Archiv des Monats: Juni 2026

Vorrang für Lesen, Schreiben, Rechnen: Norwegen untersagt KI-Nutzung in der Grundschule

Für ältere Schüler soll generative KI nur schrittweise in den Unterricht kommen. Zugleich will Oslo gedruckte Lehrbücher garantieren und Lehrkräfte schulen.

Berliner Zeitung, 19.06.2026, Peter Steiniger

Norwegens Regierung untersagt Grundschülern ab dem neuen Schuljahr weitgehend die eigenständige Nutzung von generativer Künstlicher Intelligenz, also Programmen, die selbstständig Texte oder Bilder erzeugen, im Unterricht.

Schülerinnen und Schüler der Klassen eins bis sieben, also im Alter von sechs bis 13 Jahren, sollen in Norwegen ab Ende August grundsätzlich keinen Zugang zu solchen Werkzeugen erhalten. Das teilte Ministerpräsident Jonas Gahr Støre am Freitag in Oslo mit.

Ein unkritischer Einsatz von KI führe dazu, dass Kinder wichtige Lernschritte überspringen. Bildungsministerin Kari Nessa Nordtun erklärte, den jüngsten Schülern fehle das Wissen und die nötige Selbstkontrolle, um die Technik sinnvoll einzusetzen.

„Das Wichtigste in der Schule ist, dass unsere Kinder lesen, schreiben und rechnen lernen“, sagte Støre nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Regierung verwies auf einen Bericht des Rechnungshofs aus dieser Woche, wonach zu viele Schüler Probleme beim Lesen und Schreiben hätten. Parallel will Oslo ein Gesetz auf den Weg bringen, das Schülern einen Anspruch auf gedruckte Lehrbücher garantiert.

Abgestufte Regeln bis zur Oberstufe

In den Klassen acht bis zehn soll KI nach Regierungsangaben nur schrittweise und vorsichtig eingeführt werden, sofern die Lehrkräfte zuvor entsprechend geschult wurden. In der Oberstufe sollen die Jugendlichen den Umgang mit KI lernen, um auf Studium und Beruf vorbereitet zu sein. Die Bildungsbehörde soll altersgerechte nationale Empfehlungen vor Schulbeginn veröffentlichen und Ausnahmen prüfen, etwa für Sprachunterricht oder individuelle Förderung.

Bereits 2024 hatte Norwegen Smartphones aus Schulen verbannt, im April kündigte die Regierung zudem eine Altersgrenze von 16 Jahren für soziale Medien an.

Siehe auch:

Die Coolen bleiben online

SOCIAL-MEDIA-VERBOT IN AUSTRALIEN

FAZ, 18.05.2026, GASTBEITRAG von Filip Milojević, Christopher Roth, Matthias Sutter

Australiens Social-Media-Verbot sollte Jugendliche von Tiktok, Instagram und Snapchat fernhalten. Neue Daten zeigen, was es bewirkt – und woran es noch hakt.

Das härteste Social-Media-Gesetz der Welt zeigt erste Wirkung – und zugleich seine Grenzen. Seit Dezember 2025 dürfen Jugendliche unter 16 in Australien keine eigenen Konten mehr auf Tiktok, Instagram, Snapchat und sieben weiteren Plattformen besitzen. Den Nutzern selbst droht nichts. Den Plattformen schon: bis zu 49,5 Millionen australische Dollar Strafe, falls sie Minderjährige nicht fernhalten. Mehr als ein Dutzend weiterer Länder prüfen vergleichbare Regelungen, auch in Deutschland und in der EU wird darüber gestritten. Vier Monate nach Inkrafttreten lässt sich nun erstmals empirisch beurteilen, was das Gesetz tatsächlich verändert. Die Antwort fällt zwiespältig aus.

Eine neue Studie, an der zwei [Autoren] von uns beteiligt sind, hat rund 835 australische Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren befragt. Das zentrale Ergebnis: Etwa 27 Prozent der Vierzehn- und Fünfzehnjährigen halten sich an das Verbot. In den ersten Monaten einer so weitreichenden Regelung ist das durchaus beachtlich – und mehr, als manche Beobachter erwartet hatten. Aber es heißt eben auch, dass knapp drei von vier Jugendlichen die untersagten Plattformen weiter nutzen. Das eigentliche Ziel des Gesetzes – die unter Sechzehnjährigen breit von den großen Plattformen fernzuhalten – wird so nicht erreicht.

