Archiv der Kategorie: Schulpolitik-Berlin

Hamlet stört im Unterricht – Zur Ökonomisierung der Schule

Das verlorene Subjekt

von Hinrich Lühmann, ehemaliger Schulleiter des Humboldt-Gymnasiums in Berlin-Tegel. Unter dem Titel: „Zur Handhabbarkeit von Bildung – Output-Phantasien“ vorgetragen auf dem Kongress „Irrwege der Unterrichtsreform“, Frankfurt, Goethe Universität, 24. März 2012.

(…) Meine Damen und Herren: Hamlet stört. Wie sehr und auf welche Weise, das verrät uns in schöner Offenheit ein „Fachbrief“ der Berliner Senatsschulverwaltung; dabei geht es um neue Aufgabenformate für Grund- und Leistungskurse Englisch im schriftlichen Abitur. Ich zitiere:

„[…Wir haben] uns daran gewöhnt, dass unsere Schülerinnen und Schüler sehr gezielt auf die
Aufgabenstellungen im Abitur vorbereitet werden und diese daher auf einem vergleichsweise hohen Niveau bearbeiten. Doch diese Spezialisierung kostete ihren Preis: […] der Unterricht befähigte sie nicht dazu, Texte im Kontext ihres realen Lebensumfelds zu analysieren und zu erstellen. Das Verfassen eines Essays über ein literarisches Werk stellt beispielsweise eine außerhalb der Schule äußerst seltene Anforderung dar, wohingegen Briefe […] immer wieder verlangt werden.Vor allen Dingen kommt es bei den Anforderungen, mit denen unsere Schülerinnen und Schüler in Ausbildung und Beruf konfrontiert sein werden, darauf an, dass sie in der Lage sind, sich schnell zu orientieren und über aktuelle Zusammenhänge zu recherchieren. Diese Fähigkeit lässt sich nicht durch die Vermittlung eines Wissenskanons erzeugen, denn dieser hat in unserer Zeit bekanntlich nur kurz Bestand. Stattdessen benötigen sie Kompetenzen und Grundkenntnisse, die als eine Art Fundament für den Erwerb der jeweils benötigten Spezialkenntnisse in den unterschiedlichsten Bereichen dienen.
[…] Anspruchsvolle Klausuren [stellen] keine […] Vorbereitung dar auf eine Welt, in der Flexibilität und die Fähigkeit zum schnellen Erwerb von Wissen überlebensnotwendig sind. [Daher setzt sich] das [neue] Zentralabitur zum Ziel zu überprüfen, ob die Prüflinge […] Aufgabenstellungen gerecht werden, die sich an realen Anforderungen orientieren.“
„Es sei hier auch noch einmal darauf verwiesen, dass die wenigsten unserer Schülerinnen und Schüler, die am Englisch-Unterricht teilnehmen, ein Literaturstudium anstreben. Die meisten von ihnen werden voraussichtlich in ihrem weiteren Leben Englisch als Verkehrssprache […] nutzen.“

Das leuchtet ein: da sich kaum jemand sich auf Literatur „spezialisieren“ wird, braucht man auch keine zu lesen. „Hamlet“ stört solchen Unterricht. (…)

(…) dieses ministerielle Rundschreiben spiegelt ein funktionales Denken, ausgerichtet an angeblichen Anforderungen des Arbeitsmarktes, dem die Schule zuarbeiten müsse. Wer so denkt, fällt zweihundert Jahre zurück und gesellt sich zu jenen Philanthropen, die das „Gelehrtenwissen“ für „unnütz“ erklärt hatten. Insofern ist dieses Rundschreiben ein Sprung zurück hinter die einst exemplarisch vorgelebte und artikulierte Bildung der Brüder Humboldt, es ist nicht modern, sondern schlicht reaktionär. Diese Abwendung von den Inhalten, die Hinwendung zu nützlichem Alltagswissen, das der „Output“ unserer Schulen sein soll, verdanken wir, Sie wissen es, einer einseitigen Interpretation der PISA-Resultate. (…)

In dieser Situation: great expectations ohne Geld in den Kassen, haben Unternehmensberater den entscheidenden Tipp geliefert: ökonomisiert die Schule, leitet sie wie ein Unternehmen. Die Betriebskosten bleiben gleich, das Produkt wird besser: Effizienz endlich auch in der Bildung!
Gesagt, getan. Ein betriebswirtschaftlicher Begriffsnebel hat sich über uns gelegt.

