder umgehen noch ignorieren; durch ihn muss zunächst hindurch, wer in der Welt halbwegs mündig ankommen will, auch in der zunehmend digitalisierten. Deshalb titelte ja der Medienwissenschaftler Ralf Lankau: „Kein Mensch lernt digital“. Das Potential des neuen Handwerkszeugs für die Schule ist dabei unbestritten. Üben und Anwenden können für Schüler reichhaltiger und individueller werden, Einsichten lassen sich vielfältiger vertiefen, es gibt mehr Möglichkeiten für Feedback und Kollaboration. Ein vollkommen anderes, etwa selbstgesteuertes Erarbeiten neuer Zusammenhänge aber ist bislang nicht in Sicht. Im Gegenteil: Das pädagogische Mantra der Eigenverantwortlichkeit hat im Licht der Empirie arg an Ansehen verloren.
Pädagogische Beziehung – altmodisch oder neuer Hit?
Dagegen lenkt Hatties riesige Datenbasis über Lehr-Lern-Effekte den Blick auf etwas gerne Unterschätztes: „Die Lehrer-Schüler-Beziehung gehört zu den wirkungsmächtigsten Einflüssen auf die Lernleistung von Schülern.“ Oder wie der Neurowissenschaftler Joachim Bauer so formuliert hat: „Der Mensch ist für den anderen Menschen die Motivationsdroge Nummer Eins.“ Als Kurzformel für die Schule: Unterricht ist vor allem Beziehungssache!
Es hängt nämlich ungemein stark vom Beziehungsklima der Lehrkraft ab, ob ich mich als Schüler auch an schwierige Sachverhalte herantraue oder aber vorzeitig aufgebe, ob ich mich auch mit lästigen Themen beschäftigen mag, ob ich meine Müdigkeit oder den Ärger mit meinen Tischnachbarn vorübergehend vergessen kann.
Umgekehrt beeinflussen Menschenbild und Kontaktfreudigkeit der Lehrkraft auch die eigene Berufszufriedenheit. Ob man immer wieder mit den verschiedensten Schüler gut zurechtkommt, ob Unterrichten einem auch nach Jahrzehnten noch Freude macht – das hängt stark davon ab, ob man junge Menschen in all‘ ihrer Unfertigkeit und Wildheit grundsätzlich mag (auch und gerade die „Schwierigen“); ob man sich für sie individuell interessiert und in sie hineinversetzen kann; ob man Lerngruppen gelassen und sicher zu führen vermag, auch durch schwierige Themen und turbulente Situationen.Potsdamer Lehrerstudie 2005
Lehrer-Schüler-Beziehung – was ist das eigentlich?
Pädagogische Beziehung ist also ein Geheimcode für Wirkerfolg wie Berufszufriedenheit, bildet aber in der Lehrerausbildung eine Art Grauzone. Dabei ist Beziehungsqualität weder Schicksal noch etwas Magisches – Lehrkräfte können auch in diesem eher emotionalen Bereich dazulernen. Zwar ist die Lehrer-Schüler-Beziehung imer persönlich geprägt, sie sollte aber zugleich professionellen Charakter haben. Schüler brauchen die Lehrperson als mitmenschliches Gegenüber beim Lernen – sie wollen als individuelle Persönlichkeiten wahrgenommen, unterstützt und geführt werden.
Konkret drückt sich das etwa darin aus, dass man an seinen Schülern interessiert ist und jeden auf seine Art schätzt; dass man Beiträge der Schüler aufgreift und vertiefende Rückfragen stellt; dass man die Stärken und Schwächen einzelner Schüler kennt und entsprechend anerkennen oder ermuntern kann; dass man außerhalb des Unterrichts auch für Persönliches ansprechbar ist; auch, dass man alle Abläufe im Klassengeschehen mitbekommt, eigene Fehler eingestehen kann, möglichst wenig ärgerliche oder abwertende Affekte zeigt. Nicht gemeint ist hingegen, Schülern der quasi „beste Freund“ sein zu wollen.
Das Geheimnis guter Klassenführung
Aber ich hab‘ doch 30 ganz verschiedene Schüler – wie kann
ich da zu jedem Einzelnen in Beziehung treten? Und das womöglich sechsmal am
Tag? Glücklicherweise haben Lernende gleich welchen Alters etwas Gemeinsames:
Sie sind innerlich auf die kompetente Lehrperson ausgerichtet und wollen deren
Beachtung und Bestätigung erfahren. Der Lehrer muss nur darum wissen – und seine
Rolle als gute Autorität un-ver-schämt spielen. Wenn diese Beziehung stimmt,
dann reisst man eine Lerngruppe einfach mit, auch bei Hitze, auch durch öden
Stoff. Wirkungsvolles classroom management ist also nichts Technisches, sondern
beruht auf einer inneren
Haltung des Anführens – sie wirkt in jeder Äußerung, durch jede
Entscheidung.
Kann man das denn lernen?
