Die PISA-Studie 2025 zeigt ein Schulsystem im Niedergang. Um den Abwärtstrend zu stoppen, braucht es eine Kraftanstrengung, die ideologische Blockaden auflöst und der pädagogischen Evidenz zum Durchbruch verhilft.
Rainer Werner, ehemaliger Berliner Gymnasiallehrer. Beitrag veröffentlicht am 13. September 2026 bei CICERO-online
Am 8. September 2026 wurden die Ergebnisse der PISA-Studie 2025 vorgestellt. Die Leistungen deutscher Schüler (getestet wurden 6.700 15-Jährige) lösten in der Politik und in den Medien Fassungslosigkeit aus. Sie waren so schlecht wie noch nie, seit 1999 die erste PISA-Studie gestartet wurde. Rund ein Drittel der Jugendlichen erreicht beim Lesen und in der Mathematik nicht einmal die grundlegende Kompetenzstufe zwei. In den Naturwissenschaften liegt der Anteil an Schülern mit ausreichenden Grundkenntnissen etwas höher. Nur ein relativ kleiner Anteil gehört in allen drei Disziplinen zur Leistungsspitze. Sieger sind die vier asiatischen Länder Singapur, China, Japan und Südkorea. Als erstes europäisches Land folgt auf Platz fünf Estland. Um den Abstand deutscher Schüler zu den Schülern von Singapur zu verdeutlichen, seien hier die Punktzahlen in den drei getesteten Fächern genannt: Schüler aus Singapur erreichen in Mathematik 563 Punkte, deutsche Schüler 464. Im Lesen ist das Verhältnis 535 zu 465 Punkten und in den Naturwissenschaften 560 zu 486 Punkten. Bildungsforscher haben errechnet, dass zwischen den Leistungen der beiden Schülerpopulationen zwei Schuljahre liegen.
Schüler versagen selbst bei leichten Aufgaben
Um zu veranschaulichen, wie schlecht die Leistungen deutscher Schüler sind, hier zwei Beispiele aus den Fächern Deutsch und Mathematik.
Kompetenzstufe zwei beim Lesen gilt bei PISA als eine grundlegende Mindestkompetenz. Wer darunter liegt, hat Schwierigkeiten, Texte selbstständig zu verstehen und Informationen sinnvoll zu nutzen. Die Schüler erhielten folgenden Text:
Der Stadtpark
„Im vergangenen Jahr wurde der Stadtpark umgebaut. Neue Bäume wurden gepflanzt und ein kleiner Spielplatz eingerichtet. Außerdem gibt es jetzt mehrere Bänke und einen Trinkbrunnen. Die Stadtverwaltung möchte damit erreichen, dass mehr Menschen ihre Freizeit im Park verbringen. Besonders Familien sollen sich dort wohlfühlen. Die Kosten für den Umbau betrugen 80.000 Euro.“
Fragen:
- Was wurde im Stadtpark neu eingerichtet?
- Warum wurde der Stadtpark umgebaut?
- Für wen soll der Stadtpark besonders attraktiv sein?
Wie man sieht, ist der Text von größter Einfachheit. Wer die Fragen nicht beantworten kann, gibt zu erkennen, dass er den Sinn des Textes nicht verstanden hat.
Kompetenzstufe zwei in Mathematik bedeutet, dass grundlegende mathematische Fähigkeiten vorhanden sind. Die Person kann einfache mathematische Probleme aus dem Alltag lösen.
In Mathematik erhielten die Schüler folgende Aufgabe:
„Ein T-Shirt kostet 40 €. Es wird um 25 % reduziert. Wie viel kostet das T-Shirt nach der Reduzierung?“
Wenn ein Drittel der Schüler an diesen Texten und Rechenaufgaben scheitert, werden sie, da sie nur noch ein Schuljahr bis zum Mittleren Schulabschluss zu absolvieren haben, den Abschluss nur mit größter Mühe schaffen. Im Schuljahr 2024/2025 haben in Deutschland 62.000 Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen. Das sind acht Prozent des damaligen Jahrgangs. 2010 lag die Quote noch bei 6,1 Prozent, 2023 schon bei 7,1 Prozent. Der Niedergang der Leistungen bei PISA spiegelt sich also in der Vergrößerung der Zahl der Schüler wider, die die Schule ohne Abschluss verlassen. Wenn man weiß, dass die Anforderungen in der beruflichen Ausbildung weit über die einfachen PISA-Aufgaben der Stufe zwei hinausgehen, wird auch klar, weshalb viele Schüler keinen Berufsabschluss schaffen. 2023 gab es in Deutschland rund 626.000 junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren, die weder in Schule noch in Ausbildung oder Studium beschäftigt waren. Das entspricht ungefähr 7,5 Prozent dieser Altersgruppe. Für diese Personengruppe wurde der Anglizismus „Not in Education, Employment or Training“ (NEET) geprägt. Diese Menschen werden zwischen ungelernten Beschäftigungsverhältnissen und dem Bezug der Grundsicherung hin- und herwandern.