Zur neuen Schule gehören seither:
Corporate identity, Output–Orientierung, Normierung, Controlling, Qualitätsmanagement. Ein Leitbild muss her und ein Schulprogramm. Eine Steuerungsgruppe formuliert nach Bestandsaufnahme und Stärken–Schwächen–Analyse Entwicklungsziele. Zielvereinbarungen binden Schulaufsicht, Schulleitung und Lehrer in ein Geflecht von Anforderungen, die sie gemeinsam unter Anwendung infantilisierender
Moderationsmethoden entwickelt haben. Wer nicht mitzieht, der wird in einem von gegenseitiger Wertschätzung getragenen Mitarbeitergespräch vom rechten Weg überzeugt. So werden Lehrer endlich professionell. Der Schulleiter, einst administrativ dilettierender Primus inter pares, übernimmt Ergebnisverantwortung; er wird Vorgesetzter und regiert top down: ist Manager, nur nebenher noch Pädagoge. Wo einst ein fahles Humboldtbild die Lehrerzimmer zierte, strahlen heute quietschbunte Zahlen und Figuren: Säulendiagramme illustrieren die datengestützte Bewertung der Qualität einer Schule. Denn die Schulinspektion war da, die alle paar Jahre für drei Tage einfällt, jeden Lehrer für ganze zwanzig Minuten besucht; ein hochkomplexes Zahlenwerk, sortiert in neunzig Kategorien, Lob und Tadel und gute Besserungswünsche hinterlässt – in dem Glauben, dass man Unterrichtsqualität ohne Ansehen der Individuen beurteilen könne, und nun der einzelne Lehrer aufgrund der akkumulierten Zahlen der ganzen Schule einen besseren Unterricht geben werde und dass es dem Management der Schule jetzt gelinge, alle zu neuen Ufern zu führen. (…)

zum Beitrag:  Irrwege der Unterrichtsreform, „Das verlorene Subjekt“, Hinrich Lühmann

siehe dort auch die weiteren Beiträge z.B. „Betrieb Schule. Eine Polemik“

Zitate aus: Fachbrief Englisch Nr. 11, 27. November 2006, S.11, Hg.: Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung / Landesinstitut für Schule und Medien.

Ein Rahmenlehrplan für alle: Etwas „nachjustiert“ aber Richtung beibehalten – Kritik ebbt nicht ab

Einer für alle – Rahmenlehrplan für Berlin und Brandenburg verabschiedet

18.11.2015, Susanne Vieth-Entus

Berlin und Brandenburg haben als bundesweit erste Länder am Mittwoch einen gemeinsamen Rahmenlehrplan für alle Schulformen verabschiedet. Es ist zugleich das erste Mal, dass sich zwei Bundesländer auf identische Inhalte für alle Fächer geeinigt haben. Ab 2017/18 sollen die neuen Vorgaben umgesetzt werden. Die seit Monaten geäußerte Kritik an den Neuerungen riss auch nach der Unterzeichnung durch Bildungssenatorin Sandra Scheeres und Bildungsminister Günter Baaske (beide SPD) nicht ab. (…)

Der neue Rahmenlehrplan umfasst alle Jahrgangsstufen von Klasse 1 bis 10 und gilt für Grundschulen, Sekundarschulen, Gymnasien und alle Förderschulen, abgesehen von den Schulen für geistig Behinderte. (…)