Diese zwischenmenschliche Dimension lässt sich nicht per Rezeptsammlung erwerben, aber im Berufsleben enorm ausbauen. Sie ist indes auch empfindlich, leicht hemmbar, schnell störanfällig. Berufsanfänger sind oft unsicher, ob die Schüler sie ernstnehmen; routinierte Lehrer leiden unter Lehrplanstress. Aber auch persönliche Eigenheiten einer Lehrkraft können stören: Perfektionismus etwa, oder eine allzu distanzierte Art; oder wenn sie um die Anerkennung von Schülern ringt oder Konflikte mit ihnen vermeiden will, sich also führungsscheu verhält.
Generell nimmt man als Lehrerin oder Lehrer Unterrichtsstörungen schnell persönlich: Man denkt dann, diese Schülerin fragt immer so komisch, die kann mich sicher nicht leiden; oder jener Schüler will mir mit seinen dauernden Witzen die Stunde kaputt machen; oder keiner schätzt meine aufwändigen Vorbereitungen. Und dann wird man schlecht gelaunt – oder schießt gar mit Kanonen auf Spatzen. Tatsächlich möchte das Mädchen vielleicht nur zeigen, welch tolle Gedanken sie sich zum Thema macht; und der Junge könnte von eigenen Verständnisschwierigkeiten ablenken wollen. Alfred Adler, Pionier der pädagogischen Tiefenpsychologie, hat wichtige Anregungen gegeben, wie man Störungen als subjektive Lösungen durchschauen – und ungünstige Energie in nützliche Bahnen lenken kann.
Dieser Beitrag erscheint mit
freundlicher Genehmigung des Autors auf Schulforum-Berlin.
Beitrag aus: https://www.goethe.de/de/spr/mag/21537868.html Das Goethe-Institut e. V. ist eine weltweit tätige Organisation zur Förderung der deutschen Sprache im Ausland, zur Pflege der internationalen kulturellen Zusammenarbeit und zur Vermittlung eines umfassenden Deutschlandbildes durch Informationen über das kulturelle, gesellschaftliche und politische Leben.
René Scheppler ist Lehrer an einer Wiesbadener Gesamtschule. Mit den studierten Fächern Geschichte und Deutsch.
Sie sind ein wahrer Innovator, vertrauensvoller Berater, leidenschaftlicher Fürsprecher, authentischer Autor und weltweit tätiger Botschafter? Sie wollen Ihren Kolleginnen und Kollegen den Weg zu effektiver Technologienutzung ebnen?
Sie wollen dem Konzern Microsoft helfen, im
Bereich Innovationen führend zu sein? Sie wollen Ihre Ideen für die
effektive Nutzung der Technologie im Bildungsbereich verfechten und mit
Kolleginnen und Kollegen und politischen Entscheidungsträgern teilen?
Sie wollen Einblicke in neue Produkte und Tools zur
Verfügung stellen und für Innovationen werben?
Dann können Sie sich bei den Firmen Apple und Microsoft für
die Teilnahme an konzernexklusiven Fortbildungsprogrammen für Lehrerinnen und
Lehrer bewerben und – nach Auswahl durch den Konzern und erfolgreicher
Teilnahme – zum Microsoft Innovative Educator Expert, Apple Distin
guished Educator oder – wenn Sie sich besonders „bewähren“ – zum Apple
Certified Trainer avancieren (1). Auf Apple Distinguished Educators trifft
man vereinzelt auch in den regionalenMedienzentren, die Schulen im
Auftrag der Kultusministerienund Schulträger im Bereich Digitalisierung
beraten.
Bild: HLZ 1-2/2019, S. 15, Rene‘ Scheppler
Mit diesen Zertifikaten dürfen Sie dann – als Nebentätigkeit
– im Dienst der Konzerne Vorträge halten, Fortbildungen anbieten und Schulen
beraten – auch wenn „das Führen eines solchen Titels“ nach einer Auskunft des
Hessischen Kultusministeriums nach Vorschriften „in § 58 Abs. 2 HBG sowie in §
3 Abs. 15 HSchG nicht gestattet“ ist (2). Dass sich allerdings eine ganze
hessische Schule mit dem Titel einer SamsungLighthouse School schmücken
darf, verwundert dann doch. Aber dazu später mehr…
Microsoft
Showcase School…
Auch eine andere Entwicklung ist aus den USA
inzwischen in Deutschland angekommen, wie die folgende Erfolgsbilanz von
Microsoft zur „Übernahme“ ganzer Schulen dokumentiert:
„Für das Schuljahr 2016/2017
hat Microsoft weltweit 4.800 Lehrende und 851 Schulen aus über 100 Ländern nominiert,
darunter sind 175 Lehrerinnen und Lehrer sowie 26 Schulen aus Deutschland. Das
Gesamtbudget von Microsoft für die weltweite Bildungsinitiative beläuft sich
auf 750 Millionen US-Dollar über einen Zeitraum von 15 Jahren (2003 bis 2018).“
(2)
Als Microsoft Showcase School können
sich jedoch nur die Schulen bewerben, „die bereits Microsoft Lösungen wie
Surface-Tablets, Office 365 Education, Office Mix, OneNote, Skype oder
