Monatsarchiv: September 2026

Niedergang einer Bildungsnation

Die PISA-Studie 2025 zeigt ein Schulsystem im Niedergang. Um den Abwärtstrend zu stoppen, braucht es eine Kraftanstrengung, die ideologische Blockaden auflöst und der pädagogischen Evidenz zum Durchbruch verhilft.

Rainer Werner, ehemaliger Berliner Gymnasiallehrer. Beitrag veröffentlicht am 13. September 2026 bei CICERO-online

Am 8. September 2026 wurden die Ergebnisse der PISA-Studie 2025 vorgestellt. Die Leistungen deutscher Schüler (getestet wurden 6.700 15-Jährige) lösten in der Politik und in den Medien Fassungslosigkeit aus. Sie waren so schlecht wie noch nie, seit 1999 die erste PISA-Studie gestartet wurde. Rund ein Drittel der Jugendlichen erreicht beim Lesen und in der Mathematik nicht einmal die grundlegende Kompetenzstufe zwei. In den Naturwissenschaften liegt der Anteil an Schülern mit ausreichenden Grundkenntnissen etwas höher. Nur ein relativ kleiner Anteil gehört in allen drei Disziplinen zur Leistungsspitze. Sieger sind die vier asiatischen Länder Singapur, China, Japan und Südkorea. Als erstes europäisches Land folgt auf Platz fünf Estland. Um den Abstand deutscher Schüler zu den Schülern von Singapur zu verdeutlichen, seien hier die Punktzahlen in den drei getesteten Fächern genannt: Schüler aus Singapur erreichen in Mathematik 563 Punkte, deutsche Schüler 464. Im Lesen ist das Verhältnis 535 zu 465 Punkten und in den Naturwissenschaften 560 zu 486 Punkten. Bildungsforscher haben errechnet, dass zwischen den Leistungen der beiden Schülerpopulationen zwei Schuljahre liegen.

Schüler versagen selbst bei leichten Aufgaben

Um zu veranschaulichen, wie schlecht die Leistungen deutscher Schüler sind,  hier zwei Beispiele aus den Fächern Deutsch und Mathematik.

Kompetenzstufe zwei beim Lesen gilt bei PISA als eine grundlegende Mindestkompetenz. Wer darunter liegt, hat Schwierigkeiten, Texte selbstständig zu verstehen und Informationen sinnvoll zu nutzen. Die Schüler erhielten folgenden Text:

Der Stadtpark
„Im vergangenen Jahr wurde der Stadtpark umgebaut. Neue Bäume wurden gepflanzt und ein kleiner Spielplatz eingerichtet. Außerdem gibt es jetzt mehrere Bänke und einen Trinkbrunnen. Die Stadtverwaltung möchte damit erreichen, dass mehr Menschen ihre Freizeit im Park verbringen. Besonders Familien sollen sich dort wohlfühlen. Die Kosten für den Umbau betrugen 80.000 Euro.“

Fragen:

  1. Was wurde im Stadtpark neu eingerichtet?
  2. Warum wurde der Stadtpark umgebaut?
  3. Für wen soll der Stadtpark besonders attraktiv sein?

Wie man sieht, ist der Text von größter Einfachheit. Wer die Fragen nicht beantworten kann, gibt zu erkennen, dass er den Sinn des Textes nicht verstanden hat.

Kompetenzstufe zwei in Mathematik bedeutet, dass grundlegende mathematische Fähigkeiten vorhanden sind. Die Person kann einfache mathematische Probleme aus dem Alltag lösen.

In Mathematik erhielten die Schüler folgende Aufgabe:
„Ein T-Shirt kostet 40 €. Es wird um 25 % reduziert. Wie viel kostet das T-Shirt nach der Reduzierung?“