Leistungsprinzip unter Autoritätsverdacht
Wäre unser Schulsystem eine private Firma mit tausenden Filialen, würde nach einem solchen Einbruch bei den Firmenerzeugnissen eine interne Revision stattfinden, die den Auftrag hätte, die Ursachen für das Desaster zu identifizieren. Der Revisor würde schnell fündig: Dem staatlichen Schulsystem ist die Leistungskultur abhandengekommen. Seit Jahrzehnten wird von der wissenschaftlichen Pädagogik und von links eingestellten Lehrkräften gegen das Leistungsprinzip polemisiert. Hier nur zwei Beispiele:
„Noten schüren Vergleich und Konkurrenz, Noten führen zu Ängsten, Noten führen zur Bestnotensucht.“ (Margret Rasfeld)
„Das Leistungsprinzip und ein elitäres Verständnis der Gesellschaft [widersprechen dem] Gedanken von Chancengerechtigkeit und Solidargemeinschaft.“ (Remo H. Largo)
Die antiautoritäre Studentenbewegung von 1968 zeitigt ihre Spätfolgen. Im „langen Marsch durch die Institutionen“ (Rudi Dutschke) waren zahlreiche Linke in die Schulen gelangt, die im Leistungsprinzip nicht etwa eine faire Messung von Leistung, sondern eine Erziehungsmaxime sahen, die die Schüler durch Konkurrenz, Bewertung und Leistungsdruck zu gehorsamen und angepassten Mitgliedern der bestehenden Gesellschaft abrichtet. Das Schmähwort von der „schwarzen Pädagogik“ kam in Umlauf. Die für erfolgreiches Lernen unverzichtbare Disziplin und Konzentration gerieten in den Verdacht, der Erziehung zu Gehorsam und Unterordnung Vorschub zu leisten. In den 1980er Jahren sagte der frühere SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine, mit Sekundärtugenden wie Fleiß, Disziplin, Ordnung, Pünktlichkeit und Gehorsam könne man auch ein Konzentrationslager betreiben.
Leistungsbereitschaft als Bestandteil asiatischer Kultur
Schaut man auf die vier asiatischen Länder, die 2025 den PISA-Vergleich gewonnen haben, erkennt man, dass in ihrem Schulsystem der Leistungsgedanke noch intakt ist. Er sorgt für eine hohe Motivation, für Disziplin und Leistungsbereitschaft. Auffällig ist, dass das Leistungsprinzip in der Schule Teil der Landeskultur ist. Zu dieser Kultur gehört ein hoher Stellenwert von Bildung und geistiger Vervollkommnung bei jedem Menschen. In Ländern wie China, Korea, Japan und Vietnam hat der Konfuzianismus die Vorstellung geprägt, dass Lernen, Disziplin, Fleiß und persönliche Weiterentwicklung wichtige Tugenden seien. Die Kinder verstehen gute schulische Leistungen als Möglichkeit, die Opfer und die Unterstützung, die die Eltern für sie erbringen, zu würdigen. Mir erzählte eine vietnamesische Schülerin, wie ihre Eltern darauf reagierten, als sie die Aufnahme ins Gymnasium geschafft hatte. Sie räumten im Wohnzimmer den besten Platz für ihren Schreibtisch frei. Außerdem wurde sie von allen häuslichen Pflichten, wie Einkaufen, Abwaschen, Müllentsorgung, entbunden, damit sie sich voll auf die Schule konzentrieren kann. Dass eine solche Erwartungshaltung der Eltern auch einen seelischen Druck auf die Kinder ausüben kann, ist nicht völlig auszuschließen. Ich habe jedoch nie erlebt, dass vietnamesische Schüler deswegen in eine psychische Krise geraten wären. Sie strahlten das Glück derer aus, denen es gelungen ist, etwas Großartiges zu leisten. Mit dem Leistungsprinzip hat man bei vietnamesischen Schülern keinerlei Probleme.