Minecraft“ nutzen. In Hannover gibt es inzwischen die erste staatliche Schule,
die sich als Apple DistinguishedSchool bezeichnen kann. Aber
auch diese Auszeichnung erfolgt nicht, ohne dass die folgenden von Apple
festgelegten Voraussetzungen erfüllt sind:
„Ein One-to-One Programm mit
iPad oder Mac für Schüler und Lehrer ist seit mehr als zwei akademischen Jahren
eingerichtet. Alle Schüler an Ihrer Schule nutzen Apple Geräte als primäres
Lerngerät. Alle Lehrer an der Schule nutzen Apple Geräte als primäres
Unterrichtsgerät. Lehrkräfte integrieren Apple Apps zur Erstellung von Inhalten
(Fotos, iMovie, GarageBand, Pages, Keynote, Numbers und iBooks Author),
Lernapps aus dem App Store, Bücher aus dem iBooks Store und Lernmaterialien aus
iTunes U intensiv in den Lehrplan. Lehrer verfügen über eine hohe Kompetenz
beim Verwenden von Apple Produkten. Für Schulen der Primar- und Sekundarstufe
in Deutschland müssen vor Ablauf der Bewerbungsfrist 75 Prozent der Lehrer an
der Schule als Apple Teacher anerkannt sein.“ (2)
… und
die Samsung Lighthouse School
Im südhessischen Rüsselsheim gibt es die erste
und bisher einzige deutsche Samsung Lighthouse School, auf die der Kreis
Groß-Gerau als Schulträger des Neuen Gymnasiums und Landrat Thomas Will (SPD)
besonders stolz sind. „Wir haben viele Leuchttürme im Kreis Groß-Gerau, aber
dieser leuchtet besonders hell“, erklärte Will bei der Überreichung der Urkunde
durch die Vertreter von Samsung im September 2015.
Deutlich weniger begeistert zeigte sich Landrat
Will von einer Anfrage des Autors dieses Artikels, ob er denn bereit sei, den
Inhalt und das konkrete Ausmaß der „Kooperation“ transparent zu machen. Der
Vertrag sei schließlich nicht vom Schulträger unterzeichnet worden und er sei
als Landrat nur bei der Unterzeichnung anwesend gewesen. Auch das Hessische
Kultusministerium erklärte sich für nicht zuständig:
„Da die erbetenen
Informationen dem Hessischen Kultusministerium nicht vorliegen, kann Ihrem
Antrag nicht entsprochen werden.“ (2)
Die Schulleitung des Neuen Gymnasiums verwies
auf „ein schutzwürdiges Interesse (…) der Firma Samsung“, die „die entsprechende
Information bereits verweigert hat“. Hierzu muss man wissen, dass auch das Land
Hessen seit Mai 2018 ein „Informationsfreiheitsgesetz“ hat. Nach § 80 hat jede
Bürgerin und jeder Bürger gegenüber Behörden und öffentlichen Dienststellen
einen „Anspruch auf Zugang zu amtlichen Informationen“, womit „alle amtlichen
Zwecken dienenden Aufzeichnungen, unabhängig von der Art ihrer Speicherung“ gemeint
sind.
Nach den zugänglichen Zeitungsberichten und
Informationen auf der Homepage der Schule finanziert Samsung als Sponsor der
Schule die Einrichtung einer „Tablet-Oberstufe“, wobei die Samsung-Tablets „zu
einem reduzierten Preis“ in das Eigentum der Schülerinnen und Schüler
übergehen.
Auch andere Elemente der Kooperation sind prototypisch: • Eine wissenschaftliche Begleitung – in diesem Fall durch den Medienpädagogen Professor Dr. Stefan Aufenanger – sorgt für die nötige Seriosität.
• Als Ausdruck der „Gemeinnützigkeit“ dient die Einbettung entsprechender Kooperationen in Wettbewerbe oder gemeinnützige Stiftungen. In diesem Fall fand die Verleihung der Urkunde an das Neue Gymnasium „im Rahmen der Prämierung des Wettbewerbs IDEEN BEWEGEN der von der Samsung Electronics GmbH geförderten Initiative DIGITALE BILDUNG NEU DENKEN“ statt (3).
„In ihrer Offenheit schon
fast putzig…“
In anderen Bundesländern sieht man entsprechende
Kooperationen offensichtlich distanzierter. Wolf-Jürgen Karle vom
Ministerium für Bildung und Wissenschaft des Landes Rheinland-Pfalz, der das
Ansinnen der IT-Konzerne in einem Artikel der WELT 2013 „in ihrer
Offenherzigkeit“ als „schon fast putzig“ (4) bezeichnete, verwies auf die
Dienstpflichten der Lehrkräfte:
„Für Lehrkräfte im Beamten- wie im
Beschäftigtenverhältnis gilt das Neutralitätsgebot. Jede einseitige
Unterrichtung und Information ist unzulässig.“
Lehrkräfte, die sich für den bevorzugten oder
ausschließlichen Einsatz von Apple-Geräten im Klassenzimmer einsetzten,
verstießen „gegen geltendes Recht in Rheinland-Pfalz“.
Das niedersächsische Kultusministerium erklärte auf
dieselbe Anfrage der WELT, dass die von Apple angebotenen „Fortbildungsreisen“
gegen die Antikorruptionsrichtlinien verstoßen, „die für alle beim Land
beschäftigten Lehrkräfte gelten“.