Es werde aber eine „große Herausforderung“, ein Raster für die individuelle Benotung zu entwerfen, das starken und schwachen Schülern gerecht werde. (…)

Generelle Kritik gibt es am Gesamtkonzept des Werks. Es sei „überfrachtet“, dazu passagenweise „elaboriert oder schematisch“ geschrieben. Die Zuordnung der Kompetenzen zu acht verschiedenen Niveaustufen mache die Verwirrung komplett, heißt es. (…) Letztlich bleibe es aber dabei, dass man – auch mit dem neuen Plan – guten und schlechten Unterricht machen könne, resümiert Ursula Reichelt vom Fachverband Deutsch.

zum Artikel:  Der Tagesspiegel, 18.11.2015, Susanne Vieth-Entus, Einer für alle – Rahmenlehrplan für Berlin und Brandenburg verabschiedet

Sag mir, wo die Schüler sind

Wenn die duale Ausbildung zum Fremdwort wird

Im Senat herrscht Unklarheit darüber, wie viele Schulabgänger eine duale Ausbildung beginnen. Klar ist: Ihre Zahl ist vor allem bei Migranten gering.
Susanne Vieth-Entus, 14.10.2015

(…) Im Berliner Bezirk Mitte wurden die Sekundarschulen befragt, wie viele ihrer Schüler nach der zehnten Klasse eine duale Ausbildung beginnen. Das Ergebnis lautete: 60 von 1080 Abgängern – mithin 5,6 Prozent. Rund 500 Schüler „sind arbeitslos oder besuchen Maßnahmen, die nicht zu einem Berufs- oder Bildungsabschluss führen“, heißt es einem internen Bericht, der der grünen Abgeordneten Stefanie Remlinger zugespielt wurde. (…)

Schätzungen besagen, dass berlinweit nur jeder zehnte Sekundarschüler den direkten Weg in die duale Ausbildung findet. In sozialen Brennpunkten sind es noch weniger. Und am wenigsten in Mitte, wo die Quote bei besagten 5,6 Prozent liegt und der Migrantenanteil bei 80 Prozent.

Eine Sekundarschule im Bezirk, die nicht genannt werden möchte, berichtet, dass 2014 nur sechs von über 120 Absolventen eine betriebliche Ausbildung begonnen haben; vier von ihnen gaben auf, „weil die Eltern nicht dahinter standen, oder weil es den Schülern zu anstrengend war“, wie der Rektor resümiert.

Diese Bilanz ist für die Schule vor allem deshalb niederschmetternd, weil die Schüler „von hinten bis vorn gepimpt und beraten“ worden seien, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Einen Grund für den Misserfolg sieht der Schulleiter in der „Sozialisation“ der Schüler: „Sie bekommen bestimmte Dinge nicht vorgelebt.“ Oft habe in der Familie kaum jemand einen Beruf. „Die Schüler erfahren, dass sich auch ohne Arbeit ganz gut leben lässt. Darum sehen sie nicht ein, warum sie um sechs Uhr aufstehen und acht Stunden lang schuften sollen“, berichtet eine Schulleiterin im selben Bezirk. (…)

Die Erwartungen an die neue Jugendberufssagentur, die soeben ihre Arbeit aufgenommen hat, ist hoch. Ob sie die Jugendlichen in Ausbildung und Beschäftigung bringen und ergründen kann, welchen Weg die Schüler nach der Schule gehen?

zum Artikel: Der Tagesspiegel, Berlin, 15.10.2015, Susanne Vieth-Entus, Wenn die duale Ausbildung zum Fremdwort wird (Sag mir, wo die Schüler sind)


siehe auch die Meldung im Tagesspiegel vom 16.11.2015:
Susanne Vieth-Entus, 3000 Jugendliche: Nach der Schule ins Nichts

  • 3000 Berliner Jugendliche fallen allein in diesem Jahr nach dem letzten Schuljahr ins Nichts!
  • 15000 Jugendliche sind arbeitslos gemeldet.

