Archiv der Kategorie: Schule und Unterricht

„Glaubensprojekt“ Gemeinschaftsschule

Wer´s glaubt, wird wuselig

Warum viele Lehrer an Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg wenig von dieser Schulform halten – und das Gefühl haben, dass offene Kritik daran unerwünscht ist.
11.02.2016, Heike Schmoll, FAZ

Der Lehrer hat kapituliert vor der Disziplinlosigkeit seiner Schüler. Nach einem Nervenzusammenbruch im Unterricht ist er krankgeschrieben. Der ausgebildete und erfahrene Gymnasiallehrer mit drei Unterrichtsfächern war zuletzt an einer Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg eingesetzt. (…)

Alleine ist der Lehrer mit seinem Scheitern nicht, es gibt nicht wenige Kollegen, die sich in der neuen Schulform überfordert fühlen. „Ich bin doch kein Psychologe, kein Therapeut, kein Logopäde, kein Förderschullehrer, kein Horterzieher (…)“ berichtet er. (…)

Als „Lernbegleiter“, erzählt eine Hauptschullehrerin an einer Gemeinschaftsschule, unterrichte sie an ihrer Schule zwar die „alte Hauptschulklientel“, müsse nun aber in vier verschiedenen Niveaustufen (Gymnasial-, Realschul-, Hauptschul- und Förderschulniveau) Aufgaben bereitstellen, um alle Kinder gleich gut beim Lernen zu begleiten. „Diese Herkulesaufgabe ist aber aus meiner Sicht nicht zu bewerkstelligen“. Die Darstellung der Lehrerin gleicht den Erfahrungen der meisten Gemeinschaftsschullehrer, die mit dieser Zeitung über ihre Arbeit gesprochen haben. Allesamt Lehrer, die guten Willens und hoch motiviert sind, sich von den neuen Unterrichtsformen und dem Ganztagsbetrieb aber zermürbt fühlen. (…)

Der Tübinger Bildungswissenschaftler Thorsten Bohl, hat deshalb weniger Pflichtstunden (Deputat) und mehr Personal verlangt, „um Leistungsunterschiede abzubauen und die große Belastung der Lehrer zu senken“, was Kultusminister Andreas Storch (SPD) umgehend ablehnte, zumal die Gemeinschaftsschule schon über eine ungewöhnlich gute Ausstattung verfügt und bei der Lehrerzuweisung bevorzugt wird. (…)

Bedenklich stimmt, dass Kritik an der neuen Schulform vielerorts nicht geduldet wird. Lehrer, die das Konzept grundsätzlich kritisieren, fühlen sich als Nestbeschmutzer ausgegrenzt oder disziplinarrechtlich zum Schweigen gebracht. (…)

Viele Lehrer, die dieser Zeitung Auskunft gaben, fürchten aber um ihre Existenz, wenn sie an die Öffentlichkeit treten. Ihre Namen und Schulorte werden hier und im folgenden deshalb nicht genannt. Die Wahrhaftigkeit aller Erfahrungsberichte ist eidesstattlich versichert worden.

Ein Gymnasiallehrer an der Gemeinschaftsschule berichtet: „Ich selbst bin in fünf Fächern fachfremd im Unterricht, und es wird stets erwartet, trotzdem ein hohes Niveau anzubieten“.(…) Die beiden Fächer, die er studiert hat, darf er jedoch nicht unterrichten.

Eine Gymnasiallehrerin an der Gemeinschaftsschule berichtet, (…) an ihrer Schule sei fachfremder Unterricht „eine Selbstverständlichkeit“. Das werde damit begründet, „dass Grund- und Hauptschullehrer ja schon immer fachfremd unterrichtet haben“. (…)

In seiner siebten Klasse erreiche kein Gemeinschaftsschüler auch nur das mittlere, also das Realschulniveau, berichtet ein Lehrer.

Ein Gymnasiallehrer hat in seiner fünften Klasse probeweise die Lernstandserhebung in Deutsch schreiben lassen (…). 52 Prozent seiner Fünftklässler lagen bei der Lernstandserhebung unter dem erwarteten Niveau. Ihre Lesegeschwindigkeit bewegte sich auf dem niedrigsten Level, auch beim Leseverständnis erreichte der weitaus größte Teil der Schüler nur das unterste Niveau, nur eine Schülerin wies die Fähigkeiten auf, die in der fünften Klasse eigentlich erreicht sein müssen.

Das sind genau die Grundlagen, die für jeden späteren Abschluss zählen. Schließlich waren Schülern und Eltern doch in Hochglanzbroschüren bessere Lernergebnisse durch die Gemeinschaftsschule versprochen worden. Der Beweis dafür steht noch aus. (…)

zum Artikel:  FAZ, Bildungswelten, 11.02.2016, Heike Schmoll, Wer´s glaubt, wird wuselig

Lernwirksamer Unterricht

Investitionen in Fortbildung sind Investitionen in die Zukunft

Interview mit dem Kasseler Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Lipowsky
Sabine Stahl für BILDUNG BEWEGT:  Was sind aus ihrer Sicht bedeutsame Erkenntnisse der Metastudie Visible learning?
Lipowsky: Die Studie verdeutlicht einmal mehr, welche Bedeutung die einzelne Lehrperson und der von ihr arrangierte Unterricht für die Entwicklung von Schülerinnen und Schülern haben. Hattie listet ja eine ganze Reihe von Merkmalen lernwirksamen Unterrichts in sehr kompakter Zusammenfassung auf. Merkmale, von denen die Forschung inzwischen weiß, dass sie die Lernentwicklung von Schülerinnen und Schüler positiv beeinflussen können.
Die zweite Leistung der Studie liegt meines Erachtens darin, deutlich zu machen, dass nicht alles, an was wir glaubten, tatsächlich wirkt. Es gibt bestimmte Mythen, die durch die Studie von Hattie entzaubert werden.
Und die dritte Botschaft lautet, dass es sich lohnt, darüber nachzudenken, wie die professionelle Weiterentwicklung von Lehrpersonen gefördert und unterstützt werden kann. (…)

