Archiv der Kategorie: Schulpolitik-Berlin

“Wer aus der Geschichte nichts lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen”

Datum:  25.03.2015
Einladung zum fachlichen Dilettantismus
Wie in den Berliner Schulen das Fach Geschichte unter die Räder kommt
von Rainer Werner – ein Geschichtslehrer und Buchautor mischt sich ein.

(…) Der “Rahmenlehrplan Gesellschaftswissenschaften 5/6″ und der “Rahmenlehrplan Geschichte 7-10″ verstoßen gegen das wichtigste fachdidaktische Prinzip des Geschichtsunterrichts, wonach sich eine historische Epoche nur aus sich selbst heraus verstehen lässt, und zwar dadurch, dass man sich auf die Gegebenheiten dieser Epoche voll und ganz einlässt. Um geschichtliche Ereignisse zu verstehen, braucht man keine vordergründigen Aktualisierungen, die die Schüler häufig nur dazu verleiten, historische Bezüge zu verkürzen oder sie monokausal zu erklären. Die Geschichte ist zudem keineswegs eine reine Fortschrittsgeschichte, wie die im Plan angelegten Themenfelder suggerieren. Der Rahmenlehrplan hält deshalb auch dem avancierten Stand der Fachwissenschaft nicht stand.

Der fragwürdige historische Ansatz bei den historischen Bezügen der Themenfelder, die fehlende Einbettung in den historischen Kontext der jeweiligen Epoche und die problematischen, weil vordergründigen Aktualisierungen werden dazu führen, dass das geschichtliche Bewusstsein der Schüler immer mehr verkümmert. Ein guter Geschichtsunterricht ist aber ein wichtiger Beitrag zur Festigung unserer Demokratie. Von dem US-amerikanischen Philosophen spanischer Herkunft George Santayana (1863-1952) stammt der Satz “Wer aus der Geschichte nichts lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen”. In Zukunft werden in Berlin Schüler die Schule verlassen, denen ein fragwürdiges Unterrichtskonzept den historischen Kompass für ihr Leben vorenthält. Man kann nur hoffen, dass ihnen ähnlich schmerzliche Lernprozesse wie den Generationen zuvor erspart bleiben werden.

zum Artikel:   Für eine gute Schule, 25.03.2015, Rainer Werner, Einladung zum fachlichen Dilettantismus


Zur Erinnerung:
Berliner Schulgesetz,  §1 Auftrag der Schule

Auftrag der Schule ist es, alle wertvollen Anlagen der Schülerinnen und Schüler zur vollen Entfaltung zu bringen und ihnen ein Höchstmaß an Urteilskraft, gründliches Wissen und Können zu vermitteln.
Ziel muss die Heranbildung von Persönlichkeiten sein, welche fähig sind, der Ideologie des Nationalsozialismus und allen anderen zur Gewaltherrschaft strebenden politischen Lehren entschieden entgegenzutreten sowie das staatliche und gesellschaftliche Leben auf der Grundlage der Demokratie, des Friedens, der Freiheit, der Menschenwürde, der Gleichstellung der Geschlechter und im Einklang mit Natur und Umwelt zu gestalten.
Diese Persönlichkeiten müssen sich der Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit bewusst sein, und ihre Haltung muss bestimmt werden von der Anerkennung der Gleichberechtigung aller Menschen, von der Achtung vor jeder ehrlichen Überzeugung und von der Anerkennung der Notwendigkeit einer fortschrittlichen Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse sowie einer friedlichen Verständigung der Völker.
Dabei sollen die Antike, das Christentum und die für die Entwicklung zum Humanismus, zur Freiheit und zur Demokratie wesentlichen gesellschaftlichen Bewegungen ihren Platz finden.

Alibiveranstaltung der Berliner Bildungsverwaltung

Datum: 03.03.2015
Ein Schnitt durch die Geschichte

Die Kritik an den neuen Rahmenlehrpläne reißt nicht ab. Eine dreistündige Informations- und Diskussionsveranstaltung der Bildungsverwaltung geriet am Montagabend zu einer großen Abrechnung mit den neuen Rahmenlehrplänen für das Fach Geschichte. Von den rund 300 Lehrern, die in die Max-Taut-Schule nach Lichtenberg gekommen waren, gab es fast ausnahmslos kritische Beiträge. Sie bemängelten nicht nur die neuen Rahmenpläne, die für Berlin und Brandenburg gelten sollen, sondern auch den Umgang mit abweichenden Meinungen: Zwar gibt es ein Onlineportal, in dem jeder seine Kritik äußern kann. Zu sehen seien aber nur die positiven Stellungnahmen.

zum Artikel: Der Tagesspiegel, Schule, 3.03.2014, Sylvia Vogt, Susanne Vieth-Entus, Ein Schnitt durch die Geschichte

Rahmenlehrplan Geschichte

Datum:  29.11.2014
Gesellschaftswissenschaften – Aus drei Fächern wird eines

Ab dem Schuljahr 2016/17 werden die Schüler in Berlin und Brandenburg nach einem neuen Lehrplan unterrichtet. Großen Wert wird dabei auf die Vernetzung der Fächer gelegt.
Der Verband der Geschichtslehrer hat bereits im Vorfeld kritisiert, für eine fundierte Vermittlung historischen Wissens bleibe mit der Neuregelung kein Platz. Gunilla Neukirchen, Vorsitzende der Vereinigung der Berliner Schulleiter, äußert sich jetzt ebenfalls kritisch zum Rahmenplan Geschichte. „Wir laufen Gefahr, in diesem Fachgebiet ins Anekdotische abzugleiten, wenn in den Jahrgangsstufen 5/6 historische Zusammenhänge eher schmückendes Beiwerk ist, da eine vertiefte Auseinandersetzung allein aus zeitlichen Gründen nicht stattfinden kann.“
Über alle Fächer hinweg sollen Sprachbildung und Medienkompetenz eine größere Rolle spielen.
Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD): „Wer in der Lage ist, Fachtexte zu lesen und zu verstehen, Vorträge zu halten und sich mündlich und schriftlich zusammenhängend auszudrücken, der kann sich neue Wissenswelten, die über die unmittelbare Erfahrung hinausgehen, erschließen und an gesellschaftlichen Diskussionen konstruktiv teilnehmen“.