Und was soll daran schlimm sein?
„Das ist doch weltfremd.“ Mit diesen Worten und dem Hinweis
auf das Auslaufen der Kooperationsvereinbarung im Sommer 2018 kommentierte der
stellvertretende Schulleiter des Neuen Gymnasiums eine Anfrage der FAZ zur
Pressemitteilung der GEW (5). Den „Mehrwert“ aus der Kooperation „möchte man
nicht mehr missen“. Und so sehen das mit Sicherheit auch viele Lehrerinnen und
Lehrer, Schülerinnen und Schüler und Eltern der Schule. Also: Wo ist hier die
Gefahr?
In dem Maße, in dem der Staat seine Aufgaben im Rahmen der
Lehreraus- und -fortbildung vernachlässigt und sogar an Konzerne mit
erkennbaren und formulierten Eigeninteressen zu Gunsten der eigenen Produkte
abgibt, verliert er die eigene Expertise in diesem Bereich.
In zahlreichen Bundesländern kann man dies bereits an der
erschreckend geringen Zahl von Fortbildungsangeboten staatlicherseits ablesen.
So werden beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern wichtige Zukunftsthemen in
der digitalen Welt in produktexklusive Fortbildungen ausgelagert.
Werbung in Schulen ist in Hessen ausdrücklich verboten,
doch der (neue) § 3 Abs.15 des Hessischen Schulgesetzes zeigt, wo es langgehen
kann:
„Schulen dürfen zur Erfüllung ihrer
Aufgaben Zuwendungen von Dritten entgegennehmen und auf deren Leistungen in
geeigneter Weise hinweisen (Sponsoring), wenn die damit verbundene Werbewirkung
begrenzt und überschaubar ist, deutlich hinter den schulischen Nutzen zurücktritt
und das Sponsoring mit dem Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule vereinbar
ist. Die Entscheidung trifft die Schulleiterin oder der Schulleiter.“
Der Staat vernachlässigt
seine Aufgaben
Offensichtlich – und eine andere Lesart ist
kaum möglich – ist der Staat nicht mehr in der Lage, den ihm hoheitlich
aufgetragenen Verpflichtungen zur vollumfänglichen Finanzierung von Schulen nachzukommen.
Auch im Bereich der Lehreraus- und -fortbildung ist man offenbar nicht mehr in der
Lage, der Versuchung zu widerstehen, Dritten Zugänge zu gewähren, so dass der Eindruck
der Abhängigkeit immer deutlicher wird.
Das Argument, dass sich „die Konzerne nun mal
am besten mit der Technik und den eigenen Produkten auskennen“, ist zugleich
ein Affront gegenüber den Medienzentren, die trotz viel zu geringer Ausstattung
gute Arbeit leisten. Wer sich an derartige Strukturen gewöhnt hat, wird
mittelfristig nicht mehr in der Lage sein, sich daraus aus eigener Kraft zu
befreien und unabhängig seinen ursprünglichen Aufgaben nachzukommen.
Angesichts dieser Entwicklungen ist es nur noch
eine Frage der Zeit, bis wir uns die Frage stellen müssen, wie wir uns aus
dieser „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ wieder befreien können. Um eine Generation
zu erziehen, die den Mut hat, „sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen“,
scheint die Etablierung von Apple Distinguished Schools, MicrosoftShowcase Schools und Samsung Lighthouse Schools nicht der
vielversprechendste Ansatz zu sein.
Dieser Beitrag erscheint mit freundlicher Genehmigung des Autors auf Schulforum-Berlin.
Dem Schreiben hat diese Entwicklung der letzten Jahre nicht gut getan: Immer weniger Schüler konnten es ausreichend üben.
F.A.Z. – BILDUNGSWELTEN, 04.04.2019, von Rainer Werner
Rainer Werner unterrichtete an einem Berliner Gymnasium Deutsch und Geschichte. Er ist Verfasser des Buches „Auf den Lehrer kommt es an“, siehe Bücherliste. Rainer Werner hält Vorträge zu pädagogischen Themen und berät Schulen bei der inneren Schulreform.
2016
sorgte eine Meldung für Aufsehen: Das Bundeskriminalamt konnte von 120 Stellen
nur 62 besetzen, weil zu viele Bewerber trotz Abiturs beim Deutschtest
durchgefallen waren. Der Test erfragt Kenntnisse in Rechtschreibung, Grammatik,
Wortschatz und Sprachverständnis. Von der Polizei der Länder hört man ähnliche
Klagen. Viele Bewerber fallen vor allem durch die Sport- und
Rechtschreibprüfung. Können die jungen Menschen heute nicht mehr richtig
schreiben?
Wir
leben in einer Gesellschaft, in der ständig geredet wird. Überall sieht man
Menschen telefonieren, sei es auf der Straße, im Café oder in der Straßenbahn.