Wenn ein Drittel der Schüler an diesen Texten und Rechenaufgaben scheitert, werden sie, da sie nur noch ein Schuljahr bis zum Mittleren Schulabschluss zu absolvieren haben, den Abschluss nur mit größter Mühe schaffen. Im Schuljahr 2024/2025 haben in Deutschland 62.000 Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen. Das sind acht Prozent des damaligen Jahrgangs. 2010 lag die Quote noch bei 6,1 Prozent, 2023 schon bei 7,1 Prozent. Der Niedergang der Leistungen bei PISA spiegelt sich also in der Vergrößerung der Zahl der Schüler wider, die die Schule ohne Abschluss verlassen. Wenn man weiß, dass die Anforderungen in der beruflichen Ausbildung weit über die einfachen PISA-Aufgaben der Stufe zwei hinausgehen, wird auch klar, weshalb viele Schüler keinen Berufsabschluss schaffen. 2023 gab es in Deutschland rund 626.000 junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren, die weder in Schule noch in Ausbildung oder Studium beschäftigt waren. Das entspricht ungefähr 7,5 Prozent dieser Altersgruppe. Für diese Personengruppe wurde der Anglizismus „Not in Education, Employment or Training“ (NEET) geprägt. Diese Menschen werden zwischen ungelernten Beschäftigungsverhältnissen und dem Bezug der Grundsicherung hin- und herwandern.

Leistungsprinzip unter Autoritätsverdacht

Wäre unser Schulsystem eine private Firma mit tausenden Filialen, würde nach einem solchen Einbruch bei den Firmenerzeugnissen eine interne Revision stattfinden, die den Auftrag hätte, die Ursachen für das Desaster zu identifizieren. Der Revisor würde schnell fündig: Dem staatlichen Schulsystem ist die Leistungskultur abhandengekommen. Seit Jahrzehnten wird von der wissenschaftlichen Pädagogik und von links eingestellten Lehrkräften gegen das Leistungsprinzip polemisiert. Hier nur zwei Beispiele:

„Noten schüren Vergleich und Konkurrenz, Noten führen zu Ängsten, Noten führen zur Bestnotensucht.“ (Margret Rasfeld)

 „Das Leistungsprinzip und ein elitäres Verständnis der Gesellschaft [widersprechen dem] Gedanken von Chancengerechtigkeit und Solidargemeinschaft.“ (Remo H. Largo)

Die antiautoritäre Studentenbewegung von 1968 zeitigt ihre Spätfolgen. Im „langen Marsch durch die Institutionen“ (Rudi Dutschke) waren zahlreiche Linke in die Schulen gelangt, die im Leistungsprinzip nicht etwa eine faire Messung von Leistung, sondern eine Erziehungsmaxime sahen, die die Schüler durch Konkurrenz, Bewertung und Leistungsdruck zu gehorsamen und angepassten Mitgliedern der bestehenden Gesellschaft abrichtet. Das Schmähwort von der „schwarzen Pädagogik“ kam in Umlauf.  Die für erfolgreiches Lernen unverzichtbare Disziplin und Konzentration gerieten in den Verdacht, der Erziehung zu Gehorsam und Unterordnung Vorschub zu leisten. In den 1980er Jahren sagte der frühere SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine, mit Sekundärtugenden wie Fleiß, Disziplin, Ordnung, Pünktlichkeit und Gehorsam könne man auch ein Konzentrationslager betreiben.

Leistungsbereitschaft als Bestandteil asiatischer Kultur

Schaut man auf die vier asiatischen Länder, die 2025 den PISA-Vergleich gewonnen haben, erkennt man, dass in ihrem Schulsystem der Leistungsgedanke noch intakt ist. Er sorgt für eine hohe Motivation, für Disziplin und Leistungsbereitschaft. Auffällig ist, dass das Leistungsprinzip in der Schule Teil der Landeskultur ist. Zu dieser Kultur gehört ein hoher Stellenwert von Bildung und geistiger Vervollkommnung bei jedem Menschen. In Ländern wie China, Korea, Japan und Vietnam hat der Konfuzianismus die Vorstellung geprägt, dass Lernen, Disziplin, Fleiß und persönliche Weiterentwicklung wichtige Tugenden seien. Die Kinder verstehen gute schulische Leistungen als Möglichkeit, die Opfer und die Unterstützung, die die Eltern für sie erbringen, zu würdigen. Mir erzählte eine vietnamesische Schülerin, wie ihre Eltern darauf reagierten, als sie die Aufnahme ins Gymnasium geschafft hatte. Sie räumten im Wohnzimmer den besten Platz für ihren Schreibtisch frei. Außerdem wurde sie von allen häuslichen Pflichten, wie Einkaufen, Abwaschen, Müllentsorgung, entbunden, damit sie sich voll auf die Schule konzentrieren kann. Dass eine solche Erwartungshaltung der Eltern auch einen seelischen Druck auf die Kinder ausüben kann, ist nicht völlig auszuschließen. Ich habe jedoch nie erlebt, dass vietnamesische Schüler deswegen in eine psychische Krise geraten wären. Sie strahlten das Glück derer aus, denen es gelungen ist, etwas Großartiges zu leisten. Mit dem Leistungsprinzip hat man bei vietnamesischen Schülern keinerlei Probleme.

