Archiv der Kategorie: Sozial Media Communities

Bildschirm an, Kopf aus

Viele Eltern beruhigen ihr Kleinkind mit Tablet oder Handy. Experten warnen, dass dadurch Schäden fürs Leben drohen.

Der Tagesspiegel, Samstag, 29. November 2025, von Anna Pannen

Textauswahl, Hervorhebungen und Fußnoten durch Schulforum-Berlin

Khalid wirkt nervös. Wie ein gefangenes Tier stromert der Fünfjährige durch den Raum, in dem er heute eine Stunde Musiktherapie absolvieren soll: ein bunt dekoriertes Zimmer in Berlin-Wilmersdorf.

Hierher, ins Sozialpädiatrische Zentrum an der Berliner Straße, kommen Eltern, wenn ihr Kind auffällig wurde; wenn sie Entwicklungsstörungen oder eine Behinderung vermuten. Manche kommen von sich aus, andere auf Empfehlung von Kinderarzt oder Kita.

Die Therapiesitzung von Khalid haben die Mitarbeiter des Zentrums auf Video aufgezeichnet. Denn das Kind leidet an einer Entwicklungsstörung, die sie seit einigen Jahren gehäuft beobachten. Im Video ist zu sehen, wie die Musiktherapeutin Kontakt zu dem Jungen aufnehmen will. Sie sucht Augenkontakt, summt, spielt Melodien. Khalid, der in diesem Text eigentlich anders heißt, ignoriert sie. Rastlos dreht er Runde um Runde im Zimmer, berührt flüchtig verschiedene Gegenstände, gibt ab und zu ein leises Geräusch von sich.

Erworbene Behinderung

Als die Musiktherapeutin ihm einen Trommelstab und ein Tamburin anbietet, steckt Khalid den Stab in den Mund. Er lutscht daran und wirft ihn dann achtlos beiseite. Die kognitive, sprachliche und emotionale Reife des Fünfjährigen seien stark verzögert, erklärt die ärztliche Leiterin des Zentrums, Katrin Klöpper, die dem Tagesspiegel das Video mit Einverständnis von Khalids Eltern zur Verfügung gestellt hat. Der Junge spielt nicht, spricht nicht, reagiert kaum auf Ansprache.

Nun sind solche Symptome in einem Sozialpädiatrischen Zentrum nicht überraschend. Klöpper und ihre Kollegen diagnostizieren hier regelmäßig geistige, körperliche und psychische Entwicklungsstörungen. Khalids Fall allerdings ist anders gelagert. Denn Klöpper und ihr Team sind überzeugt, dass der Junge gesund zur Welt kam – und seine Behinderung später erwarb.

Der Grund: exzessiver Medienkonsum in den ersten Lebensjahren.

Kinder unter drei sollten keinen Kontakt zu Bildschirmmedien haben. Das raten Fachleute und Institutionen wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Aus der Forschung weiß man längst, wie schädlich Bildschirmmedien in den ersten Lebensjahren sind. Diese Jahre seien äußerst bedeutsam, schreibt etwa der Neuropädiater Prof. Dr. Volker Mall von der Techn. Universität München.

Im Gegensatz zu anderen Säugetieren, bei denen die Hirnentwicklung schon im Mutterleib größtenteils abgeschlossen sei, fänden 70 Prozent der Größenentwicklung des menschlichen Gehirns nach der Geburt statt, so Mall. Diese Tatsache führt dazu, dass Kinder „in den ersten Lebensjahren so viel in kurzer Zeit lernen wie nie wieder im Leben“, erklärt Ärztin Katrin Klöpper.

Neben der Motorik seien das vor allem Sprache und soziale Fähigkeiten, wie das Erkennen und Verarbeiten von Gefühlen. „Diese Dinge lernt ein Kind nur durch Interaktion und Nachahmung von anderen Menschen.“ Jedes Wort, das in dieser Zeit an sie gerichtet werde, jeder Blickwechsel und jedes Spiel mit Holzklötzchen stimuliere Nervenzellen: Es bilden sich neue Verbindungen, das Gehirn wächst und wird plastischer.

Zu wenig Interaktion

Um diese Lernschritte zu vollziehen, bräuchten Kinder erstens eine sichere Umgebung, in der sie sich ausprobieren und spielen können, sagt Klöpper. Und zweitens Menschen, mit denen sie interagieren können. Genau dort liege allerdings das Problem, wenn ein Kind viel Zeit vor dem Handy oder Tablet verbringe.

„Das bunte Treiben auf dem Bildschirm bindet die Aufmerksamkeit kleiner Kinder so stark, dass sie darüber alles vergessen. Sie bewegen sich nicht, spielen nicht, lernen nicht. Sie verpassen hunderte Gelegenheiten, soziale Interaktion zu üben.“

Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von „sensorischer Deprivation“: einem Mangel an visueller, akustischer und taktiler Stimulation, der zu verzögerter geistiger und sprachlicher Entwicklung führt. Und dessen Folgen kaum umzukehren sind.

So wie bei Khalid. Für ihn hätten die Bedingungen in dieser Lebensphase nicht ungünstiger sein können. Mit seiner Mutter floh er als Säugling aus Syrien, verbrachte seine ersten Lebensjahre in einem Flüchtlingslager. Während seine Eltern ums Überleben und eine Zukunft kämpften, hielten sie den Sohn mit Bildschirmen ruhig – jahrelang. Khalids Geschichte ist besonders extrem, aber kein Einzelfall.

Tatsächlich zeigen Kinder, die an den Folgen sensorischer Deprivation leiden, ähnliche Symptome wie Kinder mit Autismus: Viele reagieren kaum auf Ansprache, suchen keinen Blickkontakt, haben wenig Interesse an ihrer Umgebung oder sprechen nicht.