Ein Gesetz ohne persönliche Konsequenzen

Wer verstehen will, warum die Wirkung so begrenzt bleibt, muss zunächst auf die Bauweise des Gesetzes blicken. Strafen gibt es ausschließlich für die Plattformen, nicht für die Nutzer. Vier von fünf befragten Jugendlichen wissen das auch – sie rechnen nicht damit, dass ihnen persönliche Konsequenzen drohen. Damit liegen sie richtig.

Hinzu kommt die technische Realität. Drei Viertel der Jugendlichen halten es für „leicht“ oder „sehr leicht“, die Sperren zu umgehen. Die gängigsten Wege sind ein falsches Geburtsdatum bei der Anmeldung, das Mitnutzen eines Eltern- oder Geschwisterkontos und der Einsatz eines VPN-Dienstes [Virtual Private Network, ist eine Technologie, die eine sichere, verschlüsselte Verbindung über ein öffentliches Netzwerk herstellt].

Bemerkenswert: Jeder vierte Nutzer berichtet, Eltern oder ältere Geschwister hätten ihm sogar geholfen, ein Konto wieder einzurichten, nachdem es deaktiviert worden war. Das Verbot erhöht zwar die Kosten dafür, ein Konto zu führen. Die Kosten dafür, überhaupt weiter Social Media zu nutzen, lässt es nahezu unverändert.

Was die Freunde tun

Das tiefere Problem liegt jedoch nicht allein in der Technik, sondern in der sozialen Natur dieser Plattformen. Social Media ist ein Gut, dessen Wert davon abhängt, wer sonst noch dabei ist. Wer Instagram verlässt, während die eigenen Freunde dort weitermachen, zahlt einen Preis an Teilhabe. Wer aussteigt, während die Klassenkameraden ebenfalls aussteigen, gewinnt vielleicht sogar an Status. Für den Erfolg eines solchen Verbots dürfte daher nicht nur die juristische Drohung entscheidend sein, sondern auch das Verhalten der Freunde.

Genau dieser Kanal hat sich in Australien bislang nicht in die gewünschte Richtung bewegt. Jugendliche, die noch Plattformen nutzen, nennen vor allem soziale Gründe: Ihre Freunde seien weiter dort, sie wollten nichts verpassen. Je mehr enge Freunde noch online sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Jugendlicher selbst online bleibt.

Wer aufhört, könnte wiederkommen

Die Lage ist deshalb fragil. Viele Jugendliche halten sich nicht deshalb an das Verbot, weil sie es überzeugend finden, sondern weil sie annehmen, dass genug andere ebenfalls aussteigen. Diese Erwartung ist aber kaum gedeckt. Die Studie fragte die Jugendlichen direkt, ab welchem Anteil aussteigender Altersgenossen sie selbst aussteigen würden. Die Antworten liegen im Mittel bei rund zwei Dritteln. Beobachtet wird derzeit nur etwa ein Viertel. Das passt zu einer weiteren Beobachtung: Mehr als vier von zehn der Jugendlichen, die heute aussteigen, würden nach eigenen Angaben zurückkehren, wenn nur ein Drittel der Gleichaltrigen mitmacht. Die ersten Aussteiger sind also nicht unbedingt der Beginn einer neuen Norm. Sie könnten auch die Ersten sein, die wieder zurückkommen.

Eine populäre Hoffnung lautet, dass sich die Wahrnehmungen der Jugendlichen mit der Zeit ohnehin anpassen werden – irgendwann werde die gesetzliche Regel zu einer sozialen Norm. Diese Hoffnung wird durch unsere Daten gedämpft. Die Schätzungen der Jugendlichen über das Verhalten ihrer Altersgenossen entsprechen ziemlich genau der Realität: Sie halten im Schnitt etwa 30 Prozent der Gleichaltrigen für regeltreu, beobachtbar sind 27 Prozent. Es liegt also nicht an einem Informationsdefizit. Die Jugendlichen wissen, dass die meisten Gleichaltrigen weiter Plattformen nutzen. Das dürfte die Anreize verstärken, selbst online zu bleiben.