Wo bleibt der politische und gesellschaftliche Aufschrei angesichts tausender unversorgter Jugendlicher?

Die Hälfte der Drittklässler erfüllt nicht einmal die Mindeststandards

Schreiben ungenügend

Bei Vergleichsarbeiten bleibt jeder zweite Schüler unter den Mindeststandards. Ein weiteres Problem: Lehrer sind nicht auf Kinder von Flüchtlingen vorbereitet.
31.08.2015, Susanne Vieth-Entus

schreiben lernen

Bild: literaturtipps.de

Die Schüler schreiben miserabel.
Dies ist zumindest das jüngste Ergebnis der Vergleichsarbeiten in den dritten Klassen. Demnach erfüllt die Hälfte der Drittklässler nicht einmal die Mindeststandards, die die Kultusministerkonferenz für die Rechtschreibung angesetzt hat: Sie können demnach maximal „lautgetreu“ schreiben, bringen also nur zu Papier, was sie hören. Der „Stuhl“ wird dann zum „schtul“, das „Fahrrad“ mutiert zum „varat“. (…)

An der Vergleichsarbeit, „Vera 3“ genannt, hatten 2014 rund 23.000 Schüler teilgenommen. Ausgewertet wurde sie vom Institut für Schulqualität (ISQ) Berlin-Brandenburg. Dabei kam auch heraus, dass selbst von den deutschstämmigen Schülern 45 Prozent an der untersten Hürde hängen bleiben. Bei den Klassenkameraden anderer Herkunftssprachen sind es 64 Prozent. (…)

Aber auch beim Lesen sind die Kinder anderer Muttersprachen extrem benachteiligt: 45 Prozent können nicht im Entferntesten mithalten. (…)

Zum Ende der Klasse 4, wenn die Kinder bundesweit üblicherweise die Grundschule verlassen, sollen alle wichtigen Grundlagen für das Lesen und Schreiben gelegt sein. (…)

aus:   http://www.spiegel.de/fotostrecke/rechtschreibung-schueler-machen-mehr-fehler-schreiben-aber-kreativer-fotostrecke-94889.html

„Es hapert bei den Lehrern offensichtlich an der Methodik“, lautet die Einschätzung eines Schulrates, der nicht namentlich genannt werden möchte. (…)

Berlins ehemalige Ausländerbeauftragte Barbara John nennt zwei weitere Gründe: Überproportional viele Migranten kommen aus bildungsfernen Schichten und werden von zu Hause kaum gefördert und die Lehrer wüssten nicht gut genug, wie „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ) zu vermitteln ist. (…)

Angesichts von rund 150.000 Schülern mit Migrationshintergrund und ihrer anhaltend schlechten Ergebnisse in allen Leistungsvergleichen stellt sich für viele Fachleute die Frage, wie die Stadt den mindestens 5000 Flüchtlingen gerecht werden kann, die ab diesem Montag in den Willkommensklassen angemessen gefördert werden sollen. „Ich würde diese Klassen eher ,Verzweiflungsklassen‘ nennen“, sagt FU-Grundschulforscher Jörg Ramseger, „denn die Lehrer sind hilflos und die Behörde auch“.

zum Artikel: Der Tagesspiegel,  31.08.2015, Susanne Vieth-Entus, Schreiben ungenügend


siehe auch:   Spiegel online, 19.06.2013, Veronika Hackenbroch, Lernmethode „Lesen durch Schreiben“: „Das ist völliger Unsinn“
Schreib, wie du sprichst – der Rest kommt von allein. Nach dieser Methode sollen heute viele Kinder die richtige Rechtschreibung lernen. Im Interview erklärt Grundschulexperte Günter Jansen, warum er von dieser Methode überhaupt nichts hält und welche Kinder besonders darunter leiden.