Alle Fernsehsender haben Gesprächsformate im Programm, in denen sich Menschen,
die sich für Experten halten, über alle möglichen Themen unterhalten. Die
Talkshow ist zum zweiten Wohnzimmer der Deutschen geworden. Für das Sprechen in
diesem Gesprächskosmos gibt es keine Qualitätsmaßstäbe. Man darf reden, wie
einem der Schnabel gewachsen ist. Die lockere Diktion, Umgangssprache
inklusive, gilt als Ausweis von Authentizität. Der Linguist Gerhard Augst
vertritt die These, dass sich in unserer Gesellschaft das Gesprochene als
Standardsprache durchgesetzt habe, was es schwer mache, auf die Dominanz der
Schriftsprache zu pochen. Dem Sprachwissenschaftler Peter Gallmann fiel auf,
dass Kinder vor allem in Regionen, in denen es einen ausgeprägten Dialekt gibt
(Bayern, Schwaben), die Rechtschreibung gut beherrschen. Weil sie wissen, dass
gesprochene und geschriebene Sprache nicht dasselbe sind, lernen sie die
Schriftsprache als eigenständiges sprachliches System. Im Rest der Republik schreiben
Schüler, wie sie sprechen.
In
der Schule drückt sich die Dominanz der gesellschaftlichen Redekultur im
starken Gewicht des Mündlichen aus. In der Sekundarstufe I zählt in allen
Fächern die mündliche Mitarbeit zur Hälfte, in den Grundkursen der gymnasialen
Oberstufe zu zwei Dritteln. Die in allen Bundesländern eingeführte 5.
Prüfungskomponente des Abiturs, eine Präsentationsprüfung, besteht zumeist nur
aus einer mündlichen Leistung. Nur wenige Bundesländer verlangen zusätzlich
noch eine Facharbeit. Die meisten Gymnasiasten punkten im Mündlichen: Sie sind
eloquent und verfügen über einen differenzierten Wortschatz. Die Noten fallen
entsprechend gut aus. Liest man hingegen von Schülern verfasste Texte, stellt
man fest, dass ihre Qualität deutlich hinter der Qualität ihrer mündlichen
Beiträge zurückbleiben. Wenn es auf logische Gedankenführung, den präzisen
Ausdruck und schlüssig zu Ende geführte Sätze ankommt, versagen auffallend
viele Schüler. Selbst bei Abiturienten kann man erleben, dass sie in Orthografie
und Interpunktion nicht sicher sind. Diese Defizite lassen darauf schließen,
dass Schüler zu wenig mit schriftlichen Aufgaben konfrontiert werden. Die
Benennung der Fehler bei der Korrektur und die kritischen Randbemerkungen der
Lehrkraft bleiben meistens ohne Folgen, weil den Schülern in der Regel nicht
mehr zugemutet wird, von Aufsatz und Klausur eine Berichtigung anzufertigen.
Universitäten
klagen darüber, dass den Erstsemestern trotz attestierter guter Schulabschlüsse
die Grundlagenkompetenzen in der Sprache fehlen. Dazu gehört vor allem die
Fähigkeit, einen Gedankengang klar, schlüssig, logisch und fehlerfrei zu
formulieren. Die Befragung von Studenten, die die Universität Konstanz jährlich
durchführt, hat 2015 ergeben, dass mehr als 25 Prozent der Bachelorstudenten
ihr Studium abbrechen. Neben der Doppelbelastung aus Studium und Job werden vor
allem fachliche Mängel als Grund angegeben. 52 Prozent der Absolventen und 45
Prozent der Abbrecher gestehen ein, dass ihnen Kenntnisse und Techniken zum Verfassen
akademischer Arbeiten fehlten. Die gymnasiale Oberstufe, und hier vor allem das
Fach Deutsch, scheint dabei zu versagen, den Abiturienten das für ein
erfolgreiches Studium nötige sprachliche Rüstzeug zu vermitteln.
An
theoretischen Vorgaben fehlt es beileibe nicht. Die „Bildungsstandards im Fach
Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife“ (KMK-Beschluss vom 18.10.2012)
machen klare Aussagen zum Beherrschen der Schriftsprache: „Die Schülerinnen und
Schüler verfassen inhaltlich angemessene kohärente Texte, die sie
aufgabenadäquat, konzeptgeleitet, adressaten- und zielorientiert, normgerecht,
sprachlich variabel und stilistisch stimmig gestalten.“ Auch die
Deutsch-Lehrpläne für die Sekundarstufe II der einzelnen Bundesländer geben das
Ziel vor, dass die Schüler „die Fähigkeit entwickeln, in angemessener Weise
anspruchsvolle, komplexe Sachverhalte schriftlich zu formulieren“. (Beispiel
Berlin) – Papier ist offensichtlich geduldig, sonst klafften beim Beherrschen
der Schriftsprache Anspruch und Wirklichkeit nicht so weit auseinander.