Wer aussteigt – und wer nicht

Besonders aufschlussreich ist eine zweite Beobachtung. Auch dazu liefert die Studie eine Antwort: Gefragt, ob sie Aussteiger für beliebter oder weniger beliebt halten als aktive Nutzer, antworten die Jugendlichen eindeutig in eine Richtung. Nur fünf Prozent halten Aussteiger für beliebter, 44 Prozent halten sie für weniger beliebt, der Rest sieht keinen Unterschied. Unter den aktiven Nutzern fällt der Befund noch deutlicher aus. Wer sich an die Regel hält, gewinnt damit bislang kein Ansehen. Auch bei den Followerzahlen zeigt sich das Muster: Aktive Instagram-Nutzer in der Altersgruppe unter 16 haben im Schnitt etwa doppelt so viele Follower wie diejenigen, die Social Media nicht mehr nutzen. Die einflussreichen Jugendlichen, deren Verhalten den größten Sog ausübt, sind mit größerer Wahrscheinlichkeit auf den Plattformen geblieben. Dass gerade die Einflussreichen bleiben, ließe sich auch nüchtern erklären: Sie haben am meisten zu verlieren. Doch beide Lesarten laufen auf dieselbe Diagnose hinaus. Solange das Aussteigen weder sozial belohnt wird, noch unter den Tonangebenden zur Selbstverständlichkeit wird, fehlt dem Gesetz das Schwungrad, das die Tabakregulierung damals ergriff.

Der Vergleich zur Geschichte des Tabakkonsums ist hier instruktiv. In den Achtziger- und Neunzigerjahren begannen in den USA und in Großbritannien zunächst sozial gut vernetzte Gruppen mit dem Aufhören. Wer weiter rauchte, geriet zunehmend an den Rand der eigenen Netzwerke. Die Bewegung verstärkte sich selbst, weil das soziale Signal in dieselbe Richtung lief wie die staatliche Regulierung. Beim australischen Social-Media-Verbot ist es bislang umgekehrt: Wer dabeibleibt, gilt als cool. Solange das so ist, fehlt dem Gesetz die soziale Rückendeckung, die es braucht, um sich selbst zu tragen.

Konsequenzen für die deutsche Debatte

Was folgt aus alledem für Deutschland und Europa? Fünf Schlussfolgerungen scheinen uns wesentlich.

Erstens: Wenn die ganze Last der Durchsetzung auf den Plattformen liegt – und das ist politisch wohl die einzig sinnvolle Variante, denn niemand will Strafen gegen Vierzehnjährige verhängen –, dann müssen die Plattformen auch wirklich liefern. Bisher reicht ein falsches Geburtsdatum, ein VPN oder das Mitnutzen eines Geschwisterkontos, um das Gesetz zu unterlaufen. So bleibt Durchsetzung zu einem erheblichen Teil Symbolik. Verlässliche Anmeldeverfahren statt bloßer Selbstauskunft, ein konsequentes Schließen der bekannten Schlupflöcher und unabhängige, regelmäßige Prüfungen wären das Mindeste. Solange bekannte Schlupflöcher offen bleiben, bleiben die Millionenstrafen aus Canberra eine bloße Drohkulisse.

Zweitens: Eine altersbasierte Grenze trifft die soziale Realität ungenau. Jugendliche organisieren sich in Klassen, nicht in Geburtsjahrgängen. In den australischen Schulklassen sitzen Vierzehn- und Fünfzehnjährige regelmäßig neben Mitschülern, die bereits 16 sind und damit weiterhin legal posten dürfen. Eine an Schuljahrgängen orientierte Regelung würde das soziale Umfeld konsistenter ansprechen.

Drittens: Eine Regel wird erst dann zur Norm, wenn die soziale Welt um sie herum mitzieht. Solange Aussteigen keinen sozialen Statusgewinn bringt und die Tonangebenden online bleiben, fehlt dem Verbot die wichtigste Voraussetzung: soziale Rückendeckung. Deshalb reicht Durchsetzung allein nicht aus. Es braucht Aufklärung, sichtbare Vorbilder und eine öffentliche Debatte, die frühe Social-Media-Nutzung nicht nur rechtlich begrenzt, sondern auch sozial weniger selbstverständlich macht. Die Tabakpolitik zeigt, wie lang ein solcher Prozess dauert: Staatliche Regulierung wirkte dort erst nachhaltig, als medizinische Evidenz, öffentliche Kampagnen und veränderte soziale Normen über Jahrzehnte in dieselbe Richtung liefen. Bei Social Media ist dieser Prozess noch am Anfang.