Ausfühliche Informationen zum Thema:  „Lesen durch Schreiben“, „Spracherfahrungsansatz“,  Schreibenlernen ´nach Gehör´ unter:
Elternbrief Nr.13, Pädagogik gegen das Kind, www. Grundschulservice.de, Günter Jansen


Drei Methoden im Schreibunterricht sind in Deutschland verbreitet.

Lesen durch Schreiben: Die Schüler sollen selbständig Wörter so verschriften, wie sie sie hören, und erst später die Regeln lernen. Schwache Lerner scheitern daran.

Silbenanalytische Methode: Die Schüler lernen systematisch die Strukturen von Wörtern zu erkennen. Diese Methode verlangt eine sehr strukturierte, angeleitete Form von Unterricht.

Analytisch-synthetische Methode: Hier werden für Lerner die Wörter einerseits in ihre Bestandteile zerlegt (Analyse) und andererseits Buchstaben zu Wörtern zusammengezogen (Synthese). Es wird oft mit Fibeln gearbeitet.

In Berlin wird den Lehrern/Schulen die Methodenwahl überlassen.
Untersuchungen belegen, dass schwächere Schüler eine feste Struktur brauchen, Regeln erklärt werden müssen und genügend Zeit für kontrolliertes Üben haben.

siehe auch:  Deutschlandfunk, 28.08 2014, Barbara Weber, Lesen und Schreiben lernen. Streit um die richtige Methode

Agi Schründer-Lenzen (Erziehungswissenschaftlerin und seit 2004 Inhaberin der Professur für Allgemeine Grundschulpädagogik und -didaktik an der Universität Potsdam):
„Da würde ich schon empfehlen, mit einem Fibel-Lehrwerk anzufangen und dann aber diesen Fibel-Lehrgang anzureichern, damit die Kinder eine Basis haben, von der aus sie erstmal auf die richtige Spur gelenkt werden, denn wenn ich nach der Reichen-Methode unterrichte“, also der „Lesen durch Schreiben“-Methode mit der Anlauttabelle, „dann ist es so, dass die Kinder einen Weg in die Schriftsprache gewiesen bekommen, der grundsätzlich einseitig und auch fehlerhaft ist. Man sollte ihnen vom ersten Tag an das anbieten, was richtig ist. “

Damit scheint sie dem 8-jährigen Jan aus der Seele zu sprechen.
„Also ich würde sagen, dass man schon anfängt, die Fehler zu korrigieren in der Ersten, weil sonst hat man sich da dran gewöhnt zum Beispiel Blatt hinten nur mit einem t zu schreiben. Da kommt auf einmal jemand in der Zwei und sagt, das ist falsch, und das ist falsch. Da kriegt man irgendwie so ein ganz trauriges Gefühl.“

siehe auch:  Expertenanhörung zum Thema Rechtschreibunterricht an Hamburger Grundschulen im Schulausschuss der Hansestadt Hamburg am 3.12.2013.
Stellungnahme:  Prof. Dr. Agi Schründer -Lenzen (Universität Potsdam, Professur für Allgemeine Grundschulpädagogik und- didaktik)