Wie sieht denn guter Unterricht aus? Sie sprechen in Ihren Schriften immer wieder vom didaktischen und inhaltlichen Fundament guten Unterrichts.
Guter Unterricht lässt sich umschreiben als ein Unterricht, in dem der Unterrichtsgegenstand inhaltlich klar und verständlich erarbeitet und präsentiert wird, in dem an das Vorwissen und an die vorhandenen Konzepte der Lernenden angeknüpft wird und in dem die Lernenden durch herausfordernde Fragen und Aufgaben dazu angeregt werden, vertieft über den Unterrichtsgegenstand nachzudenken und sich mit ihm auseinanderzusetzen.
Zu gutem Unterricht gehört auch, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Der Unterricht sollte relativ störungsfrei verlaufen; das zielt in Richtung effektives Classroom Management, und die zur Verfügung stehende Zeit sollte effektiv genutzt werden, so dass überhaupt Lerngelegenheiten zur Verfügung stehen. Amerikaner sprechen hier gerne von den „opportunities to learn“. Es ist klar: Wenn Schülerinnen und Schüler über Tische und Bänke gehen, gibt es keine Gelegenheit zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Unterrichtsgegenstand. Wichtig ist auch die respektvolle und wertschätzende Beziehung zwischen Schülerinnen und Schülern und der Lehrperson. Verschiedene Studien zeigen, dass ein solches unterstützendes Klima im Unterricht, zu dem z.B. auch der konstruktive Umgang mit Fehlern und das Interesse der Lehrperson an ihren Schülerinnen und Schüler gehört, dass sich ein solches Klima positiv auf die Motivation, das Wohlbefinden und das Engagement der Lernenden auswirkt.
Und die kognitive Aktivierung als dritte Basisdimension beschreibt, wie anregend, inhaltlich substantiell die Auseinandersetzung mit dem Unterrichtsgegenstand erfolgt. Man kann sich durchaus einen Unterricht vorstellen, der zwar störungsfrei verläuft und in dem scheinbar viel Lernzeit effektiv genutzt wird, in dem auch das Klima stimmt, aber in dem die Lernenden nicht zu einer vertieften Verarbeitung des Inhalts angeregt und herausgefordert werden, weil sie vorwiegend Routineprozeduren ausführen müssen, und die Lehrperson ein enges, kleinschrittiges Frageverhalten zeigt, das vorwiegend nur auf die Wiedergabe von Fakten abhebt. Und stellen Sie sich jetzt folgendes Bild eines kognitiv aktivierenden Unterrichts vor: Da rauchen die Köpfe der Schülerinnen und Schüler. Da wird argumentiert, kontrovers diskutiert, nachgedacht, erläutert und erklärt, hart über das Thema gestritten, da werden Lösungswege verglichen und analysiert, da wird also insgesamt auf einem relativ hohen kognitiven Niveau gearbeitet… (…)

Wodurch zeichnet sich der erfolgreiche und wirksame Prototyp eines guten Lehrers oder einer guten Lehrerin für Sie aus?
Ein guter Lehrer hat das nötige fachdidaktische und fachliche Wissen. Er plant und bereitet den Unterricht sorgfältig vor. Gute Planung und Vorbereitung sind wichtig. Wie baue ich den Unterricht auf? Was muss im Unterricht thematisiert werden, damit sich für Schülerinnen und Schüler ein Gesamtbild eines Themas ergibt? Wie müssen Teilelemente arrangiert und verbunden werden, welche müssen im Unterricht behandelt werden, damit tragfähige Konzepte entstehen? Solche Dinge entscheiden sich auch, und vielleicht sogar in erster Linie, am heimischen Schreibtisch der Lehrperson [oder besser gemeinsam im Austausch mit Fachkollegen]. Eine gute Lehrkraft ist gewappnet für die Verständnisschwierigkeiten, die bei den Schülerinnen und Schülern auftauchen, und kann flexibel darauf reagieren, hat unterschiedliche Erklärungen und Veranschaulichungen parat, wenn Lernende auf die erste Erklärung nicht reagieren oder wenn sich das Verständnis noch nicht einstellt. Ein guter Lehrer stellt aktivierende Fragen, hört zu, gibt Impulse, aber nimmt nicht alles vorweg. Er sorgt für einen abwechslungsreichen Unterricht und ist begeistert von seinem Fach. Schülerinnen und Schüler spüren das. Eine idealtypische Lehrperson misst der Reflexion über Unterricht und Metakognition hohe Bedeutung bei, reflektiert mit den Lernenden über das Lernen und den Lernprozess.

Welche Konsequenzen ergeben sich für Schule und Unterricht und die Lehrerbildung aus den Erkenntnissen der Lehr- und Lernforschung?
(…) Die Lehr- und Lernforschung kann auch mit einigen Mythen aufräumen, was für die Lehrerbildung ebenfalls bedeutsam ist. Hattie gelangt zu dem Fazit, dass die Auffassung, die Lehrperson sei im Unterricht vorwiegend als Moderator gefragt, die empirische Befundlage nicht wiederspiegelt. Vielmehr sei die Lehrperson eher als „Activator“ gefragt. Er unterstreicht dies mit denjenigen Merkmalen von Unterricht, die vergleichsweise hohe Effekte auf die Lernenden zeigen, wie z.B. inhaltliche Klarheit, Lehrerfragen, verteiltes versus massiertes Üben, direkte Instruktion … das alles sind Merkmale von Unterricht, bei denen die Lehrperson vergleichsweise aktiv ist und den Unterricht lenkt.
Mitunter höre ich bei Diskussionen über direkte Instruktion, das habe man doch schon überwunden, und der Konstruktivismus sage doch, wir müssten eher selbstgesteuert und offen arbeiten. Hier geben die Studien eine klare Antwort: Diese Schlussfolgerung ist in dieser Pauschalität unzulässig. Außerdem: Der Konstruktivismus ist keine Unterrichtstheorie, sondern eine Erkenntnistheorie! Und ein häufiges Missverständnis ist, direkte Instruktion mit einem langweiligen Frontalunterricht gleichzusetzen. Direkte Instruktion kann sehr wohl kognitiv aktivierend, verständnisfördernd und motivationsunterstützend sein. Falsch wäre jetzt allerdings auch, direkte Instruktion zum Allheilmittel zu erklären. Es kommt vielmehr auf eine intelligente Kombination von lehrergelenkten und eher schülerorientierten Unterrichtsformen an. (…)