Viertens: Ein Verbot nimmt etwas weg, ohne von sich aus etwas an seine Stelle zu setzen. Eltern berichten häufig, dass ihre Kinder die Plattformen anfangs vor allem als Zeitvertreib entdecken – als Beschäftigung für die unterforderten Stunden zwischen Schule, Hausaufgaben und Schlafenszeit. Solange dieser Hunger nach Unterhaltung nicht anders gestillt wird, bleibt der Sog der Apps groß, und jede erzwungene Pause wird zu Leerlauf. Die Aufgabe, attraktive Alternativen bereitzustellen – Sportvereine, Musikschulen, Jugendzentren, Freizeitangebote, die mit dem Reiz eines algorithmischen Feeds wenigstens konkurrieren können –, fällt damit den Familien und Bildungseinrichtungen zu. Patentrezepte gibt es hier nicht. Aber ein Verbot, das nur die Tür schließt, ohne einen Ausweg zu zeigen, wird die Mediennutzung kaum dauerhaft verändern.

Fünftens: Die Bewertung des Gesetzes braucht Zeit. Die heutigen Vierzehn- und Fünfzehnjährigen hatten ihre Gewohnheiten und Freundesnetzwerke längst aufgebaut, als das Verbot kam. Bei jüngeren Kindern könnte die Regel anders wirken: Sie könnten in eine Welt hineinwachsen, in der ein eigenes Konto unter sechzehn schlicht nicht dazugehört. Voraussetzung ist aber, dass das Gesetz über Jahre glaubwürdig durchgesetzt wird.

Australiens Experiment zeigt, was solche Verbote leisten können – und was nicht. Sie können den Zugang erschweren, sie können ein Signal setzen, sie können Eltern den Rücken stärken, die ihre Kinder bisher vergeblich vom frühen Einstieg abhalten wollten. Aber soziale Normen verändern sie nicht von allein. Wer die Mediennutzung Jugendlicher verändern will, muss die Jugendlichen selbst überzeugen – und vor allem die Gruppen, in denen ihre Entscheidungen entstehen.

Filip Milojević ist angehender Doktorand in Volkswirtschaftslehre am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Christopher Roth ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität zu Köln. Matthias Sutter ist Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik in Bonn. Die hier vorgestellten Befunde stammen aus der Studie: „Why Bans Fail: Tipping Points and Australia’s Social Media Ban“ von Leonardo Bursztyn, Angela Duckworth, Rafael Jiménez-Durán, Aaron Leonard, Filip Milojević, Christopher Roth und Cass Sunstein, NBER Working Paper Nr. 35162.

Aus: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/social-media-verbot-in-australien-die-coolen-bleiben-online-accg-200822182.html

Warum neue Schulen allein nicht reichen – Sichtbare und unsichtbare Baustellen

Tausende neue Schulplätze, trotzdem Bildungsnotstand: In Marzahn-Hellersdorf beginnt die Krise schon vor der ersten Klasse – beim „digitalen Schnuller“.

André Beinke , 14.05.2026, Berliner Zeitung

Marzahn-Hellersdorf baut gegen den Mangel an. Bis Ende 2026 sollen im Bezirk 8272 neue Schulplätze entstehen. Neue Räume, neue Gebäude, neue Kapazitäten. Eigentlich klingt das nach einer guten Nachricht für einen Bezirk, der seit Jahren wächst. […]

Doch Jugendstadtrat Gordon Lemm warnt vor einem Problem, das sich nicht einfach mit Beton, Holz und neuen Klassenräumen lösen lässt. Er spricht von einem „Bildungsnotstand“ – und meint damit nicht nur fehlende Schulplätze, sondern Kinder, die schon vor der Einschulung massive Unterstützung brauchen, Schulen mit zu wenig Personal und Jugendliche, die später wenig Aussichten auf einen Arbeitsplatz haben.

Der Bezirk baut also neue Schulen – und verliert trotzdem zu viele Kinder auf dem Weg zum Abschluss. „36 Prozent, also weit mehr als ein Drittel unserer Schülerinnen und Schüler, verlassen unsere Schulen entweder ohne oder nur mit einem geringen Schulabschluss“, sagte Lemm. Gemeint sind Abschlüsse unterhalb des Mittleren Schulabschlusses. Das bedeute, dass mehr als ein Drittel „eigentlich kaum Chancen auf eine Ausbildung oder einen stabilen Arbeitsplatz“ habe. „Jedes Jahr“, sagte Lemm.