Leistungsprinzip bei Eltern unerwünscht

In Berlin war das Gymnasium seit der Jahrtausendwende in die Krise geraten. Schuld war, dass der damalige rot-rot-grüne Senat das verpflichtende Grundschulgutachten beim Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule abgeschafft hatte. Das führte dazu, dass immer mehr Schüler aufs Gymnasium kamen, die dem anspruchsvollen Unterricht nicht folgen konnten. Am Jahresende mussten deshalb bis zu 800 Schüler das Gymnasium wieder verlassen. Der Unterricht der 7. Klasse (in Berlin die erste Gymnasialklasse) musste differenziert werden, als befände man sich auf der Gesamtschule. 2024 führte Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) einen Numerus Clausus von 2,2 in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch für den Übergang aufs Gymnasium ein. Schüler, die diese Zahl knapp verfehlen, können an einem Probeunterricht teilnehmen, der mit einem Test endet. Wer ihn besteht, kann auf das Gymnasium wechseln. Die Regelung ist jetzt das zweite Jahr in Kraft und hat nach Auskunft von Lehrkräften bereits zu einer Leistungssteigerung im Eingangsbereich des Gymnasiums geführt. Die Landeselternvertretung protestierte heftig gegen die Eingangsbeschränkung, die dem Projekt „Gymnasium: eine Schule für alle“ ein Ende setzte. Auch Zeitungen wie der Tagesspiegel machten sich zum Fürsprecher des uneingeschränkten Elternwillens. Vom Leistungsprinzip, das es gerade in der anspruchsvollsten Schulform, dem Gymnasium, zu stärken gelte, war nirgendwo die Rede. Die Politik hat jedoch die Aufgabe, das Schulsystem so zu organisieren, dass es Studienberechtigte hervorbringt, die das Studium nicht mehr abbrechen, wie es heute zu 30 Prozent eines Jahrgangs üblich ist.

Unterrichtsstörungen mindern den Unterrichtsertrag

2018 veröffentlichte das „Fachportal Pädagogik“ eine Videostudie über Unterrichtsstörungen. Darin wurden 18 Primarschulklassen untersucht. Rund 95 Prozent der beobachteten Störungen gingen von den Schülern aus. Dabei waren die Ursachen unterschiedlichster Natur. Eine wichtige Erkenntnis lag darin, dass in weniger strukturierten Unterrichtssituationen mehr Störungen auftraten. Eine Störung kann deshalb als unbewusster Protest der Schüler gegen einen Unterricht aufgefasst werden, der ihnen keine geistige Orientierung bietet.

Im Jahr 2022 erschien in der Zeitschrift „Psychologie in Erziehung und Unterricht“ die sog. SUGUS-Studie. Darin untersuchten die Wissenschaftler, wie häufig Unterrichtsstörungen auftreten und welche Bedingungen damit zusammenhängen. Befragt wurden 85 Klassenlehrer und 1.412 Schüler der 5. Jahrgangsstufe aus zehn Kantonen der Deutschschweiz.  Wichtigstes Ergebnis war, dass ein guter und qualitativ hochwertiger Unterricht Störungen vorbeugen kann. Unterrichtsqualität und pädagogisch-didaktische Bedingungen stehen demnach mit dem Auftreten von Störungen und dem subjektiven Störungsempfinden der Lehrkräfte in Zusammenhang. Dieses Ergebnis bestätigt meine Auffassung, dass Unterricht ein geistiger Prozess ist, bei dem es die Aufgabe der Lehrkraft ist, die Schüler durch die spannende Welt des Wissens zu führen. Der frühere Direktor des Internatsgymnasiums Schloss Salem und Autor Bernhard Bueb kritisierte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk, Lehrer würden sich zu sehr auf die didaktisch richtige Aufbereitung und mediale Präsentation des Stoffes konzentrieren, statt Schüler für ein Fach und für das Lernen zu begeistern: „Darin liegen die Ursachen eines der größten Übel landläufigen Unterrichts, nämlich Langeweile.“

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Bildungsforscher Klaus Zierer: „Ich wäre dafür, Pisa einzustellen“ – Der Nutzen für die Verbesserung des Bildungssystems geht gegen null.