Welche Form von Fortbildung hat denn überhaupt eine Aussicht, wirksam zu sein?
(…) Nimmt man noch einmal Bezug auf die Ergebnisse der Unterrichtsforschung, so sollte sich Fortbildung auch mit solchen Merkmalen von Unterricht beschäftigen, von denen wir wissen, dass sie positive Effekte auf die Schülerinnen und Schüler haben. Hier kommt dann wieder die Metaanalyse von Hattie ins Spiel. Das hört sich natürlich etwas trivial an, aber wenn man betrachtet, was so alles [an Fortbildungen] angeboten wird…
Eine weitere zentrale Bedingung für den Fortbildungserfolg ist, dass die Erweiterung des fachdidaktischen Wissens von Lehrpersonen im Mittelpunkt stehen sollte. Es geht also darum, dass die Lehrpersonen sich konzentriert und vertieft mit dem Lernen und Verstehen von Schülerinnen und Schüler in einem bestimmten Fach und am besten noch zu einem spezifischen Unterrichtsthema auseinandersetzen sollten. Ein so fokussierter Blick erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Fortbildung tatsächlich Unterschiede im Lernen und Verstehen der Schülerinnen und Schüler wahrnehmen können und einen diagnostischen Blick entwickeln. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten sich also in die Köpfe der Schülerinnen und Schüler hineinversetzen. Sie sollten aufgefordert werden, Lösungswege der Lernenden zu antizipieren. Sie sollte vorhersehen, wie Schülerinnen und Schüler reagieren, wenn die Lehrperson auf eine bestimmte Weise vorgeht. (…)

zum Artikel:  BILDUNG BEWEGT NR.13 JUN/2011, Interview: Sabine Stahl

Frank Lipowsky studierte Lehramt für Grund- und Hauptschulen an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und unterrichtete mehrere Jahre an verschiedenen Schulen in Baden-Württemberg. Nach seinem Lehramtsstudium war er Lehrbeauftragter für Mathematik und absolvierte ein Diplom-Pädagogikstudium. Mit einer Arbeit zum beruflichen Erfolg von Lehramtsabsolventen in der Berufseinstiegsphase promovierte er 2003 an der Pädagogischen
Hochschule Heidelberg. Von 2002 bis 2006 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am
Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt. Seit 2006 ist er Professor für Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Empirische Schul- und Unterrichtsforschung an der Universität Kassel.

Homepage Uni Kassel

Hervorhebungen im Fettdruck durch Schulforum-Berlin

Wann sind Hausaufgaben effektiv?

Hast du deine Hausaufgaben schon gemacht?

28.01.2016, Heike Schmoll
Wie nervend kann es sein, (…) „wenn Kinder von ihren Eltern nach der Rückkehr als Erstes gefragt werden, ob sie Hausaufgaben aufhaben und wann das Kind dies zu erledigen gedenke, weiß jedes Kind und wissen auch die Eltern aus ihrer Schulzeit. Kinder wollen nicht ständig kontrolliert werden und unter Druck stehen, aber sie brauchen sicher eine ruhige Lernatmosphäre und einen eigenen Arbeitstisch. Das ist aber nicht in allen Familien selbstverständlich [oder gar möglich]. Besonders günstig scheint für den Lernfortschritt zu sein, wenn Eltern sich relativ wenig einmischen, aber zur Unterstützung zur Verfügung stehen. (…)
Eine Studie der UNI Tübingen untersuchte elterliches Engagement bei Hausaufgaben und Leistungsentwicklung bei Sechstklässlern. Aus der Pressemitteilung der UNI Tübingen ist zu lesen:
„Es macht einen großen Unterschied, ob Kinder die Unterstützung der Eltern als Hilfe oder als unliebsame Einmischung und Kontrolle empfinden“, erklärt Sandra Moroni von der Pädagogischen Hochschule Bern, die Erstautorin der Studie. Da Eltern bekanntlich oft verstärkt dann eingreifen, wenn die Leistungen ihrer Kinder nachlassen, frustriert das Kinder oft doppelt. Ihnen wird dadurch signalisiert, dass sie gute Leistungen anscheinend nicht alleine erreichen können. „Das führt zu einem Teufelskreis“, erklärt Moroni. Ihr Rat: Zunächst genau prüfen, warum die Leistung des eigenen Kindes nachgelassen hat, und – ggf. auch gemeinsam mit den Lehrkräften – nach Möglichkeiten suchen, wie es (wieder) selbst Verantwortung für die Hausaufgabenerledigung übernehmen kann.
zur Pressemitteilung der UNI Tübingen

Heike Schmoll in ihrem Artikel: (…) Die Untersuchungen des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie, der alle vorhandenen Studien zu bestimmten Themen zusammengefasst und analysiert hat, kommt zu dem Ergebnis, dass Hausaufgaben nicht den allergrößten Effekt haben. Für viele war das Grund genug, die Abschaffung der Hausaufgaben zu fordern. Wer genau hinschaut, wird allerdings sehen, dass Hattie genau unterscheidet: am Gymnasium erscheinen Hausaufgaben sinnvoller als in der Grundschule. (…)

FAZ, Bildungswelten, 28.01.2015, Heike Schmoll, Hast du deine Hausaufgaben schon gemacht?