zum Artikel:  Berliner Morgenpost, 29.11.2014, Regina Köhler, Gesellschaftswissenschaften – Aus drei Fächern wird eines


Ein schöner Anspruch der Bildungssenatorin! Welche Schüler der Jahrgangsstufe 5/6 erfüllen die Anforderungen die in der Aussage enthalten sind?

Kommentieren Sie den neuen Rahmenlehrplan Geschichte

Der neue Rahmenlehrplan ist im Internet abrufbar und Lehrkräfte, Eltern, Schülerinnen und Schüler, Schulleitungen, schulische Gremien, alle an Bildung interessierten Verbände sowie Einzelpersonen können sich bis zum 27. März 2015 dazu äußern.

Wie Sprecher Thorsten Metter aus der Bildungsverwaltung sagte, sollen die Pläne dann möglichst breit diskutiert werden. Per Rückmeldungsbogen haben Interessierte Gelegenheit, die Pläne zu kommentieren.

Die von der Bildungsverwaltung angebotene Diskussion werden wir weiter verfolgen und berichten.

zu den Lehrplänen

Lernen wird „vernetzt, vielfältig und zeitgemäß“ – Das Niveau der Schulen sinkt

Datum: 28.11.2014
Neuer Rahmenlehrplan – Das Niveau der Schulen sinkt

Der neue Rahmenlehrplan schreibt vor, was und wie Berliner Kinder lernen sollen. Von „Entschlackung“ ist da die Rede, in der Realität heißt das: Das Niveau wird gesenkt.
Der neue Rahmenlehrplan erläutert, wie gelernt werden soll. Natürlich ganz modern – das Lernen wird „vernetzt und vielfältig“. „Zeitgemäßes Lernen“ sei das, lobt die Bildungssenatorin Sandra Scheeres den Entwurf aus ihrem Hause, der in Zusammenarbeit mit dem Land Brandenburg entwickelt wurde. Ein einheitlicher Rahmenlehrplan von der ersten bis zur 10. Klasse, eine kleine Revolution.
Die Antwort des neuen Rahmenlehrplans ist schlicht: Das Niveau wird gesenkt. Statt Fächer gibt es plötzlich immer öfter „Lernbereiche“, statt Lernen konkreter Formeln in Mathematik geht es nun um einen „sprachsensiblen“ Unterricht, der „die persönlichen, soziokulturellen und ethnischen Hintergründe“ der Schüler einbindet. Dafür soll noch Zeit sein?
Warum sucht die Bildungsverwaltung in neuen Strukturen und sich aneinanderreihenden Reformen die Lösung und stärkt nicht die Lehrer bei ihrer eigentlichen Aufgabe: den Kindern etwas beizubringen?

zum Artikel:   Berliner Morgenpost, 28.11.2014, Susanne Leinemann

Berliner Niveaulimbo – die Statistik stimmt!

Datum:   11.05.2014
Die Berliner Schüler werden von gleichgültigen und skrupellosen Politikern und Bürokraten nicht aufs Leben vorbereitet. Alles was auf sie wartet, ist eine Katastrophe.
Harald Martenstein

Um das Problem  der hohen Durchfallquoten bei den Abschlussprüfungen zu lösen, hat die Berliner Schulverwaltung durch einige Verwaltungsmaßnahmen das Durchfallen nahezu unmöglich gemacht. Beim mittleren  Schulabschluss (MSA) konnte eine „5“ in Mathematik zum Beispiel mit einer „3“ in Deutsch ausgleichen werden. Vor der Nivelierung war eine „2“ notwendig.
(…) Um zu erreichen, dass wirklich jeder Schüler im Fach Deutsch eine „3“ erreichen kann, wurde der schriftliche Anteil der Prüfung, also Diktate, Aufsätze und dergleichen, auf nahezu null zurückgefahren. Es genügt offenbar, einige Worte sprechen zu können.(…)
Schüler, die nicht lernen mussten, sich anzustrengen. Schüler, die fast nichts wissen. Schüler, denen niemand die Chance gegeben hat, an Misserfolgen zu wachsen. Schüler, die nach vielen vergeudeten Jahren ein Zeugnis in der Hand halten, das wertlos ist. Kein Unternehmen wird das Zeugnis ernst nehmen. Wer eine Stelle will, muss erst mal eine Prüfung absolvieren, diesmal eine echte, keine Berliner Pseudoprüfung. Das hat der Schüler aber nicht gelernt. (…) Hinter der Schulreform steckt nicht Menschenfreundlichkeit. Es stecken Gleichgültigkeit und Skrupellosigkeit dahinter. Hauptsache, unsere Statistik stimmt, 98 Prozent erfolgreiche Prüfungen.

zum Artikel:  Der Tagesspiegel, 11.05.2014, Harald Martenstein, Berliner Niveaulimbo