(…)  Ein einseitig auf lautorientiertes Verschriften mit einer Anlauttabelle ausgerichteter Anfangsunterricht ist aus verschiedenen Gründen abzulehnen:
1. Er vernachlässigt die für viele Kinder notwendige systematische Unterstützung des Leselernprozesse und setzt die Kinder mit dem Prinzip „Schreibe wie du sprichst“ auf eine falsche Fährte, denn ohne Zweifel sind für das Erlernen der Orthographie weitere grammatische Regularitäten (Silben-, Morphemstrukturen) und syntaktisch-semantische Besonderheiten zu beachten.
2. Das „Hilfsmittel“ Anlauttabelle ist allenfalls als „Gedächtnisstütze“ für die dominanten Buchstaben-Laut-Verbindungen geeignet, nur sehr eingeschränkt aber für ein „Entdecken“ von Wortschreibungen. Diese Einschränkung gilt insbesondere für Kinder mit Migrationshintergrund, mit dialektaler Aussprache oder mit sonstigen Lernbeeinträchtigungen. Diese Kinder verfügen am Schulanfang nicht über ein sprachsystematisches Wissen und eine artikulatorische Modellsprache, mit der ihnen diese zudem sehr mühselige Verschriftung von Wörtern gelingen könnte.
3. Das Ausblenden rechtschriftlicher Korrektheit („Fehlertoleranz“) zugunsten eines „kreativen“ Verschriftens von vermeintlich Hörbarem, wird auch in einem weiteren methodischen Konzept des Anfangsunterrichts, dem Spracherfahrungsansatz (seit den 1980iger Jahren durch Brügelmann/Brinkmann/Bartnitzky vertreten und über den Grundschulverband weit in die Schulpraxis verbreitet), u.a. damit legitimiert, dass Falschschreibungen sich nicht sofort einprägen würden. Diese Argumentation ist nicht falsch aber dennoch problematisch, denn sie vernachlässigt die absolut notwendige Übungsintensität der orthographisch korrekten Schreibweisen. Diese stellen sich bei keinem Kind quasi naturwüchsig allein, wie die Fehldeutungen der Schriftsprachentwicklungsmodelle suggerieren. Diese im wissenschaftlichen Kontext entwickelten theoretischen Modelle einer zunehmenden rechtschriftlichen Kompetenz sind als diagnostische Klassifikationssyteme zu verstehen, um Rechtschreibfehler qualitativ ordnen zu können, sie sind aber keine Aussage über einen sich quasi von selbst einstellenden Kompetenzerwerb, denn Orthographie ist ohne Zweifel ein recht kompliziertes Normsystem. Schriftspracherwerb bedarf damit immer auch der Instruktion durch eine kompetente Lehrkraft, die in Kenntnis der individuellen Lernausgangslage, jedem Kind die Unterstützung anbieten kann, die es benötigt, um richtig Schreiben und Lesen zu lernen.

(…) Empfehlungen für die Überarbeitung des Hamburger Bildungsplans:
1. Implementierung konstruktiver Hinweise auf einen systematischen Rechtschreibunterricht
2. Verbindliche Vorgaben für einen Grundwortschatz
3. Beachtung der Verbindung von Schreib- und Leselernprozessen unter Berücksichtigung strukturierender Leselernhilfen
4. Würdigung der Bedeutung des Erwerbs schreibmotorischer Fähigkeiten
5. Verzicht auf einseitige methodisch- didaktische Orientierungen des Anfangsunterrichts zugunsten einer individuell- adaptiven Unterrichtspraxis, die jedem Kind einen erfolgreichen Schriftspracherwerb ermöglicht.

zur Stellungnahme:  Expertenanhörung zum Thema Rechtschreibunterricht an Hamburger Grundschulen im Schulausschuss der Hansestadt Hamburg am 3.12.2013

Man kann „von der Ausstellung ungedeckter Bildungsschecks sprechen“

Datum:  07.07.2015
„Das Abitur ist systematisch abgewertet worden“
Ein Interview von Susanne Vieth-Entus mit Harald Mier, seit 1996 Schulleiter am Berliner Schadow-Gymnasium in Zehlendorf, über Schüler und Schule im Wandel der Zeiten. Harald Mier geht zum Schuljahresende in den Ruhestand.