Was ist zu „Hausaufgaben“ nachzulesen bei John Hattie in: „Lernen sichtbar machen“?
Beywl und Zierer: Hausaufgaben nehmen bei John Hattie einen Rang im hinteren Drittel der Rangreihe der nach Effektstärken geordneten Faktoren ein. Damit ist für viele klar: Hausaufgaben lohnen sich nicht. Sie könnten abgeschafft werden. Wer diese Schlüsse zieht, hat Hattie falsch verstanden. In den höheren Klassenstufen der High School (im deutschsprachigen Raum betrifft dies z.B. die Gymnasien besonders stark) bringen Hausaufgaben mit Blick auf mathematische, sprachliche und naturwissenschaftliche Kompetenzen mehr als in der Grundschule. Je höher also die Klassenstufe, desto effektiver sind tendenziell Hausaufgaben. Also keine Hausaufgaben in der Grundschule? Nein. Hausaufgaben im Gymnasium können nur dann effektiv sein, wenn die Verantwortung dafür, die damit verbundene Arbeitskultur und die Selbstverpflichtung (´commitment´), eben schon von Anfang an gelernt wurde. (Seite VIII und IX)

(…) Auch die Art der Hausaufgaben macht einen Unterschied. Die Effekte sind in Mathematik am höchsten und in Natur- und Sozialwissenschaften am geringsten. Die Effekte sind höher, wenn der Stoff weder komplex noch neu ist. Hausaufgaben, die ein höheres Niveau an konzeptuellem Denken erfordern, sowie projektbezogene Hausaufgaben sind am wenigsten effektiv. (…) Nach der Auffassung von Trautwein [siehe weiter unten], Köller, Schmitz und Baumert (2002) weisen viele Hausaufgaben und mangelnde Kontrolle auf eine ineffektive Lehrmethode hin. Sie warnen vor Hausaufgaben, die die Motivation der Lernenden untergraben und dazu führen, dass die Lernenden fehlerhafte Routinen verinnerlichen. Sie sprechen sich für kurze, regelmäßige Hausaufgaben aus, die von den Lehrpersonen genau kontrolliert werden. Es wäre möglicherweise effektiver, diese Variante unter den Augen der Lehrperson (in der Schule) umzusetzen. (…) Die [Lern-]Effekte sind größer bei leistungsstärkeren als bei leistungsschwächeren Lernenden sowie bei älteren als bei jüngeren. (…) (Seite 276-277)

John Hatties Erkenntnisse zum Einfluss der Elternunterstützung:
(…) Von ebenso großem Interesse sind jene Familienvariablen, die negativ auf die Lernleistung korrelieren. Zu diesen Faktoren gehören externe Belohnung, Überwachung der Hausarbeiten, negative Kontrolle und Einschränkungen als Strafe für schlechte Noten. Insgesamt gilt: „Je höher die Hoffnungen und Erwartungen der Eltern in Bezug auf das, was das Kind leisten kann, sind, desto höher sind auch die eigenen Erwartungen des Kindes und desto höher ist am Ende auch die tatsächlich vom Kind erzielte akademische Lernleistung“ (Hong&Ho, 2005, S.40). Diese hohen Erwartungen werden unterstützt durch eine intensivere Kommunikation zwischen Eltern und Lernenden und durch die Selbstkontrolle der Lernenden über das eigene Lernen (siehe auch Fan&Chen, 2001). (…) (Seite 82)
Aus: „Lernen sichtbar machen“, John Hattie, 3. Auflage, 2015


In einer Sendung des wdr5 äußert sich Prof. Trautwein vom Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Universität Tübingen zum Thema „Hausaufgaben“:
„Der positive Gesamteffekt von elterlicher Begleitung der Hausaufgaben ist erstaunlich gering und das hat häufig damit zu tun, wenn die Schülerinnen und Schüler den Eindruck haben die Eltern sind kontrollierend, die Eltern sind dirigierend, dann sinkt einerseits die Motivation und zweitens erhöht sich der Eindruck, ich kann das irgendwie nicht selber, meine Eltern müssen mir offensichtlich helfen, bin eigentlich gar nicht so richtig verantwortlich für meine eigenen Hausaufgaben.“

Prof. Dr. Trautwein hat für die Wirkung der Hausaufgaben auf den Lernprozess herausgefunden, dass unter anderem die Menge entscheidend ist. Am erfolgreichsten sind Lehrer, die regelmäßig und in Maßen Hausaufgaben austeilen.

„Wir haben auch untersucht, ob die Qualität der Hausaufgaben einen Effekt darauf hat was Schülerinnen und Schüler lernen und tatsächlich ist das der Fall.“

Schülern, die Probleme beim Lernen haben helfen Hausaufgaben oft am wenigsten, denn sie sind schlecht organisiert, nur wenig motiviert oder bekommen zu Hause nicht die richtige Unterstützung.

„Hausaufgaben haben vielleicht eine besondere Stärke tatsächlich in dem Bereich dass man mit ihrer Bearbeitung auch Selbstregulationsfähigkeiten stärken kann.“

Schüleräußerung: „Ich finde es eigentlich gut, wenn man zu Hause noch etwas zu tun hat, da hat man mehr Ruhe und kann seinen eigenen Lernplan machen und das bearbeiten was man wirklich braucht.“
Die Wirkungen von Hausaufgaben sind also von einer Reihe von Bedingungen abhängig, die sowohl mit der Person des Lehrers, des Schülers und der Eltern zu tun haben.

zur wdr5-Sendung, 13.01.2016, Streithema Hausaufgaben: Sinnvoll oder überholt?