Leistungsprinzip bei Eltern unerwünscht
In Berlin war das Gymnasium seit der Jahrtausendwende in die Krise geraten. Schuld war, dass der damalige rot-rot-grüne Senat das verpflichtende Grundschulgutachten beim Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule abgeschafft hatte. Das führte dazu, dass immer mehr Schüler aufs Gymnasium kamen, die dem anspruchsvollen Unterricht nicht folgen konnten. Am Jahresende mussten deshalb bis zu 800 Schüler das Gymnasium wieder verlassen. Der Unterricht der 7. Klasse (in Berlin die erste Gymnasialklasse) musste differenziert werden, als befände man sich auf der Gesamtschule. 2024 führte Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) einen Numerus Clausus von 2,2 in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch für den Übergang aufs Gymnasium ein. Schüler, die diese Zahl knapp verfehlen, können an einem Probeunterricht teilnehmen, der mit einem Test endet. Wer ihn besteht, kann auf das Gymnasium wechseln. Die Regelung ist jetzt das zweite Jahr in Kraft und hat nach Auskunft von Lehrkräften bereits zu einer Leistungssteigerung im Eingangsbereich des Gymnasiums geführt. Die Landeselternvertretung protestierte heftig gegen die Eingangsbeschränkung, die dem Projekt „Gymnasium: eine Schule für alle“ ein Ende setzte. Auch Zeitungen wie der Tagesspiegel machten sich zum Fürsprecher des uneingeschränkten Elternwillens. Vom Leistungsprinzip, das es gerade in der anspruchsvollsten Schulform, dem Gymnasium, zu stärken gelte, war nirgendwo die Rede. Die Politik hat jedoch die Aufgabe, das Schulsystem so zu organisieren, dass es Studienberechtigte hervorbringt, die das Studium nicht mehr abbrechen, wie es heute zu 30 Prozent eines Jahrgangs üblich ist.
Unterrichtsstörungen mindern den Unterrichtsertrag
2018 veröffentlichte das „Fachportal Pädagogik“ eine Videostudie über Unterrichtsstörungen. Darin wurden 18 Primarschulklassen untersucht. Rund 95 Prozent der beobachteten Störungen gingen von den Schülern aus. Dabei waren die Ursachen unterschiedlichster Natur. Eine wichtige Erkenntnis lag darin, dass in weniger strukturierten Unterrichtssituationen mehr Störungen auftraten. Eine Störung kann deshalb als unbewusster Protest der Schüler gegen einen Unterricht aufgefasst werden, der ihnen keine geistige Orientierung bietet.
Im Jahr 2022 erschien in der Zeitschrift „Psychologie in Erziehung und Unterricht“ die sog. SUGUS-Studie. Darin untersuchten die Wissenschaftler, wie häufig Unterrichtsstörungen auftreten und welche Bedingungen damit zusammenhängen. Befragt wurden 85 Klassenlehrer und 1.412 Schüler der 5. Jahrgangsstufe aus zehn Kantonen der Deutschschweiz. Wichtigstes Ergebnis war, dass ein guter und qualitativ hochwertiger Unterricht Störungen vorbeugen kann. Unterrichtsqualität und pädagogisch-didaktische Bedingungen stehen demnach mit dem Auftreten von Störungen und dem subjektiven Störungsempfinden der Lehrkräfte in Zusammenhang. Dieses Ergebnis bestätigt meine Auffassung, dass Unterricht ein geistiger Prozess ist, bei dem es die Aufgabe der Lehrkraft ist, die Schüler durch die spannende Welt des Wissens zu führen. Der frühere Direktor des Internatsgymnasiums Schloss Salem und Autor Bernhard Bueb kritisierte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk, Lehrer würden sich zu sehr auf die didaktisch richtige Aufbereitung und mediale Präsentation des Stoffes konzentrieren, statt Schüler für ein Fach und für das Lernen zu begeistern: „Darin liegen die Ursachen eines der größten Übel landläufigen Unterrichts, nämlich Langeweile.“