13,8 Prozent Schulabgänger haben keinen Abschluss

Noch früher zeigt sich der Druck bei den Einschulungsuntersuchungen. Mehr als 60 Prozent der Kinder im Bezirk hätten einen schulischen oder sonderpädagogischen Förderbedarf, erklärte Lemm. In Hellersdorf-Nord seien es sogar mehr als 80 Prozent. „Also acht von zehn Kindern“, sagte er. Ausgerechnet dort, wo Kinder besonders viel Unterstützung bräuchten, fehlten zugleich Fachkräfte. An der Glückskompass-Grundschule gebe es in den ersten und zweiten Klassen „nur noch Studierende“, sagte Lemm. „Die haben gar keine Ausgebildeten mehr.“

Auch die Berliner Bildungsstatistik zeigt, wie hart das Problem am Ende der Schulzeit durchschlägt. Im Schuljahr 2023/24 lag der Anteil der Schulabgänger ohne Abschluss in Marzahn-Hellersdorf bei 13,8 Prozent – der höchste Wert aller Berliner Bezirke.[…]

„Neue Schulen allein reichen nicht“

Lemm beschreibt eine Krise, die sich nicht erst in der zehnten Klasse zeigt. Sie beginnt oft viel früher: Wenn Kinder zu wenig sprechen, zu wenig vorgelesen bekommen, sich schlecht konzentrieren können oder mit Förderbedarf in die Schule kommen, der später kaum noch aufzuholen ist.

Neue Gebäude schaffen Platz. Aber sie ersetzen keine Sprachförderung, keine Sozialarbeit, keine Sonderpädagogik und keine Fachkräfte in Kitas und Schulen. Bei dem Pressegespräch wurde genau diese Spannung sichtbar: Der Bezirk kann über neue Schulplätze berichten, muss aber zugleich erklären, warum Räume allein die Lage nicht lösen.

Die Krise beginnt vor der ersten Klasse: 41,5 Prozent der Mädchen und Jungen im Bezirk wiesen zuletzt Sprachdefizite auf, bei Kindern ohne Kitabesuch waren es sogar 80 Prozent. Es geht also auch um Kita, Sprache, Elternarbeit und soziale Unterstützung.[…]  

Wenn der Bildschirm zur Beruhigung wird

Lemm rückt dabei ein weiteres Problem in den Fokus: das Smartphone. Er nennt digitale Geräte eine Art „digitalen Schnuller“ – einen Bildschirm, der Kinder ruhigstellt, aus seiner Sicht aber Sprache, Konzentration und Geduld schwächen kann.

Kinder würden zu früh und zu lange mit digitalen Geräten beruhigt, sagte Lemm. Die schlechten Bildungserfolge und die Ergebnisse der Einschulungsuntersuchungen seien aus seiner Sicht „ganz, ganz wesentlich“ auch davon geprägt, dass Kinder „viel zu früh und viel zu lang“ an digitalen Geräten seien. Dadurch büßten sie Kompetenzen ein und könnten „nur noch nutzen und nicht mehr denken“.

Das trifft einen Nerv, denn viele Eltern kennen die Szene: das Handy im Kinderwagen, das Tablet beim Essen, das Video, das schnell angemacht wird, damit Ruhe ist. Der Bildschirm funktioniert dann wie ein Pausenknopf im Familienalltag. Kurzfristig hilft er. Langfristig kann er Fähigkeiten verdrängen, die Kinder für die Schule brauchen: sprechen, zuhören, warten, streiten, erzählen, sich langweilen und selbst auf Ideen kommen.

Das Smartphone allein erklärt keinen Bildungsnotstand. Armut, Personalmangel, fehlende Förderung und überlastete Familien verschwinden nicht, wenn ein Kind weniger Videos schaut. Aber der „digitale Schnuller“ ist für Lemm ein Warnzeichen: Das Handy ist nicht die Ursache der Krise. Es kann sie aber verstärken.

Die sichtbare und die unsichtbare Baustelle

Für Marzahn-Hellersdorf ist der Schulbau deshalb nur der sichtbare Teil der Krise. Neue Gebäude lassen sich zählen. 8272 neue Schulplätze bis Ende 2026.[…]

Schwieriger ist die unsichtbare Baustelle: Kinder, die früh Förderung brauchen. Jugendliche, die ohne ausreichenden Abschluss gehen. Eltern, die Unterstützung brauchen. Lehrkräfte, die bleiben sollen. Kitas, die Sprache fördern müssen. Und ein Alltag, in dem das Smartphone zu oft einspringt, wenn eigentlich Zeit, Geduld und Zuwendung nötig wären. Marzahn-Hellersdorf baut Schulen.

Wenn der Bezirk aber nur Räume schafft und nicht früher bei den Kindern ansetzt, zieht der Bildungsnotstand einfach mit ein.