Zentrale Ergebnisse der Hausaufgabenforschung im Überblick:
Wann sind Hausaufgaben effektiv?
Für die Lehrpersonen gilt: Hausaufgaben regelmäßig und häufig stellen, statt selten und umfangreich
• Mit der Kontrolle der Hausaufgaben muss eine inhaltliche Rückmeldung verbunden sein (Lösungsprozess aufzeigen), nicht nur eine Ergebniskontrolle
• Hausaufgaben sollten gut vorbereitet und in den Unterricht integriert sein. Dies hat positiven Einfluss auf die Motivation und die Anstrengungsbereitschaft der Schüler
• Lernende profitieren vor allem dann von Hausaufgaben, wenn sie ihre Aufgaben kontinuierlich, gewissenhaft und regelmäßig erledigen
• Die Anstrengungsbereitschaft der Lernenden hängt auch davon ab, inwieweit sie vom Nutzen der Hausaufgaben überzeugt sind und inwieweit sie die Erwartung haben, die Hausaufgaben zufriedenstellend erledigen zu können
• Schülerinnen und Schüler müssen wissen, wie man Hausaufgaben macht, wie man die Zeiten einteilt, wie man selbstregulierend mit dem Lehrstoff umgeht, umso effektiver sind die Ergebnisse
• Direkte Einmischungsversuche der Eltern sind problematisch, untergraben die Selbständigkeit der Lernenden und wirken sich eher negativ auf die weitere Leistungsentwicklung aus
• Elterliches Verhalten bei Hausaufgaben ist erfolgsversprechender, wenn sie die Selbständigkeit ihrer Kinder fördern und sie bei der Hausaufgabenbearbeitung emotional unterstützen und bekräftigen

vergleiche LERNENDE SCHULE 39/2007, Prof. Dr. Frank Lipowsky, Hausaufgaben: auf die Qualität kommt es an! – Ein Überblick über den Forschungsstand, S.7-9

Pädagogisch gestaltete Klassengemeinschaft

Bildung und Erziehung als Grundlage für das Leben
– was könnte Schule leisten?

Prof. Jochen Krautz, Auszug des Tagungsbeitrags

Pädagogische Beziehung und Klassengemeinschaft

Bildung und Erziehung beruhen wie erörtert auf der pädagogischen Beziehung, genauer: auf der Beziehung zwischen Lehrer und Schülern einerseits und den Beziehungen der Schüler untereinander in einer Klasse andererseits. Dies macht deutlich, warum die eingangs kritisierte Auflösung der Klassengemeinschaft und der Lehrer-Schüler-Beziehung  [„selbstgesteuertes Lernen“, Lehrer als „Lernbegleiter“, „Coach“, „Individualisierung“] ein so gravierendes Problem darstellt. (…)

(…) pädagogisches Handeln [ist] so auszurichten, dass der Schüler durch Forderung und Ermutigung, durch Anspruch und Hilfe sich über den jetzigen Stand hinaus entwickeln kann. Die Unterrichtsform, in der dies am besten möglich ist, ist der Klassenunterricht. Gemeint ist nicht „Frontalunterricht“, wie Klassenunterricht heute meist abwertend bezeichnet wird. In tatsächlichem „Frontalunterricht“ geht der Lehrer über die Köpfe der Schüler hinweg, sie interessieren ihn wenig, er doziert und fragt ab. Klassenunterricht meint die pädagogisch gestaltete Arbeitsform des gemeinsamen Denkens und Sprechens über die Unterrichtsgegenstände, also das Bilden einer Vorstellung von der Sache in gemeinsam geteilter Aufmerksamkeit. Dabei gestaltet der Lehrer – am besten über Schuljahre hinweg – diese Gespräche so, dass Schüler tatsächlich mit der Sache beschäftigt sind, diese selbst denkend mitvollziehen, sich einander zuhören, sich in ihren Beiträgen aufeinander beziehen, zur Klärung für andere beitragen, die Sache versuchen selbst darzustellen usw. Auf diese Weise können sich im Unterrichtsgespräch über die gemeinsame Arbeit an der Sache soziale Verbundenheit und geistige Selbstständigkeit bilden. Denn Selbstständigkeit entsteht gerade nicht im isolierten Ausfüllen von Arbeitsblättern, sondern im Anteilnehmen am gemeinsamen Denken, im aktiven Mitvollzug der Gedanken des Anderen, im Argumentieren für oder gegen etwas, im Versuch, anderen etwas zu erklären oder auch verständlich zu machen, was man selbst nicht verstanden hat.

Im Unterrichtsgespräch muss sich daher beständig die pädagogische Ebene mit der Sachebene verbinden: Der Lehrer muss wahrnehmen, welcher Schüler aus welchem Grund gerade einen anderen ablenkt; er muss erfassen, wer abwesend dreinschaut, und entscheiden, wie er diesen Schüler anspricht; er muss beurteilen, wie eine Schülerfrage motiviert und begründet ist, wo genau ein Missverständnis liegt, oder ob der Schüler von einer Schwierigkeit gerade ablenken will. Er muss entscheiden, wie er Aufmerksamkeit und Wohlwollen für die Beiträge eines sonst stillen Schülers weckt; wie er Lachen und abwertende Witze über Fehler nicht nur verhindert, sondern bei den Schülern Betroffenheit für diese Verletzungen erzeugt, wie er sie anleitet, mit Fehlern konstruktiv und produktiv umzugehen usw.

Diese Unterrichtsform stellt die wohl höchste pädagogische und didaktische Anforderung im Lehrerberuf – vielleicht einer der versteckten Gründe, warum man ihr heute gerne ausweicht. Guter Klassenunterricht verlangt, 30 Beziehungsfäden, 30 Verstehenswege, 30 Vorstellungen und 30 Individuen gleichzeitig zu sehen, zu verstehen, miteinander zu verbinden, zu führen und sich im Rahmen des für alle Förderlichen entfalten zu lassen. Aus diesem Grund sind auch Erfahrung und die genaue Reflexion dieses komplexen Geschehens die Grundlage erfolgreichen Unterrichtens. Denn Unterricht ist keine „Technik“, sondern eine mitmenschliche Praxis, an der der Pädagoge mit fachlichem Wissen, didaktischen Können und pädagischer Einfühlung als ganze Person beteiligt sein muss.