Der Bildungsforscher Klaus Zierer hält den Umgang mit dem Test für verfehlt. Ein Gespräch über Leistung, Smartphones und das Schweigen der politischen Spitze.

Am Dienstag, 08.09.2026, sind die neuen Pisa-Ergebnisse von 2025 vorgestellt worden. Sie zeigen wieder nach unten, und wieder wird über Herkunft und Migration gestritten. Der Bildungsforscher Klaus Zierer hält beides für eine Nebeldebatte.


Die Kompetenzen der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler in Deutschland liegen in Pisa 2025 so niedrig wie nie zuvor seit Beginn der Pisa-Studien und erreichen einen historischen Tiefstand.

Die Grafik zeigt die Entwicklung der Kompetenzen in den Naturwissenschaften, im Lesen und in der Mathematik seit Beginn der Pisa-Studien.
Grafik aus: https://www.zib.education/fileadmin/Dokumente/PISA/PISA_Kompakt/2026_09_PISA_kompakt_sonderausgabe.pdf


Interview: Susanne Lenz, Berliner Zeitung, 10.09.2026

Herr Zierer, Sie forschen seit Jahren zu Bildungsfragen. Waren Sie überrascht, als am Dienstag die Pisa-Ergebnisse vorgestellt wurden?

Überrascht nicht. Aber wenn man den Niedergang bestätigt bekommt, ist das erschreckend. Fassungslosigkeit kommt dazu.

Die Aufregung ist groß. Aber auffällig finde ich, dass sich aus der politischen Spitze fast niemand äußert. Nur Bundesbildungsministerin Karin Prien sprach von einem besorgniserregenden Ergebnis und dass Deutschland sein Aufstiegsversprechen nicht mehr halten könne.

Total verrückt. Ich habe mir am Dienstagabend lange die Stellungnahmen angesehen. Es wird viel geschrieben, viel eingeordnet. Aber bei so einer Sache müsste sich doch irgendwann die politische Spitze positionieren und sagen: So kann es nicht weitergehen. Deutschland versteht sich als Bildungsnation. Wir aber sehen zu, wie die Ergebnisse Jahr für Jahr sinken, und es scheint niemanden richtig zu interessieren.

Das Zweite: Diejenigen, die die Ergebnisse vorgestellt haben, starten aus meiner Sicht Nebeldebatten. Da heißt es, Migration sei vielleicht doch nicht das Problem, oder der Einfluss des Elternhauses sei in Deutschland eben besonders groß. Anstatt klar zu sagen, dass wir ein Problem haben und es jetzt in den Griff bekommen müssen, wird entweder gar nicht diskutiert oder an den falschen Stellen.

Bemängelt wird von allen Seiten, dass es in Deutschland besonders ungerecht zugeht – dass soziale Herkunft und Migrationshintergrund sich stärker auswirken als anderswo. Die frühere Bildungsministerin Edelgard Bulmahn sagt, es würden Begabungen verschenkt. Hat Deutschland das ungerechteste Schulsystem der Welt?

Nein. Deutschland ist in dieser Frage gleich geblieben. Der OECD-Durchschnitt aber ist durch neue Länder deutlich gesunken: Ruanda, Kenia, Tadschikistan und Armenien sind dazugekommen. In diesen Ländern, die zu den schwächsten Bildungssystemen weltweit zählen, hat auch das Elternhaus so gut wie keinen Einfluss auf Bildungserfolg.

Deshalb sieht es so aus, als wäre der Einfluss in Deutschland stärker geworden. Aber es ist ein statistischer Effekt, kein deutscher Absturz. Wenn wir uns in den Jahren zuvor dem Durchschnitt angenähert haben, dann übrigens durch Leistungsabsenkung – die Gruppen sind auf Kosten der Stärkeren zusammengerückt.

Beim Migrationshintergrund werden Kanada und die Schweiz als Positivbeispiele genannt. Dort ist der Anteil ähnlich hoch oder höher, ohne dass sich das so auf die Leistungen auswirkt.

