Neue Osnabrücker Zeitung – NOZ, von Rena Lehmann, 25.06.2026
Die Mutter und Lehrerin Jeannette Deckers spricht im Interview von Kindeswohlgefährdung durch Soziale Medien. Die Tech-Unternehmen würden über die deutsche Debatte nur lachen.
Frau Deckers, die Kommission legt sich nicht auf eine klare Altersgrenze für Social Media fest, sondern stellt Alternativen zur Auswahl. Hätten Sie sich von den Experten mehr Klarheit erhofft?
Definitiv. Die Vorschläge der Expertenkommission sind maximal komplex – wir reden von 56 Handlungsempfehlungen – bei minimalem Schutz. Wenn überhaupt eine Altersgrenze genannt wird, liegt diese bei 13 Jahren. Das ist ein schlechter Witz. Diese Altersgrenze haben wir durch die Datenschutzgrundverordnung längst, und dass sie überhaupt nicht wirksam ist, wissen wir seit Jahren. Mit 13 Jahren sind Kinder viel zu jung für den Start in diese Social-Media-Welt. Der zweite Vorschlag, ein risikobasiertes Stufenmodell ohne feste Grenze, ist völlig unpraktikabel. Die meisten dieser Vorschläge werden schon an der Finanzierbarkeit scheitern. Die tolerierte Kindeswohlgefährdung nimmt damit weiter ihren Lauf.
Die Bundesministerin hat sich immerhin zu einer Altersgrenze bekannt und sieht weiteren gesetzlichen Regelungsbedarf, eventuell über eine europäische Einigung im Rahmen des Digital Services Act. Ist das nicht eine Chance?
Das klingt in der Theorie schön, ist aber völlig naiv. Inhaltliche Regulierungen, um Kindersicherheit zu gewährleisten, stoßen in Demokratien schnell an Grenzen. Jegliche Kommunikation und jeglicher Inhalt müsste in Echtzeit überwacht und gegebenenfalls zensiert werden. Und außerdem: Warum sollten Menschen wie Elon Musk oder Mark Zuckerberg, die in den USA von ganzen Schulbezirken und Einzelpersonen verklagt werden, plötzlich einlenken, nur weil eine deutsche Ministerin gesetzlichen Regelungsbedarf sieht? Die Tech-Unternehmen haben heute genau das erreicht, was sie wollten: keine höhere Altersgrenze, aber die Empfehlung, die EUDI-Wallet zum Einsatz zu bringen, die ihnen noch mehr Daten liefern würde. Musk und Zuckerberg haben jeden Grund, heute die Korken knallen zu lassen. Sie lachen doch über unsere deutschen Diskussionen über Teilhabe und Medienkompetenz.
Was hätten Sie sich stattdessen konkret vorgestellt?
Eine klare, strikte Altersgrenze für soziale Medien, KI-Companions, Online-Games und Messenger frühestens ab 16 Jahren. Wir brauchen dafür hardwarebasierte Lösungen, die unabhängig von persönlichen Daten funktionieren. Erst wenn Kinder geschützt sind, können wir über Medienkompetenz sprechen. Wenn sich die Plattformen in einigen Jahren nachweislich kindersicher regulieren lassen, kann man das Alter immer noch absenken. Aber im Moment ist diese Welt absolut nicht kindersicher.
Insgesamt wollen die Experten Kinder und Jugendliche für die digitale Welt rüsten, etwa mit einem „KI-Seepferdchen“ in der Grundschule. Sie sind selbst Lehrerin. Kann das gelingen?
Nein, das ist verantwortungslos und naiv. In Norwegen verbietet man ab August KI-Tools an Grundschulen komplett, während wir über ein „KI-Seepferdchen“ philosophieren. Die Annahme, man könne Kindern eine „digitale Mündigkeit“ vermitteln, um sie gegen hochgradig süchtig machende Algorithmen und andere Gefahren wie beispielsweise Grooming zu immunisieren, ist eine fatale Fehlannahme. Befähigung funktioniert hier entwicklungsbedingt nicht. Es ist eine bequeme Ausrede für die Politik: Man verweist auf die Eltern und die Schulen, schiebt die Verantwortung ab und muss selbst nichts mehr tun und sich erst recht keine Fehler, die in den letzten Jahren gemacht wurden, eingestehen.