Nur dann kann eine pädagogisch gestaltete Klassengemeinschaft ein Modell für das demokratische Zusammenleben sein, wie dies oben als Ziel benannt wurde. Denn nur so kann man lernen, Sachfragen als Sachfragen zu klären, Urteile an Argumente zu binden, Rücksicht auf und Anteil am Anderen zu nehmen, Andere zu verstehen, Konflikte gewaltfrei und konstruktiv zu lösen, zu kooperieren, gegenseitige Hilfe zu üben u.a.m. (…)

gesamter Tagungsbeitrag: „Bildung und Erziehung als Grundlage für das Leben – was könnte Schule leisten?“,  in: Fromm Forum (Deutsche Ausgabe –  ISBN 1437-0956), 20/2016, Tübingen (Selbstverlag), pp. 56-69.


siehe auch Auszüge aus:

„Visible Learning for Teachers – Maximizing impact on learning” –
Zusammenfassung der praxisorientierten Konsequenzen aus der Forschungsbilanz von John Hattie „Visible Learning”
Dieter Höfer & Ulrich Steffens, 26. 09.2012, Institut für Qualitätsentwicklung, Wiesbaden

(…) Neben dieser eindeutig empirischen, zentral auf die Schülerleistungen bezogenen Orientierung betont Hattie, dass Schule noch weitere gesellschaftliche und kulturelle Aufgaben und Ziele hat. Hierbei geht es beispielsweise um Aufgaben der Charakterbildung, um die Fähigkeit zur Kritik, zur historischen Reflexion, zur politischen Argumentation, zu Toleranz, Verantwortung, Kooperation sowie zum bürgerschaftlichen Engagement und zur Zivilcourage. (…)

Weiterhin weist Hattie darauf hin, dass das Lernen als dialogischer Prozess zu verstehen ist. Deshalb müssen die Lernenden in ihren Interaktionen untereinander („peer to peer construction and mediation“) beobachtet und unterstützt werden, wenn es darum geht, das Niveau ihrer Denkprozesse und die Ausprägung ihrer Selbstwahrnehmungen zu erkennen. (…)

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass die Lernenden eine (Selbst-) Verpflichtung („commitment“) zum Erreichen ihrer Ziele aufbauen können. Hierbei kommt der Wahrnehmung und Beurteilung eines erfolgreichen Lernens unter den Klassenkameraden ein hoher Stellenwert zu. Wenn es der Lehrkraft gelingt, das erfolgreiche Lösen eines schwierigen Problems zu einem erstrebenswerten gemeinsamen Ziel zu machen, so hat sie ein wichtiges Unterrichtsziel bereits erreicht. (…)

John Hattie geht davon aus, dass ein fürsorgliches und vertrauensvolles, auf Fairness beruhendes und respektvolles Klassenklima eine der wichtigen Voraussetzungen für ein erfolgreiches Lernen darstellt. Dies gilt sowohl für den Unterricht in der gesamten Klasse als auch für alle Phasen der Gruppenarbeit. Entscheidend ist hierbei, dass ein solches positives Klassenklima aus der Perspektive der Lernenden heraus ausdrücklich wahrgenommen und bestätigt wird. (…)

Hattie fordert ausdrücklich, Fehler dürften nicht nur toleriert werden, sondern sie müssten – im Verlauf des andauernden Lernprozesses – ausdrücklich begrüßt und sodann konstruktiv bearbeitet werden (fehlerfreundliches Unterrichten). (…)

Lehrerinnen und Lehrer – wie auch die Lernenden selbst – haben die Chance, die enormen Möglichkeiten zu erkennen, die sich aus einem Lernen unter Gleichaltrigen ergeben. Kooperatives Lernen („cooperative learning“) ist besonders dann erfolgreich, wenn sichergestellt ist, dass eine hinreichend große stoffbezogene Wissensbasis vorhanden ist, um in komplexe Lern- und Diskussionsprozesse unter den Gleichaltrigen eintreten zu können. (…)

Hattie verweist erneut darauf, dass erfolgreiches Unterrichten in jedem Fall mit qualifiziertem Feedback einhergeht. Häufiges und schnelles Feedback erweist sich als Kernstück eines Unterrichtens, welches die Lehrkräfte vor allem als Evaluatoren und Aktivierer sieht. Unter der Voraussetzung, dass ein solches Feedback sowohl hinsichtlich der Inhalte, die die Lernenden äußern, als auch mit Blick auf deren Denk- und Argumentationswege regelmäßig erfolgt, seien die einzelnen im Unterricht verwendeten Methoden für einen möglichen Lernerfolg sogar weniger entscheidend. (…)

mehr zum Beitrag „Lernen“

„Erleichterungspädagogik“ und „Leistungsplacebos“

„Lernen muss nicht Spaß machen“

Matthias Burchardt über den Mythos Leistung, das Komplott der „Erleichterungspädagogik“ und das Missverständnis, in der Schule eine Agentur zum Humankapitalaufbau zu sehen

Matthias Burchardt lehrt an der Uni Köln  am Institut für Bildungsphilosophie, Anthropologie und Pädagogik. Er referiert im Rahmen der vom Arbeitsbereich Fachdidaktik Psychologie – Philosophie von Konrad Paul Liessmann, Katharina Lacina und Bernhard Hemetsberger in Kooperation mit dem STANDARD organisierten Vortragsreihe „Mythos Leistung?“.
5.10.2015, Interview Lisa Nimmervoll