In der Diagnostik falle aufmerksamen Fachärzten jedoch auf, dass den Kindern weitere Autismus Symptome fehlen, berichtet Klöpper. Die hohe Reizempfindlichkeit etwa, die für Menschen mit Autismus typisch ist, das starke Verlangen nach Routinen oder die intensive Beschäftigung mit bestimmten Themen (Spezialinteressen) träten bei diesen Kindern nicht auf. „Kinder mit einer Entwicklungsverzögerung aufgrund sensorischer Deprivation zeigen zwar autistische Symptome. Aber sie haben keine autistische Wahrnehmung“, fasst die Ärztin das Phänomen zusammen.

Kein echter Autismus

Einige Forscher sprechen bei Kindern wie Khalid inzwischen trotzdem von „Medienautismus“ oder „virtuellem Autismus“. Etwa der Neurowissenschaftler und Psychiater Manfred Spitzer. Er vermutet, dass ein großer Teil der seit einigen Jahrzehnten exponentiell steigenden Zahl von Autismus-Diagnosen auf sensorische Deprivation zurückzuführen ist, es sich in diesen Fällen also gar nicht um echten Autismus handelt.

Während vor 50 Jahren noch eins von 5000 Kindern die Diagnose Autismus erhalten habe, sei es heute eins von 44 Kindern, so Spitzer. Etwa die Hälfte des Anstiegs sei nicht auf ein gestiegenes Bewusstsein und bessere Diagnostik zurückzuführen, sondern ungeklärt – offiziell. Obwohl es längst große Studien gibt, die einen kausalen Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und Entwicklungsverzögerungen nachweisen, so der Wissenschaftler. Die Auswirkungen auf die Ausbildung von Autismus-Symptomen seien „gut belegt“.

Wenn das tatsächlich so ist – wieso ist dann in der Öffentlichkeit nicht mehr darüber bekannt? Warum gibt es Youtube-Kanäle, die sich an Babys richten? Wieso können Eltern Tablet-Halterungen für Kinderwagen im Fachhandel erwerben – wobei ihnen durch Werbung suggeriert wird, dass sie ihrem Kind damit sogar etwas Gutes tun?

Fehlende Warnhinweise

Nachfrage beim Bundesfamilienministerium: Ist man sich dort des Problems bewusst? „Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die negativen Auswirkungen übermäßiger Bildschirmzeit bei Kindern nehmen wir sehr ernst“, lautet die offizielle Antwort. Sollten dann nicht Warnhinweise vor Kinderserien eingeblendet werden?  Oder auf der Verpackung von Tablets kleben? Das Ministerium versagt hier und verweist nur auf die „Verantwortung der Eltern“. Es gebe Initiativen, bei denen sie sich informieren könnten, erklärt eine Sprecherin.

Katrin Klöpper ist das zu simpel. „Es gilt doch längst als normal, dem Baby das Handy hinzuhalten, damit es beim Wickeln nicht strampelt. Viele Eltern denken, dass ihre Kleinkinder mit bunten Filmchen sogar etwas lernen.“ Diese Eltern seien oft schockiert, wenn sie erführen, dass der frühe Medienkonsum Ursache der Probleme ihres Kindes sei. Manche können das gar nicht akzeptieren. Andere Eltern weinten und erklärten, es nicht besser gewusst zu haben. „Oft hören wir: Aber das machen doch alle. Die anderen Kinder schauen auch den ganzen Tag.“

Schulärzte schlagen Alarm

Klöpper zufolge ist viel zu wenig bekannt, wie schädlich Bildschirmmedien wirklich sind. „Wir brauchen dringend mehr aktive Aufklärung für Eltern, die auch diejenigen erreicht, die sich nicht von selbst mit dem Thema befassen.“

Deutschlandweit klagen Schulärzte über sprachliche, kognitive und psychosoziale Defizite von Kindern vor der Einschulung, die auf frühen Medienkonsum zurückzuführen sind.[1]

Auch Kinderarzt Uwe Büsching kritisiert, dass die Gefahren frühen Bildschirmmedien-Konsums nicht besser kommuniziert werden, etwa durch Plakatkampagnen. Büsching saß jahrelang im Vorstand des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). 2017 leitete er die durch das Bundesgesundheitsministerium geförderte BLIKK-Studie[2] zu gesundheitlichen Risiken übermäßigen Medienkonsums. Die ergab, dass schon 30 Minuten Bildschirmzeit pro Tag bei Kindern unter drei Jahren mit einer um 25 Prozent erhöhten Wahrscheinlichkeit für Sprachstörungen im Vorschulalter einhergehen. „Handys funktionieren als Babysitter hervorragend, schaden kleinen Kindern aber enorm“, sagt der Arzt.

Er hätte im Anschluss gerne weitere Studien zu den Schäden durch frühen Medienkonsum durchgeführt. „Wir haben dafür aber keine Finanzierung bekommen. Es gibt eine starke Lobby, die kein Interesse daran hat, Kinder als Konsumenten zu verlieren.“

Glaubt man den meisten Politikern, vielen Pädagogik-Wissenschaftlern und den Printmedien oder so gut wie allen Führungskräften der IT-Industrie, dann ist der Nutzen von digitalen Techniken für unsere Kinder und Jugendlichen ein Schlaraffenland und eine glückliche Zukunft ohne diese undenkbar. Wer sich traut, diesen Hype anzuzweifeln, der begibt sich in die Rolle der Pessimisten, Schwarzmaler oder Abtrünnigen. Kritisches Hinterfragen, gar das Aufzählen von Risiken ist nicht opportun.[3]

Die Reaktion des Bundes: Der verweist darauf, dass kürzlich die Expertenkommission[4] „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ berufen wurde. Das Ziel ist, so der Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend Karin Prien und der früheren CDU-Bundestagsabgeordneten Nadine Schön zufolge, eine Reihe von „Handlungsempfehlungen“, die sich auch an Schulen und Eltern richten. Schön unterstrich zugleich, es solle „keine Verteufelungsdiskussion“ geführt werden – auch die Chancen der digitalen Welt sollten in den Blick genommen werden. D.h., der Eiertanz geht weiter! Die Ergebnisse sollen spätestens am Ende der parlamentarischen Sommerpause 2026 vorliegen.[5]

Man darf auf die „Handlungsempfehlungen“ gespannt sein.

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[1] Flyer Bildschirmmedien, https://blikk3.de/wp-content/uploads/Flyer-Bildschirmmedien_23_03_2018.pdf

[2] Bei der ersten Querschnittsstudie zu digitalen Bildschirmmedien im Kindesalter, der BLIKK-Medien Studie (BLIKK 2017), hat sich der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V. (BVKJ) mit 79 Studien – Praxen eingebracht. Das Konzept der Studie waren Fragebögen zum Sozialstatus, zu psychosozialem Verhalten der Kinder, zur Nutzung digitaler Bildschirmmedien in Familien und bei den Kindern (Medienfragebogen) und eine pädiatrische Untersuchung nach Paed.Check®. Aus:  https://blikk3.de/wp-content/uploads/2022/05/BLIKK-Uwe_Buesching.pdf

[3] A.a.O.

[4] Interdisziplinäre Expertenkommission prüft Handlungsmöglichkeiten und notwendige Schritte für einen effektiven Kinder- und Jugendmedienschutz, https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/aktuelles/pressemitteilungen/kinder-und-jugendschutz-in-der-digitalen-welt-bundesregierung-beruft-expertenkommission-ein-269660?utm_source=chatgpt.com

[5] Kommission soll Jugendschutz im Netz verbessern, Tagesschau, 4.9.2025, https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/expertenkommission-kinder-jugendschutz-100.html

Zwischen Likes und Lernen

Was Jugendliche und Erwachsene über Social Media denken[1]

Das ifo[2] Bildungsbarometer 2025 befragt dazu nicht nur die erwachsene Bevölkerung in Deutschland, sondern auch Jugendliche von 14 bis 17 Jahren.

Einige Befunde des ifo Bildungsbarometers 2025

Textauswahl durch Schulforum Berlin


Frage: Wieviel Zeit verbringen die Deutschen mit Social Media?[3]

90% der Erwachsenen und 96 % der Jugendlichen geben an, unter der Woche täglich Social Media privat zu nutzen, 58% der Erwachsenen und 78% der Jugendlichen sogar mehr als eine Stunde. Am Wochenende steigt die Nutzungsdauer beider Gruppen.

Abb. 1, S. 40. Mit „KLICK“ auf das Bild wird es vergrößert.

Social Media für das Posten eigener Inhalte, z. B. von Bildern oder Videos zu verwenden, geben insgesamt 63 % der Jugendlichen und 54 % der Erwachsenen an. 37 % der Jugendlichen und 46 % der Erwachsenen machen dies nie oder fast nie.


Frage: Würden die Deutschen lieber in einer Welt mit oder ohne Social Media leben?[4]

Trotz der hohen Nutzungszahlen würde eine relative Mehrheit von 47 % der Erwachsenen lieber in einer Welt ohne Social Media leben, 41% hingegen lieber mit Social Media. Über zwei Drittel (69 %) der Jugendlichen geben hingegen an, lieber in einer Welt mit Social Media zu leben, lediglich 19 % wollen lieber in einer Welt ohne Social Media leben. 

Abb. 4, S. 42. Mit „KLICK“ auf das Bild wird es vergrößert.


Frage: Wie beeinflussen Social Media Kinder und Jugendliche nach Meinung der Deutschen?[5]

Sowohl Erwachsene als auch Jugendliche nehmen deutliche negative Auswirkungen der Social-Media-Nutzung auf Kinder und Jugendliche wahr: 77 % der Erwachsenen und 61 % der Jugendlichen glauben an einen schlechten Einfluss auf die psychische Gesundheit durch Social Media, bei der körperlichen Gesundheit sind es 73 bzw. 66 %. Auch die Aufmerksamkeit und die schulischen Leistungen leiden nach Ansicht der Befragten. Einzig bei der Informationsbeschaffung glauben die Befragten mehrheitlich an eine positive Auswirkung (Erwachsene: 53 %, Jugendliche: 71 %).

Abb. 7, S. 45. Mit „KLICK“ auf das Bild wird es vergrößert.

Eine überwältigende Mehrheit der Erwachsenen (87 %) ist der Meinung, dass Social Media Nachteile für Kinder von 0 – 13 Jahren bringt. Ganze 65 % nehmen sogar deutliche Nachteile wahr. Auch eine klare Mehrheit der Jugendlichen (77 %) glaubt an Nachteile durch Social Media für Kinder.[6]


Frage: Sind die Deutschen für ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren? [7]

Bei der Befragung befürwortet eine überwältigende Mehrheit von 85% der erwachsenen Bevölkerung, dass alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland erst ab 16 Jahren einen Social-Media-Account erstellen dürfen.

Sogar unter den Jugendlichen spricht sich eine relative Mehrheit von 47 % für ein Mindestalter von 16 Jahren aus, 42 % sind dagegen. 

Abb. 9, S. 47, Sind die Deutschen für ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren? Mit „KLICK“ auf das Bild wird es vergrößert.

In Deutschland existiert momentan keine allgemeine, gesetzlich festgelegte Altersgrenze für Social Media. Die meisten Plattformen schreiben in ihren Nutzungsbedingungen ein Mindestalter von 13 Jahren fest, Jugendliche zwischen 13 und 16 Jahren benötigen in Deutschland eigentlich die Zustimmung ihrer Eltern. Wie oft diese Regelung in der Praxis jedoch umgangen wird, zeigt die KIM-Studie aus dem Jahr 2024[8]: Dort berichten nicht wenige der befragten 6- bis 13-Jährigen, verschiedene Social-Media-Plattformen mehrmals pro Woche zu nutzen (TikTok: 42 %, Instagram: 25 %, Snapchat: 21 %), obwohl diese Dienste für die Altersgruppe gemäß der Nutzungsbedingungen nicht zulässig sind.

Wir haben die deutsche Bevölkerung daher gefragt, ob sie dafür oder dagegen ist, dass alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland erst ab 16 Jahren einen Social-Media-Account erstellen dürfen. Unter der erwachsenen Bevölkerung zeigt sich ein starker Konsens: 85 % sind für diese Maßnahme, 57 % sogar sehr dafür (vgl. Abb. 9). Nur 10 % lehnen sie ab. Fragt man die Erwachsenen in einer offenen Frage, ab welchem Alter ihrer Meinung nach der Zugang zu sozialen Medien erlaubt sein soll, so sind 8 % für eine Erlaubnis ab 12 Jahren, 19 % ab 14 Jahren, 9 % ab 15 Jahren, 43 % ab 16 Jahren und 13 % sogar erst ab 18 Jahren.

Unter den Jugendlichen ist die Meinungslage hinsichtlich eines Social-Media-Mindestalters von 16 Jahren hingegen gespalten: Eine relative Mehrheit von 47 % ist dafür, 42 % sind dagegen (vgl. Abb. 9). Dies unterscheidet sich allerdings innerhalb der von uns befragten Altersgruppe der 14- bis 17-Jährigen: Die 16- und 17-Jährigen – die also von der Maßnahme nicht betroffen wären – sprechen sich mehrheitlich für das Social-Media-Mindestalter von 16 Jahren aus (55 %). Unter den 14- und 15-Jährigen, die das Mindestalter betreffen würde, ist die Mehrheit der Befragten dagegen (51 %), 39 % sind dafür. Selbst in der betroffenen Gruppe der Unter-16-Jährigen ist also ein deutlicher Anteil für eine Beschränkung von Social Media in der eigenen Altersgruppe.[9]

Seit 10. Dezember 2025 schreibt Australien mit digitalem Kinder- und Jugendschutz Geschichte. So dürfen Kinder und Jugendliche unter 16. Jahren in Australien keine eigenen Konten mehr auf vielen Sozial-Media-Plattformen besitzen. Betroffen sind zehn Dienste, darunter Instagram, Tiktok, Snapchat, Facebook, YouTube, X, Reddit und Twitch. Das Gesetz war bereits Ende 2024 verabschiedet worden und trat nun in Kraft. Betreibern von Plattformen wie TikTok und Instagram drohen Geldstrafen von bis zu 27 Millionen Euro, sollten sie keine „angemessenen Maßnahmen“ ergreifen.

Die Berliner Zeitung vom 15.12.2025 bringt in diesem Zusammenhang die Überschrift: CDU- und Grünen-Politiker sprechen sich für Social-Media-Verbot für Jugendliche aus.[10] Auch die deutsche Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Karin Prien (CDU), kann sich solche Maßnahmen vorstellen.

Daniel Günther (CDU), Ministerpräsident von Schleswig-Holstein in einer Zeitungsmeldung[11] vom 14.12.2025 wird eindeutiger in seiner Aussage:

„Wer jetzt weiterhin die Augen verschließt, gefährdet damit vorsätzlich die Zukunft unserer Kinder. Es ist unsere Pflicht, Verantwortung zu übernehmen und klare gesetzliche Grenzen zu setzen. Ich kämpfe auf allen Ebenen dafür, dass unter 16-Jährige TikTok-frei und frei von Social Media aufwachsen können.“

In Deutschland sind Facobook und Instagram laut Nutzungsbedingungen offiziell ab 13 Jahren verfügbar. Vielfach sind die User aber deutlich jünger, da das Alter zwar abgefragt, die Angaben aber nicht überprüft werden – ebenso bei TikTok.


Frage: Wer sollte Kindern und Jugendlichen den verantwortungsvollen Umgang mit sozialen Medien beibringen?[12]

Liebe Eltern, liebe Politiker: Wann übernehmen Sie!

Beitrag als PDF-Datei


[1] ifo Bildungsbarometer 9. September 2025, https://www.ifo.de/fakten/2025-09-09/ifo-bildungsbarometer-2025, (18.12.2025)

Gesamtdokument mit weiteren Fragen: https://www.ifo.de/DocDL/sd-2025-09-wedel-etal-ifo-bildungsbarometer-2025.pdf (18.12.2025)

Siehe auch: Eine Mehrheit der Deutschen unterstützt Handyverbote an Schulen und eine Altersbeschränkung für die Nutzung Sozialer Medien. Auch viele Jugendliche wollen Grenzen, zeigt eine Umfrage des ifo-Instituts. https://www.tagesschau.de/wissen/forschung/ifo-bildungsbarometer-102.html (18.12.2025)

[2] ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V., (ifo für Information und Forschung)

[3] Gesamtdokument mit weiteren Fragen: https://www.ifo.de/DocDL/sd-2025-09-wedel-etal-ifo-bildungsbarometer-2025.pdf, (18.12.2025), S. 40, Abb. 1

[6] S. 45

[8] KIM-Studie 2024, Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger, https://mpfs.de/app/uploads/2025/05/KIM-Studie-2024.pdf, (18.12.2025)

[9] S. 47-48, Abb. 9

[10] Berliner Zeitung, Katharina Heflik, 15.12.2025, CDU- und Grünen-Politiker sprechen sich für Social-Media-Verbot für Jugendliche aus. https://www.berliner-zeitung.de/news/cdu-und-gruenen-politiker-sprechen-sich-fuer-social-media-verbot-fuer-jugendliche-aus-li.10010219, (18.12.2025)

[11] Bild-Zeitungsmeldung, 14.12.2025, Spitzenpolitiker für Social-Media-Verbot bei Kindern, https://www.bild.de/politik/inland/tiktok-instagram-snapchat-spitzenpolitiker-fuer-verbot-bei-kindern-693e8336629fc38b106a3087, (18.12.2025)

[12] S. 47, Abb. 10

Scrollen mit Folgen

Smartphones gefährden Eltern-Kind-Beziehung

Jörg Zittlau[1]

Kaum etwas prägt das Familienleben so beiläufig und so tiefgreifend wie das Smartphone. Eltern schieben den Buggy, füttern ihre Kinder, holen es von der Kita ab, schauen dem Kind in der Sandgrube beim Spielen zu – und scrollen dabei. Die Mutter oder der Vater sind zwar da, und doch woanders. Das merken die Kinder. Und für ihre Entwicklung kann es schwerwiegende Folgen haben, wenn sie häufig die Handy-Rückseite statt das Elterngesicht sehen, zeigt eine Studie in „JAMA Pediatrics“[2].

Die Forscher der University of Wollongong in Australien haben 21 Studien mit insgesamt rund 15.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ausgewertet. Sie untersuchten, wie sich das Smartphone-Verhalten von Eltern in Anwesenheit ihrer Kinder auf deren motorische und kognitive Entwicklung, die psychosoziale Gesundheit und die eigene Bildschirmzeit auswirkt.

Die Wissenschaftler beobachteten, dass Kinder von Eltern, die häufig am Smartphone waren, in der kognitiven und sprachlichen Entwicklung hinterherhinkten. Auch emotionale und soziale Schwierigkeiten traten bei ihnen häufiger auf, vor allem zeigten sie eine ausgeprägte Bindungsschwäche zu Mutter und Vater. Stattdessen wuchs ihre Verbindung mit allem, was leuchtet und blinkt: Smartphones, Laptops und Tablets, die sie täglich für mehrere Stunden nutzten. […]

Laut einer Erhebung des Universitätsklinikums des Saarlandes konsumieren 18 Prozent der Kinder im ersten Lebensjahr digitale Medien. Im zweiten sind es 61, im dritten 92 Prozent. Der miniKIM-Studie zufolge beträgt die Bildschirmzeit – Handyspiele, YouTube-Clips, TV – der Zwei- bis Fünfjährigen in Deutschland 67 Minuten pro Tag. Und 28 Prozent der Kinder haben laut dieser Studie mit vier oder fünf Jahren ein eigenes Tablet. […] Den frühen Medienkonsum der Kinder nennt Frank W. Paulus, Jugendpsychologe am Universitätsklinikum des Saarlandes, „Einen Brandbeschleuniger der Bildungsungleichheit“.[3]

Für Sven Lindberg[4] von der Universität Paderborn ist der Befund keine Überraschung: „Er deckt sich mit vielen anderen Erkenntnissen, die wir in diesem Bereich haben.“ Erklärbar sei das zum einen durch das „Lernen am Modell“, also dadurch, dass Kinder Smartphone-Affinität der Eltern und die damit einhergehende Abgelenktheit beobachten und übernehmen. […]

Forschende um die Psycholinguistin Barbara Mertins von der TU Dortmund fanden heraus, dass Säuglinge handyaffiner Eltern insgesamt weniger Interesse an Interaktionen zeigten. In der Folge sprechen sie später nicht nur weniger, sondern suchen auch seltener Blickkontakt zu anderen Menschen. Das beeinträchtige, so Mertens, „die Entwicklung sozialer Fähigkeiten und die Ausbildung von Empathie“.

Zu spüren bekommen das später auch Lehrkräfte, die sich im Unterricht oft ziemlich anstrengen müssen, um die Aufmerksamkeit und den Blickkontakt ihrer Schülerinnen und Schüler zu halten.

„Auch wenn die Forschung noch nicht alle Fragen geklärt hat – wir wissen genug“, so Martin Spiewak. Er berichtet weiter, dass die „Nationale Akademie der Wissenschaften, Leopoldina[5], kürzlich in einem Gutachten darauf hingewiesen hat, dass bei Kindern das Vorsorgeprinzip gelten muss. Besteht der Verdacht einer Gesundheitsschädigung, braucht es Maßnahmen, um die Heranwachsenden zu schützen.

Ist das illusorisch? Das hat man vor wenigen Jahren auch über das Handyverbot an Schulen gesagt. Nun bekennen sich jeden Tag mehr Schulen zu strikten Regeln – und erweisen vielen Jugendlichen damit einen großen Dienst. Das sollte für deren kleine Geschwister ebenso gelingen.“[6]

Textauswahl und Hervorhebungen durch Schulforum-Berlin


[1] Tagesspiegel, 15.11.2025, „Scrollen mit Folgen“, von Jörg Zittlau https://www.tagesspiegel.de/wissen/grosswerden-im-toten-winkel-was-es-mit-einem-kind-macht-wenn-die-eltern-standig-am-handy-sind-14767697.html (26.11.2025)

[2] JAMA Pediatrics wurde 1911 gegründet und ist die älteste pädiatrische Zeitschrift der Welt. Sie veröffentlicht innovative, klinisch relevante Forschung über die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. https://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/pages/for-authors#fa-about (26.11.2025)

[3] Die ZEIT, 13.11.2025, “Tut ihnen das nicht an“, von Martin Spiewak, https://www.zeit.de/2025/48/bildschirmzeit-kinder-entwicklung-smartphone-babys-gxe (26.11.2025)

[4] Siehe auch: https://schulforum-berlin.de/handys-im-unterricht-ein-klares-nein/ (26.11.2025)

[5] Gutachten: https://www.leopoldina.org/ergebnisse-und-termine/publikationen/detail/soziale-medien-und-die-psychische-gesundheit-von-kindern-und-jugendlichen-2025 (26.11.2025)

[6] Die ZEIT, 13.11.2025, “Tut ihnen das nicht an“, von Martin Spiewak, https://www.zeit.de/2025/48/bildschirmzeit-kinder-entwicklung-smartphone-babys-gxe (26.11.2025)

Smartphone im Grundschulalter?

Mehrheit der Eltern fordert Handyverbot an Schulen

Weitgehende Einigkeit herrscht in einer zentralen Frage: 81 Prozent aller Eltern befürworten ein Handyverbot an Schulen. Fast die Hälfte der Befragten mit Nachwuchs glaubt, dass Handys im Klassenzimmer die Konzentration und den Unterricht stören. Knapp ein Drittel hält ein Handyverbot für sinnvoll, möchte aber für bestimmte Situationen Ausnahmen gestatten. Darüber hinaus fordern die Eltern klare Altersgrenzen für den Zugang zu sozialen Medien: Hier halten 60 Prozent eine Altersbeschränkung für notwendig, unabhängig davon, um welchen Dienst es sich handelt: „Viele Eltern sehen den Lernerfolg ihrer Kinder wegen fehlender Konzentrationsfähigkeit in Gefahr, deshalb wünschen sie sich auch offiziell klare Regeln und Schutzräume“, sagt der Digitalexperte Thomas Brosch.

„Die Nutzungszeit ist extrem – und all diese Lebenszeit steht uns nicht für andere Dinge zur Verfügung“, sagt der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Ralf Lankau[2]. 168 Stunden hat eine Woche, etwa 50 bis 60 davon schlafen wir. Sagenhafte 72 Stunden pro Woche bewegen sich die Bundesbürger inzwischen im Netz, mit keinem anderen Gerät mehr als mit dem Smartphone, wie die „Postbank Digitalstudie 2025“ ergab. Bei den 18- bis 39-Jährigen sind es sogar fast 86 Stunden.

Statistiken weisen auf einen Zusammenhang zwischen der Nutzung sozialer Medien und Bildungserfolg hin. „Wir haben in den USA eine Studie durchgeführt, in der wir die Bildschirmzeit von den Smartphones in den Kontext der Noten der Studierenden gesetzt haben“, sagt Prof. Dr. Christian Montag, der derzeit an der Universität von Macau in China lehrt[3]. Tatsächlich habe es einen Zusammenhang zwischen längerer Nutzungszeit der sozialen Medien und schlechteren Noten. „Zudem gibt es durchaus Evidenz, dass Smartphone-Verbote in Bildungseinrichtungen zu verbesserten Noten führen können.“


[1] Postbank Digitalstudie 2025 (18.11.2025)

[2] https://www.schwaebische.de/panorama/scrollen-wir-uns-um-den-verstand-4051494 (18.11.2025)

[3] A.a.O.


Weitere Informationen zum Thema:

Gesundheitsstadträte fordern umfassendes Handyverbot an Berliner Schulen (18.11.2025)

Raus aus der Bildungsfalle

Warum wir die Zukunft unserer Kinder gefährden – Digitalisierung ist nicht die Lösung, sondern das Problem

Raus aus der Bildungsfalle, Tim Engartner, Westend Verlag, 2024, siehe auch rechte Seitenleiste

Blick ins Buch

Textauswahl durch Schulforum-Berlin

Der Leitsatz „Wer fordert, fördert“ ist zunehmend verpönt. Getragen von der bei vielen Müttern und Vätern vorherrschenden Scheu, Leistung von ihren Kindern einzufordern, setzen auch immer weniger Lehrende auf Bildung durch Anstrengung. […] Die Vermittlung von Wissen tritt immer mehr in den Hintergrund. (S. 25)

Abkehr vom Leistungsprinzip

Disziplin, Fleiß und Zuverlässigkeit werden immer häufiger ausschließlich als Ausdruck autoritär angelegter Lehr- und Lernarrangements wahrgenommen. Als bürgerliche Tugenden sind diese übergeordneten Lern- und Erziehungsziele heutzutage mehrheitlich verpönt, sodass Eltern und Lehrkräfte immer seltener für die erfolgreiche Lernprozesse unverzichtbare Anstrengung einfordern. Vergessen scheint die Einsicht, dass Lernen nicht nur dem Vergnügen dient. (S. 45)

Obwohl diejenigen, die nicht wissen, wo sie hinwollen, leicht dorthin gelangen, wo sie nicht hinwollen, stehen jüngere Bildungskonzepte immer häufiger unter der Überschrift „Autonomes Lernen“ beziehungsweise „Offener Unterricht“. Kinder und Jugendliche sollen frei und unabhängig, das heißt, ohne eindeutigen Instruktionen folgen zu müssen, spielen und lernen können. Statt autoritärem Frontalunterricht mit der Lehrkraft im Zentrum sollen eindeutig die Lernenden im Mittelpunkt des Geschehens stehen und eigenständig, das heißt auch in ihrem Tempo, lernen. Doch an der Umsetzung hat es gehapert, denn jeder von uns, der eine Fremdsprache gelernt, für eine Mathearbeit geübt oder eine Englischklausur geschrieben hat, weiß, wie ungemein herausfordernd die eigenverantwortliche Gestaltung des Lernprozesses ist. Es ist eine Binsenweisheit, dass wir im Zuge von Bildungsprozessen nicht Wissen erwerben, sondern auch lernen müssen zu lernen. Das aber ist komplexes Unterfangen, das Schritt für Schritt erschlossen werden muss. (S. 46)

Silicon Valley im Klassenzimmer

Alphabet, Amazon, Microsoft und Meta sind neue Zentren der Macht, die sie in einem bisher unbekannten und kaum einzuhegenden Maße nun auch auf dem Bildungssystem ausüben. Doch nicht nur sie drängen auf den Bildungsmarkt, sondern auch Stiftungen, Non-Profit-Organisationen und Verbände. Beflügelt von der Idee, Bildung neu zu denken, engagieren sie sich mittels Projektfinanzierungen und Medienkampagnen für die Etablierung digitaler Markt- und Infrastrukturen an Schule und Hochschulen. Akteure wie das Bündnis für Bildung oder das Forum Bildung Digitalisierung werben mit ihrer vermeintlichen Neutralität, meinen damit aber häufig lediglich, dass sie produktneutral agieren. Sie werben also nicht für bestimmte Produkte, betonen aber bei jeder Gelegenheit, dass digitale Produkte in jedem Fall genutzt werden sollen. Um mögliche Kritik vorzubeugen, argumentieren sie mustergültig mit Partizipation, demokratischer Teilhabe oder Gemeinschaft und finden auch dadurch nicht nur Resonanz in der Öffentlichkeit, sondern auch Akzeptanz in der Politik. (S. 116)

Doch damit nicht genug. Mit dem DigitalPakt Schule wurde offenbart, dass die Digitalisierung des Bildungswesens bislang in erster Linie durch handfeste ökonomische Interessen und nicht durch pädagogische Konzepte geprägt war. (S. 117)

So wirbt der Tech-Gigant Apple für eine intensive Einbindung seiner Produkte in den Unterricht:

„Seit 40 Jahren unterstützt Apple Lehrerinnen und Lehrer dabei, das kreative Potenzial jedes einzelnen Schülers freizusetzen. Heute tun wir das auf mehr Arten als je zuvor. Und das nicht nur mit leistungsstarken Produkten. Sondern auch mit Werkzeugen, Inspirationen und Programmen, die Lehrkräften dabei helfen, geradezu magische Lernergebnisse zu schaffen.“ (S. 118)

Der Technologiekonzern Samsung wirbt nicht nur mit seinen Produkten, sondern auch mit seiner Vision für das Lernen mittels digitaler Endgeräte:

„Inspirieren Sie Ihre Schülerinnen und Schüler zu neuen Hochleistungen. Das Samsung Literacy Lab ist eine umfassende mobile Lernlösung, die entwickelt wurde, um die Lesefähigkeit von Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 3 bis 12 zu fördern. Das Literacy Lab kombiniert ein Samsung Chromebook 3 oder Galaxy Tab E mit dem branchenführenden Leseprogramm iLit von Pearson[1]. Es handelt sich um eine mobile Lösung, die leicht transportiert werden kann, um die Schülerinnen und Schüler dort zu erreichen, wo sie sich aufhalten“. (S.118)

Auch Microsoft vermarktet seine Lobbyarbeit unter dem Bildungsauftrag der Chancengleichheit: „Grenzenlose Lernchancen eröffnen“ und „Engagement für Barrierefreiheit und Inklusion“ lauten die Slogans. Mit Hilfe der von Mikrosoft angebotenen Soft- und Hardware sollen Schülerinnen und Schüler jeweils individuell gefördert werden, wodurch „personalisierte Lernerfahrungen“ und die „Chance für jeden Schüler, in der Schule und im Leben Erfolg zu haben“, in Aussicht gestellt werden. (S. 129)

Schulen im Fadenkreuz der Lobbyisten

Die Ausführungen zeigen, dass die Digitalisierung des Bildungswesens sowohl US-amerikanischen Technologieunternehmen als auch in Deutschland ansässigen Betrieben und ihren Interessenvertretungen [Beispiel „Forum Bildung Digitalisierung“[2] die Klassentüren weit aufgestoßen hat. Längst haben sie die Schule als Geschäftsfeld und Werbeplattform erschlossen. (S. 138)

Als bildungspolitisch besonders einflussreich erweisen sich hierzulande die über 21000 Stiftungen, von denen 37 Prozent im Bereich Bildung und Erziehung, 34 Prozent in Kunst und Kultur sowie 19 Prozent in Wissenschaft und Forschung tätig sind. Einer der wirkmächtigsten Player in der Bildungspolitischen Debatte ist die Bertelsmann Stiftung, deren operatives Wissen, funktionales Know-how und personelles Rückgrat sie zu einem – wenn nicht gar dem – zentralen privaten Akteur in der bundesdeutschen Bildungslandschaft hat werden lassen. (S. 142)

Bildungs- und Erziehungsarbeit stärken

In unserem derzeitigen Bildungssystem stehen sich der Wunsch nach mehr Individualisierung durch weitreichende Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten des oder der Einzelnen einerseits und die Forderungen nach gesellschaftlichem Zusammenhalt andererseits vielfach unversöhnlich gegenüber. […] Als sozialer Ort müssen vor allem Kitas und Schulen dafür sorgen, dass Lernen sich durch weitaus mehr auszeichnet als durch das Erwerben von Kompetenzen, die über die inzwischen sehr zahlreichen international vergleichenden Leistungsstudien besonders prominent in den Blick genommen werden. Unabhängig davon, welche Bedeutung man den diversen Leistungsstudien beimisst, darf ein ehernes Prinzip nicht in Vergessenheit geraten: Zwischenmenschliche Beziehungen, die sich nicht nur zwischen Schülerinnen und Schülern, sondern auch aus der Interaktion zwischen Lehr- und Lernpersonen ergeben, dürfen nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Nahezu jeder von uns ist während seiner Schulzeit von ein oder zwei Lehrkräften in besonderer Weise geprägt worden. Diese Prägung erfolgt in der Regel nicht nur über die Dimension der Wissensvermittlung, sondern auch über die Persönlichkeit der Lehrkraft. Deren Prägekraft ist umso größer, je eindeutiger Kindern Bildungsaspirationen über das Elternhaus versagt bleiben. (S. 223-224)

Hervorhebungen durch Schulforum-Berlin


[1] Pearson ist eines der weltweit führenden und größten Bildungsunternehmen und Vorreiter im Bereich der digitalen Wissensvermittlung und Online-Bildung. https://www.pearson.de/ueber-uns?srsltid=AfmBOoqAuBd_MUvPhzrMJFyq3WVTsX7sZ75uU4K4ZmmY2Ur9KtI7aIL5 (18.10.2025)

„Pearson finanzierte beispielsweise Studien, mit denen unabhängige Analysen angefochten wurden, die ihrerseits gezeigt hatten, dass die Produkte von Pearson keine Wirkung hatten.“ Aus: Technologie in der Bildung EIN WERKZEUG – ZU WESSEN BEDINGUNGEN? https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000386147_ger  (S.11) (18.10.2025)

[2] Im Forum Bildung Digitalisierung sind derzeit zehn große deutsche Stiftungen mit Technologieunternehmen im Hintergrund Mitglied: Deutsche Telekom Stiftung, Bertelsmann Stiftung, Dieter Schwarz Stiftung, Dieter von Holtzbrinck Stiftung, Heraeus Bildungsstiftung, Joachim Herz Stiftung, Robert Bosch Stiftung, Siemens Stiftung, Vodafone Stiftung Deutschland und Wübben Stiftung Bildung. Berlin ist Netzwerk, Bühne und Treffpunkt für die wichtigsten Debatten über Bildung.

Gesundheitsstadträte fordern umfassendes Handyverbot an Berliner Schulen

Mit einem offenen Brief [1] appellieren die Bezirksstadträtinnen und -räte für Gesundheit und Jugend von Marzahn-Hellersdorf (Gordon Lemm), Steglitz-Zehlendorf (Carolina Böhm) und Tempelhof-Schöneberg (Oliver Schworck) eindringlich an die Berliner Senatorin für Bildung, Katharina Günther-Wünsch, und die Senatorin für Gesundheit, Dr. Ina Czyborra, ein umfassendes Handyverbot an allgemeinbildenden Schulen zu erlassen.

Der Vorstoß zielt darauf ab, die notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, um Schulen bei der Reglementierung von Smartphones während des Schulaufenthalts zu unterstützen. Zum Schutz einer gesunden und angstfreien Entwicklung aller Kinder und Jugendlichen an Schulen sowie zur Schaffung einer förderlichen Lernumgebung sei dieser Schritt aus Sicht der Stadträte unumgänglich. Die Nachteile einer unkontrollierten Smartphone-Nutzung überwiegen die möglichen Vorteile bei weitem.

Aktuelle Studien, darunter eine repräsentative Umfrage der Barmer Krankenkasse, zeigen alarmierende Zahlen: Fast 40 % der Schülerinnen und Schüler sind bereits Opfer von Mobbing und insbesondere Cybermobbing geworden, wobei die Schule häufig der zentrale Ort des Geschehens ist. Die psychischen Belastungen, die mit Cybermobbing und dem freien Zugang zu nicht altersgerechten, verstörenden Inhalten einhergehen, können zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen führen. Ein Viertel der Opfer von Cybermobbing gab an, unter Suizidgedanken zu leiden.

Trotz bestehender Möglichkeiten, Handys während der Schulzeit in einzelnen Schulgemeinschaften zu untersagen, sind diese Maßnahmen oft unzureichend. Der öffentliche Brandbrief der Friedenauer Friedrich-Bergius-Schule, an der ein solches Handyverbot wirkungslos blieb, verdeutlicht die Dringlichkeit einer allgemeinen gesetzlichen Regelung. Auch viele Schulen und Eltern wünschen sich zum Schutz ihrer Kinder verbindliche Regelungen.

Das Land Brandenburg hat gezeigt, dass ein solcher Schritt möglich ist. Ein grundsätzliches Verbot von Smartphones sollte jedoch auf die gesamte Schulaufenthaltsdauer und ebenso auf die Ober- und berufsbildenden Schulen ausgeweitet werden. Während digitale Medien eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen, ist es entscheidend, die negativen Auswirkungen einer ungesteuerten Nutzung zu minimieren. Der Initiator der Initiative, Familien- und Gesundheitsstadtrat Gordon Lemm (SPD):

„Die inzwischen erkennbaren Auswirkungen eines unkontrollierten Smartphone-Gebrauchs durch Kinder und Jugendliche zwingen uns zum Handeln. Während die negativen Folgen völlig evident sind, schauen wir als Gesellschaft und Verantwortliche in der Politik weitestgehend tatenlos zu oder überlassen die Lösung der Probleme den Schulgemeinschaften. Sowohl Eltern als auch der Gesetzgeber tragen hier Verantwortung, um das gute, gesunde Aufwachsen unserer Kinder zu ermöglichen. Gerade in diesem Bereich ist der elterliche Einfluss aber überschaubar. Mehr als die Hälfte der in der Barmer-Studie befragten Eltern gaben an, ihren Kindern im Internet freie Hand zu lassen. Smartphones sind für uns alle wichtige Werkzeuge für Wissenserwerb, Kommunikation und Unterhaltung. Ein grundsätzliches Handyverbot an Schulen soll nicht im Widerspruch zum Erlernen von Medienkompetenz stehen, sondern diese ermöglichen. Über die negativen Folgen insbesondere für Heranwachsende wird aktuell nicht in ausreichendem Maße gesprochen oder gewarnt. Wenn es zutrifft, dass viele Kinder an Schulen verstörende und altersunangemessene Videos und Bilder sehen und teilen, die zunehmende Nutzung digitaler Medien zu Vereinsamung, Verrohung und Angstzuständen führen kann und Mobbing, Erpressung und Ausgrenzung inzwischen vornehmlich digital ausgetragen werden, ist es für mich völlig unverständlich, warum wir dies als Gesellschaft dulden sollten.

Es gibt kein Grundrecht auf Smartphone-Nutzung und -missbrauch während der Schulzeit.

Wir sollten hier ein klares Zeichen setzen und Kindern und Jugendlichen diesen einen Rückzugsort geben und damit zur psychosozialen Entlastung unserer Schülerinnen und Schüler beitragen. Ich glaube, dass ein Handyverbot an unseren Schulen nicht nur dem sozialen Klima und dem Lernerfolg helfen, sondern auch viele Eltern dazu animieren würde, sich ernsthafter mit den Gefahren und Risiken einer inhaltlich wie zeitlich unbeschränkten Nutzung von Smartphones auseinanderzusetzen.“

[1] Offener Brief zum Handyverbot an Schulen (mit weiteren Links)


Mehrheit der Jugendlichen für Handyverbot in Schulen

lautet die Überschrift einer Meldung in der Berliner Zeitung vom 24.9.2025. Aus der dort zitierten Jugendstudie „Zwischen Bildschirmzeit und Selbstregulation“ wird deutlich, dass eine Mehrheit der Jugendlichen in Deutschland ein Handyverbot in Schulen befürwortet.

„60% der Befragten sprechen sich für ein Handyverbot im Unterricht oder Klassenzimmer aus.“

Hervorhebungen durch Schulforum-Berlin