(…)  Susanne Vieth-Entus:  In ein paar Tagen stehen die Abiturergebnisse fest. Von Jahr zu Jahr werden die Noten besser, obwohl alle wissen, dass die Schüler nicht mehr wissen als früher. Ist das nicht Selbstbetrug?
Harald Mier: Beim Abitur sind viele Stellschrauben betätigt worden, die die Notendurchschnitte angehoben haben. Dazu gehören die zentralen Prüfungen, aber auch das Absenken des Bewertungsschlüssels: Heute ist es leichter als früher, eine Eins oder gerade noch eine Vier zu bekommen. Das ist politischer Wille. Wohlgemerkt, das ist keine Kritik an den Abiturienten, die können sich nicht mit anderen Zeiten vergleichen. Sie orientieren sich an dem derzeitigen System, sie wachsen auf mit der Hatz auf gute Notendurchschnitte. Allein die genannten Änderungen beim Bewertungsschlüssel ergeben eine Anhebung der Abiturdurchschnitte um etwa fünf Zehntel. Nicht die Leistungsfähigkeit unserer Abiturienten ist um fünf Zehntel besser geworden, das System hat sie ihnen in die Wiege gelegt. Vielleicht haben diejenigen recht, die von der Ausstellung ungedeckter Bildungsschecks sprechen.

(…) Die Politik möchte möglichst viele Abiturienten. Es ist die simple quantitative Botschaft, dass viele Abiturienten ein Indiz für ein gutes Bildungswesen seien. Wenn das so einfach wäre!

Gymnasien und Sekundarschulen gleichen sich formal zunehmend an. Ist Berlin auf dem Weg zu einer Schule für alle?
Vor der Einheitsschule möge Gott oder wer auch immer uns bewahren. Der Gedanke der Einheitsschule dient der Egalisierung des Niveaus und damit seiner Absenkung. Kinder sind und entwickeln sich ganz unterschiedlich, dem muss ein Bildungssystem durch vielfältige Angebote Rechnung tragen. (…)

zum Artikel:  Der Tagesspiegel, Schule, 07.07.2015, Susanne Vieth-Entus, „Das Abitur ist systematisch abgewertet worden“


Heike Schmoll schreibt in der FAZ vom 04.07.2015, Abitur ohne Wert:

(…) „Die Kultusminister müssen sich auch eingestehen, dass eine Abiturientenquote von 50 bis 70 Prozent bei einem anspruchsvollen Niveau nicht zu halten ist. Wenn am Ende alle das Abitur haben, ist es eben nichts mehr wert. Das lässt sich in Frankreich mit seinem Abiturientenanteil von 80 Prozent eines Altersjahrgangs studieren.“ (…)

zum Artikel:  FAZ, Kommentar, 04.07.2015, Heike Schmoll, Abitur ohne Wert


Interview mit Lehrerverbandspräsident Josef Kraus
Inflation von Top-Abiturnoten: „Das sind ungedeckte Schecks“

(…) HNA:  Aber viele Bürger finden einen Bildungszentralismus wie in Frankreich gerechter. Dort spitzen auf Kommando aus Paris die Abiturienten die Bleistifte für zentral gestellte Klausuren. 
Kraus: Das ist nur die halbe Wahrheit. Man darf nicht übersehen, dass die Abschlusszeugnisse in Frankreich einen relativ geringen Wert haben. Wer dort zur Hochschule will, muss eine Aufnahmeprüfung machen. Außerdem kann man bei einer 80-prozentigen Abiturientenquote sagen: Wenn jeder Abitur hat, hat keiner mehr Abitur. Ungerecht ist, wenn man Unterschiedliches gleich behandelt und über einen Kamm schert. (…)

Wir haben in den letzten Jahren einen sprunghaften Anstieg von Einser-Abiturienten verzeichnet. Sind die Schüler alle besser geworden?
Nein. Die Politik hat konzeptionslos die Verkürzung der Gymnasialzeit durchgezogen. Zugleich wollte sie mit sehr liberalen prüfungsrechtlichen Vorgaben beweisen, dass das achtjährige Gymnasium etwas Sinnvolles ist und auch noch bessere Abiturnoten zur Folge hat. Dann haben wir parteiübergreifend eine Politik, die auf Gefälligkeit setzt nach dem Motto: Wenn die Eltern das wünschen, befriedigen wir es. Die Hochschule oder der Markt wird es schon richten. Aber unterm Strich ist es Betrug an den Schülern. Wenn alle eine Eins vor dem Abitur-Komma haben, dann hat keiner mehr eine Eins vor dem Komma. Weil dann entweder der Markt oder die Hochschule sagen: Das sind ungedeckte Schecks. Wir machen unsere eigenen Auswahlverfahren.