STANDARD: „Mythos Leistung?“ lautet das Thema der Vortragsreihe, die Sie nach Wien führen wird. Wie ist es um die Leistung, den Leistungsgedanken bestellt?
Burchardt: (lacht) Schlecht. Einerseits wird der Leistungsbegriff überstrapaziert und eine wettbewerbliche Leistungsgesellschaft gefordert, die den Kindern alles Mögliche zumutet und sie im Leerlauf erschöpft. Andererseits finden wir Tendenzen der Erleichterung, dass man sagt, wir müssen Kinder vor allem schützen, was sie fordert, und dann traut man ihnen gar nichts mehr zu, sodass es an der Zeit ist, den Leistungsbegriff einer pädagogischen Klärung zuzuführen, um vor allem auch die ideologische Ausbeutung dieses Begriffs zu befragen. (…)

Wie definieren Sie Leistung? Das, was mit Noten gemessen wird, „Kompetenzen“ oder wie?
Da müssen wir erst eine Begriffsklärung vornehmen. Interessant ist ja, dass dieses Erleichterungskomplott mit Messbarkeiten argumentiert. Nun ist jedem nachdenklichen Menschen klar, dass man Bildung überhaupt nicht trainieren, messen oder vergleichen kann wie die Leistung eines Sportlers. Diesen äußeren, auf Messbarkeit zugeschnittenen Leistungsbegriff würde ich als untauglich und inhuman ablehnen und für einen pädagogischen Leistungsbegriff plädieren im Sinne von Leistung als Bewährung: Ich bewähre mich an etwas, da ist etwas, woran die Wahrheit meiner Fähigkeiten zutage kommt, wo ich eine Hürde nehmen, eine schwere Aufgabe lösen muss. Aber ich bewähre mich auch für etwas. Jemand, der sich an Aufgaben bewährt hat, ist auch in der Lage, in der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. Wer sich bewährt, bekommt die Anerkennung, dass er gebraucht wird. Das ist sehr wichtig für junge Menschen in allen Schulformen. Mit so einem pädagogischen Leistungsbegriff werden wir der Person, aber auch den gesellschaftlichen Ansprüchen und der Komplexität der Welt gerecht. Denn es ist ja nicht durch Erleichterungspädagogik aus der Welt zu schaffen, dass die Quantenphysik relativ schwer zu verstehen ist. (…)

(…) Ich halte es für eine gefährliche Entwicklung, diese Leistungsansprüche allein vor dem Kriterium des Marktes zu beurteilen, weil es noch ein marktunabhängiges Kriterium gibt: die Ansprüche, die das Leben an uns stellt. Wir müssen uns nicht nur in der Arbeit bewähren, sondern auch in der Kultur, in der Gesellschaft, im demokratischen Raum. Aber auch existenziell müssen wir uns bewähren an Lebenskrisen, und da ist Bildung gefragt, die eben nicht marktabhängig ist. (…)

Früher hörte man oft den Satz „Ohne Fleiß kein Preis“. Das hat sich irgendwie aufgehört. Zu Recht? Oder ist Fleiß eine Dimension, die im Zusammenhang mit Leistung gedacht werden muss?
Absolut. Fleiß, Anstrengung – das ist kein Selbstzweck. Ich finde es schrecklich, wenn man sagt, Schule muss den Kindern Spaß machen. Lernen muss nicht Spaß machen. Fernsehen oder Spielen machen Spaß. Erfolg kann Freude machen, die Freude nach einer Anstrengung, sich an etwas bewährt zu haben, ist durch kein Spaßmedium zu ersetzen. Wir betrügen die Kinder um diese Erfahrung, wenn die Schule auf herausfordernde Leistungsansprüche verzichtet.

zum Artikel:  STANDARD, Wien, 05.10.2015, Lisa Nimmervoll, Bildungsphilosoph: „Lernen muss nicht Spaß machen“

Hervorhebung im Fettdruck durch Schulforum-Berlin


siehe auch:
ZERSETZUNG VON BILDUNG: ÖKONOMISMUS ALS ENTWURZELUNG UND STEUERUNG
EIN ESSAY
Prof. Jochen Krautz
aus:  Zeitschrift für europäische Geistesgeschichte, Beiheft 5, Bildung gestalten – Akademische Aufgaben der Gegenwart, S. 129. Herausgegeben von Silja Graupe und Harald Schwaetzer zur Eröffnung der Cusanus Hochschule

(…) „Bildung ist ohne Wissen und Können nicht zu haben. Wer nichts weiß oder kann, verfügt auch nicht über Bildung.“ 1) Bildung hat in dieser Perspektive mit Anstrengung zu tun, die man aufwenden muss, um Können und Wissen zu erwerben. Diese Bewährung an der Sache stärkt und bildet die Persönlichkeit. Insofern stellt sich auch wohlgemeinte „Bildungsgerechtigkeit“ nicht ein, wenn man das Anspruchsniveau für alle senkt.

1) Prof. Dr. Robert Kreitz:  Wissen, Können, Bildung – ein analytischer Versuch, S. 98


siehe auch:
PRO DOMO
Festrede zur Hundertjahrfeier der Humboldtschule, Berlin-Tegel, am 23. Mai 2003 im Ernst–Reuter–Saal des Rathauses Reinickendorf/Berlin, Hinrich Lühmann, Schulleiter des Humboldt-Gymnasiums.

(…) Nun ist Schule zwar, wenn es gut geht, fair und freundlich, aber sie ist keine dauernde
Lustbarkeit, denn sie verlangt Arbeit und konfrontiert den Heranwachsenden, je älter er
wird, desto fester, mit Leistungsanforderungen. Dabei werden seine Möglichkeiten, aber
auch seine Grenzen deutlich. Das kindliche Lustprinzip wird durch das Realitätsprinzip der
Erwachsenenwelt abgelöst.
Woran es in Deutschland fehlt, ist die Einsicht in die Notwendigkeit dieses Prozesses, der
in anderen Ländern, historisch völlig ungebrochen, als notwendige und frühe Lebenserfahrung
begriffen, akzeptiert und gefordert wird. (…)


siehe auch:
Lernen sichtbar machen aus psychologischer Perspektive
John Hattie, Gregory C.R. Yates
1. Auflage, 2015, Schneider Verlag Hohengehren GmbH, S.113,114
Überarbeitet von Wolfgang Beywl und Klaus Zierer