Es ist auch ein Handyverbot in der Schule bis zur siebten Klasse vorgesehen. Würde das helfen, den sozialen Druck von Kindern und Eltern zu nehmen?
Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein und führt am eigentlichen Problem vorbei. An Schulen werden jetzt teure Smartphone-Schränke angeschafft, aber die Kinder geben dort oft nur ihr Zweithandy ab. Die Tech-Konzerne haben sogar gezielte Programme, um das „Unter-dem-Tisch-Scrollen“ in Schulen zu fördern, wie erst gerade in der New York Times zu lesen war.

Etwa jeder Vierte gibt an, Druck zu verspüren, während des Unterrichts auf Nachrichten zu antworten. Ähnlich viele geben an, sich durch Mitschülerinnen und Mitschüler, die digitale Geräte nutzen, abgelenkt zu fühlen.
Bild: Deutsches Schulportal
Zudem sitzen viele Kinder dann mit regelrechten Entzugserscheinungen im Unterricht und warten nur auf den Moment, wieder an das Gerät zu kommen. Wir müssen das Problem an der Wurzel packen, damit Kinder in der Schule überhaupt wieder gedanklich anwesend sein können.
Welche Beobachtungen aus Ihrem Alltag als Mutter und Lehrerin bringen Sie zu Ihren Überzeugungen?
Wenn Kinder täglich im Schnitt sieben Stunden auf TikTok verbringen, verändert das ihr Gehirn. Sie erwarten diese permanenten Dopaminschübe auch im Unterricht. Kein Lehrer kann mit der Geschwindigkeit eines TikTok-Videos mithalten. Die Folge ist, dass Kinder sich nicht mehr konzentrieren können und das Interesse verlieren, auch nur einen zweiseitigen Text oder gar ein Buch zu lesen. Das normale Aufwachsen und die eigene Kreativität werden dadurch völlig unattraktiv gemacht. Als ich die Experten bei der Vorstellung der Ergebnisse reden hörte, entstand fast der Eindruck, Eltern wie ich, die ihren Kindern kein Smartphone geben, seien die Bösen, die ihren Kindern die „Teilhabe“ verwehren. Meine eigenen Kinder, neun und elf Jahre alt, haben kein Social Media und kein Handy. Sie nehmen wunderbar am Leben teil, haben viele Freunde und brauchen keine KI-Companions, um sich abzunabeln.
Was wird nun aus Ihrer Petition für ein Verbot ab 16 Jahren? Geben Sie angesichts der Kommissionsempfehlungen auf?
Aufgeben kommt nicht infrage. Die Hoffnung stirbt zuletzt, und das heute war erst die Expertenkommission, noch nicht das finale Statement der Bundesregierung. Deutschland tut sich keinen Gefallen damit, die Jugend im Stich zu lassen. Das Spannende ist: Die Bevölkerung sieht das genauso. Laut dem ifo-Bildungsbarometer vom September 2025 befürworten über 85 Prozent der Deutschen ein Mindestalter von 16 Jahren für Social Media – selbst unter den 16- bis 17-Jährigen sind es 55 Prozent.
Frage: Sind die Deutschen für ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren?

Die Mehrheit der Eltern will diesen digitalen Druck für ihre Kinder nicht mehr, sie werden aber von der Politik allein gelassen. Auf meiner Petitionsplattform gehen seit heute so viele Unterschriften ein wie lange nicht mehr. Die Hilferufe von Eltern, Lehrern und Ärzten werden lauter, und wir werden nicht aufhören, sie unüberhörbar zu machen.
Texteingaben in kursiver Schrift und Bilder durch Schulforum-Berlin
Siehe auch:
