Einschulungsuntersuchungen: Schwere Defizite bei Berlins künftigen Erstklässlern
Rund ein
Drittel der Fünfjährigen hat vielfältige Störungen – auch dann, wenn sie eine
Kita besucht haben.
Tagesspiegel, 07.02.2019, Susanne Vieth-Entus
Berlins Erstklässler kommen [bereits seit Jahren] mit schwerwiegenden Defiziten in die Schule – und zwar sogar dann, wenn sie über zwei Jahre lang eine Kita besucht haben. Dies belegen die Einschulungsuntersuchungen für 31.000 Erstklässler zum Schuljahr 2017, deren Ergebnisse jetzt von der Senatsverwaltung für Gesundheit veröffentlicht wurden [Dilek Kolat (SPD), Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung]. Insgesamt werden bei fast 30 Prozent aller Erstklässler motorische und feinmotorische Störungen festgestellt, ein Viertel hat kaum eine Mengenvorstellung. Der Schulstart ist somit massiv erschwert. Am stärksten von den Defiziten betroffen sind arabischstämmige Kinder.
Dies betrifft besonders den Bereich der Visuomotorik, also die
Auge-Hand-Koordination, die es etwa ermöglicht, etwas akkurat auszuschneiden
oder Strichzeichnungen nach einer Vorlage zu vervollständigen:
„Grenzwertige“ oder „auffällige“ Befunde gab es bei über 30
Prozent der Erstklässler. Dahinter verbergen sich folgende auf die Herkunft
bezogene Zahlen: Bei den 16.400 deutschstämmigen und osteuropäischen Kinder besteht
die Problemgruppe aus rund einem Drittel, bei den 2600 arabischstämmigen aus über
50 Prozent und bei den 2400 türkischstämmigen aus 37,5 Prozent.
Auch die Ausprägung der visuellen Wahrnehmung und
Informationsverarbeitung ist hoch bedeutsam für den Schulerfolg: Wenn ein Kind
bei den entsprechenden Übungen gut zurecht kommt, bedeutet das etwa, dass es
Schlussfolgerungen aus einem Bild ziehen oder etwa Ähnlichkeiten und
Unterschiede feststellen kann. Dies war im Schnitt bei 35 Prozent der
Erstklässler nicht der Fall. Die Zahlen nach Herkunft ergeben folgenden Befund:
„Grenzwertige“ oder „auffällige“ Resultate hatte ein
Drittel der deutschstämmigen und osteuropäischen Kinder, fast 50 Prozent der
Erstklässler arabischer Herkunft und 40 Prozent türkischer Herkunft.
Die Ursachen für spätere Probleme
Bei der Körperkoordination oder auch Grobmotorik sollen die Kinder
seitlich hin- und herzuspringen. „Gewertet wird die Anzahl der Sprünge,
die das Kind in 10 Sekunden schafft“, heißt es in den Erläuterungen der
Gesundheitsverwaltung. […] Im Schnitt erfüllen 30 Prozent der Kinder die
altersgemäßen Erwartungen nicht. Dies wiederum wirkt sich negativ auf die
Feinmotorik aus, die fürs spätere Schreibenlernen so wichtig ist.“
Es geht um die Grundlagen fürs Rechnen
Wer addieren oder subtrahieren will, braucht eine Vorstellung von
Mengenverhältnissen. Normalerweise müssten die schon in den ersten Lebensjahren
gebildet werden – etwa wenn Kinder untereinander Süßigkeiten aufteilen, mit
Muscheln oder Murmeln spielen. Zum Bildungsprogramm der Kitas gehört
mathematisches Grundlagenwissen, aber es kommt offenbar noch nicht in
ausreichendem Maße an, weshalb Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) in ihr
neues Qualitätspaket, das sich an Hamburg orientiert, die Vertiefung der
entsprechenden Kitaförderung aufgenommen hat: Die Grundschulen klagen darüber,
dass zu wenig mathematische Grundlagen bereits in der Kita gelegt werden, die
Oberschulen verweisen auf die Grundschule, am Ende scheitern die Zehntklässler.
In Zahlen ausgedrückt: „Grenzwertige“ oder
„auffällige“ Befunde zeigt ein Fünftel der deutschstämmigen Kinder
und der Kinder aus westlichen Industriestaaten, ein Drittel der Kinder aus
Osteuropa, 36 Prozent der türkischstämmigen und über 40 Prozent der
arabischstämmigen Fünfjährigen. […]
Die
soziale Herkunft entscheidet
Denn andernfalls schlägt die soziale Lage der Eltern noch stärker durch
als sie es ohnehin schon tut: Die Leistungsfähigkeit der Kinder mitsamt ihrer
motorischen und kognitiven Fähigkeiten ist noch immer weitgehend an den
sozialen Hintergrund gekoppelt. Auch dies belegen die
Einschulungsuntersuchungen: So besagen sie, dass rund 50 Prozent der
arabischstämmigen Kinder aus Familien mit einem unteren Sozialstatus stammen,
rund 40 Prozent der türkischstämmigen und nur acht Prozent der
deutschstämmigen. Davon ausgehend müssten die Kinder deutscher Herkunft
eigentlich bessere Ergebnisse erzielen als es der Fall ist. Auffallend ist,
dass osteuropäische Kinder trotz geringerem Sozialstatus als die
deutschstämmigen in vielen Übungen vergleichbare Ergebnisse erzielen. Keine
Angaben werden zu den asiatischstämmigen Kindern gemacht, weil sie offenbar
eine zu kleine Gruppe bilden: Bei ihnen ist die Entkopplung zwischen sozialer
Herkunft und Schulerfolg besonders groß: Die Abiturquote – etwa bei Vietnamesen
– ist in armen Familien so hoch wie sonst nur in den mittleren oder höheren
Statusgruppen. […]
Bis zu 40
Prozent der Erstklässler mit eigenen elektronischen Medien
Ein weiterer Aspekt der Untersuchung war der Konsum elektronischer
Medien. „Der Anteil von Kindern mit eigenen elektronischen Geräten ist in
Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf mit fast 40 Prozent besonders hoch, während
in Friedrichshain-Kreuzberg nur 14,9 Prozent ein eigenes Gerät besitzen“,
fasste Senatorin Kolat zusammen. Die Erfassung des kindlichen Konsums ist neu
in dieser Auswertung. Die bisherige Abfrage zu Fernsehkonsum und eigenem
Fernseher sei dem geänderten digitalen Nutzungsverhalten angepasst worden, hieß
es. Nunmehr werde der Medienkonsum – also Fernsehsendungen, Filme oder
elektronische Spiele – unabhängig vom verwendeten Gerät erfragt.
Kolat berichtete, dass über 30,7 Prozent der künftigen Erstklässler
elektronische Medien im Durchschnitt länger als eine Stunde pro Tag benutzen.
Gemäß der nationalen Empfehlungen soll der Medienkonsum von Kindern vor dem
Schulalter aber 30 Minuten am Tag nicht überschreiten. Inwieweit dieser oder
andere Faktoren die Resultate der Einschulungsuntersuchungen beeinflussten –
vor allem: verschlechtern – wurde von den Autorinnen der Studie nicht erwähnt.
Bisher
hat nur Neukölln die Bezirkszahlen vorgestellt
Eine Diskussion der Daten fand auch sonst noch nicht statt: Senatorin Kolat ließ sie nach langem Warten eher nebenbei am vergangenen Freitag veröffentlichen [ein Schelm, der Böses dabei denkt], was der Schulausschussvorsitzenden Emine Demirbüken-Wegner offenbar aufgefallen war: Sie machte die Informationen [daraufhin] publik. […]
Anmerkungen in rechteckiger Klammer […] durch Schulforum-Berlin.
zum Artikel: https://www.tagesspiegel.de/berlin/einschulungsuntersuchungen-schwere-defizite-bei-berlins-kuenftigen-erstklaesslern/23957216.html
Siehe auch:
Einschulungsuntersuchungsbericht von 2007.
Einschulungsuntersuchungsbericht von 2014.
Einschulungsuntersuchungsbericht von 2017
Weitere
Stellungnahmen:
Körperlich-gesundheitliche Voraussetzungen
Es bestehen Beziehungen zwischen der körperlichen Entwicklung, dem Gesundheitszustand und dem Schulerfolg. Aktive Kinder, die sich viel bewegen, lernen leichter. Eine gute Körperbeherrschung schützt vor Unfällen und ein gutes Körpergefühl trägt zu einem positiven Selbstbild bei. Das hilft, auch in schwierig erscheinenden Situationen das Selbstvertrauen zu erhalten. Besondere Aufmerksamkeit ist dem Seh- und Hörvermögen zu schenken, da diese eng mit den Lese- und Schreibleistungen zusammenhängen. Manuelle Geschicklichkeit unterstützt die Feinmotorik des Schreibenlernens.