Man muss sich anschauen, welche Migrationspolitik diese Länder betreiben. Migration ist nicht gleich Migration. Es gibt Herkunftsländer, bei denen sich der Migrationshintergrund im Bildungssystem sogar positiv auswirkt. Und es gibt andere, bei denen eine Leistungsreduzierung die Folge ist. Die Zusammensetzung in Kanada ist eine völlig andere als bei uns, in der Schweiz auch.

So wichtig Migration für Deutschland ist, in den vergangenen zehn Jahren hat man das Bildungssystem damit aber massiv überfordert. Weder hat man die Akteure im System ausreichend vorbereitet noch hat man die Migration vernünftig gesteuert. Schon allein deshalb befindet sich das Bildungssystem im Dauerkrisenmodus. Hier muss unbedingt entlastet werden und auf keinen Fall darf man weiter konfrontieren.

Warum reagiert die Politik so verhalten? Liegt es daran, dass Bildungsreformen Jahre brauchen und die Lorbeeren möglicherweise andere ernten?

Ich sage es direkt: Weil sie es nicht versteht. Kürzlich saß ich im Bonner Bundesinstitut für Berufsbildung mit Bundesministerin Karin Prien gemeinsam auf dem Podium. Ich habe die Daten der vergangenen zehn Jahre vorgelegt: zum Bildungsstand, aber auch zur körperlichen Verfassung von Kindern und Jugendlichen, zu ihrer sozialen Verfassung. Ich habe gezeigt, wie stark sich das auf die Wirtschaft auswirkt, auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt, auf die Gesundheitskosten. Bildung ist überall der Dreh- und Angelpunkt, für eine Demokratie erst recht. Ich habe von einem Bildungsnotstand gesprochen. Und dann sagt Karin Prien auf dem Podium, einen Bildungsnotstand sehe sie so nicht.


Immer mehr Jugendliche erreichen keine ausreichenden Basiskompetenzen

Der Anteil der Jugendlichen in Deutschland ohne ausreichende Basiskompetenzen ist über die Zeit deutlich gestiegen. Im Jahr 2025 verfügt etwa ein Viertel (Naturwissenschaften) bis ein Drittel (Lesen und Mathematik) nicht ausreichende Basiskompetenzen.
Grafik aus: https://www.zib.education/fileadmin/Dokumente/PISA/PISA_Kompakt/2026_09_PISA_kompakt_sonderausgabe.pdf


Und dann?

Da falle ich vom Stuhl. Welche Zahlen braucht man denn noch? Wenn das Aufstiegsversprechen ihr größtes Problem ist, dann ist der Ernst der Lage nicht verstanden.

Die Gesellschaft steht am Scheideweg. Wenn wir das Bildungsproblem nicht lösen, funktioniert über kurz oder lang nichts mehr. Wenn wir noch eine Generation verlieren, sieht es düster aus.

Der Drogenbeauftragte Hendrik Streeck hat eine Einschränkung der sozialen Medien gefordert. Gehört das zum Problem?

Die Digitalisierung ist eines der größten Probleme, die wir haben. Pisa bestätigt, dass wir es mit einer globalen Bildungskrise zu tun haben. Wenn man alle Daten zusammennimmt, hat Pisa seit Beginn der Erhebungen im Schnitt rund 40 Punkte verloren. Die Kurve geht weltweit nach unten.

Und was ist die größte Veränderung in der Lebenswelt? Die Digitalisierung. Auch in Schwellen- und Entwicklungsländern liegt die Smartphone-Verbreitung inzwischen bei 60 bis 80 Prozent. Jedes Kind wächst mit diesen Geräten auf.

Soziale Medien sind ein zentraler Knackpunkt, weil ihr Design süchtig macht und Kinder immer länger an den Geräten hält. Sie lesen nicht mehr, sie sprechen nicht mehr, sie hören auf zu denken. Es gibt Untersuchungen, wonach die heutige Generation im Vergleich zur vorherigen ein Drittel des Wortschatzes verloren hat. Dazu kommen Computerspiele. Onlinespielsucht ist mittlerweile als Krankheit anerkannt.

Und Künstliche Intelligenz?

Da wird behauptet, KI sei der Turbo für den Bildungserfolg. Es gibt eine große Studie aus China, in der Siebt- bis Zwölftklässler über 30 Monate untersucht wurden. Eine Gruppe bekam einen Chatbot für die Hausaufgaben, die andere nicht. Ergebnis: Die Gruppe mit Chatbot war schneller fertig und hatte richtigere Hausaufgaben – schnitt in den Tests aber um 20 Prozent schlechter ab. Wer heute behauptet, das alles täte den Kindern gut, verkennt die Empirie. Was Hendrik Streeck fordert, fordern manche seit fünf, sechs Jahren. Und wir tun es nicht.

Es gibt Länder an der Spitze von Pisa, in denen Kinder kaum weniger am Smartphone hängen. Japan, Singapur, Südkorea. In Europa Estland. Was läuft dort anders?

Zwei Dinge. Erstens wird die Technik nach pädagogischen Kriterien eingesetzt. Die estnische Ministerin hat auf die Frage, wie die Kinder an Tablets kommen, geantwortet, sie wären verrückt, den Kindern Tablets dauernd zu geben. Die kommen nur in den Unterricht, wenn sie gebraucht werden. Das gilt fürs Tablet, für die KI und fürs Smartphone. Wenn mir jemand sagt, der Schüler brauche sein privates Gerät für guten Unterricht, kann ich nur lachen. Er soll im Unterricht aufpassen.

Zweitens wird dort ein Leistungsanspruch gelebt. Damit meine ich nicht ständige Noten, sondern, dass von Kindern Übung erwartet wird. In Singapur oder Japan gibt es diese klassischen Übungsstunden noch, in denen Kinder eine Stunde lang eigenständig Aufgaben bearbeiten. Und es sind viele Aufgaben. Nicht wie bei uns ein Arbeitsblatt mit 15 Aufgaben und einem Bild zum Ausmalen, sondern 50 Aufgaben auf einer Seite.

Warum gibt es das in Deutschland nicht mehr?

Leistung schmerzt. Sie ist anstrengend, bringt Menschen an ihre Grenzen, erzeugt unangenehme Gefühle. Und wir haben im Bildungssystem – wie gesamtgesellschaftlich – eher eine Wohlfühlhaltung entwickelt.

Das schriftliche Dividieren in der Grundschule wurde zum Beispiel herausgenommen, weil es für manche Kinder schwierig sein kann. Natürlich kann es das sein. Aber es ist auch ein Entscheidungskriterium dafür, wer welchen Weg einschlägt.

Und das setzt sich fort bis zum Abitur?

Wir feiern uns mit den besten Abiturschnitten aller Zeiten und erklären, wie großartig alles läuft. Angesichts der Bildungstrends ist das nicht haltbar.

Gefordert wird ein verpflichtendes letztes Kitajahr, wie es Berlin schon hat. Dagegen steht die Sorge vor einer Verschulung der Kitas. Was halten Sie davon?

Definitive Zustimmung. Aber bei den Schuleingangsuntersuchungen in Berlin sprechen 40 Prozent der Kinder nicht so gut Deutsch, dass sie schulfähig sind. Offensichtlich funktioniert es also nicht.

Wir müssen erkennen, dass Bildungseinrichtungen nicht die Reparaturanstalt der Gesellschaft sind. Bildung beginnt im Elternhaus.

Das Elternhaus ist ein privater Raum. Da lässt sich schwer Einfluss nehmen.

In der jetzigen Situation, ja. Aber man muss Migration anders denken. Künftig sollte man aber überlegen, wie wir sie so gestalten, dass unsere Systeme – Gesundheit, Soziales, Familie, Bildung – nicht dauerhaft überfordert werden. Nehmen Sie die Gräfenau-Grundschule in Ludwigshafen, an der über 30 Prozent der Erstklässler die erste Klasse nicht schaffen. Das kann kein System leisten. Wir brauchen gesteuerte Zuwanderung. Und für die Menschen, die hier sind: Ein verpflichtendes Kitajahr ist wichtig. Genauso wichtig ist es, Eltern mit Migrationshintergrund nicht nur die Möglichkeit zu Sprach- und Integrationskursen zu geben, sondern sie dazu zu verpflichten. Es hilft nichts, wenn die Schule den Kindern Sprache beibringt und zu Hause kein Deutsch gesprochen wird.

Was halten Sie vom Startchancenprogramm?

Es ist schon gescheitert. Milliarden ausgegeben, aber falsch. Erster Fehler: Bürokratie ohne Ende, die allein ein Jahr braucht, bis überhaupt etwas anläuft. Zweiter Fehler: Wir sollten Einzelschulen nicht mehr Geld geben, weil das verpufft – da wird etwas angeschafft, ein Vortrag gebucht und dergleichen.

Was sie bräuchten, sind evaluierte Programme zur Sprachförderung und zur interkulturellen Erziehung. Je schneller diese Kinder Deutsch lernen, desto größer ist ihre Chancen, hier einen Platz zu finden.

Glauben Sie, dass der Schock diesmal wirkt?

Nein. In zwei, drei Tagen ist es durch. Ab nächstem Wochenende spricht niemand mehr über Pisa.

Wie fühlt man sich als Bildungsforscher in solchen Zeiten?

Frustriert. Und das schon lange. Ich habe gestern mit Kollegen gemailt, die sagen, sie wollen sich zu Pisa gar nicht mehr äußern, weil es nichts ändert.

Pisa selbst ist aus wissenschaftlicher Sicht inzwischen eine eigene Marke und Maschinerie geworden, mit der man Karriere macht – aber nicht zwingend mit dem Ziel, das System zu verbessern. Ich wäre dafür, Pisa, so wie es läuft, einzustellen. Der Nutzen für die Verbesserung des Bildungssystems geht gegen null. Ich habe mich früher diplomatischer geäußert. Aber wenn man das über Jahre macht und feststellt, dass nichts passiert, wird man deutlicher. Trotzdem gebe ich nicht auf, dass man mit klarer Sprache und guten Argumenten irgendwann durchdringt.

Grafik zum Text und farbliche Hervorhebung durch Schulforum-Berlin.


Siehe auch:

PISA 2025 – Zusammenfassung
https://www.zib.education/fileadmin/Dokumente/PISA/PISA_Kompakt/2026_09_PISA_kompakt_sonderausgabe.pdf

PISA-Studie 2025: Die zehn wichtigsten Ergebnisse 
Deutsches Schulportal
https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/die-zehn-wichtigsten-ergebnisse-der-pisa-studie-2025

Neue Pisa-Studie: Schülerleistungen auf neuem Tiefstand
https://www1.wdr.de/politik/politik-in-nrw/pisa-ergebnisse-bildung-100.html

Deutschlands Schüler bei Pisa-Studie so schlecht wie nie – das Desaster im Detail (zum Vergleich 2023)
https://www.berliner-zeitung.de/article/pisa-studie-deutschlands-schueler-so-schlecht-wie-nie-das-desaster-im-detail-2165452

PISA 2025 Ergebnisse – Bereit für die Zukunft?
https://www.oecd.org/de/publications/pisa-2025-ergebnisse-band-i-auszugsweise-ubersetzung_1562a447-de.html

„KI stellt den Sinn von Bildung grundsätzlich in Frage“

KI verbessert die Noten vieler Schüler und Studenten – doch zu welchem Preis? Der Ethikprofessor Ziad Mahayni warnt vor dem schleichenden Verlust des eigenständigen Denkens und plädiert für ein neues Verständnis von Bildung.

FAZ, von Anne Kokenbrink, 31.07.2026

In einem Interview mit Anne Kokenbrink sagt er: […] Mir scheint, dass KI den Sinn von Bildung grundsätzlich infrage stellt: wozu sie da ist, was sie leisten soll und wie sie vermittelt werden soll.

Wofür ist Bildung dann eigentlich da?

Der Sinn von Bildung ist, die Chancen auf ein gutes, gelingendes Leben zu steigern, nicht nur einen Job zu sichern. Sie ist immer auch Charakterbildung und Selbstkultivierung, die Fähigkeit zu erlernen, selbständig und kritisch zu denken. Das ist im Kern das humboldtsche Bildungsideal, und es ist keineswegs veraltet. Genau diese Kompetenzen werden nachweislich durch starke KI-Nutzung untergraben. Zu lange ist Bildung zu einer reinen Formung von Arbeitskräften verkommen, die Verstandestätigkeit und Fachwissen fokussiert und Vernunftfähigkeit und Charakterbildung vernachlässigt hat. Darin liegt das Dilemma.

Worin liegen die Probleme in der KI-Nutzung?

Die KI-Nutzung führt, so wie sie in den meisten Fällen praktiziert wird, zum Abbau der Denkfähigkeiten. Das zeigen uns zahlreiche Studien. Wer einen Essay mit KI schreibt, nutzt dabei 50 Prozent weniger das eigene Gehirn als jemand, der ihn selbst verfasst. Das Ergebnis ist ferner viel weniger mit der Person verbunden, die es produziert hat. 83 Prozent derer, die einen Essay mit KI geschrieben haben, können Minuten danach keinen einzigen Satz mehr daraus zitieren. Sie wissen nicht, was sie abgegeben haben. Diese Gruppe empfindet folglich auch den geringsten Grad an Stolz und Befriedigung über die erbrachte Leistung. Die bedeutendste Erkenntnis aus diesen Studien ist aber eine andere: Als man die Gruppe, die durchgehend mit KI gearbeitet hatte, später bat, einen Essay ohne KI zu schreiben, stieg die Gehirnkonnektivität, vereinfacht gesagt, die Gehirnaktivität, nicht wieder auf das Ausgangsniveau. Sie blieb tief. Das ist ein starker Hinweis auf nachhaltige kognitive Schwächung. Es gibt dafür einen Begriff: Cognitive Diminishment. Man gewöhnt sich daran, nicht selbst denken zu müssen, und diese Gewohnheit scheint sich nicht einfach wieder abschütteln zu lassen.

Man lagert also das Denken an Maschinen aus?

Genau. Und das ist der entscheidende Unterschied von KI zu früheren Technologien. Ein Navigationssystem schwächt die räumliche Intelligenz, ein Smartphone das Zahlengedächtnis, der Taschenrechner das Kopfrechnen. Das sind belegbare Effekte, aber das sind Technologien mit engem Anwendungsbereich. KI hingegen ist eine Metatechnologie, deren Einsatzbereich praktisch keine Grenzen hat. KI untergräbt die Fähigkeit zum Denken per se, nicht in einem singulären Bereich, sondern in der Grundstruktur. Die Fähigkeit zum logischen, strukturierten Denken ist der Boden, auf dem sich menschliches Leben entfaltet. Man kann nicht sinnvoll dafür argumentieren, dass wir das nicht mehr brauchen. Im Gegenteil, der Umgang mit KI erfordert nicht weniger, sondern mehr selbständiges Denken. Und das zu erlernen, erfordert die Anstrengung des Selbermachens.

Lernen bedeutet neurologisch betrachtet die Verankerung von Inhalten im Langzeitgedächtnis durch stabile Synapsenverbindungen. Je höher die Lernanstrengung, desto stabiler diese Verbindungen. Mit anderen Worten: ohne Anstrengung kein Lernen.

Durch den bequemen Einsatz von KI erzielen aber viele Schüler und Studenten bessere Noten.

Das ist der Kern des Problems. In einer Studie mit tausend Oberstufenschülern führte KI-Nutzung zu deutlich besseren Noten. Die Schüler glaubten, viel gelernt zu haben. Als man sie bat, dieselben Aufgaben ohne KI zu lösen, schnitten sie 17 Prozent schlechter ab als die Vergleichsgruppe. Sie hatten also faktisch weniger verstanden. Studierende, die KI im Standardmodus verwenden, also Fragen eingeben und Antworten übernehmen, lernen nicht von der KI, sie verlassen sich auf sie. Und wenn Hochschulen diesen Kompetenzabbau auch noch mit besseren Noten honorieren, wird das Bildungssystem ad absurdum geführt. Der Intelligenzforscher Robert Sternberg spricht von mutwilliger Selbstverdummung. […]

Textauswahl durch Schulforum-Berlin. Gesamtes Interview: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/mehr-wirtschaft/ethikprofessor-warnt-kuenstliche-intelligenz-stellt-den-sinn-von-bildung-grundsaetzlich-infrage-accg-201049545.html

Siehe dazu auch: FAZ-Beitrag, 05.09.2026, S.26. KI-Grauzone Klassenzimmer, von Jannis Blüml

„Die Schüler nutzen KI als Krücke. Solange sie da war, kamen sie voran, das Laufen selbst hatten sie nicht gelernt.“ Prof. Hamsa Bastiani