Die
Grundschuldidaktikerin Ulrike Holzwarth-Raether sieht die Ursachen für die
Defizite im Schreiben schon vor der Grundschule gelegt. Mit den Kindern werde
heute zu wenig gesungen und artikuliert gesprochen. Das behindere die Entwicklung
der Laut-Buchstaben-Zuordnung, die eine wichtige Voraussetzung für den
Schrifterwerb sei. In der Schule wird das Schreiben von Texten auf allen
Schulstufen vernachlässigt. Bei Schülern gilt schreiben als lästig und
„uncool“. Häufig hört man schon in der Unterstufe des Gymnasiums die Frage:
„Müssen wir das wirklich aufschreiben?“ – In der Sekundarstufe I ist das
Mitschreiben im Unterricht nicht mehr verpflichtend, weil die Schüler ja
Arbeitsbögen zum Stoff der Stunde bekommen. Abheften von Papier ersetzt die
Mühe, das Gehörte gedanklich zu verarbeiten und in adäquate Sätze zu kleiden.
Stundenprotokolle haben in vielen Fächern den Rang einer Strafarbeit bekommen:
„Wenn du nicht aufpasst, musst du die Stunde protokollieren!“ – Dabei zwingt
gerade die Reduktion des Unterrichtsstoffes auf den knappen Umfang eines
Protokolls zu gedanklicher Konzentration und präziser Formulierung.
Bei
der Ausbildung schriftlicher Kompetenzen muss man früh beginnen. In
Grundschule, Unterstufe und Sekundarstufe I sollte regelmäßig geschrieben
werden. Es hat sich bewährt, in jede Unterrichtsstunde eine kleine
Schreibaufgabe einzubauen, deren Resultate noch in der Stunde inhaltlich und
sprachlich überprüft werden. Mit kreativen Schreibaufgaben (Beispiel: zwei
literarische Figuren schreiben sich Briefe) kann man die Schreibaversion der
Schüler am ehesten aufbrechen. Es ist unbedingt notwendig, Schülertexte zu
korrigieren. Tut man das nicht, verfestigt sich der Eindruck, es sei letztlich
egal, wie man schreibt. Da die Kapazitäten der Lehrkräfte begrenzt sind, können
sie nicht ständig Schülertexte einsammeln und zu Hause korrigieren. Hier bietet
sich die „Schreibkonferenz“ an. Drei bis vier Schüler korrigieren gemeinsam
ihre Texte, bis sie verständlich und fehlerfrei sind. Wenn diese Methode häufig
angewandt wird und wenn die Lehrkraft die Qualität der Endprodukte überprüft,
wird sich die Schreibkompetenz der Schüler zwangsläufig verbessern. Dann werden
die Texte beim logischen Aufbau, bei der schlüssigen Gedankenführung und bei der
grammatisch-orthografischen Korrektheit kaum noch Fehler aufweisen. Auch hier
bewährt sich das leider in Misskredit geratene didaktische Prinzip des
beharrlichen Übens und Verbesserns.
Schulen
können das Schreiben auch durch bessere Rahmenbedingungen aufwerten. Wenn der
Deutsch-Fachbereich einen Preis für den besten Aufsatz in einem Jahrgang
aussetzt, werden sich Schüler angesprochen fühlen, ihre Schreibkünste unter
Beweis zu stellen. Eine Schülerzeitung, die Beiträge von Schülern
veröffentlicht, kann signalisieren, dass Schreiben ein „cooles“ Handwerk ist.
Dass Lesen die Schreibkompetenz erhöht, ist durch Studien bestens belegt.
Regelmäßiges Lesen vergrößert den Wortschatz und festigt die Orthografie.
Lesewettbewerbe gehören deshalb in jede Schule. Die Polytechnische Gesellschaft
Frankfurt/M. führt einmal im Jahr einen Diktatwettbewerb durch, an dem sich
Eltern, Schüler und Lehrer beteiligen. Die Sieger treten gegen die Sieger
anderer Städte an. Dieses Projekt zeigt, dass der Wettstreit um sprachliche Korrektheit
genauso reizvoll sein kann wie ein Sport- oder Musikwettbewerb. Es ist Zeit für
eine Schreiboffensive.
Dieser Beitrag erscheint mit freundlicher Genehmigung des Autors auf Schulforum-Berlin.
Was kommt
heraus, wenn eine Schule sich strikt nach Hattie und Co. ausrichtet? Ein bemerkenswert
traditionell arbeitendes Kollegium
NEWS4TEACHERS, 21.03.2019, Andrej Priboschek
Auf dem Deutschen Schulleiterkongress (DSLK) stellte der Aschaffenburger Direktor Michael Lummel sein Prinzip einer strikt nach wissenschaftlichen Erkenntnissen arbeitenden Schule vor. Das Erstaunliche: Heraus kommt ein wohltuend konservatives Gymnasium, das auf Förderung und bewährte Unterrichtsmethoden setzt – sich gleichwohl vor Innovationen nicht verschließt. Aber nur dann, wenn sie nachweislich Erfolg versprechen.
Inoffizieller Auftakt zum Deutschen Schulleiterkongress vom 21. bis 23. März 2019 in Düsseldorf: Am „Vor-Kongress-Tag“ vor der offiziellen Eröffnung stehen Workshops für Schulleitungen auf dem Programm. Einerseits zur Selbstoptimierung von Führungskräften: darunter „Ihre Strategie für mehr Gelassenheit im Leistungsalltag“, „Werkzeugkoffer Körpersprache“ oder (stark besucht!) „Wenn es knallt … – Überwinden Sie Widerstand und Verweigerung im Kollegium mit Ihrer Konfliktmanagementstrategie“. Andererseits Programme zur Schulentwicklung: „Entwickeln Sie einen Masterplan zur Digitalisierung Ihrer Schule“ [siehe auch nachfogender Beitrag auf Schulforum-Berlin] etwa oder „Ihr Konzept für mehr Zusammenhalt im multiprofessionellen Team“.
Unter den Referenten fällt ein Schulleiter auf – Michael Lummel, Direktor des Friedrich-Dessauer Gymnasiums in Aschaffenburg. Er präsentiert ein besonderes Thema: sich selbst, genauer: seine Art, die Schule nach wissenschaftlichen Kriterien zu leiten. Titel des Workshops: „Ohne Fleiß kein Preis! Von der Hattie-Theorie zur Entwicklungsstrategie für Ihre Schule“.
Mit der „Hattie-Theorie“ sind die Erkenntnisse von John Hattie gemeint, dem wohl berühmtesten Bildungsforscher der Welt. Der neuseeländische Professor hat 50.000 Studien mit den Daten von insgesamt 236 Millionen Schülern zu einer Meta-Studie zusammengefasst und daraus Erkenntnisse gezogen, welche Maßnahmen in Schule und Unterricht tatsächlich leistungsfördernd wirken. Für Schulleiter Lummel bieten Hattie und die empirische Bildungsforschung überhaupt „einen inneren Kompass“, nach dem er Entscheidungen ausrichten kann. Heraus kommt nach Lummels Schilderung eine Schule, die in vielen pädagogischen Fragen konservativer tickt, als man zunächst annehmen könnte. Gleichwohl lassen sich Schulleitung und Kollegium hin und wieder auch auf Neuerungen ein, die exotisch anmuten – tatsächlich aber stets wissenschaftlich begründet werden können.
Der Reihe nach: „Häufig ist nicht der Widerstand gegen Reform das Problem, sondern die unkritische Akzeptanz von zu viel Innovation“, sagt Lummel. Anders ausgedrückt: „Jeden Tag wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben.“ Ob die Neuerung aber tatsächlich die Lernergebnisse verbessert, werde selten im Vorhinein eruiert – mit der Folge, dass allzu häufig echte Erfolge ausblieben und sich Erschöpfung und Frustration unter den Akteuren breitmache.
Ein Beispiel: offener Unterricht. Schulen, in denen Kinder
in „Lernlandschaften“ sich selbstständig und interessengeleitet Wissen aneignen
sollen, würden mit Schulpreisen bedacht und in Medien gefeiert. Die Ergebnisse
der empirischen Forschung aber seien diesbezüglich „extrem ernüchternd“. In
Mathematik beispielsweise sei ein Unterricht „durch einen Lehrer, der’s
studiert hat und der den Stoff strukturiert, deutlich besser als zu sagen:
Erarbeitet Euch das mal selber“. Auch der immerzu geforderte Realitätsbezug in
Mathe sei zwar „am Zeitgeist orientiert“ – habe aber bei Hattie eine
Effektstärke nahe null ergeben. Mit anderen Worten: bringt praktisch nichts.
(„Herr Lummel, Sie haben mein Leben zerstört“, so habe eine Referendarin ihm
diese Erkenntnis quittiert, berichtet er lächelnd). „Lasst es auch ruhig mal
abstrakt sein“, schlussfolgert der Direktor, selbst ursprünglich Lehrer für
Englisch und Geschichte.
“Muss das auch noch sein?”
Hohe Effektstärken – und pädagogische Erfolge in der Praxis seiner Schule – brächten dagegen eher tradierte Lernformate, Förderkurse für „Wackelschüler“ beispielsweise (und die dann auch zumeist frontal). Diese „Direct Instruction“ bedeute aber nicht, dass der Lehrer stundenlang vor sich hin doziere – im Gegenteil: Kurze, knackige Erklärungsphasen. Und dann: möglichst viel Übungszeit [siehe dazu mehr auf Schulforum-Berlin]. Sogar Leseförderung haben Lummel und sein Kollegium deshalb an seiner Schule eingeführt – an einem Gymnasium, das gute Schüler voraussetzt, eine ungewöhnliche Maßnahme. Gleichwohl reifte im Kollegenkreis die Erkenntnis, dass geschätzt zehn Prozent der Kinder nicht als ausgereifte Leser aus der Grundschule kommen – das dann eingeführte Förderkonzept baut, natürlich, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Ebenso übrigens wie eine Innovation, die ihm selbst zunächst
ein gernervtes „Muss das auch noch sein?“ entlockt habe, gestand Lummel. Ein
Lehrer seines Kollegiums sei zu ihm gekommen und habe Hometrainer für seine
Klasse haben wollen. Lummel ließ sich durch die Expertise der Universität Wien
überzeugen, dass die Sportgeräte im Unterricht wirklich gesundheits- und
konzentrationsfördernd seien. Ergebnis, so Lummel: „Das war in den vergangenen
zwei Jahren unsere beliebteste Klasse.“
Mitunter stößt aber die Wissenschaftlichkeit auch an Grenzen – bei der Frage beispielsweise, ob die Schule das Doppelstundenprinzip einführen soll. Er habe alle namhaften Bildungsforscher in Deutschland kontaktiert und gefragt, ob Einzel- oder Doppelstunden grundsätzlich lernförderlicher seien, berichtete Lummel, aber von allen die Antwort erhalten: keine Ahnung, das haben wir nicht erforscht. Für Lummel hieß das in der Konsequenz: keine Umstellung des gesamten Stundenplans. „Wenn ich eine Reform angehe“, so der Schulleiter, „dann brauche ich Hinweise, dass die wirklich etwas bringt. Sonst lasse ich’s.“
Der Deutsche Schulleiterkongress (DSLK) ist die jährlich stattfindende Leitveranstaltung für schulische Führungskräfte in Deutschland.