Aus der Sicht des Lernenden ist Lernen nicht immer angenehm
Allgemein gesehen, bringt Lernen ein hohes Maß an Belohnung und persönlicher Zufriedenheit mit sich. (…) Das eigentliche Lernen ist größtenteils nicht angenehm. Es ist angenehm eine Fertigkeit zu haben, Können zu zeigen und sich vorzustellen, was man tun kann. Es ist angenehm, etwas zu leisten oder von den Vorteilen der Leistung zu träumen. Dennoch kann Lernen mühsam sein. Der eigentliche Lernprozess, der Moment, an dem das Lernen stattfindet, kann anstrengend und mit Gefühlen der Unsicherheit belastet sein. Dies kann schnell in negative Gefühle umschlagen, wenn die Aufnahmefähigkeit überschritten wird. (…)
In ähnlicher Weise unterschätzen wir den Zeit- und Übungsumfang, der erforderlich ist, um eine neue Fertigkeit zu entwickeln. Wir unterschätzen, wie viel Disziplin und Entschlossenheit zur Entwicklung von fachlicher Kompetenz benötigt werden. (…)


siehe auch:
„Visible Learning for Teachers – Maximizing impact on learning” –
Zusammenfassung der praxisorientierten Konsequenzen aus der Forschungsbilanz von John Hattie „Visible Learning”
Dieter Höfer & Ulrich Steffens, 26. 092012, Institut für Qualitätsentwicklung, Wiesbaden

(…) Erfolgreiches Lernen erfordert nach Hattie vor allem zwei Fähigkeiten: 1) bewusste Lernpraxis und 2) Konzentration. Er macht nachdrücklich darauf aufmerksam, dass Lernen nicht ununterbrochen Spaß machen kann. Vielmehr ergeben sich für jeden Lerner auch längere Phasen einer notwendigen, aber eben nicht immer angenehmen harten Arbeit, bis es gelingt, eine bestimmte Fähigkeit mit hinreichender Geschwindigkeit, Sicherheit und Effektivität auszuführen. Erfolgreiches Lernen in diesem Sinne erfordert Selbstbeobachtung, Selbstbeurteilung und entsprechende sachgerechte Reaktionen.

Hattie verweist in diesem Zusammenhang auf die häufig unterschätzte Bedeutung von Konzentration („concentration“) und Beharrlichkeit („persistence“). Gerade für Anfänger ist es von entscheidender Bedeutung, dass es während des aktiven Lernprozesses wenig Ablenkung von den Inhalten und den Erschließungsmethoden gibt. Dies sicherzustellen, ist daher eine der fortlaufenden Aufgaben der unterrichtenden Lehrkräfte. (…)

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Zum Welttag des Lehrers

Hilferuf aus dem Lehrerzimmer

Die Pädagogen im Lande mühen sich redlich, die Schulpolitik hingegen folgt heiklen Illusionen – Drei Beispiele aus Nordrhein-Westfalen
Michael Felten, 30.09. 2015

Zum „Welttag des Lehrers“ am 5. Oktober dürfen die Pädagogen hierzulande auch in diesem Jahr keine größeren Ehrungen erwarten. Zu sehr sind Schulministerien und Kultuspolitik damit beschäftigt, der problematischen Leistungsbilanz unserer Schulen durch Reformaktionismus und Begriffsakrobatik zumindest scheinbar beizukommen.
Ein Kollege sagte kürzlich: „Die Politik blockiert Stück für Stück die Instrumente, die wir für unsere Arbeit brauchen.“ Dazu drei Beispiele aus Nordrhein-Westfalen.

HAUSAUFGABEN
Sicher, das nachmittägliche Üben war immer schon lästig. Aber dass Schüler an Ganztagsgymnasien neuerdings gar keine Hausaufgaben mehr machen dürfen, macht denn doch sprachlos. (…)
Immer wieder wird geunkt, Hausaufgaben brächten nichts. Dabei attestiert die Hattie-Studie,
die weltgrößte Datenbasis zur Effektivität von Lehr- und Lernformen, dem häuslichen Nachbereiten des Unterrichts in der Sekundarstufe höchste Wirksamkeit (…)

SELBSTORGANISIERT LERNEN
Es hört sich erst mal zeitgemäß an: Eigenverantwortlichkeit scheint allemal motivierender zu sein, als immer nach der Pfeife des Lehrers zu tanzen, und im Leben muss man doch auch allein zurechtkommen. De facto ist dies Etikettenschwindel: Viele Schüler arbeiten nur vorgefertigte Arbeitsblattstapel ab, oft oberflächlich und in Konkurrenz. Besonders brisant: Leistungsschwächeren fällt selbstbestimmtes Lernen am schwersten – sie werden durch die neuen Lernformen quasi zusätzlich benachteiligt. (…)
Kognitionspsychologen wie Elsbeth Stern sehen den Lehrer keineswegs im Abseits. Praktisch nutzbares Wissen wie automatisierte Handlungen entwickeln sich vor allem durch Wiederholung, Steuerung, Erfolg und Fehlerkorrektur. Ohne Lehrer ist das schwer denkbar.

INKLUSION
Auch das klingt verführerisch: Alle Schüler sollen gemeinsam lernen, unabhängig vom Lernvermögen oder etwaigen Einschränkungen. Aber: In vielen Inklusionsklassen geht es arg hoch her. (…)

Zum Welttag des Lehrers daher ein Hilferuf aus dem Lehrerzimmer. (…)

zum Artikel:  Kölner Stadt-Anzeiger, Gastbeitrag, 30.09. 2015, Michael Felten, Hilferuf aus dem Lehrerzimmer (online nicht verfügbar)

Michael Felten, geb. 1951, Gymnasiallehrer in Köln.
Er arbeitet auch als Schulentwicklungsberater, Publizist und Buchautor.
www.eltern-lehrer-fragen.de