zum Artikel:  Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA), 14.06.2015, Interview mit Lehrerverbandspräsident Josef Kraus, Inflation von Top-Abiturnoten: „Das sind ungedeckte Schecks“

Bürokratenchinesisch und Gagadeutsch der Berliner Bildungsbehörde

Datum:  03.05.2015
Wie gut ist das Deutsch der Schulsenatorin Sandra Scheeres?
Glosse von Harald Martenstein im Tagesspiegel vom 03.05.2015.

Ein Brief plus Merkblatt der Berliner Bildungsbehörde an die Eltern von Vorschulkindern soll  darüber informieren, wie wichtig es ist, Deutsch zu lernen. Beide Papiere enthielten sprachliche und grammatikalische Fehler sowie Auslassungen.
Es ist zu lesen:
„Ihr Kind hat in der Kindertageseinrichtung sein Sprachlerntagebuch erhalten, mit dem vor allem die Beobachtung seiner sprachlichen Entwicklung dokumentiert und mit Ihnen regelmäßig über die Fortschritte Ihres Kindes gesprochen (!) wird. Wenn Sie es wünschen, erhalten (!) selbstverständlich eine Kopie. Mit dem Erhebungsbogen der ,Quasta‘ auf der Grundlage des Sprachlerntagebuches wird im Sinne des Gesetzes zu dem vorgegebenen Zeitpunkt der Sprachstand für Kinder (von Kindern !) ab einem Alter von vier Jahren festgestellt. Es ist zu (!) dringend zu empfehlen, die weitere Förderung zu sichern.“

Die Bildungsverwaltung scheint wenig Interesse daran zu haben, ob die Eltern verstehen können, was ihnen mitgeteilt wird.

Das Schreiben sei „unseres Erachtens durchaus verständlich, sowohl im Inhalt als auch in der Gliederung“ teilte die Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres, Beate Stoffers, mit.

Immer mehr Grundschüler werden trotz massiver Rechtschreibdefizite in weiterführende Schulen entlassen. (siehe:  FAZ, Politik, 11.03.2015, Heike Schmoll, Rechtschreibung lehren! )
Sie scheinen in der Bildungsverwaltung angekommen zu sein.

Martensteins Glosse endet mit der Erkenntnis:  „Wenn es so weitergeht, kann kaum jemand noch einen geraden Satz schreiben oder einen klaren Gedanken fassen. Daran sind weder Schüler noch Lehrer schuld. Es liegt an einer Bildungspolitik, die Wissen als elitär verachtet und solche Briefe als ihre Visitenkarte in die Welt schickt.“

zum Artikel:  Der Tagesspiegel, 03.05.2015, Harald Martenstein, Wie gut ist das Deutsch der Schulsenatorin Sandra Scheeres?
siehe auch:  Der Tagesspiegel, 05.05.2015, Susanne Vieth-Entus, Finde die Fehler


In der Gemeinsamen Geschäftsordnung (GGO) der Berliner Verwaltung steht:
„Die Schriftsätze sollen knapp, klar und vollständig sein. Auf eine leicht verständliche Darstellung in gutem Stil und höflicher Form ist Wert zu legen. Es sind einfache Sätze zu bilden und geläufige Wörter zu verwenden.“  (…)  „Wer angeschrieben wird, soll von der Richtigkeit und Notwendigkeit der getroffenen Entscheidung oder Maßnahme überzeugt werden.“

Über 20.000 Eltern wurden angeschrieben!

Das Merkblatt ist in sieben Sprachen (Englisch, Französisch, Türkisch, Arabisch, Polnisch, Russisch und Vietnamesisch) übersetzt worden. Auch das Wort „Sprachstandsfeststellungsverfahren“?