Renate Niesel, Diplompsychologin, 1994 bis 2012 wissenschaftliche Referentin am Staatsinstitut für Frühpädagogik, Bayern, aus: https://www.familienhandbuch.de/kita/schule/uebergang/SchulreifeoderSchulfaehigkeit.php
„Warum haben wir kein Schulfach Gesundheit?“
Seit vielen Jahren setzt sich Arzt und Komiker Dr. Eckart von Hirschhausen für mehr Gesundheitsbildung in der Schule ein. Er weist dabei besonders auf die Wirkung der Lehrkräfte hin.
Bildungsklick, 14.02.2019, Andreas Müllauer
Herr von
Hirschhausen, Bildungspolitik genießt in Deutschland einen eher ernsten Ruf.
Könnten wir hierzulande beim Thema Schule & Bildung ein bisschen mehr Humor
vertragen?
[…] Die wichtigste Unterrichtsvorbereitung für Lehrer ist, sich kurz vor
dem Betreten des Klassenraums klar zu machen: Ich präge gerade Herzen und Hirne
für ein Leben und ich freue mich, meine Begeisterung für mein Fach zu
multiplizieren. Und wer bei dem Gedanken nicht anfängt zu lächeln, sollte
gleich wieder ins Lehrerzimmer zurück!
Als Schirmherr von „Klasse 2000“, dem Programm gegen Tabakabhängigkeit „Be smart, Don´t start“, „Gemeinsam Leben Lernen“ und mit dem „Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz“ fördern Sie schon lange Bildungsinitiativen zum Thema Gesundheit. Was kann Bildung hier leisten?
Bildung und Gesundheit hängen eng zusammen, gesundheitliche Aufklärung und Bildung sind der größte Hebel für die Lebenserwartung. Aber wenn man etwa Berlin anschaut, liegen zwischen Neukölln und Zehlendorf zehn Kilometer – und zehn Jahre Lebenszeit – das ist unglaublich ungerecht. Deshalb engagiere ich mich für mehr Gesundheitskompetenz und ein gesundes Aufwachsen. Das geht im Mutterleib schon los. 10.000 Kinder werden jedes Jahr mit fetalem Alkoholsyndrom geboren und haben ein Leben lang verminderte Bildungschancen. Klare Botschaft: in der Schwangerschaft keinen Tropfen Alkohol. Warum steht das nicht deutlich sichtbar auf jeder Flasche? Dann geht es weiter über die frühkindliche Bildung. Jeder Euro, der in Leseförderung im Vorschulalter investiert wird, kommt 25-fach für die Gesellschaft zurück, sagt eine Studie der Stiftung Lesen. Wenn die Schulpflicht greift, ist der Unterschied zwischen den geförderten und den abgehängten Kindern schon nahezu zementiert. Warum haben wir kein Schulfach Gesundheit? Oder lernen zumindest in jedem Fach lebenspraktische Dinge und das quervernetzte Denken? Wir sind so stolz darauf, das Land der Dichter und Denker zu sein, aber die Hälfte der Bevölkerung weiß nicht, wann ein Fieber anfängt, wie man im Netz Sinn und Unsinn unterscheiden kann oder wie man einen Beipackzettel liest. Das müssen wir ändern. […]
Sie haben gesagt: „Lehrkräfte sind für mich mindestens so wichtig wie Ärzte.“ Wie haben Sie das gemeint?
Wir vertrauen Lehrern das Wichtigste an, das wir haben: unsere Kinder. Ein guter und motivierter Lehrer kann für Kinder ungeheuer prägend sein. Und jeder Lehrer der einem Schüler dabei hilft, ein gutes Verständnis für seinen Körper zu entwickeln und gar nicht erst mit dem Rauchen anzufangen, hat für dessen Lebenserwartung mehr getan als jeder Herzchirurg, der 50 Jahre später einen vermeidbaren Herzinfarkt behandelt. Deshalb liebe Lehrer: Passt gut auf euch auf, wir brauchen euch!
zum Artikel: https://bildungsklick.de/schule/meldung/warum-haben-wir-kein-schulfach-gesundheit/