Grau unterlegte Einschübe und Hervorhebungen im Fettdruck durch Schulforum-Berlin. zum Artikel: NEWS4TEACHERS
Was macht
die geplante digitale Schulreform mit unseren Kindern?
Vortrag von Peter Hensinger, M.A., gehalten bei der „Elterinitiative Schule-Bildung-Zukunft“, Stuttgart, 9.2.2019
Es ist
tatsächlich das Topthema in der Politik: die digitale Transformation der
Gesellschaft. Sie müsse schnell kommen, lesen wir überall, insbesondere die
Smart City. Sonst hänge Deutschland ab. Digitalminister werden eingesetzt, die
Bundesregierung beruft einen Digitalrat, veranstaltet Kongresse zur digitalen
Bildung. Ein Erscheinungsbild der Digitalisierung können wir auf Schritt und
Tritt beobachten: ob im Zug, in der S-Bahn oder auf der Straße: gebückt
schweigende Menschen, die auf ihr Smartphone starren. Und sie nutzen es vom
Aufstehen bis zum Schlafengehen. In der JIM – Jugendstudie zur Mediennutzung
von 1998 gab es noch kein Kapitel zu Handys. Heute ist es in der Studie ein
Hauptthema. 2011 hatten 26% der Jugendlichen ein Smartphone, 2016 sind es schon
92 % (MPFS, JIM, 2016, S. 46). Die Veränderungen in der Gesellschaft sind
enorm: das Kommunikationsverhalten hat sich völlig verändert, verändert hat
sich die Werbung, neue Überwachungsmöglichkeiten heben die Privatsphäre auf,
das Verhältnis der Menschen zur Natur ändert sich durch die Virtualisierung.
Der Bildungsbegriff wird mit „Digitaler Bildung“ neu definiert, eine
neue Sucht, die Internetsucht, ist entstanden, und mit dem Elektrosmog haben
wir einen neuen medizinischen Risikofaktor. Die am 05.09.2018 veröffentliche
Studie über das Freizeitverhalten dokumentiert die Veränderungen. (Stuttgarter
Zeitung, 6.9.2018 und http://www.freizeitmonitor.de/)
In nur 5 Jahren, von 2013 bis 2018 haben sich Freizeitaktivitäten so verändert:
Smartphonenutzung (ohne telefonieren): + 75% (28% auf 49%)
Internetnutzung: + 53% (51% auf 78%)
Social Media: + 53% (34% auf 52%)
E-Mails lesen: + 11% (56% auf 62%)
Mit Kindern spielen: – 13% (31% auf 27%)
Mit Eltern/Großeltern treffen: – 19% (21% auf 17%)
Mit Freunden zu Hause treffen: – 29% (24% auf 17%)
Einladen/eingeladen werden: – 42% (12% auf 7%)
Wohlgemerkt:
alles als Freizeitbeschäftigung! Smartphones und TabletPCs haben das Zusammenleben
also radikal verändert, besonders bei Kindern und Jugendlichen. Tut das gut? Um
für das Leben fit zu werden, braucht es eine gesunde Psyche, charakterlich gute
Eigenschaften, aber auch Grundfertigkeiten: Schreiben, Lesen, Rechnen,
Kommunizieren, logisches Denkvermögen, und v.a. Sozialkompetenz und Bildung.
Die Grundlagen dafür werden in der Familie, in der Vorschulerziehung und der
Schule gelegt. Dort können Weichen falsch gestellt werden. Wird unser Nachwuchs
durch die Digitalisierung besser, schlechter – oder einfach anders? Über die
Weichen, die gerade neu gestellt werden, im Elternhaus, Außerschulisch und
Schulisch, und das muss man in seiner Wechselwirkung betrachten, werde ich
zunächst sprechen. Denn die „Digitale Bildung“ soll ja schon an der
KiTa beginnen.
Neue
Sozialisationsbedingungen
Vorbemerkung 1: „Mein Kind muss das Smartphone beherrschen lernen, um in der digitalen Welt bestehen zu können!“ Diese Ansicht beherrscht die Diskussion, und lenkt sie bereits in eine falsche Richtung. Sie geht stillschweigend davon aus, dass ein Geschäftsmodell „Digitalisierung“ alternativlos ist und verhindert damit das Nachdenken.